Frimmel, Theodor von [Editor]
Blätter für Gemäldekunde — 1.1904-1905

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Nr. 2.

29

BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

Jahres durch die Zeitschrift „Kunst“ (heraus-
gegeben von Artur Brehmer und Friedrich
Krauß, redigiert von Peter Altenberg) nach'
gebildet und als Beethoven-Bildnis bezeichnet.
Danach brachte auch „Österreichs Illustrierte
Zeitung“ vom 22. November (S. 160) dasselbe
Bild, das schon 1880 im Wiener Künstlerhause
ausgestellt war, aber als Porträt Beethovens
keine Anerkennung gefunden hat. Bei Ge-
legenheit schreibe ich nieder, was ich über
„Beethoven-Bildnisse, die keine sind“, an Ge-
danken und Notizen gesammelt habe.

BEOBACHTUNGEN ÜBER DIE
BILDUNG VON SPRÜNGEN AN
GEMÄLDEN AUS DEM 19. JAHR-
HUNDERT.

An die Erörterungen anknüpfend, die ich
in meinem „Handbuch der Gemäldekunde“ ge-
boten habe*) **), lasse ich einige Bemerkungen
folgen, die sich auf den Erhaltungszustand
der Bilder im Musee du Luxembourg zu
Paris und in der Berliner National-
galerie beziehen. Als Beobachtung allgemeiner
Natur glaube ich anführen zu können, daß
sich sehr sorgfältig gemalte Bilder des
19. Jahrhunderts lange ohne alle Sprünge er-
halten, auch wenn sie dicke Farbenlagen auf-
weisen. Ohne Zweifel sind diejenigen besonders
widerstandsfähig gegen Farbenrisse, die ohne
rasch wirkende Trockenmittel hergestellt sind.
Das ganze Bild trocknete langsam und ziemlich
gleichmäßig aus; erst nach Jahrzehnten be-
ginnen solche Werke eine Craquelure zu er-
halten, die dann gewöhnlich mit der von
solid gemalten Werken aus früheren Zeiten
viele Ähnlichkeit hat. Noch immer tadellos
erhalten ist z. B. Geromes „Hahnenkampf“
von 1846. Gut erhalten sind noch mehrere
Bilder von Jules Breton, unter anderen auch
die „Benediction des bles“ von 1857, obwohl
dieses Werk sehr pastös gemalt ist. Zu den
wohlkonservierten Stücken gehören auch die
„Vierge consolatrice“ von Bouguereau aus
dem Jahre 1877. Nur scheint mir dieses Bild,
das ich etwa 18S1 zum ersten Male gesehen
habe, ein wenig nachgedunkelt zu haben.
Keinerlei Zeichen des Alters, wenn nicht etwa
wieder ein leichtes Nachdunkeln zu vermerken
sein sollte, finden sich an Bouguereaus „La
jeunesse et l'amour“ von 1877. Dagegen zeigt

*) Zweite Auflage, S. ioo bis 122. Theorie der

Sprungbildung und Beispiele. Gelegentlich sind auch
A. W. Keims „Technische Mitteilungen für Malerei“
auf Sprungbildung an Gemälden zu sprechen gekommen.

L. Bonnats „Hiob“ die gewöhnlichen La-
surenrisse, die an Bildern des 19. Jahr-
hunderts so häufig sind, und die ihrer Natur
nach deutlich anzeigen, daß für die letzten
Farbenlagen ein Bindemittel benützt worden,
das ein rasches und nicht ganz gleichmäßiges
Schrumpfen dieser letzten Schichten ver-
schuldet hat. Das Bild ist noch kaum ein
Vierteljahrhundert alt. Cabanels „Naissance
de Venus“ hat eine etwas solidere Craquelure
angesetzt, besonders in den Fleischpartien.
Das Bild war 1863 im Salon ausgestellt. Ein
sehr trauriges Schicksal hat Bonvins „Re-
fectoire“ von 1872 getroffen. Das ursprünglich
so zarte Bildchen (es mißt ja nicht viel über
einen halben Meter und war in Kleinmeister-
technik gemalt) ist nun durch grobe Risse
von mehreren Millimetern Breite nahezu
gänzlich zerstört. Man sieht bis auf die Grun-
dierung, und dadurch hat man sich veranlaßt
gesehen, das noch junge Bild durch Hinein-
malen zu restaurieren. Auch Bonvins „Ave
Maria“ hat durch Risse gelitten. Zahlreiche
Bilder von Henner sind schon heute von
Sprüngen durchsetzt. Ich notierte das Susanna-
bild, die „Najade“ und das „Idyll“. Vollons
Selbstbildnis ist stark craqueliert.

In der Berliner Nationalgalerie
lassen sich unschwer ähnliche Studien an-
stellen. Ich gebe nur wenige Beispiele.
W. Camphausens „Cromwellsche Reiter“,
mit dünnem Farbenauftrag solide gemalt, 1846
vollendet, zeigen viele scharfe, bis zum Grunde
reichende Rißchen, die wenig stören. Karl
Hertels „Jung-Deutschland“ von 1874 ist
schon 1902 voller Lasurenrisse gewesen, die
bis heute gewiß nicht zurückgegangen sind.
Karl Friedrich Lessings„Schlesische Land-
schaft“ von 1841 ist im ganzen nicht schlecht
erhalten, doch fand ich 1902 die Bäume von
einem Netz starker Risse überzogen, die bis
zur Untermalung des Himmels in die Tiefe
reichten. Die sorgsam gemalten Bilder des
Hendrick Leys zeigen solidere Sprung-
bildungen als seine pastös behandelten Werke.
Gute Beispiele hierfür sind Nr. 2x0 und 211
in der Berliner Nationalgalerie, Nr. 210 ist
1847 gemalt, fein, fast glatt behandelt und
weit besser erhalten als Nr. 211, das sehr dick
aufgetragen ist. Obwohl 211 um zehn Jahre
später fällt als 210, ist es doch viel schlechter
erhalten. Die Bildung der Risse hat ohne
Zweifel bei den Lasuren angefangen und nun
auch schon tiefere Schichten zerstört. Breite,
zumeist seichte Risse beeinflussen hier schon
unangenehm den Anblick. Manche Risse gehen
bis zur Untermalung hinab, manche bis zur
Grundierung. Ludwig Richters „Landschaft
im Riesengebirge“ von 1839 zeigt solide Sprung-
bildung, wie ein altes Gemälde.
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