Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 22.1911

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XXII. jAHRGANG.

DARMSTADT.

JANUAR 1911.

NEUE ARBEITEN VON INO A. CAMPBELL IN MÜNCHEN.

VON FRITZ VON OSTINI.

Der englische Architekt Ino A. Campbell, der
in München wirkt, gehört zu denen, deren
Arbeiten stets durch ihr künstlerisches Gepräge
auffallen. Das versteht sich nicht von selbst. Es
gibt beträchtlich viele Architekten, denen die Bau-
kunst nichts weiter, als eine erlernbare Wissen-
schaft ist und die den Dr. ing. und Dipl. ing. summa
cum laude erringen mögen — Künstler werden sie
darum doch nicht. Man kann ein ganz anständiges
Haus, ja einen sehr respektablen Palazzo bauen
und doch nichts weiter sein, als ein ganz nüchterner
Baubeamter. Vielleicht ist es nicht ganz unnötig,
das jetzt wieder einmal zu sagen. Wie man in den
letzten Tiefstandszeiten der Architektur darauf ver-
gessen hatte, daß diese eigentlich zu den Künsten
zählt, so ist man jetzt wieder zu sehr geneigt, auch
alles, was ein Architekt mit der Autorität seiner
polytechnischen Bildung macht, für künstlerische Ar-
beit, für Offenbarung persönlicher Werte zu halten.
Und das ist falsch. — Das Künstlerische, das,
wie gesagt, auch den kleinsten Arbeiten Campbeils
ihr Gepräge gibt, ist etwas anderes, freilich etwas
mit Worten kaum faßbares, — doppelt schwer zu
fassen, wenn es sich um Werke der Architektur,
der Innendekoration handelt. Hier kann ja der

Empirismus und der klug abwägende Verstand gar
vieles schaffen, was ästhetisch befriedigt, oder
wenigstens nicht verletzt. Zu den Gefahren, die
heute den dekorativen Künsten in Deutschland
drohen, gehört sogar in erster Linie eine Vorherr-
schaft des Verstandesmäßigen, des Konstruierten
und nicht Gefühlten. Was künstlerischer Feuer-
eifer begonnen und auf eine so hohe Stufe ge-
bracht — caveant consules, daß dies nicht zur einen
Hälfte vom smarten Geschäftssinn, zur anderen vom
kalten Fachbonzentum in die Hand genommen
werde! Gerade, wenn man Arbeiten von Phantasie
und behaglicher Eigenart, von jenem treffsicheren
Geschmack sieht, der nicht blos Können und Talent,
sondern seelische Kultur voraussetzt, gerade dann
wird man inne, was jene Gefahr auf der anderen
Seite bringen, was sie wieder zerstören könnte. —
Campbell hat in München jetzt zwei interessante
Umbauten geschaffen und die betreffenden, neuen
Räume eingerichtet; es sind Räume geworden, in
denen seltsam viel wohlige Wärme und heimelige
Stimmung wohnt, die sich sehr wohl dabei mit
echter Noblesse verträgt. Campbell ist durchaus
kein Stilpuritaner, und was seine Arbeiten, von
sehr vielen anderen, gerade Münchner Leistungen

1911. 1.1.
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