Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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M 3«2


Samstag, LS December



' Politische Nmschau.

* Lie BotschaftdeSPräsidenten von
Nordamerika, welche jetzt ihrcm vollen Jn-
halte nach bekannt ist, wird vvn der Presse so
ziemlich übereinstimmead als-gcmäßigt und sried-
fertig benrtheilt. Den besten Eürdruck macht
die ängekündigte wcitere Reduction der Armce,
und es wird diese -Maßregel als die beste Ga-
rantie für die friedfektigen Absichten des Prä-
sidenten Johnson betrachtct. Die Stelle dcr
Botschaft, die speciell England berührt, betrach-
tet die noch nicht vollständig beseitigten Diffe-
renzen mehr vom theoretischen Standpunkte,
ohne praklische Folgen oaran knüpfen zu wollen,
nnd appellirt an die Zukunft, in welcher Groß-
bbitannien Gelegenhcit nchmrn werde, zu be-
weisen, daß eS die Macht Amerikas nicht unter-
schätze, auch wcnn dieselbe durch innere Un-
glücksfälle zeitwcilig gclähmt sein solle. Auch
in. Bezug auf die mexikanische Angelegenheit ist
Vie Botschaft rücksichtsvoll. Sie erwähnt weder
Frankreichs, noch Mexikos auödrücklich, sondern
wendet sich an allc europäischen Völker, und
stellt den Grundsatz der Nichtinlervention als
venjemgen hin, den sie als allein maßgebend
betrachtet wiffen will, wie ihu Amerika nuch in
Betreff Europas inne hält. Nicht eine bestimmte
Forderung wird-ausgesprochen, sondern nur auf
dic in der Natur der Dinge liegende aüge«neine
Nothwendigkeit hingewiesen, welche die ^Uüon
zum Selbstjchutze ihrer republikanischen Negie-
rungsform, sowie zur Zurückweisung von Außen
kommender Angriffe drängen vnd io den Welt-
srieden stören müßte. Darin kann nun weder
für Frankreich, noch für einen andern Staat
eine Provocation oder eine Demüthigung gc-
funden werden. Dem Ersteren ist vielmehr jetzt
die allmälige Zurückziehung seiner Truppen
auS Meriko erleichtert, zumal es deffen Occu-
pation schon von vornhcrein für vorübergehend
erklärt hat.

Laut einer Depesche der Wiener „Presie"
hätten die nordamerikauischen Gesaudten zu
Wien und Brüffel zu erklären gehabt, daß
Truppenanwerbungen des KaiserS von Mexlko
eventuell mit Anwerbungen für Juarez in den
Unionsstaaten beantwortet werden dürften.

Ein Wtener Telegramm vom 21. Decbr.
versichert, daß die Mittheilung dortiger Blätter
über Absendung einer die Herzogthümerfrage
betreffcnden Note deS österreich. CabinetS nach
Berlin vollständig erdichtet ist. Weder sei eine

Note abgesandt, noch stehe die Absendung einer
solchen bevor, und keinerseitS sind Verhand-
lungen über em Definitivum in den Herzog-
thümerN angeregt.

Die nunmehr erfolgte definitive Ernennung
des Hrn. v. Koch zum Staatsminister deS Jn-
nern unter Beibehaltung des PortefcuilleS als
Cultusminister, ift ein Zeichen, daß die liberale
Bahn des abgetretenen Hrn. v. Neumayr nicht
verlassen werden soll, und daß der Ultramon-
taniSmus in Bayern mit seinen Wünschen und
Hoffnungen keine Berücksichtigung gefunden.
Der, wenn auch ziemlich gemäßigte Fortschritt,
an welchen wir durch Hrn. v. Neumayr ge-
wöhnt wvren, wird wohl in ehrlichcr Wrise fort-
gesetzt werden.

Nach der „Correspondencia di Roma* haben
sich die Nonnen eines armen Klvster- (daS
nicht genannt wird, um nicht Verfolgungen
auSgesetzt zu werden) an die Kaiserin Eugenie
gewandt, um von ihv vor der Aufhebung be-
wahrt zu werden. — 157 geistliche Gemiua-
ricn, deren Einkünfte mil Beschlag brlegt wor-
den sind, wcnden sich an die Gerichte. Sie
haben Herrn Boggio zu ihrem Advokaten ^ge-
nommen.

Deurschland.

Karlsruhe, 20. Dec. Für daS Turn-
wesen war im badischen Lande bisher wenig
zureichend gesorgt. BereitS 1862 hat der Land-
tag die Mittel für eine TurnlehrerbildungSan-
stalt mit jährlich 8250 fl. bewilligt, doch sind
dieselben bisher nicht verwendet. Jetzt dcnkt
man cndlich ernstlich an den Bau der Turn-
halle, die im Lauf des nächsten ZahreS voll-
endet werden dürfte. — Jnnerhälb deS Ober-
rathes der Israeliten finden Verhandlungen
über eine neue Verfaffung der Gemeinden des
LaNdeS statt. Aus StaatSmitteln werdcn ge-
genwärtig den Jsraeliten jährlich 1950 fl. für
CultuSzwccke gegeben; fcrncr erhalten diesclben
einen Beitrag für ihr Schulwesen. welcher bem-
jenigen entspricht. den die beiden andern Con-
fessionen empfangen. Nach dem VerhältNiß der
Staatsbeiträge zu den christlichen Schulen,
welche 163,000 fl. betragen, treffen jährlich
2931 fl. StaatSbeitrag auf die israelitischen
VolkSschülen. Für 1866 erhöht flch dieser Bei-
trag durch einen Nachschuß für einen zu nie-
drigen Ansatz in der abgelaufenen Budgetperiode
auf 3597 fi.

München, 18. Dec. AlS eine Jllustra-
tion zu den Gesandlschaftskosten und Regie-
rungöexigenzen für Vertrclung der Mittelstaa-
ten im Ausland wird gemeldet, daß daS Mi«
nisterium der auswärtigen Angelegenheitcn,
Herr v. d. Pfordttn, der Familie des in Spa-
nien nebst Frau an der Cholera gestorbenen
Prvfessor Hoffmann auS Nürnberg eine Ko-
stenrechnung für die eingekretene diplomatische
Erkundigung nach dem Schicksal der Ver-
schwundencn im Bctrag von 225 Gulden über-
rricht hat.

Aus Bayern. 20. Dec. Der „AugSb.
Abd.-Ztg." schreibt man aus München den
17. Dec.: Nicht geringeS Aufsehen erregt dir
uüterm Heutigen ohne Nachsuchen erfolgte Pen-
sionirung dcS K. OberstsiallmeifterS Otto
Frhrn. v. Lerchenfeld. Das K. Rescript soll
einfach dahin lauten: „Jch sinde mich be-
wogen, Meinen Oberftstallmeister Frhrn. von
Lerchenfeld zu penfionircn." Als Veranlaffung
zu ldieser Pensionirung bezeichnet man daS be-
kannte Vorgehen Lerchcnfeld's gegen den Lcib-
reitknecht deS KönigS, Joseph Völk, wobei
man etfährt, 'daß die gegen deu Lctzteren und
deffen Bruder eingeleitete sträfrechtliche Unter-
fuchung, da tein Grund zur Anklage vorliegt,
bereitö eingestellt ist, und zwar durch^Erkennt-
niß deS BezirkSgerichtes, Und da die Staatsbe-
hörde hicgegen die Berufung ergriff. äuch durch
Erkenntniß dcs K. Appellakionsgerichtes. —
Nach der Erlanger lithogr. Corr. habcn Mit-
glieder der bayrischen Fortschrittöpartei in einer
am 17. in Nördlingen stattgefundenen Ver-
sammlung in Nachstehendem ihrcr gemeinsamen
Aeberzeugung hinstchtlich der Vorgänge in der
Umgcbuilg des KönigS AuSdruck gegeben: I.
Mit den Worten: „Jch will meinem thenren
Bolke zeigen, daß fein Vcrtraucn, seine Liebe
mir über AlleS geht", hat der König die Ent-
lernung deS Componisten R. Wagner auS dem
Lande verfügt. Diese Wortc beweisen klar,
daß dem König gegenüber behauptet worden
ist, die Anwefenheit WagnerS habe zur Beun-
richigung deS VslkcS beigetragen, habe deffen
Vertrauen und beffen Liebe zum König beein-
trachtigt. Mit folchen Behauptungen ist der
König über die Stimmung des VolkeS gröblich
getäuscht worden. Die Anweseicheit WagnerS
hat daS Bertrauen deS Landes und die Liebe
des VolkeS zum Könige nicht beeinträchtigt,
und Wagners Entfernung hat weder Be-

Kchwurgerichtsverhandlungen.

Mannheim, 15. Dec. Heute war daS Sckwur-
gerichk mit der Verhandlung der Ankkage grgen
ben 22jährigen trdigen ZLmmermann Paul Hof-
fert von Seckach wegen Tödtung beschäftigt. Den
Vorfitz führte der gratzh. KreiS- und HofgrrichtS-
Director B enckifer; Vertreter der StaatSbrvörde
war der großh. Oberstaatsanwalt MayS; Ver-
theidiger Herr Anwalt Etber. Die Anklage ging
dnhin, daß Paul Hoffert Sonntag, drn 24. Sep-
tember l.I., dem lrdigen IobannBlaß von Seckach,
in Holge eineS ohne Borbedacht im Affect gefaßten
EntschlusseS, denselben an srinem Körper zu ver-
letzen, auf der OrtSstraße tn Srckach mehrrre Mes-
srrstiche in den Kopf versetzt habc, welche den am
23. October ringetrctenrn Tod drS Drrwundrten
verursacht hätten, und daß diescr Erfolg von dem
Thäter mit mittlerer Wahricheinlichkrit h,be vor-
hergesehrn werdcn könnr». Drr Angeklagte läugnete
die That, wurde aber von den Geschwornen ßhul-
dig befunden, welche auch dic Arage chinsichtlich der
DorauSsrhbarkeit deS Erfolg- den Anträgen drr
StaatSbehSrde gemäß beantworteten, «ährrnd fie

dic weitere Frage, ob der Verlrtzte durch eigenes
Verschulden den Affect dkS Angeklagten hervor-
gernfen habe, vernrinten. Der SchwurgertchtShof
verurtheiite darauf den Paul Hoffert wegrn fahr-
lässiger, durch vorsätzliche Körperverletzung verur-
sachter Tödtung zu etner ArbeitShauSstrafe von
4 Jahren odrr 3*/, Iahren in Einzelhaft.

Eine der intereffantrsten, von den übrrraschend-
stm Erfolgen begieitete Erfindung des 19. Aahr-
hunderts ist unstreitig bte drS ProfefforS Bunsen,

Plastik, die er zum Zweck feiner riertrißchen Ver-
suche inS Lebe» rief.

Man mögc auS dem nachfolgenden, dcr „Zeitung
für Norddcutschland" entnommenen Lrtikel über die
Wichtigkeit dirfer Erfindung sich übrrzrugcn.

Das Tabaksrauchen.

Zum lleberfluß viel ist gegen dtese durchauS haß-
ltche Sitte civUifirtcr und uncivilifirter Völker ge-
schrieben, strts ist in diesen Polemiken barauf hin-
grwtesen, daß die TabakSpfianze rineS der scharf-
sten vegetabilischrn Gifte, daS Ricotin, enthalte,
l daß fich jeder Nauchrr mehr ober weniger vergifte;

alleS dteseS ist aber nicht im Stande gewese», diese
üble Sitte zu vrrdrängrn, im Gegentheil wird der
TabakS-Eo»sum von Iahr zu Iahr starker. Ist
jenrs nun nicht möglich, so ist eS Sache der Wis-
senschaft und Andustrie, Mittel und Wege zu fin-

tinvergtftung ganz oder thetlwetse besetttgt wcrdm,
und dirse Mittrl und Wege find gefundrn.

ES find wohl die eben so mannichfachen alS in-
trreffanten Eigenschaften der porösen Kohle, na-
mrntlich die Absorptiontfähigkeit für Gase und
übelriechenbe Stoffe hinlänglich bekannt, weniger
bekannt bürfte dagegen srin, daß durch Anwendung
drr Plasttk anS poröser Kohle Pfeifenköpfe und
Eigarrentzpitzen angrsertigt wrrden (Fabrik von
Wciß u. Eomp. tn Easfelj. Dirsc Kabrikate
au« poröser Kohle habrn den Vortheil, neben dcn
üdcrschmeckcnden Produkten de« TabakrauchS, den
Lmmoniakunddietheerarttgen vestandtheile, haupt-
fächlich aber daS drr Gesundheit so srhr nachthrt-
Uge Ricotin »ollständig zu absorbiren. Dirse
rabak-köpfe und Eigarrrnspitzen zeichnen fich nebrn-
tzei uoch durch Leichtigkrit, gefälltge Kvrm und Bil-
ligkeit vor allrn anberen derartjgen Srzeugniffen
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