Frimmel, Theodor von [Editor]
Blätter für Gemäldekunde — 1.1904-1905

Page: 180
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bl_gemaeldekunde1904_1905/0212
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Nr. io.

180

BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

ihre kunstgeschichtliche Bestimmung dürfte in
vielen Fällen sehr schwierig sein. Nach der
inventarisch festgehaltenen Überlieferung sind
zahlreiche Werke des Liotard darunter, wie
z. B. die kleine „Liseuse“, die im ersten Artikel
beschrieben wurde. Kopien von Liotards Hand
nach älteren Bildnissen und Porträts nach der
Natur gemalt, werden vom Katalog durch
Alfred Windt namhaft gemacht. Ein kost-
liches Stück ist dann auch Liotards Eigenbild'
nis, Nr. 578 (hochovales Brustbild: Liotard als
Orientale gekleidet, um 1740 entstanden, da
der Maler noch ziemlich jugendlich aussieht),
nicht sehr wahrscheinlich ist es, daß auch
Nr. 564 denselben Maler darstelle. Wenigstens
paßt dieses kleine Medaillon nicht ins Gefüge
der bekannten Liotardbildnisse. Immerhin mag
es ein Werk von Liotards Hand sein.

Manche Zierde der Ausstellung ist auch
aus den Schätzen der k. und k. Familien'
Fideikommißbibliothek genommen.

Erzherzog Franz Ferdinand Este hat
eine Reihe von Bildchen von Guerard, Füger,
Theer und älteren Meistern ausgestellt.

Aus dem Besitz des Erzherzogs Rainer
und der Erzherzogin Maria stechen die zwei
trefflichen Jasabeys hervor (Nr. 832 und 833,
Napoleon I. und Kaiserin Marie Louise, beide
1810 gemalt). Theers Bildnis der Erzherzogin
Maria Rainer gehört zu den guten Leistungen
des genannten Künstlers.

Die reiche Sammlung Lanckoronsky ist
durch mehrere Reihen trefflicher Bildchen ver-
treten, darunter Werke von Isabey, Guerin,
Füger, Daffinger, Kriehuber, Fritsche, Sa-
vignac.

Aus dem Besitz der Fürstin Metternich
findet man eine verhältnismäßig große Mi'
niatur von Seybold ausgestellt; es ist eine
Kopie nach Roslins Bildnis der Erzherzogin
Marie Christine.

Nicht ohne Teilnahme werden viele das
prächtige Fügersche Bildnis des Grafen Moritz
Fries betrachten, ein ziemlich großformiges
Bildchen aus dem Besitz des Grafen August
Bellegarde. Moritz Graf Fries war der gegen
1820 so berühmte Bankier und Sammler in
Wien, dessen Kunstsinn nach mehreren Ge-
bieten hin erfreuliche Spuren in der Geschichte
Wiens hinterlassen hat.

In der Öffentlichkeit lernt man nun zum
erstenmal den reichen Vorrat an Miniaturen
in der Sammlung Albert Figdor kennen.
Mehrere Vitrinen sind mit köstlichen Bildchen
verschiedener Art gefüllt. Den Lesern dieser
Blätter ist davon einiges bekannt: das Doppel'
bildnis von Waldmülters Hand aus dem Jahre
1833 nach einer Abbildung und, wenngleich
nur durch eine Erwähnung (auf S. 173), das
Selbstbildnis Waldmüllers, das wohl noch vor

1820 fällt und möglicherweise mit der ersten
Verlobung Waldmüllers zusammenhängt. Eine
große Kassette mit Wigandschen Gouachebild'
chen ist recht bezeichnend für die Wiener An-
sichtenmalerei und ihre Verwendung im frühen
XIX. Jahrhundert. Wigands Deckfarbenbildchen,
deren viele aus verschiedenem Besitz ausgestellt
sind, waren ungemein beliebt als Schmuck von
Buchdeckeln, Schachteln und anderen Ge-
brauchsgegenständen.

Durch die Blätter für Gemäldekunde schon
längst bekannt sind die meisten kleinen Bild'
nisse, die Dr. Gotthelf (nicht Gottfried) Meyer
beigestellt hat und die da und dort in den
Sälen zu finden sind. Gruppenweise ausgestellt
sind die Miniaturen, z. B. aus dem Besitz
Doktors von Jurie, Aug. Heymanns, Metaxas.
Manche einzeln eingereihte Nummer ist ge-
legentlich in der großen Menge schwierig zu
entdecken. Manches ist durchs doppelte Glas,
das der Vitrine und das zweite des Bild-
Schutzes, gar nicht mehr mit Sicherheit zu
unterscheiden, so z. B. auch das interessante
Doppelbildnis mit Dauphin Louis und seiner
Gemahlin Marie Antoinette, Nr. 1115 (Samm-
lung Emele). Glücklicherweise habe ich dieses
Rundbildchen vor einiger Zeit sehr genau
ohne Glas betrachten können, und ich weiß,
daß die Signatur „Boucher“ alt ist, aber nicht
vom berühmten älteren, sondern vermutlich
vom jüngeren Juste Francois Boucher her'
rührt. Nach manchen guten Sachen suchte ich
ganz vergebens. Weder im Katalog noch in
der Ausstellung waren die interessanten Mi'
niaturen der Baron Nathaniel Rothschildschen
Sammlung aufzufinden, der Isak Oliver, Besse-
rer, Blarenberghe und anderes. Einige hübsche
Stücke wurden von Baron Albert Rothschild
gesendet.

Die Liste der Aussteller ist ewig lang und
kann in einem kurzen Bericht keinen Raum
finden, so glänzende Namen auch darin vor-
kommen. Wie die Sache einmal ist, müßte
über die Ausstellung überhaupt ein dickes
Buch geschrieben werden, sollte sie nur einiger-
maßen gründlich gewürdigt werden.

AN STELLE EINIGER ANTWOR-
TEN IM BRIEFKASTEN.

Das Selbstbildnis des Kupetzky, nach
dem ich gefragt wurde, kann sofort in Ab-
bildung hergestellt werden. Hier ist es:

Es mißt 59 X 49 cm und wurde 1902 in
Wien versteigert. Ich wollte es schon vor
zwei Jahren in H. Popps Zeitschrift veröffent-
lichen, doch hörte diese zu erscheinen auf, be-
loading ...