Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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der Spitze dcs Jahrhundcrts schreitende Volk
Preußens behandelt, wie sein Rccht mißachtet,
sein geringes Maß verfafsungSgesicherter Frei-
heit immer und immer gemindert wird, dann
wird Niemand in Deutschland Lust trageu. das
Heil dcr Nation von ciner Staatsmaschine zu
erwarten, die Herrn v. Bismarcks Regiment
fabriciren konnte; dann wird Niemand das
Hcil der Nation a'nders alS von dcr Nation
selbst, von der ganzen Nation erwarten.

Das ganzc Deutschland soll eS sein! singen
bei jedem Fest Leute, die das halbe Deutschland
meincn; aber der rechte Deutsche diplomatisirt
nicht mit seinem Gewissen und lügt nicht mit
Volksliedern. Das ganze Deutschland soll eS
sein l Jst es der Gegenwart versagt, die Einheit
mit Gewaltmitteln herzustellen, so braucht sie
darum nicht an ihrem Ziele zu verzwcifeln.
Wir brauchen unscr Gebäude nicht in die Luft
zu stellen; begnügen wir uns einstweilen mit

dem, was wir vermögen, mit der Anknüpfung
an das Bestehende, mit der stetigen, nie ruhen-
den Entwicklung des Bestchenden zum Werden-

den, des Schlcchten was da ist und dem ja
Schlechteres vorangegangen, zum minder Schlech-
ten, zum Guten und zum Besseren. Setzen wir
alle Mühe und Wirkungskrast daran, zunächst
aus dem Staatenbunde den Bundesstaat zu
entwickcln.

Das „Journ. des Deb." wünscht den Be-
mühungen des Hrn. v. Bismarck, die Zollver-
eiuSrcgicrungen zur Anerkennung des König-
rcichs Ztalien zu bringen, beften Erfolg; es
sei wohl unmöglich, daß die Negierungen von
München, Dresden und Stuttgart bei einer
Weigerung beharrcn würdcn, deren Folgen
ihren eigenen Staaten so schweren finanziellen
uno commerciellen Schaden bereiten würden.

Eine neue Verfügung der herzogl. Landes-
regierung in Bezug auf das Versammlungs-
recht der Nassauer geht dahin, daß öffentliche
Volksversammlungen künftighin nicht später als
Nachmittags 4 Uhr beginnen dürfen.

Jn Jtalien ift man mit dem Mißerfolg der
Unterhandlungen zwischcn dem Papst und Victor
Emanuel sehr zufrieden. Es waren in Fermo
auf das bloße Gerücht hin, daß der Bischof
der Stadt, Cardinal de Angelis, zurückkehren
würde, Unruhen ausgebrochen, und die öffent-
liche Ordnung ward erst hergestellt, als der
Bürgermeistcr das Gerücht öffentlich für un-
wahr erklärte. Vier Punkte sind es, in deren
Betreff eine Einiguug nicht erzielt werden
konnte; der Papst hatte verlangt: 1) daß die
Bischöfe der italienischen Regierung keinen Eid
zu leisten haben; 2) daß der Papst sic erneune,
ohne daß die Genehmigung des Königs (das
Exequatur) nöthig sei; 3) daß die Seminarien
vollkommen unabhängig vom Staat bestehen;
4) daß in den Ländern der vertriebenen italie-
^ischen Fürsten die Anzahl der Bischofssitze nicht
verringert und die Bisthümer nicht anders als
bisher abgegrenzt werden. Der Papst hofft
indessen, daß nach den neuen Parlaments-
wahlen die Unterhandlungen wieder aufgenom-
men werden.

Nachrichten aus Westindien melden, daß das
englische Kriegsschiff „Clio" in den nächsteu

Tagen die Königin der Sandwichsinseln zum
Besuch nach England bringe. Die „Teine"
hat gegen zwei Millionen Dollars mitgebracht.

Die Patrie meldet aus Vera-Cruz, daß
Marschall Bazaine in Person den Herbstfeldzug
gegen die Juaristen eröffnen wird. Man wird
große Streitkräfte dazu aufbieten, und hofft
um so mehr auf glücklichen Erfolg, als im
Monat Novcmber die Amtszeit des Präsidcnten
Juarez abläuft, unv somit derselbe von da an
nicht mchr auf eine vom Volk ihm ertheilte
Vollmacht sich stützen kann.

Deutschland

München, 27. Juni. Die Kammer der
Abgeordncten hat in heutiger Sitzung nach
eingehender Verhandlung die Regierungsforde-
rung von 1 Milliou Gulden für Herstellung
eines Gebäudes zum Zwecke der neuen poly-
technischen Schule genehmigt.

Berlin, 26. Juni. Die Nachricht, daß Hr.
v. Bockum-Dolffs seine Demiffion gegeben hat
und den StaatSdienst verläßt, bestätigt sich.

Berlin, 28. Juni. Die Pastoren-Adresse
hat allgemein, selbst in conservativen Kreisen,
einen Eindruck gemacht, der sich mit einem
„parlamentarischen" Worte nicht bezeichnen läßt;
man betrachtet die Betheiligung des Herrn v.
Bismarck bei derselben als den größtcn Fehler,
den er sich bisher hat zu Schulden kommen
lassen. Der Pietismus ift nirgends mehr ver-
haßt, als in Preußen und nichts verträgt man
weniger als die.Einmischung der Religion in
politische Dinge und geiftlichen Hochmuth. Dazu
kommt nun noch, daß die Unterzeichner der
Adresse durchweg ganz unbekannte Leute sind,
wenn sich nicht einmal Männer wie Büchsel,
Arndt. Bachmann, Hengstenberg und andere
hiesige Geistliche von Ruf aus der ftreng ortho-
doxen Richtung angeschlossen haben.

Kiel, 25. Juni. Der Augustcnburger wurde
kürzlich von einigen Altonaern besucht und
äußerte derselbe sich bei dieftr Gelegenheit, über
die ihm von Bismarck uuterlcgte Aeußerung
bezüglich der preußischen Hülse u. a. wie solgt:
„Sie werden Sich erinnern, daß man auf der
Londoner Conferenz sich mit dem Vorschlag der
Thcilung Schleswigs beschäftigte, und daß man
verschiedene Theilungölinien projectirte, welche
sogar Distriete, wie das friesische Festland, ganz
oder thcilweise würden abgeschnitten haben. Jch
habc mich gcfragt, ob etwa solche mir in Aus-
sicht gestellte Theilungslinie in Verbindung mit
dcr auch schon damals mir gemachten Andeu-
tung, daß den Herzogthümern die Kosten eines
von Dänemark verschuldeten Krieges würden
aufgebürdet werden, mich zu einer Aeußerung
des Mißmuths veranlaßt haben, welche dann
irrthümlich aufgefaßt und in einen anderen
Zusammenhang gebracht, einen Anhalt zu jener
Behauptung mochte gegeben haben. Jch will
die Möglichkeit, daß dem so sei, nicht unbedingt
bestreiteN. Jch habe damals erklärt, daß, wenn
die Gestaltung der territorialen und finanziellen
Verhältnisse, von der man zu jener Zeit fprach,
zur Ausführung komme, ich mit einem solchen
System nicht vor deu Landtag und das Volk

treten könne. Ich habe darauf hingewiesen, daß
wenn die Integrität der Herzogthümer gegen
Dänemark erhalten bleibe, dann die Landesver-
tretung zu weitergehenden Zugeständnissen an
Prcußen bereit sein werde, als wenn dies nicht
der Fall sei. Vielleicht dürfte mein Widerspruch
nicht ohne Einfluß auf die Bewahrung der
Jntegrität des Landes geblieben sein. Es ist
möglich, daß ich meinen pcrsönlichen Jnteressen
mehr genützt haben würde, wenn ich den Ge-
bietsumfang des Landes weniger bestimmt in
erste Linie gestellt hätte. Vielleicht wäre ich per-
sönlich dann weitcr, aber das Land wäre kleiner,
und die brave Bcvülkerung NordschleswigS
wäre wieder der dänischen Gewaltherrschaft
preisgegeben."

Wien, 27. Juni. Wie wir hören, hat das
österreichische Kabinet seinen in Berlin gestell-
ten Antrag auf entsprechende Reduction der
Occupationstruppen in Schlesw.-Holstein münd-
lich bereits durch die Erklärung verstärkt, daß
das österreichische Mitglied der obersten Zivil-
behörde im Jnteresse der Hcrzogthümer sich ck
jedem Fall verpflichtet erachten werde, der fer-
neren Zahlung der Landeskassen von Zuschüffen
für die Erhaltnng einer Truppenmacht, welche
in solcher Stärke durch keinerlei Nothwendigkeit
bedingt erscheine, scine Znstimmung zu ver-
sagen. (Karlsr. Ztg.)

Wien. 28. Juni. Eine Abschlagszahlung
an den Kriegskosten ist aus Lauenburg hier
eingetroffen, nämlich die Hälfte der 163,000 Thl.
betragenden Ueberschüsse, die andere HLlfte ging
nach Berlin.

Wien, 28. Jnni. Graf Mensdorff ist defi-
nitiv, unter Beibehaltung seines Portefeuilles,
zum Ministerpräsidenten ernannt. Die Nach-
richt von der Hieherberufung des Hrn. v. Golu-
chowski war falsch.

Frarrkreich.

Paris, 24. Juni. Jn wohluuterrichteten
Kreisen verstchert man auf das bestimmteste,
daß der Kaiser im Laufe des Monats Augnst
die östlichen Provinzen zu besuchen beabsichtige
und bei dieser Gelegenheit auch einige Tage
nach Deutschland kommen werde.

Paris, 28. Juni. Gestern erließ der Cas-
sationshof seinen Spruch in der seit 2 Jahren
schwebenden Correspondenzensache. Der oberste
Gerichtshof cassirte das Urthcil des kaiserlichcn
Hofes von Rouen, und somit ist nun, Dank
der muthigen Ausdauer der beiden PublicisteN
de St. Cheron und Clairbois, diese wichtige
Frage in dem der Presse und der Freiheit gün-
stigen Sinne desinitiv, erledigt. Die unter Cou-
vert versandten polygraphischen politischenCorre-
spondenzen verfallen nicht als periodische poli-
tische Schriften der Strenge des Preßgesetzes,
sondern werden, so lange sie nicht abgedruckt
sind, als Privatbriefe angeschen und behandelt
werden müssen. Das Urtheil selbst ist noch
nicht veröffentlicht; es soll, wie man vernimmt,
nach einer sehr langen und stürmischen Bera-
thung mit 38 gegen etwa 10 Stimmen durch-
gegangen sein.

G n g l a u d

London. Der „Great Eastern" hat stch
nunmehr mit dem transatlantischen Kabel zu
seiner Fahrt nach Amerika in Bewegung ge-
setzt. Am Sonnabend verließ er den Anker-
grund in Medway, passirte Sheerneß, dampste
majestätisch in die Themsemündung und liegt
jctzt vicr Miles jenseits dem Nore Licht. So
kurz dic Fahrt ist, so war sie doch nicht ohne
Schwierigkeitcn. Mit dem schweren Kabel und
dcn gemaltigenWasserbehältern, welche die Kabel-
theilc enthalten, geht das Schiff jetzt 32 Füß
im Waffer.

Z t a L r c u-

Turin, 22. Juni. Der Minifter des öffent-
lichen Unterrichts, Natoli, sah sich genöthigt,
auch das bischöfliche Seminar von Aquila zu
schließen, dG der Bischof den Behörden die Jn-
spection desselben verweigerte. — Die Geschwo-
renen von Ancona haben vor wenigen Tagen
dcn Präfecten des von den Brüdern der christ-
lichen Lehre (Jgnorantclli) geleiteten Collegiums
Mariano Pio zu Loreto wegen unnatürlicher
fleischlicher Vergehen mit den ihnen zur Er-
ziehung anvertrauten Zöglingen des zartesteN
Alters zu 10 Zahren, den Pförtner deS Colle-

Schaffhausen, 26. Junt. Das Programm
zum Schützenfeste ist soeben erschienen und cr-
fahren wir daraus, daß Samstag Morgens (1. Juli)
das dafür aufgebotene Militär, die Artillerie, Fest-
zugsmusik, Schreiber, Warner und Zeiger einrücken,
die Ausschüffe schon an diesem Tage in der Festhütte
essen. Sonntag, der 2. Juli, begknnt mit Tag.
wache der Musik um 5 Uhr, 22 Kanonenschüffcn
und Choral auf dem Munot um 6 Uhr, Oeffnung
dcr Finanzbureaus um 8 Uhr und Ordnung zum
Zuge um 9 Uhr, dann nach Abholung der eidgen.
Schützenfahne Marsch durch die Stadt zum Fest-
platze, Empfangs-, Uebergahe u. dcrgl. m. Fcier-
lichkciten mit Kanönenschüssen, Reden, Mittags
Festmahl, 1 Uhr Beginn des Scheibcnschießens,
den 5., Mittags 2 Uhr, Schützengemeinde, wäh-
rend derselben wiro nicht und crst nach ihr wieder
geschoffen. Sonntag, den 9-, Morgens Feldgottes- !
dienst auf dem Schützenplatz und nicht geschc>ssen, !
sondern erst Nachmittags. Den 12., Abends 8 Uhr, !
Sckluß des Festes, durch'22 Kanonenschüffe ver- ^
kündct, den 13., Morgens 10 Ubr, Vertheilung
der 5 Hauptpreise in ven Stichscheiben mit hrr- !
kömmlicher Feierlichkeit, 12 Uhr letztes Mittags- '

Führung der eidgenössischen nach der Wohnung deS
Festpräsidenten. Alle Sehenswürdigkeiten, Anstalten
stehen bem Publikum umsonst ^offen, selbst im
Lauffener Schloß können die Schützen unentgeltlich
von 6 bis 8 Uhr Morgens den Rheinfall sich in
der Nähe besichtigen, sonst zur Hälfte des Preises,
auch die Ueberfahrtstare ist für die Person äuf
20 Rappen (6 kr.) herabgesetzt.

Reutlingen, 24. Juni. Dem heute Morgens
um 5 Uhr von Reutlingen nach Stuttgart und
Ulm abgegangenen Personenzuge r^ohte ein großes
Unglück. Es stürzte nämlich ein Theil des großen
Bergeinschnittes zwischen Bempflingen und Neckar-

bevor der Zug jene Stelle passirte." Das Geleis
sammt den Unterlagsschwellen find herausgerissen
und buchstäblich aus die Seite geschleudert, die
Bahn selbst ist aber auf einer Strecke von etwa
50 Fuß verschüttet und mit Trümmern bedeckt.
Es ist dies seit etwa zwei Monaten das.zweite
Mal, vaß die Bahnstrecke an diesem Platze durch
Bergsturz unterbrochen wurde.
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