Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 22.1911

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INNEN-DEKORATION

ist eine solche Verteilung der Möbel eine absolute Not-
wendigkeit. Die französische Salonkultur des 18. Jahr-
hunderts und auch die englische unserer Zeit hat diesen
Grundsätzen stets Rechnung getragen, indem sie allen
Sitzgelegenheiten größte Beweglichkeit verlieh
und z.B. Kanapees und Sofas stets so konstruierte, daß
sie als selbständige Glieder, unabhängig von den Wän-
den, mitten in den Zimmern aufgestellt werden konnten.
Hiervon könnten wir lernen, denn trotzdem wir als
moderne Nomaden auf ein Leben in gemieteten Woh-
nungen angewiesen sind, lassen wir uns immer noch
von unseren Möbelkünstlern schwere, nur an Wänden
unterzubringende Sitzmöbel erfinden, die uns bei jedein
Wohnungswechsel in Verlegenheit setzen.

Endlich wäre noch dem Spiegel als Faktor für
die Erhellung von Innenräumen ein Wort zu reden.
Der Wunsch unserer Innenraum - Künstler, möglichst
viel von weltentrückter Intimität zu geben, um dem
Menschen sein Heim im Sturme des modernen Lebens
besonders lieb zu machen — hat den Spiegel ganz aus
den modernen Wohnräumen verbannt. In Festräumen
und Empfangszimmern soll der Spiegel aber nicht fehlen.
Hier, wo sich jeder im Festtagskleide und im Schimmer
von Lichtfluten gefällt, wo jeder trachtet, sein Bestes
zu geben und ein Besserer zu sein, da ist der Spiegel
wie die lachende Wasserfläche in der Natur, die freund-
lich und zart das bunte Leben, das sie umgibt, zum
angenehmen Bilde gerahmt, wiederholt: Ein Freund der
Heiterkeit und der Anmut. — kuno graf Hardenberg.

APHORISTISCHE GEDANKENSPLITTER.

SONNENSCHEIN. Wie die Sonne die Landschaft
vergoldet, so muß die Hand des Künstlers Heiteres, Leben-
steigerndes geben. Das Vorhandensein dieses liebevoll
Ordnenden, Wärmenden und Erfreuenden entscheidet
hier über die Frage Echt oder Unecht. Für die Beurtei-
lung des der Einwirkung der Hand entzogenen Maschinen-
produktes gelten andere Gesetze, dem nüchternen Auge
enthüllt sich hier jede Vergoldung leicht als Talmi.

DER KÜNSTLER. Lassen wir uns durch die
Kritik nicht die Freude an dem frei und unbekümmert
schaffenden Künstler, auch nicht an unserer künstle-
rischen Uber-Produktion nehmen. Suchen wir sie nur
in die rechte Bahn zu leiten, nicht einzudämmen. Sonst
könnte einmal eine Zeit kommen, wo wir wie andere
Länder Künstler suchen gehen.

KAMIN UND ERKER. Wie den Engländer die feuchte
Atmosphäre und frühe Herbststimmung das Behagen und
die Poesie des offnen Kam in es lehrten, so machte die
freundlich gemäßigte Sonne den Deutschen zum Freund
des lichten Erkers. — Die Poesie des Lichtes im
Erker und Fenster ist aber noch Wenigen aufgegangen.

INNERE KULTUR. Die Zustimmung, die kürzlich
wieder französische Gewandschöpfungen fanden, be-
weist aufs neue, wie sehr künstlerische Empfindung,
Geschmack und einwandfreie Technik, -— auf der Grund-
lage tiefgehender Kenntnis vorangegangener Kultur-
perioden auch bei uns geschätzt werden. —■ lang-danou.
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