Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 22.1911

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INNEN-DEKORATION

EMPFINDEN UND KÖNNEN-NICHT WISSEN.

Keinem, den die Beobachtung der steilen Entwick-
lungskurve Deutschlands während der letzten Jahr-
zehnte und die persönliche Nutznießung technischer
Errungenschaften auch im engeren Umkreis zur Be-
wunderung der machtvollen Technik unserer Neuzeit
nötigte, blieb die Überschätzung dieser Technik im
Verhältnisse zur Kunst erspart. So gelangten wir zu
einer Verwischung der Grenzen zwischen Technik
und Kunst, zur Identifizierung der jüngeren, regsamen
mit der älteren, größeren Schwester, bis in letzter
Gegenwart ein nachdenkliches Besinnen uns zur Klar-
legung der Sachlage mahnt. Bedeutsam erscheint es,
daß eine Persönlichkeit wie Behrens, — auf beiden
Gebieten tätig und darum der Aktualität der Frage zutiefst
innegeworden, als erster den Warnruf verlauten läßt:
»Kunst und Technik sind getrennte, ungleichwertige
Faktoren, aus deren Verbindung sich erst Kultur er-
gibt«. Und wir erkennen mit Deutlichkeit die besondere
vorgezeichnete Aufgabe Deutschlands: nicht nur etwa
einen Stamm von Technikern heranzuziehen, — darin
wird das schnellere Tempo des Auslandes diesem immer
den Vorsprung sichern, — sondern ein schöpferisches

Geschlecht von Künstlern und Kunsthandwerkern,
deren Schöpfungen eine harmonische Vereinigung von
Zweckmäßigkeit mit Schönheit bieten und nicht nur
als »Qualitätsware«, sondern als ästhetische Erzeug-
nisse gewertet werden können und müssen. So gilt
es also, feinfühliger als je die Quellen solcher Kraft
aufzuspüren und schädigende Einflüsse fernzuhalten.

Strenge Erziehung, strenge Prinzipien, die Betonung
der Zucht, die Erweckung des Sinnes für das Organische
und das aus diesem abstrahierbare, heraus-schälbare
Konstruktive werden auf allen Gebieten des Schaffens,
— mit Maß angewendet, — immer segensreich sein;
dabei auftretende Herbheiten werden stets als Zeichen
ehrlichen Ringens Achtung abnötigen und es wird
in solcher Schulung eine unschätzbare Grundlage, ein
starkes Bollwerk geschaffen gegen die nivellierende
Praxis des Eebens mit seinen Kompromissen. Aber
zugleich mit dem Ausbreiten theoretischer Erkenntnisse
und Prinzipien tritt unter dem Einfluß der vorwiegend
intellektuellen, selbst nicht künstlerisch produktiven
Geistesfaktoren unserer Kultur die Neigung zu Tage,
allzusehr die Bewußtheit des Schaffens hervor-
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