Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 22.1911

Page: 202
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1911/0226
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
202

INNEN-DEKORATION

ENTWICKLUNG IM KUNSTGEWERBE.

Alle jene, die in Unklarheit über die Entwicklung
unseres Kunstgewerbes, oft von entgegengesetzten
Standpunkten aus und von mannigfaltigen Beweggründen
geleitet, sich ereifern und mit ewig wechselnden Schlag-
worten, — erst neuerdings tauchte wieder ein solches
auf, — Unfrieden stiften, können sich unmöglich blind
stellen gegenüber der Tatsache, daß unser Kunstgewerbe
gerade in den letzten Jahren Wurzeln zu schlagen und
Lebenskräfte aufzunehmen beginnt, die ein immer
reicheres Aufblühen gewährleisten. Wir wissen heute,
daß das Wesen unserer angewandten Kunst ebenso-
wenig in kraftloser Nachahmung, als darin besteht,
komplizierte psychologische Vorgänge, »originelle« Kon-
struktions- oder aus unergründeten Tiefen geschöpfte
Ornament-Ideen zu verarbeiten, und entdecken wieder,
daß sein Grundwesen eine eminente Frage nicht nur
des echten Inhalts, sondern vor allem der schönen
Form ist, als unzertrennlicher Glieder einer organisch
gewachsenen gesunden Wesenheit. Wir beginnen fein-
fühliger zu werden und wollen in der Kunst unserer
Umgebung Äußerungen einer harmonisch schaffenden,
innerlich kultivierten und beruhigten, kraftvollen Persön-
lichkeit wahrnehmen, die unser Inneres in gleichgeartete
harmonische Schwingungen zu versetzen vermag. Wir
wollen teilnehmen an dem Beglückenden und Er-

freuenden, daß ein von solch starker Hand geschaffenes
Werk ausstrahlt und beginnen diesen latenten Energie-
inhalt, der sich in der Schönheit der Erscheinung
äußert, als einzigen Maßstab für die Wertung solcher
angewandten Kunst anzulegen.

Ob sich eine solche Kunst in reich ornamentalen
oder einfachen Formen bewegt, ist völlig nebensäch-
lich, wesentlich ist die starke Zucht, die weise organi-
sierende und zugleich erhöhende und belebende Kraft
des Schaffenden. Die Grazie, mit der ein Schön-
Geschaffenes seinen Zweck erfüllt und sich seiner Um-
gebung anschmiegt, die Eleganz und Selbstverständlich-
keit, mit der Schwierigkeiten überwunden und formschöne
Gestaltungen erzeugt wurden, die den inneren Lebens-
bedürfnissen des Auftraggebers Erfüllung bieten und
behaglichen Lebensgenuß ermöglichen, erheischen unsere
Sympathie im selben Maße wie wir alles, was Schablone,
Unkultur und Häßlichkeit heißt, ablehnen.....

Die Arbeiten der schweizerischen Architekten Ritt-
meyer & Furrer-Winterthur können unter solchem
Gesichtswinkel gemessen recht wohl bestehen. In ihren
vortrefflichen Landhausbauten ist nichts Gequältes und
nichts Erklügeltes, sondern ein Geist fröhlichen und
gesunden Schaffens zu erkennen. Schweizerischer Eigen-
art folgend, die jeder Repräsentation abhold ist, ver-
loading ...