Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Kreisverkündigungsblatt sür den Kreis Heidelberg und amtliches Berkündigungsblatt für üic Aiuts- und Aints-
Gcrichtsbezirke Heidelberg und Wicsloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünü.

M- 208. Dienstag, S- September 18«L

Auf die „Heidelberger

E Zeitung" kann man sich

noch fnr deu Monckt
September,nit 21 Kreuzern abonniren bei allen
Postanstalttn, den Boten und Zeitungsträgern,
sowie der Expedition (Schiffgasse Nr. 4).

* Golitische llmschsn.

Auch das Drcsvner Journal bezeichnet die
Angabe eines Wiener Blattes, daß von Seiten
der Mittelstaaten die Candidatur des Herzogs
von Augustenburg aufgegeben sei, als vollstän-
dig erfunden.

Graf Bloome, der Unterhändler des Gastei-
ner Vertrags, ist iu Paris angekommen. Der
Herr Graf hat den preußischen rothen Adler-
orden erster Classe erhalten. — Der Kaiser
Napoleon ist am 2. dss.. nach Biarritz gereist.

Dis „Debatte" veröfientlicht ein Nundschrei-
ben des Kanzlers von Ungarn, Graf Majlath,
in welchem derselbe es als seine erste Pflicht
bezeichnet, die verfassungsmäßigen und geschicht-
lichen Rechte Ungarns mit der Stellung und
Macht der österreichischen Monarchie in Cin-
klang^zu bringen, so wie die Verbindung Un-
garns mit den übrigen Kronländern der prag-
matischen Sanktion gemäß durch Achtung der
wechselseitigen Nechte und Pflichten unter Be-
rücksichtigung der obwaltenden Beziehungen zu
kräftigen.

Graf Walewski ist zum Präsidenten des
französ. gesctzgebendenKörpers ernannt worden.

Nach der „Jlalia" ist ein belgischer Priester,
der von Rom nach Deutschland abzureisen im
Bcgriffe war und mehrere Audienzen bei dem
Papste, bei Kardinal Antonelli und bei Fran; II.
gehabt hktte, von den Franzosen verhastet und
nach Toulon gebracht'worden; es ist von einer
Verschwörung die Rede, welche Verzweigungen
in Frankreich haben soll.

Der Telegraphenvertrag zwischen Jtalien und
der Schweiz ist am 30. Aug. ratifizirt worden.

Jn Peru verlicrt die Regierung gegenüber
der Nevolution allen Boden. Die Aufständi-
schen stehen schon in der Nähe von Lima. Der
peruanische Gesandte in Chili hat sich für die
Revolution erklärt und ift nach Hause gereist,
um sich der Jnsurgentenflotte anzuschließen.

D e ri t s ch L a rr d
Vom Neckar, 1. Sept. Man liest
in neucrer Zeil in auswärtigen Blättern, welche
trersog.avancirten demokratischen Richlung ange-
hören, wiederCorrespondenzcn aus Baden, welche
unserer gegenwärtigen Vcrwaltung eine gewisse
Erlahmung, ein Stillestehen auf der früher be-
tretenen Bahn der constitutionellen Reförmen
in allen möglichen Tonarten zum Vorwurf
machen. Das Ministerium bedürfe eines Sporns,
damit das berüchtigte bundestägliche „Dem-
nächst" nicht auch zu einer ständigen Maxime
der badischen Regierung werde, wozu leider
aller Anschein vorhanden sei. Das Ministe-
rium — es ist namentlich das des Jnnern ge-
meint — sei crmüdet, während eine agitato-
rische Partei — es ist die ultramontane reac-
tionäre gemeint — „deren Energie und Aus-
dauer nicht zu unterschätzen sei", Alles in Be-
wegung setze, um eine solche Schwäche des po-
litischen Rechtszustandes, die man nicht gewahr
werde, weil cin liberaler Minister am Ruder
fitze, für rcactionäre Bestrebungen auszunützen,
und alles bisher Errnngene wieder in *Frage
zu stellen. Die demnächst zusammcntretenden
Wahlbezirke werden dann ermahnt, diesen Zu-
fiand wohl zu beherzigen, und nach entschiede-

denen und unabhängigen Characteren bei Zei- ^
tcn sich umzusehen u. s. w.

Wir müssen vorcrst bedauern, daß selbst ein
Blatt. dessen Haltung wir sonst, namentlich in
Sachen der deutschen Frage, zu schätzen Ur-
sache haben, einem solchen Gemengsel von Wah-
rem und Unwahrem, von Zutreffendem und
Verfehltem ohne weitere Prüfung seine Spalten
öffnet, und das öffentliche Urtheil über uns,
wenigstens im Auslande, wo man unsere Ver-
hältnisse nicht aus eigcner Anschauung kennt,
zu beirren beiträgt. Zm Jnlande zwar weiß
jeder besonnene Freund freiheitlicher Zustände,
was er von solchen Angaben zn halten hat;
sie haben vor ihm denselben Werth, wie die
von entgegengesetzter Seite wider uns erhobe-
nen Vorwürfe, daß man in dem armen
Baden unausgesetzt experimentirc, stets Alles
in Bewegung setze, und aus lauter Hast vach
Neuerungen allen festen Boden verliere. Diese
beiden entgegengesetzten Anklagen, die sich im
Grunde genommen einander selbst aufheben,
sind nicht neu; sie sind uns schon früher wie-
derholt im Laufe der fortschreitellden constitu-
tionellen Entwickelung unserer öffentlichen Zu-
stände gemacht worden, und zwar die einen von
ultrademocratischer, die andern von reactionä-
rer und büreaukratischer Seite. Wir dürfen
uns nicht wundern, derselben Erscheinung auch
heute wieder zu begegnen; es sind die alten
Gegner, die einen aus Unwisienheit, die andern
aus Uebelwollen.

Baden ist auf d.er Bahn constitutioneller
Entwickelung von allen andern deutschen Staa-
ten am weitesten und consequentesten vorange-
schritten; dies müssen auch die Gegner zuge-
stehen. Namentlich ist jenes unter der gegen-
wärtigen Verwaltung seit 1860 geschehen; hier-
an hat namentlich der Vorstand des Ministe-
riums des Jnnern weitaus den wesentlichsten
Antheil. Wir habcn die wichtigsten Zweige
des öffentlichen Lebens auf neuen ächt consti-
tutionellen Grundlagen auferbaut, und sind
eben daran, sie in's Leben ein- uud durchzu-
sühren. Was ist naturgemäßer, daß wir für
jetzt einigen Halt machen, um Erfahrungen zu
sammeln, wo noch zu helfen, wo zu ändern
und zu besiern sei. Die Durchführung un-
serer neuen Verwaltungsorganisation, die wie
keine andcre aus dem ganzen Continente dem
Principe der Selbstverwaltung huldigt, ist allein
schon ein Werk, das die ganze Thätigkeit des
Ministers des Jnnern in Anspruch nimmt.
Es wäre geradezu unverzeihlich, hierHalbes zu
thun, die Kräfte zu zersplittern, und dadurch
vielleicht gerade das zu bewirken, was man be-
fürchtet, nämlich durch einzelne Mißgriffe der
Reaktion und dem Ultramontanismus aus die
Beine zu helfen. Je mehr dieser Gegncr einen
Kampf aus Leben und Tod mit äußerstcr
Energie gegen unsere constitutionellen Errun-
genschaften erhebt, je mehr er in Entstellungen
und Täuschungcn seine Waffen sucht, desto
mehr ist es geboten, an sich zu halten und
keinerlei Blößen zu geben. Die ultramontanen
Uebcrtreibungcn und Schwindeleien werd.en
durch ultrademokratische nicht gut gemacht, wohl
aber erhalten sie dadurch Nahrung. Wir wollen
nur ein Beispiel ansühren. Dcr radicale Ruf
nach sog. Communalschulen, der von cinigen
sehr vercinzelten Stimmen in den ulrramonta-
nen Lärm unseres Schulstreites hineintönte,
hat unsern Kirchenmännern mehr genützt und
ihrcr Agitation, zumal auf dem Lande, mehr
Vorschub geleistet, als die ganze Weisheit un-
serer Capläne vermocht hättc.

s Doch die realen Dinge haben für gcwisse
excenlrische Weltverbesserer wenig Bedeutung;
sie haben ihre ein sür allemal fertigen Scha-
blonen, nach welchen sie ohne Weiteres die
Welt sormen wollen.

Darrnstadt, 2. Septbr. Die „Hessischen
Volksblätter" werden nach dem „F. I." vom
1. Octbr. an zu erscheinen aufhören. (F. I.)

Stuttgart, 2. Sept. Der Kriegsminister
Müllcr wurde aus sein Ansuchen in Ruhestand
versetzt und an seine Stelle ist der General-
leutnant Wiederhold als Krieqsminiftcr ernannt.

Kassel, 2. Septbr., Vorm. Nach der
„Hcssischen Morgenzeitung" hat der höchste
Gerichtshof daö obergerichtliche Erkenntniß vom
22. Decbr. 1863 in Sachen Meycr gegen den
Staatsanwalt wegen Anmaßung einer Jagd-
gerechtsame auf des Ersteren Grund und Boden
bestätigt und damit die Unrechtmäßigkeit und
Unvollziehbarkeit der Jagdverorduung vom 26.
Januar 1854 und das Zurechtbestehen des
Jagdgesezes vom 1. Juli 1848 rechtskräftig
anerkannt.

München, 1. Septbr. Die „Bayerische
Zeitung" meldet: Der Bundestagsausschuß be-
schloß gestern mit b gcgen 2 Stimmen, vorerst
übcr den mittelstaatlichen Antrag vom 27. Juli
keinen Vortrag zu erstatten, sondern auf die
angekündigten weiteren Mittheilungen Oester-
reichs und Preußcns zu warten. Bayern und
>L>achsen haben sich für sofortige Berathung
ausgesprochen. Die Bundesversammlung wird
hierauf mit 13 gegen 3 Stimmen bis zum
26. Oklober vertagt.

.BerLin, 2. Sept. Von den betreffenden
Ministern ist die unbedingte Freigebung der
beiden Deutschamerikaner verfügt worden, wclche
wegen nicht erfülltcr Militärpflicht in Unter-
suchung gezogen worden waren.

Hatrrburg, 2. Scpt. Ueber 2000 Nord-
schleswiger sind heute Nachmittag auf 6 Dampf-
schiffen in Korsoer (auf der Jnsel Secland)

- gelandet. Begeisterter Empfang und Begrü-
ßung von Seiten der Bürgerschaft. Alle
Bahnstationen waren festlich geschmückt; von
nah und fern strömte die Bevölkerung zusam-
men. Die Schleswiger reisen weiter nach Ko-
penhagen.

Kiel, 2. Septbr. Wie die Kieler Zeitung
meldet, hat sich General v. Manteuffel heute
an Bord des Cyklop nach Friedrichsort bege-
ben. — Die Werst-Division wird hierher
verlegt.

Kiel, 2. Septbr., Vormittags. Nach der
„Kieler Zeitung" findet am nächsten Mittwoch
eine Vcrhandlung von Mitgliedern der holstein-
schen Ständeversammlung statt. Auch andere
Korporationen werden Besprechungen halten
über die Lage des Landes.

Kiel, 2. Septbr. Dem „Schleswig-Hol-
steinischen Verordnungsblatte" zufolge hat die
Ober-Civilbehörde dem Jngenieur Kröhnke die
Erlaubniß für Nivellements für eine Eisen-
bahn von Hamburg-Segeberg-Oldenburg bis
nach der Nordküste bei Fehmarn und dem
Obcrbaurathe Lentze die Erlanbniß zur Her-
stellung einer Kanallinie von Steinrade nach
Kiel ertheilt.

Wien, 2. Septbr. Die „Presse" erfährt,
Hr v. Halbhubcr, welcher vergeblich seine
Demission nachgesucht, werde als Civilcommis-
sär auf dem Kieler Schloß residiren; wegen
des Sitzes dcs Militärgouverneurs schwanke
man zwischen Kiel und Allona. — Nach einem
Börsengerücht hätte die Creditanstalt den Haupt-
treffer der 1864er Loose gewonnen.
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