Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 22.1911

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INNEN-DEKORATION

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ARCHITEKT WILHELM BOLZ IN STUTTGART. BÜRGERLICHES SPEISEZIMMER. WEISSE TÄFELUNG.

ÜBER DIE NEUZEITIGE TEKTONIK.

VON OBER hAURAT L. ERHARD—WIEN. (SCHLUSS.)

Schon Semper hat die stilbildende Kraft der Werk- zu Grundgestalten des Materialstiles umformt, worauf
Stoffe behauptet und sich dadurch die Gegnerschaft diese »tektonischen Typen« dann der Werkkunst
namentlich jener Kreise zugezogen, die bei der hier zur freien Ausgestaltung der Kunstformen zu-
üblichen Begriffsverwirrung »Kunst« mit »Stil« ver- fließen können. Je ausdrucksvoller und formvollen-
wechseln. In den historischen und nationalen Baustilen deter sodann die Meister der Werkkunst durch ihre
haben sich zwar die Ausdrucksformen ganzer Zeitalter Schöpfungen die geistigen und materiellen Lebens-
und Völker verdichtet; jede dieser Stilarten bildet aber Strömungen unserer Zeit verkörpern werden, desto höher
an sich doch nur ein abstraktes System, eine Grammatik wird auch ihr Kunstschaffen zu werten sein ....
der technischen und künstlerischen Formensprache be- Der Materialstil ist an sich zeitlos und auch
stimmter Zeiten und Länder. Deshalb gibt es auch an keine einzelne Nation oder Rasse gebunden, seine
trotz aller gegenteiligen Behauptungen keine schönen Wurzeln ruhen vielmehr in der Technologie der
oder häßlichen Stile; erst die schöpferische Tat Steine und Erden, des Holzes, des Eisens, der Faser-
des Meisters vermag aus den einzelnen Stil- Stoffe usw. Demnach teilt sich auch der Materialstil

elementen ein lebendiges Kunstwerk zu ge- in so viele Unterarten, als es Gruppen verwandter Werk-
stalten. Die Schönheitswerte der neuzeitigen Werk- Stoffe und Verfahren gibt. Die historischen und
kunst sind gleichfalls nicht technischer Natur; der nationalen Stile sind im Gegensatz zum Materialstil
Boden aber, aus dem sie herauswachsen, ist nichts durch den schwankenden Kulturgrad der Völker und
anderes als jener Materialstil, dessen technische Be- ihre jeweilige Lebensauffassung bedingt. Wie die Stil-
standteile die vorerwähnten tektonischen Idealtypen bilden, geschichte lehrt, pendeln nun diese wandelbaren Stil-
Die Tektonik ist berufen, künftighin die große Ver- richtungen zwischen dem Materialstil und einer
mittlerrolle zwischen der Technologie und der Werkkunst freieren künstlerischen Gestaltungsweise hin und
zuspielen. Diese Aufgabe wird der neuzeitigen Tektonik wieder. Die tektonische Grundgestalt des etruskischen
das Gepräge eines Transformators verleihen, welcher Rundbogens bildete zum Beispiel das Wesenselement der
das von der technischen Seite her anströmende Gewirr altrömischen Monumentalbauten, die in ihrer schlichten
der Werkformen in sich aufnimmt, sichtet, ordnet und 1 Größe dem reinen Materialstil nahe kommen. Ein völlig

1911. XI. 3.
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