Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 42.1931

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XLU. 1AHRG

DARMSTADT

JANUAR 1931

EIN HAUS IM PRATER IN WIEN

EINE ARBEIT VON ARCHITEKT FRITZ REICHL—WIEN

Es ist nicht gleichgültig, für wen man baut.
Manche glauben, daß die künstlerische Intuition
und die Kenntnis der Zeitbedürfnisse aus der nack-
ten Gegebenheit einer gestellten Aufgabe schon
etwas Endgültiges zu schaffen vermag. Zum Teil
trifft dies auch zu: bei Miethäusern, selbst bei
Eigenheimen, die den bestimmten Käufer oder
Mieter erst noch erwarten. Arbeitet der Architekt
aber für einen bestimmten Bauherrn, so hat
e>" das persönlich Eigenartige seines Wesens und
seiner Bedürfnisse zu erkennen. Er findet hier oft
Anregungen der subtilsten Art. Ein Großkaufmann,
°der ein Sportsmann, ein Bücherwurm oder ein
Heldentenor, sie alle werden nach einer heute noch
gültigen Anschauung unterschiedliche Häuser,
Wohn- und Schlaf räume brauchen. Dies kann und
soll der Architekt zum Ausgangspunkt seiner
schöpferischen Tätigkeit nehmen. Er schafft damit
nicht nur Persönlichkeits werte; es bleibt immer
die Aufgabe, über das bloß Einmalige hinwegzu-
kommen und wieder Typisches zu schaffen. Wie
aber, wenn der Bauherr selbst ganz bestimmte
Wünsche hat und ganz bestimmte Angaben macht,
die dem Architekten unvereinbar erscheinen mit
dem Geist und dem Umfang der gegebenen Auf-

1931.1.1.

gäbe? Hier, glaube ich, kommt es lediglich auf die
Geduld und Überzeugungskraft des Architekten
an. Er darf nicht erlahmen, nicht nachlassen im
Kampf um seine Einsichten und Absichten. Manch-
mal aber schenkt dem Architekten das Glück einen
Bauherrn, der selbst, kunstbegeistert und erfahren,
zum freudigen Mitarbeiter wird. Dann muß nicht
jede Formung, jedes Material und jede Farben-
stimmung erst abgetrotzt werden; dann ist das
fertige Haus in allem das, was der Bauherr ge-
wünscht und der Architekt gekonnt hat. Das »Haus
im Prater« des Grafen H. in Wien ist unter sol-
chen günstigen Bedingungen entstanden. Ein sehr
kleiner Teil des damals noch kaiserlichen Praters
in Wien war vor einigen Jahrzehnten lediglich aus
finanziellen Gründen einer villenmäßigen Verbau-
ung freigegeben worden. An einer prächtigen Allee
entstand eine Reihe ansehnlicher Familienhäuser
meist sehr wohlhabender Leute, denen der wunder-
volle alte Baumbestand, die fast zwei Meter starke
Humusschichte des von der Donau abgesetzten
Bodens und vor allem die gesunde und kühle Lage
Anreiz zum Erwerb eines auch zum Stadtkern gut
gelegenen Baugrundes gab. Ein ehemaliger Kolo-
nialoffizier, der weit in der Welt herumgekommen
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