Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 22.1911

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ÜBER WOHNUNGS-PFLEGE IN DER KLEIN-WOHNUNG.

Die Wohnung ist nicht nur das bedeutsamste und
wichtigste im Arbeitsprogramme des Architekten
und Baukünstlers, sondern das Fundierende und Festigende
im Wohlergehen eines Volkskörpers und seines Staats-
körpers wurzelt letzthin im menschenwürdigen Wohnen
des Staatsbürgers. In der Wohnung verkörpert sich
der Familienbegrift am gesundesten. Ein Staat kann
gar nichts besseres und klügeres tun, als der Familien-
gründung jede nur irgend mögliche Erleichterung und
umfassende Schutzrechte zu gewähren. In sozialer,
wirtschaftlicher wie auch politischer Wertung ist die
menschliche Wohnung der Ausgangspunkt aller Erfüllung
zivilisatorischer und kultureller Aufgaben eines Staates.
Nächstenliebe allein ist daher auch nicht die treibende
Kraft gewesen, dem kleinen Manne seit etwa zwei Jahr-
zehnten eine besondere Wohnungsfürsorge angedeihen
zu lassen. Die Seßhaftmachung, das Binden an Scholle
und Haus ist eben folgerichtig als eines der sichersten
Mittel für die volle Entwicklung einer Volkskraft er-
kannt worden. Dahinter steht das Geheimnis der Samm-
lung der Kräfte gegenüber der Zersplitterung aus den
Auswüchsen modernen Nomadentums. Gebt dem Ver-
worfensten ein Obdach, ein Asyl, eine Zuflucht, so
bessert ihr ihn; gebt ihr ihm aber Wohnung und Herd,
so bietet ihr ihm damit wieder Gelegenheit, in die
Glieder der menschlichen Gesellschaft aufs neue einge-
fügt und wieder zu einem solchen selbst werden zu
können. Zum Fundament menschlichen Glückes und

menschlicher Erfüllung gehört das Heim, zum Bestände
eines Staates gehört die Familie. Alle einer Familien-
gründung aus nicht gerade zwingender Notwendigkeit
abgeneigten Menschen rangieren in der Nutzwertung
für Gesellschaft und Staat weit hinter dem einen Haus-
halt gründenden kleinen Staatsbürger.

Aus allem heraus steht die Bedeutung der Wohnung
obenan. Ihre freundliche und gesunde Einrichtung ist
mindestens so wichtig wie die Schaffung von Kult- und
Festräumen. Aus der neueren Wohnungskultur heraus
ist man namentlich dazu gekommen, deren schöpferischen
Kräften die Bezeichnung Raumkünstler beizulegen.
Jeder Baukünstler ist nun aber doch zu allererst Raum-
künstler; er baut um des Raumes willen, um den Raum
im Raum, also in der Natur, zu schaffen. Er baut
von innen nach außen; er umschließt Raumausschnitte
durch Wand und Dach, sieht Fenster und Türen vor,
um die Benutzbarkeit zu ermöglichen. Der Baukünstler
baut zunächst nicht schöner Fassaden wegen, sondern
nur aus den Forderungen der Raumgestaltung heraus;
jene sind günstigsten Falles die Bestätigung einer vollen-
deten Grundriß- und Schnittlösung, aber nie Selbstzweck.

FORTSETZUNG FOLGT. otto schulze —elberfeld.

TECHNIK UND SCHÖNHEIT. Konsequenz ist noch
nicht Kunst, aber eine Vorbedingung dafür; Technik
und Statik bringen nicht Schönheit hervor, aber sie weisen
zu ihr die allein gangbaren Wege der Zeit. k. scheffler.

ENTWURF: i* ^1.. CHAUFFEUR-

ARCHITEKTEN WOHNUNG
PROF.LOSSOW U. GARAGE.

U.M.KÜHNE "^^^HM ■ HAUS M1L-

IN DRESDEN. T^ülfe.- I.IMGTON.
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