Frimmel, Theodor von [Editor]
Blätter für Gemäldekunde — 1.1904-1905

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58

BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

Nr. 4.

Darstellungen von Menschen, die längst nicht mehr sind und die wir niemals
gesehen haben? In solchen Fällen helfen uns ab und zu die Stimmen von
Zeitgenossen weiter, die ein bestimmtes Porträt als getroffen bezeichnen, ein
anderes als verfehlt. Oder es ist sicher überliefert, daß ein Maler vergangener
Zeit durch gutes Treffen ausgezeichnet war. Auch stehen uns gelegentlich von
einer Persönlichkeit viele Bildnisse von sicherer Zeitbestimmung zur Verfügung.
Aus diesen kann dann überlegte Vergleichung berechtigte Schlüsse ziehen.
Abgüsse von Gesicht und Händen sind, man kennt das, fördernde Hilfsmittel
bei solchen Erörterungen, und daß die Photographie vieles geleistet hat, weiß
jedes Kind.

Eine ausgeprägt idealistische Kunstrichtung, gar eine, die „Schönheit“ dar-
stellen will und die dann folgerichtig die Schönheit nach bestimmten Verhält-
nissen konstruiert, schließt eine wirkliche Bildniskunst so entschieden aus, wie
schwarz das nichtschwarz. Man wird wohl bei jeder das suchen, was sie geben
kann und nicht das, was ihr ihre Überzeugungen zu geben verbieten. In einem
Atem kann man aber nicht etwa eine idealistische Schönheitskunst als allein
maßgebend predigen und dabei doch realistische Porträtähnlichkeit als Vorzug
preisen.

Noch Eines. So viel Porträtmaler, so viel verschiedene Auffassungen.
Zwängen wir doch nicht alles in vorbereitete ästhetische Fächer. Immerhin
erleichtert es die Verständigung, wenn große Gegensätze, wie Realismus und
Idealismus angedeutet werden. Das Porträt, das nun abgebildet und besprochen
wird, stammt von einem Realisten.

EIN BILDNIS DES JUGENDLICHEN
GEIGERS VIEUXTEMPS VON
ANTON EINSLE.*)

Die Wiener Bildnismalerei hat seit dem
XVIII. Jahrhundert nahezu ohne Unterbre-
chung bedeutende Künstler aufzuweisen ge-
habt. Ein Kupetzky war hier tätig. Auerbach,
van Schuppen. Martin Meytens, und noch
viele andere gehören der Wiener Kunstge-
schichte des XVIII. Jahrhunderts an. Man kann
auch Namen hereinziehen, wie den der Fran-
zösin Vigee-Lebrun, des Genfers J. E. Liotard,
des Schweden Roslin, von Persönlichkeiten,
die alle eine zeitlang in der Kaiserstadt an der
Donau Bildnisse gemalt haben. Der Engländer
Th. Lawrence war zur Kongreßzeit in Wien sehr
beliebt. Man hatte einen Lampi, Kreuzinger,
im Kleinbildnis einen Füger, einen Daffinger,
und in den 1840er und 1850er Jahren war
Anton Einsle neben Ferdinand Waldmüller
einer der meist gesuchten Wiener Porträtisten, *)

*) Neubearbeitung meines Artikels aus der Neuen
musikalischen Presse. Wien. 19. März 1904.

wie später ein Amerling und noch weiter
herauf ein Makart, Canon, Angeli und einige
aus der jungen Garde. Einsle hatte große Er-
folge aufzuweisen und wurde nicht nur von
reichen bürgerlichen Kreisen, sondern auch
vom Hofe und vom Hochadel unausgesetzt
beschäftigt. Er hat die Kaiser Franz und
Ferdinand gemalt und den jugendlichen Kaiser
Franz Joseph wiederholt porträtiert (ich kenne
ein großes Kaiserbildnis von Einsles Hand
aus dem Jahre 1854 in der fürsterzbischöflichen
Residenz zu Olmiitz und ein damit verwandtes
aus dem Jahre 1855 im Regentensaal des
schwedischen Schlosses Drottningholm). Von
Einsles Hand ist ferner ein Porträt der Kaiserin
Elisabeth zu verzeichnen, eines des Erzherzogs
Karl, Siegers bei Aspern, der Erzherzoge Karl
Ludwig und Stefan, des Grafen Eugen Zichy,
des Grafen Szecsen, und die Reihe könnte noch
lange fortgesetzt werden, wenn es sich um
Vollständigkeit handeln würde. Die Leistungen
Einsles fielen zumeist ebenso zur Zufrieden-
heit der Gemalten, wie der Kritik aus. Ein
neidischer Nebenbuhler, Kertbeny (Benkert),
hat ihn freilich einmal böse mitgenommen.
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