Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 22.1911

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INN EN-DEKORATION

ARCHITEKTEN PFEIFER & GROSSMANN—KARLSRUHE. BUFETTKAUM IM KQNSTLERHAUS IN KARLSRUHE.

früheren Wagenremises einnimmt und durch einen ein-
gezogenen Boden auf die Höhe der übrigen Zimmer
gebracht worden ist. Die Rotunde ist von Hermann
Billing eingerichtet worden. Die Raumbildung hat hier
an sich schon eine etwas repräsentativere Note, die
durch die dekorative Behandlung der Wände, namentlich
einen über der blau und goldgestrichenen Vertäfelung
angebrachten Muschelfries aus Stuck und den von der
Großh. Manufaktur-Karlsruhe ausgeführten Ofen
noch verstärkt wird. Die gesamte übrige Ausstattung
des Parterre ist das Werk von Pfeifer & Großmann.
Besonders glücklich ist in dem Wein- und Bierzimmer
der Ton einfach-vornehmer Intimität getroffen worden.
Die vorherrschende Farbe ist weiß. Die Wände haben
weißgestrichene Vertäfelung in schlichter Füllungsarbeit.
Weiß sind auch die nach dem Muster alter Porzellan-
öfen entworfenen Heizkörper. Ein besonders starkes
Gewicht in die Wagschale werfen die reichen und
schweren Kristallüster, durch die die beiden Zimmer
bei aller Einfachheit doch etwas Festliches und Opu-
lentes erhalten. Der Büfettraum zeigt in der Stimmung
wieder eine schwerere Note. Die Wände sind tiefblau
tapeziert, mit schwarzen Bordüren und Goldleisten-, das
eingebaute Büfett mit seiner weißgestrichenen Holzarbeit
gibt dem Raum wieder etwas anheimelndes. Wie alle
Teile des Ausbaues und der Einrichtung dem Zeit-
charakter des Gebäudes Rechnung tragen, so ist die
Stimmung der Empire- und Biedermeierzeit auch durch
diskrete Mittel des Wandschmucks — Stiche, Holz-

schnitte aus dem Anfang und der Mitte des vorigen
Jahrhunderts in entsprechender Rahmung usw. — be-
tont worden. Die Ausmalung der Supraporten durch
Hellmut Eichrodt, Crezelius u. a. gab Gelegenheit,
wenn auch in bescheidenem Umfang, auch für die De-
korierung des Raums künstlerische Hände zu beschäf-
tigen. Einen ähnlichen Geist wie die Einrichtung des
Künstlerhauses, zeigen auch die Innenräume der Privat-
häuser von Pfeifer & Großmann. Überall finden wir
das Prinzip gediegener und geschmackvoller Einfach-
heit durchgeführt, wofür die geistige Verwandtschaft ihrer
Formengestaltung mit dem Empire charakteristisch ist.

karlsruhe. prof. karl widmer.

FREUDESPENDENDE SCHÖNHEIT.

"TAas Schöne ist nicht, wie viele glauben, Luxus.

Es ist kein Vorrecht weniger, sondern das gemein-
same Erbe der Menge. In jeder Menschenbrust wohnt
die Empfänglichkeit für das Schöne in der Außenwelt, nur
in ihrer Entwicklung und Bildung entstehen Gradunter-
schiede. Man hat den Sinn für das Schöne oft unter-
drückt und vernichtet, statt ihn zu nähren und zu er-
ziehen. Viel Glück ist dadurch dem Leben verloren
gegangen-, ohne die Einwirkung des Schönen wird das
Leben härter, rauher verlaufen, gröber und kälter sich
gestalten. So mächtig ist der Einfluß, den die Schönheit
und die daraus entspringende Freude hat, daß es möglich
ist, dadurch zur Befriedigung des Geistes beizutragen,
selbst in der mühsamsten Lebenslage. — liberty tadd.
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