Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

Page: 223
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865a/0223
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Ueidelberger Zeiluiig.

Kreisverküiiüigungsblatt für bcn Kreis Heiüclberg unü anttliches ^erkiinvigungsblatt für üie Amts - unü Aiuts-
Gerichtsbezirke Heidelberg und Wiesloch und den Aintsgerichtsbezirk Skeckargeinünü.



Donnerstag, 31 'August


Auf die „Heidelberger
Zeitung" kaun man sich
noch für den Monat
September mit 21 Kreuzern abonniren bei allen
Postanstalteu, den Boten und Zeitungsträgern,
sowie der Expedition (Schiffgasfe Nr. 4)..

* Politische Nms«Hau.

* Ein großer Theil der preußischen Presse
spielt in der schleswig-holsteinischen Liache nach
wie vor eine klägliche Rolle. Jetzt, nach der
so gehässigen Gasteiner Uebereinkunft werden
die Schleswig-Holsteiner theils mit Hohn und
Spott, theils mit mahnendem Ernste darauf
hingewiescn, daß ihr Widerstand gegen den
Willen des Hrn. v. Bismarck ganz vergeblich
sei, da diescr die Mittcl habe und sicherlich an-
wenden werde, sie zur Unterwerfung zu zwin-
gen. Wenn eine solche Mahnung von der
Kreuzzeitung ausgeht, so kommt sie nur von
der rechten Stelle, und stimmt sonst mit allen
Lehren und Ansichten der Feudalpartei. Wenn
aber sog. lrberale Zeitungen einen gleichen Rath
geben, so darf man sie wohl fragen, warum
sie und ihre Partei denselben nichi auch befol-
gen und sich dcm Willen des Hrn. von Bis-
marck fügen? Sie befinden sich ja selbst in
der Lage, dcn Gewaltthaten ihrer Rcgierung
i keinen Widerstand leisten zu können. Ehren-
hafte Männcr treten für ihr Recht und ihre
Ueberzeugung ein, auch wenn ihnen der Sieg
nicht winkt. Das Recht' der Schleswig-Hol-
stciner ist jedcnfalls so gut, als das der preu.
ßischen Liberalen, und an dem endlichen Siege
I einer gerechten Sache darf man nicht verzwei-
^ feln. Das haben die Schleswig-Holsteiner in
dem langjährigen Kampfe gegen die Dänen ge-
lernt; und ihre erprobte Festigkeit und Zähig-
keit wird hoffentlich auch gegen die preußischen
; Gewaltthaten länger vorhalten, als das Bis-
marck'sche Regiment. Denn aus einen solchen
Druck werden sie sich gefaßt machen müssen,
nachdem Oesterreich sich auf einen förmlichen
Handel der angeblich in den Herzogthümcrn
erworbenen Rcchte mit Preußen verlegt hat.
Ein solcher Schacher wird — wenn nicht Alles
f trügt — zu dem Ziele führen. daß Oesterreich
auch noch Holstein, sowie eben jetzt Lanenburg
Preußen gegen eine Geldsumme überläßt, und
die Herzogthümer ganz verläßt. Die Herzog-
thümer sind aber damit nicht verlassen, so lange
i sie sich nicht selbst verlassen, wic ein unlängst
dahingeschiedener deutscher Publizist und Dich-
ter mit schönen treffenden Worten ausdrückt:

Noch bist dii nicht verlasscn;

O Volk der Anizelsasscn" rc
Die bcvorstehenden Wahlen zum italienischen
Parlamente' wcrdcn einen äußerst lebhaften
k Kampf nicht blos zwischen den Conservativen
und den Revolutionären, sondern auch zwischen
den Anhängern der italienischen Einheit und
dm Partcigängern Noms und der weltlicben
Herrschaft des Papstcs herbeiführen. Eine Er-
uarung der einflußrelchsten Mirglieder dcs Cle-
rus von Genua macht es allen Priestern der
Aöcese zur Pflicht, an den politischen Wahlen
^hell zu nehmen.

Die Königin von England wird am 4. Sep-
>ember nach Windsor zurückkommen.

Deutschland
Karlsruhe, 29. Aug. Das großh. Re-
l »^rungsblatt Nr. 42 enthält: I. Unmittelbare

allerhöchste Entschlicßungen Sr. K. H. des
Großherzogs. 1) Dienstnachrichfen: Se. 'K. H.
der Großherzog haben sich gnädigst bewogen
gefunden, den Pfarrer Karl Martini in Bau-
schlott auf sein unterthänigsies Ansuchen in den
Ruhestand zu versetzen und die kathvlische Pfar-
rei Ebringen, Dekanats Breisach, dem Dom-
präbendar Karl Sulzer, Pfarrverweser in
Oberzell auf Reichenau, zu verleihen. II. Ver-
füguügen und Bekanntmachungen der Ministe-
rien: 1 und 2) Großh. Ministerium des gr.
Hauses und der auswärtigen Angelegenheiten
vom 14. d. M., Staatsverträgc zwischen Baden
und Würtemberg zum Zwecke der Vervollstän-
digung ihres beiderseitigen Eisenbahnnetzes und
zwischen Baden und Preußen zur Herstellnng
von Eisenbahnverbindungcn zwischen Paden und
den hohenzollernschen Landen betreffend. 3)
Großh. Ministeriums des Jnnern vom 21. d.
M., die Vornahme einer Ersatzwahl für den
aus der ersten Kammer der Ständeversamm-
lung freiwillig ausgctretenen Abgeorvneten
Grafen Hennin betr. (Mit der Leitung der-
selben ist der großh. Geh. Rath Dr. Schaaff
in Freiburg als Negierungscommissär beauf-
tragt.)

' Vom Sckwarzwald, 28. Augnst.
Mitten unter den Schwarzwäldern, bei denen
freilich ein frischerer, sreierer Geist weht, als
im Lager des Ultramontanismus und einev ge-
wissen Boutique am Markt in der Musenstadt
Heidelberg, erfnhren wir d:e Geburt eines ul-
tramontanen Säuglings, der bei der Nothlaufe
die Firma „Pfälzer Bote" erhielt. — Derselbe
hat stch auch in seiner.^zweiten Probenummer
in liebenswürdjgek Weise mit dem Redacteur
der Heidelberger Zeitung beschäftigt, allein es
wird uns kein vernünftiger Mensch zumuthen,
mit jenem llterarischen Bastard, dessen wahre
Eltern noch in ein mystisches Dunkel gehüllt
sind, in eine Zcitungspolemik uns einzulassen.
So lange der Junge noch in den Windeln liegt,
noch nicht einmal über die Stubendressur hin-
aus ist, und so lange er nicht den Beweis ge-
liefert hat, daß er aus eigencn Füßen stehen,
und ohne Almosen und Unterstützung mitleidi-
ger Menschen mit und ohne Kutten existiren
kann, werden wir ohne ganz besondere Veran-
lassung weitere Notiz von dem klcinen Schlozer-
buben nicht nehmen, ihn vielmehr schreien und
schimpfen lasscn wie es ihm beliebt. Gelingt
es seinen natürlichen Eltern, den Schreihals biS
zum Knabcnalter am Leben zu erhalten, so ist
es vielleicht mit Anwendung des neucn Schul-
gesetzeS möglich, dcm noch ungeschliffenen Buben
eine ordentliche Erziehung zu geben, und dann
wäre unter Umständen die Zeit gekommen, mit
dem zum Jüngling herangewachseneü, gehörig
etzogenen Sprößling des Heidelberger Ultra-
moutanismus hie und ba eine Lanze zu bccchen.

^ Aus der Pfalz, 25. Aug. Die zu
Gastein zwischen den beiden Großmächten statt-
gefundene Vereinbarung war, wie die öffent-
lichen Blätter melden. auch von einem kleincn
Unfall begleitet. Der König soll nämlich,
nachdem er auf eine Gemse geschossen hatte,
sich nach einer frischen Büchse umgedreht und
an dem Laufe derselben sein Auge leicht ver-
letzt haben. Wäre dem Kaiser von Oesterreich
etwas Derartiges widerfahren, so hätte man
sagen können, daß er zu Gaftein mit einem
blauen Auge davongekommen sei; bei dem Kö-
nige von Preußen scheint aber die Sache eine
andere Bedeutung zu haben. Während er den
Gegenstand, den er im Auge hatte, versehlte,
stieß er sich an einen andern, der ihm im

§ Nücken stand. Auch köunte es ihn nachdenk-
i lich machen, daß das Werkzeug, womit er ver-
! letzen wollte, ihn selber verletzte. — Hiermit
läßt sich die andere Thatsache in Verbindung
j bringen, daß der König dem Sohne Arndt's,
j in ehrender Erinnerung an das Verdienst des
j Vaters um Deutjchland,: den rothen Adlerorden
i verlieh. Uns will es scheinen, als ob die
j jetzigc preußische Politik an dem Geiste Arndts
den gefährlichsten Gegner habe und früher oder
I später durch dcnselben gestürzt werden müffe.
Es hilst nichts, wenn man die Gräber der
Propheten schmückt und diejenigen verfolgt, die
im Gciste jener Propheten denken und han-
deln, um gleiches Schicksal mit ihnen zu theilen.

Vom Neckar, 29. Aug. Die Vor-
bereitungcn zu den Wahlen in die Kreisver-
sammlungen werden auch von den Männern
des zeitgemäßen Fortschritts mit Eifer betrie--
ben. Es werden zu diesem Zweckc zahlreiche
Flugschriften verbreitet, um den schlichten Bür-
gcr gehörig in der wichtigen Sache zu unter-
richten. Auch Versammlungen werden abge-
haltcn, um sich über die zu wählenden Wahl-
männer zu verständigen; eine solchc findet
z. B. in Ladenburg am 30. d. M. statt,
wozu alle Wahlmänner eingeladen sind; eine
größere Versammlung wird daselbst am kom-
menden Sonntage abgehalten und sind dazu
Einladungen an einflußreichc MLnner des Krei-
ses Mannheim ergangen. Die Anstrcngungen,
welche die Casinomänner in dieser Angelegen-
heil machen, mahnen zur Einigkeit aller Derer,
die es mit der wahren Volksbildung, mit dem
wahren Christenthum, der Religion der Liebe,
gut meinen. Bcdient man sich doch auch in
djesem rein materiellen Acte auf's Neue der
Kanzel, um Kapital zu machen. Wir bcdauern
dieses um so mehr, als wir darin eine
Entwürdigung der heiligen Stätte erblicken, iu
der statt Liebe und Eintracht, Haß und
Zwietracht genährt werden. Wohin ein
solches Treiben führt, das brauchen wir nicht

Frankfurt, 29. Aug. Dem Vernehmen
nach wird die Bundesversammlung demnächft
auf mchrere Wochen Ferien beschließen. (Fr. I.)

Berlin, 27. Aug. Dcr Prediger Rohde
an der Markuskirche in Berlin hattc sich seiner
Zeit im evangelischen Kirchenblatt zicmlich
energisch gegen die bekannte Knaak'sche Pasto-
renadreffe ausgesprochen. Vor einigen Tagen
hat nun Hr. Rohde, wie die „Berliner Revue"
berichtct, eine anonyme Zuschrift erhalten, in
welcher er unter den injuriösesten Ausdrücken
zum Widcrruf seiner Aeußerungen aufgefordert,
eventuell mit Drohungen aller Art überhauft
wird. Natürlich hat dieser Schmäh- und
Drohbrief keinen Erfolg gehabt. Ebcu so er-
folglos ist auch dcr lctzte Besuch des Pastors
Knaak mit noch zweien seiner Amtsbrüder ge-
blicben, den dieselben zur Erreichung eines Wi-
derrufs bei Hrn. Rohde gemacht haben.

Berlin. 27. Aug. Ein Punkt, über wel-
chen die Verhandlungen zu Gastein zu keiner
Einigung geführt haben, bezieht sich auf die
Rckrutirungsfrage. Seit der dänischen Herr-
schaft in den Herzogthümern hat dort kcine
Nekrutirung ftattgefünden. Bei den Berhand-
lungcn zur Regelung dieser Fragc wurde der
Vorschlag einer getheilten Aushebung, für
Oesterreich in Holstein und für Preußen in
Schleswig, gemacht, wobei die betreffenden
Mannschaften im Lande zu bleiben hätten. Mit
der Beendigung des Provisoriums wäre damit
das Material znr Bildung einer schleSwig-hol-
loading ...