Frimmel, Theodor von [Editor]
Blätter für Gemäldekunde — 1.1904-1905

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178

BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

Nr. io.

wohlbekannt. Das sind die „Preisrätsel“
des Kunstmarktes.

Simonson bringt recht nette Doku-
mente herbei. 1764 vermeldet Senator
Pietro Gradenigo, daß Francesco Guardi,
ein guter Schüler des berühmten Cana-
letto, unter allgemeinem Beifall auf
der Piazza zwei Bilder ausstellte, An-
sichten der Piazza San Marco und der
Rialtobrücke, die ihm ein Engländer
bestellt hatte. Als 1782 Pius VI. nach
Venedig kam, trug ihm der englische
Kunsthändler Pietro Edwards vier Papst-
zeremonien zu malen auf. 40 Zechinen
wurden ausbedungen, noch weitere 8
wurden freiwillig dazugelegt. Damals
waren offenbar die Kunsthändler anders,
als sie heute sind. Daraus soll man
noch nicht vorschnell auf die Un-
glaubwürdigkeit des Vorkommnisses
schließen.

Guardi scheint 1793 in Armut ver-
storben zu sein. Das Sterbehaus steht
auf dem Campiello della Madonna un-
weit von der Kirche San Canziano.
Sein Sohn Giacomo, ein mittelmäßiger
Maler, erbte den Skizzenschatz.

Simonson legt eine Liste von
280 Guardis an; sie wäre leicht zu ver-
doppeln gewesen. Es ist nur sehr an-
zuerkennen, daß er so streng bei der
Sichtung vorging. Man gewinnt den
Eindruck, daß ihm kein Canaletto mit
durchgeschlüpft ist, die große Gefahr
in diesem Falle.

Aus dem Anhänge, dem wert-
vollsten Teile des Buches nächst den
Heliogravüren nach den Hauptwerken,
sei noch ganz kurz erwähnt: 1. Der
Stammbaum der Guardi; 2. Ein Adels-
brief der Guardi vom 23. Juni 1643
für Stephan und Domenicus; 3. Ein
Auszug aus der „Landwirtschaftlichen
Zeitung“ für Trient und Rovereto vom
31. März 1846, die Familie Guardi an-
gehend; 4. Ein Auszug aus der „Ga-
zetta di Trento“ vom 12. November
1862, Francesco Guardi betreffend;

5. Der Taufschein des Francesco Guar-
di; 6. Zwei Briefe Guardis; 7. Die Tauf-
scheine von Guardis drei Söhnen;
8. Auszug aus dem Tagebuch des Se-
nators Pietro Gradenigo, aus dem Mu-
seo Correr in Venedig, unveröffent-
licht; 9. Tauf- und Totenschein von
Guardis Frau; 10. Das Testament der
Cäcilia Tiepolo geborenen Guardi;

11. Aktenauszüge aus der Bibliothek des
Seminario Patriarcale in Venedig;

12. Drucklizenz für Guardis veneziani-
sche Veduten; 13. Totenschein des
Guardi; 14. Ein Bericht über eine Zu-
sammenkunft des Advokaten Bernan-
delli mit dem letzten Guardi, der den
Francesco noch gekannt hat, aus dem
Jahre 1853.

AUS ANLASS DER MINIATUREN-
AUSSTELLUNG IN WIEN.

Soweit es der Raum gestattet, soll noch
knapp vor dem Abschluß des ersten Bandes
von dem neuesten Wiener Kunstereignis die
Rede sein, von der Miniaturenausstellung, die
gegenwärtig in den engen Räumen des Mini-
sterpräsidiums abgehalten wird. Seit Jahr-
hunderten geübt, seit lange eine Rolle im
Kunsthandel innehabend und heute noch
schwungvoll von Hunderten betrieben, erregt
die Art von Feinmalerei, die gewöhnlich Miniatur
genannt wird, die Aufmerksamkeit der weite-
sten Kreise. Sie muß nun einmal in den
Blättern für Gemäldekunde besprochen werden.
Denn ich schulde seit Monaten einige Ant-
worten über Porträtminiatur, Antworten, die
ich aus Zeitmangel aufzuschieben gezwungen
war. Nun bringt aber die neue Ausstellung
die Sache ins Rollen. *)

*) Mehrere fragten nach der Literatur über Mi-
niaturen und ich stelle deshalb sofort einiges zusam-
men, ohne damit Vollständigkeit zu bezwecken. Brad-
ley: Adictionary of miniaturists etc. Gazette des beaux-
arts 1893. 1S94 und 1895 (H. Bouchot), The Art Journal
1896 (J. J. Foster), mehrere Arbeiten von G. G. Wil-
liamson und J. J. Foster, R. Gower „The great historic
galleries of England“ (1882), Franz Ritter im Werk
„Der Wiener Kongreß“ (1898), „Mitteilungen des nord-
böhmischen Gewerbemuseums“ (G. E. Pazaurek) 1903,
„The Connoisseur“, November 1904 (über Augenminia-
turen, deren es, nebstbei bemerkt, auch im Wiener
Privatbesitz gibt) und Dezember 1904, R. Bongs „Mo-
derne Kunst“, Januar 1905 (A. v. Riwotzky), F. Laban:
Heinrich Friedrich Füger, der Porträtminiaturist; im
Jahrbuch der königlich preußischen Kunstsammlungen,
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