Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 22.1911

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INNEN-DEKORATION

I.A. CAMPBELL. SCHLAFZIMMER IM GRAND HOTEL CONTINENTAL—MÜNCHEN MIT EINGEB. WASCHTISCH U. KLEIDERSCHRANK.

DAS KUNSTWERK IN DER WOHNUNG.

Wir werden nur dann ein Kunstzeitalter haben, wenn Frage des Geldes als des individuellen Geschmackes
wir es wieder lernen, Kunstwerke zu »besitzen«. und gefühlten Bedürfnisses. Schon damit wird nicht
Das Eine tut not, daß Menschen da sind, die mit einem wenig erreicht sein, daß man den festen Grundsatz

Kunstwerke zu leben wissen . . . Ein jedes Kunstwerk, aufstelle und durchführe, nichts Schlechtes, Geschmack-
das wirklich da sein soll, wird zweimal erzeugt. Ein- widriges, Unechtes oder Seelenloses in seine Wohnung
mal in der Seele seines Schöpfers. Und das andere hineinzulassen. Wer in wahrem Sinne damit Ernst
Mal in der Seele des echten Genießers. Und nur Den machen will, Kunst zu besitzen, der möge damit be-
kann ich einen Kunstbesitzer nennen, der ein Kunst- ginnen, unendlich vielen mitgeschleppten Kram erbar-
werk als ein verliebter Liebhaber sein eigen heißt. mungslos hinauszubefördern. Nichts ist dem künst-
Der ihm einen Teil seiner Seele schenkt und dafür des lerischen Eindruck einer Wohnung hinderlicher, als das
Kunstwerks Seele zurückempfängt. allenthalben wuchernde Unkraut dutzendmäßiger und
Zu echtem Kunstbesitz, so selten er heute ist, ver- spießig sich spreizender Überfiüssigkeiten. Was zweck-
mag ein Jeder zu gelangen. Es muß nur das tiefe voll ist, ist sinnvoll und hierdurch schön. Es wird
und ernste Verlangen da sein, der ehrfurchtsvolle nie im Wege stehen, noch das Auge beleidigen. Es
Wille, sei es das Leben des Alltags durch einen über wird vielmehr, wenn es nicht mehr als ein unentbehr-
das ganze Haus verbreiteten Hauch von Schönheit zu liches Alltagsgerät ist, durch taktvolle Unauffälligkeit
verklären, sei es, sein Innendasein durch das intime sich unterordnen und den Raum freimachen für die
Zusammenleben mit ein paar wenigen auserwählten Wirkung wirklich wertvollen und künstlerischen Besitzes.
Werken zu bereichern und zu steigern. Jedenfalls, wer Dieser darf ins Auge fallen und soll es sogar. Er hat
heute den Anspruch erheben will, als Kulturmensch zu das Recht und die Aufgabe, einem in sich geschlossenen
gelten, der muß in dieser oder jener, aber stets in einer und harmonischen Raum den edleren und stärkeren
seine eigenste Persönlichkeit kennzeich- Akzent zu verleihen. Er soll den Mittelpunkt bilden,
nenden Form der Kunst Eingang in sein auf dem unser Auge ruht, an dem unser Sinn sich ergötzt.
Haus verschaffen. Daß dies mit ganz geringen Vor allem aber sollte jeglicher Kunstbesitz so ge-
Mitteln heutzutage möglich ist, ist wohl einer der fun- wählt sein, daß ein feiner Menschenkenner, der durch
damentalsten Kulturfortschritte unserer Zeit. In der die Wohnung ginge, aus dem Schmuck der Wände und
Tat ist heute Kunstbesitz nicht mehr so sehr eine der rhythmischen Anordnung der Räume bündige und
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