Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Hrsg.]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 26.1916

Seite: 312
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Träume.

im Gesicht. Sie gleicht einem unserer frühcren Dienst-
mädchen, und zwinkert mir zu, als ständen wir in ge-
heimem Einverständnis. Das Häuschen ist ganz mit
Gerümpel ausgefüllt, welches ich eifrig zu durchwühlen
anfange. Hohe Stöße alter Bilderrahnwn, Weihgefäße,
Photographien von Turnvereinen, ein Globus, übel-
riechende Kleider, dazwischen angebissene Orangen,
kaputte Gipsfiguren, alte Porzellane, und immer, wenn
ich mich freue, etwas Schönes erwischt zu haben, fehlt
irgendwo ein Stück, da hat es keinen Henkel, oder der
Deckel ist verloren gegangen, oder der Kopf abgeschlagen
worden. „Wir müssen gehen," sagt meine Freundin,
„sonst kommen wir zu spät in die Schule". Da gibt mir
die Verkäuferin cin Blatt Papier, auf welchem ich meine
eigenen Schriftzüge erkenne. Es ist ein vierstrophiges
Gedicht, darunter der violette Stempel eines Universitäts-
professors, der bestätigt, obiges Gedicht gefunden und
abgegeben zu haben. Meine Freundin zerrt mich am
Arm, kopfschüttelnd gehe ich weg; ich bin mir gewiß,
daß ich dieses Gedicht nicht verloren habe, daß es daheim
auf meinem Schreibtisch liegt.

Die Schmetterlinge.

Mir träumt es: ich liege in meinem Bett und kann,
trotzdem ich todmüde bin, keinen Schlaf finden. Gleich-
gültig gleiten meine Blicke zum Fenster und da sehe ich,
daß hinter den Scheiben zwei große, unausgesetzt auf
mich gerichtete Augen glänzen. Ein Gesicht und den
dazugehörenden Körper zu unterscheiden ist mir bei der
Dunkelheit, die draußen herrscht, unmöglich. Dann wird
von außen langsam das Fenster geöffnet... ein Mensch
schwingt sich über die Brüstung in mein Aimmer und
setzt sich lautlos auf den vor meinem Bette stehenden
Stuhl. Seine Kleider sind zerlumpt, aber seinen Ge-
sichtszügen kanu man, obschon dieselben abgezerrt und
wüst verschminkt sind, eine schaurige Schönheit nicht ab-
sprechen. Und da steigt es nlir auf, daß ich diesen grab-
gehöhlten Augen schon irgendwo in meineni Leben be-
gegnet bin. Angstlich suche ich in meinen Erinnerungen,
und jetzt weiß ich, daß er der junge Dichter aus dem Cafe
Stefanie ist, von dem man mir sagte, daß er syphilitisch
sei. Dann sehe ich, wie er aus seiner Kitteltasche, ohne
dabei die Augen von mir zu lassen, einen weißen
Schmetterling nimmt, dann noch einen, und noch einen,
dann eine ganze Handvoll, bis das Aimmer über und
über von Schmetterlingen weiß ist. Schon kriechen sie
auf ineinen Kissen, über meinen Körper, in Herden, in
Strömen, wie Wasser. Jch schlage um mich, suche das
Ungeziefer abzuschütteln, wodurch ich die Sache noch ver-
schlimniere; denn nun ballen sich die Tiere zu einer
großen Wolke, die mich langsam erstickt.

Karin.

Jch bin im Jnstitut. Es ist eine schwarze Sturmnacht.
Schwefelgeruch erfüllt das Aimmer. Jch lehne niit
einigen jungen Mädchen am Fenster und horche hinaus.
Der Regen rauscht schwer, wie das Gewand eines furcht-
baren Gottes. Der Himmel ist ganz von Wolken zer-
wühlt. Blitze zucken unaufhörlich um unsere Köpfe. Eine
Pappel uni die andere bricht aufbrüllend in sich zusammen.
„Wir müssen alle sterben," sagt die kleine Schwedin an
meiner Seite, „ich sehe ein Kreuz am Himmel." „Was

für ein Kreuz?" frage ich. „Das Kreuz aus der Bibel,"
erwidert sie in feierlichem Ton, und jetzt kann auch ich
das Zeichen erkennen. Es ist ein feuerfarbener Strich,
der sich senkrecht über den Himmel zieht. Die kleine
Schwedin hält niich eng umschlungen — und nun lassen
wir uns nicht mehr los. f642^

um Problem des modernen
Kirchenbaues, im besonderen
des katholischen.

Die welthistorischen Entscheidungen des großen
Krieges von 1914 bedeuten hoffcntlich auch den Anfang
einer neuen Kulturepoche für Deutschland. Unter diesem
Gesichtspunkte ist es eine erste Forderung, sich klar zu
werden, bis zu welchem Grade die Leistungen der letzten
Jahrzehnte als Grundlagen und Vorbedingungen für
die Kultur der neuen Aeit gelten und wieweit die
kulturellen Probleme dieser Vergangenheit im Arbeits-
kreis der Aukunft berücksichtigt werden können.

Auf dem Gebiete der Architektur hatte das 19. Jahr-
hundert schließlich nur die bisherige Kunstgeschichte
repetiert. Inwiefern hier lokale Einschränkungen zu
machen sind, hat für die vorliegende Untersuchung wenig
Bedeutung. Erst in den letzten Jahren des 19. und in
den ersten des 20. Jahrhunderts tat die Jugendstil-
bewegung die ersten Schritte auf dem Wege zu einer
modernen Architektur. Und mag ja nun auch diese Be-
wegung schließlich als verfehltes Erperiment geendet
haben, die Bahn zu eineni modernen Baustil war ge-
wiesen. Und die folgende Ieit ist — wenn auch langsam —
fortgeschritten. Die Kölner Werkbund-Ausstellung war
trotz allem, was man einwenden mag, eine Tat von
historischer Bedeutung, zugleich aber ein Abschluß in der
Entwicklung, der ja auch in ihrem äußeren Schicksal
einen symbolischen Ausdruck fand.

Nur ein Teil der Architektur scheint außerhalb jeder
Entwicklung zu stehen, scheint trotz aller Versuche in
hoffnungslose Stagnation versunken zu sein, der Kirchen-
bau, besonders der katholische. Uberblickt man die kirch-
lichen Neubauten der letzten Jahre, so kann man wirklich
versucht sein, eine moderne kirchliche Architektur als
Utopie zu bezeichnen. Denn die paar mehr oder weniger
mißglückten Erperimente, die etwas Neues zu schaffen
strebten, fallen kaum in die Wagschale. Und obendrein
sind sie nicht von der katholischen Seite, für die letzten
Grundes doch überhaupt nur eine kirchliche Architektur
von Bedeutung ist, sondern von der protestantischen unter-
nommen worden, obgleich hier die Frage viel weniger
brennend ist.

Jedoch scheint mir es zu vorschnell gehandelt zu sein,
über das Problem des modernen Kirchenbaues zur Tages-
ordnung überzugehen. Wenigstens ist es eine Forderung
der Billigkeit, einmal den Gründen des Verfalles und
des Stillstandes nachzugehen. Und schließlich ist es doch
noch immer der beste Weg zur Heilung einer Krankheit,
die Ursachen festzustellen und dann erst sich das Urteil
über den Austand zu bilden und die Maßregeln ^ur Hei-
lung zu ergreifen.
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