Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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tidrlbkrgrr Zrilmig.

Hreisvkrküuölgungsblgtt für den Kreis Heiüelberg unb amtliches Äerkündigungsblatt für die Amts- unü Amts-
Gerichtsbezirke Heidelberg miü Wiesloch und dcn Aintsgerichtsbezirk Neckargemünü.


Kicnstag, I« October

L8«L.

BesteUunAeii auf-ie „Heidelberger

dieser wichtige Act von der gauzen liberalen

Vorschläge sollen nur d

ie Grundlage bilden

Zeirung" nebst Beilnge „Heidelber-
ger Familienblätter" für das mit 1.
October 188S begonnene 4. Quartal
y,erden fortwährend angeyommen.

Aie Gxpedition

XXZu den bevorstehenden Wahlen.

.KaiijM siild die Wahleu zur KreiSversamm«
lung vorübcr, so sind .uttsere Mitbürger schon
wieder zu einem glcich wichtigen Acte bcruseu,
nämlich zur Wahl der Wahlmänner für
die ueu zu wählciiden Abgeordneten zur II. Kam«
mer der Landstände. Das Wahlrecht ist eines
der kostbarsten Güter, welche die constitulionelle
StaatSsorm den Bürgern gewährt. Diese'wählcn
ihre eigcneu Vcrtreter, ohne welche kein Gesetz
gegeben, keine Stcuer auferlegt uud erhoben
werden kanu. Je uuabhängigcr dieselben sind,
je fester sie an den Grundsätzen wahrer Frei-
heit häugen, je vollstäudiger sie auf dem Boden
der Fortschrittspartei stehcn, um so sichercre
HÜter der Verfasiuug sind ste. In der gegen-
wärtigen Zeit sind wir zwar in Baden so glück-
lich, eine wahrhaft freisinnige Negierung zu be-
sitzen, und es ist viel eher die Pflicht der Ab-
geordncten, vieselbe in ihrem Slreben zu unter--
ftützcn, als ihr Opposition zu machen. Allein
es kann auch wieder anders kommen, und die
Hefchichte selbst auch unseres kleinen Landes ift
uur zu reich an Beispiclen von Wandlungen.
Es bleibt daher immcr die Aufgabe aller srci-
sinnigen Wahlberechtigten, darauf hin zu wir-
ken, dag ihre.Vertreter in jeder Hinstcht zuver-
lässige Männer sind. Solche werden aber nyr
dann aus der Urne hervorgehen, wenn zunächst
die Wahlmänner selbst gesinnuiigstüchtig und
ubcr die Ziele eincr gesunden Fortentwicklung
freiheitlicher Principien auf dem gelegten Grund
klar sind. Dic Wahl der Wahlmänner ift da-
her cin sehr wichtiger Act in dem Gemeinde-
uiid Staatsleben, und es wärc ein Zeichen von
förmlich)'r Erschlaffung der politischen Thätig-
keit iu der Bürgerschaft, wollte man dieselben
einfach dem Zufalle odcr dem besondcreu Ein-
fluß einiger weniger Männer, die dasür thätig
sein möchten, überlassen, ganz abgesehen davon,
daß die gegnerische clericalc Partei sich noch
lange nicht besicgt gibt und ihre Bemühungen
im Stillen in geschlossener Partei fortsetzt. Das
Jnteressc der guten Sache verlangte daher, daß

Partei in die Hand gcnommen wurde. Von
dieser Ueberzeugung geleilet, hat das in der
jüngsien Vorwahl der Wahlmänner zur Kreis-
versalnmlung zum Behufe ciner engeren Orga-
uisation der Fortschriltspartei gewählte provi-
sorische Comite am letzten Donnerstag Abend
eine größere Versammlung von Männern zu-
sammen.berufeu, deren politische Gesinnung über
jeden Zweifel erhaben ist, und die auch die-
selbe schon durch praktische TMigkeit bei srühe--
ren Wahlen bewährt habcn. Diese haben nun
eiue offene, von keiner Rücksicht auf perjönliche
Stelluug gehinoerte, Vorbesprechung über
die vorzuschlageuden Wahlmänner abgehalten
und ftets, wo mehrere Vorschläge einander ge-
genüberstanden, unparteiisch nach Stimmen-
mehrheit enlschieven. Dabei hal man so viel
als möglich allen Klassen der Bürgerschast ge-
recht zu werden gesucht. Es gibt allerdings
glücklicherweise noch viele würdige Männer unter
der Bürgerschaft, die sich auch zu Wahlmännern
geeignet hat'ten; allein für's ekfte ist diescSmal
die Zahl derselben beschränkter (es sind nur 59),
und sürfs zweitcLilt eö, — der schwarzen Parlei
gegenüber — die Wahlmänner mit möglichst
großer Majorilät durchzubringen. Von den
Voraeschlagenen glaubt man, aus die bisherige
Erfahrung gestützt, dieses annehsnen zu dürsen.
Wäre aber die Liste gänzlich erneuert worden,
so war ein solches Nesultat in Frage gestelll.
Es wurde deßhalb vorgezogen, sür dieses Mal,.
und weil die Zeit so sehr drängte, die Meisten
derjenigen wieder vorzuschlagen, welche auf der
Kreiswahlmännerlisie standen. Eche andcre
Frage wurde dabei auch noch erörtert, welche
sich auf den Antrag bezog, auch ejnige StaalS-
bcamte in den Wahlvorschlag aufzunehmen. Es
war hierbei neben anderen Rücksichten beson-
ders dcr ,Umstand von Wichligkeit, daß die
Wahlmänner aus acht Jahre gewählt werden,
und daß bei dem öfteren Wechsel der Staats-
beamlen das Wahlcollegium häusig in die Lage
kommt, dadurch mehrere seiner Wahlmänner zu
verlieren, was unter Umständen bedeutend in
die Waagschaale sallen könnte. Es drang da-
her die Änsicht durch, daß die Wahlmänner
nur auS der Reihe ganz unabhängig gestelller
Mäuner genommen werden sollen. Das Co-
mile beabsichtigte übrigens durchaus nicht, mit
seinen Vorschlägen den Urwählern irgendwie
die Hände zu bindcn. Jm Gegentheil, diese

auf welcher in den, jewcils vor dem Tag der
Wahl cinzuberufenden DistriclSversammlungen,
die Liste der wirklich Vorzuschlagcnden fest-
gestellt werden soll, wie dieß bereils am Frei-
tqg Abend in der l. DistrictSversammlung ge-
schehen ist. Solche Versammlungen und das
jeweilige Local derselben werden jedeSmal recht-
zeitig in den Localblättcrn bekannt gemacht wer-
den, und es ist nur zu wünschen. daß die dem
District angehörigen Urwähler sich recht zahl-
reich dabei betheiligen mögen, um einen mög-
lichst allseitig gebilligten Wahlvorschlag zu er-
zielen. Doch dürfen wir nicht unterlassen hin-
zuzufügen, daß sobald in diesen Versammlungen
das Resultat der Vorschläge festgestellt ist, als-
dann jeder liberale Bürger es sür seine Pflicht
erkennen möge, mit Hintansetzung aller persön-
lich abweichenden Ansichten an denselben fest-
zuhalten und Pichts mehr daran zu ändern;
denn wenn auch einzelne Namen in der Liste
geändert werden wollten, so würde dieses dem
NeuUHgkfügten Nichts nützen; es gäbe nur
vWorene" Stimni en.

So mögen denn alle libcralen Wahlbe-
rechtigten mit gleichem unverdrossenem Eiser an
den entsprechenden Tagen bei der Wahlurne
sich einfinden, damit auch jetzt das Resultat als
ein gleich glänzender Sieg dcr Fortschrittspartei
erscheine, wie es jüngst bei den Wahlmänner-
wahlen zur Kreisversammlung der Fall war.

* Politifche Umfchau.

* Ein libcrales ostcrrcichisches Blatt sieht in
der Reise Bismiarcks nach Paris die fac-
tische Anbahnung von früher schon besprochenen
Versöhnungsprojecten. Es erkennt in dem Be-
streben Preußens, eine Umgestaltung Deutsch-
lands herbeizuführen, die nächste Gefahr sür
den curopäkschen Frieden. Bismarck, — so
nimmt es an — geht deßhalb nach Paris, uni
einen Coup gegen Oesterreich auszuführen, das
durch die Drohung einer preußisch-sranzösischen
Allianz gezwungen werden soll, Preußen in
Deutschland vollständig gewähren zu lassen.
An Oesterreich sei es nun, sich zu entschciden:
Ob Briich mit Preußen oder Duldung der
Bismarck'schen Politik. Natürlich spricht sich
jenes Blatt für das Erstere aus. Zu gleichcr
Zeit heißt es wieder, daß Hr. v. Bismarck be-
absichtige, auf den Wunsch Frankreichs Nord-
schleswig an Dänemark abzutreten. Zu dieser

Schwurgerichtsverhandlunzen.

Mannheim, 3. October. Georg Diehm von
Schweigern kaufte am 10. August v. I. von Alt-
burgermeister Weber von da dessen sämmtliches
Kleeheu im Belauf von etwa 70 bis 80 Centnern
1 fl. 24 kr. Dabei wurde bedungen, daß Diehm
das Hen in 8, längstenö in 10 Tagen abholen
uiüsse. Als dieser jedoch mit der Abfassung des
Heues zögerte unb mehrmaliger Aufforderung keine
volge leistcte, ließ ihm Weber am 30. September
^roffnen, daß er sich nunmehr an den Kaus nicht
Aehr gebunden erachte. Diehm trat nun unt der
^lage aus Vcrtragserfüllung gegen Weber auf, in-
bem er als den Tag bcs Vertragsabschluffcs einen
wateren Tag angab und das Geding einer bestimm-
«n AbfaffungSfrist versckwieg, beziehungsweise wi-
versprach. Durch rechlSkräftiges Urtbeil des hiefigen
Appellationssenates wurde über dieses Geding dem
«lager Diehm, der gegen daS den beklagten Weber
zum Erfüllungseid zulaffende amtsgerichtliche Ur°
ryeil die Berufung auSgesührt batte, der Haupteid
^.i^rlegt, welcher denn auch in ber Folge von

Anzeige des Weber eingeleitrte Untersuchima
vatte so yjel Material geliesert, um Diehm wegen
-^"tnelds vor das Schwurgrricht zu verweisen. In
beutigen Verhandlung, durch ben Wahrspruch der
^eschworenen schuldig erklärt, wurde der Angeklagte

ren in Cinzelhaft, zu einer Geldstrafe von 200 fl.
und zur Cibesiinfähigkeit verurtheilt. — Nachmil-
tags standen 2 jugcndliche Angeklagte unter der
Beschuldigung eines schweren Vergehens gegen die
Sittlichkeit vor Gericht. Iakob Link von Hetdel-
berg ist crst 15 Jayre .ind Valentin Maier von
da Ib V^I^Hre alt.^ Der Erstere läugnete, wäh-

sürbchiildig und^zn Zuchthaus von 3 Iahren oder
2 Iahren in Einzelhaft verurthrilt.

Mannheim, 7. Oct. Die Tagesordnung führte
beute zür Verhandlung über die Anklage gegen den
27jahrigen Bäckergesellen Iakob Vögely jung von
H^eidelberg wegen fahrlässig», dur^ch r^tz l iche^Kö^^

^wohl wie seine Begleiter, dte in einem Wagen
lll. Llaffe ihre Plätze erngenommen, verursachten

senden sich beschwerten.

Eni in einer anderen Abtheilung des nämlichen
Wagens fitzender Kaufmann ermahnte die jungen
Leute zur Ruhe, wurde jeboch von dcnselben boh-
nisch abgefertigt. Der 50 Iahre alte Weüigärtner
Conrad Dittney versuchte nun die Ruhe herzustellen,
allein erst einem herbeigerufenen Kondukteur wurde
Folge geleistet. Als sodann der Zug aus dem letz-
ten Tunnel herauSfuhr, lehntc sich Jakob Vögeky
über die Brüstung, welche seine Abtheilung von
derjenigen, in welcher Dittney saß, trennte, und
sagte zu Letzterem: „Du btst so alt und noch so
dumm" oder auch, wre andere Zeugen börten: „al-
ter Esel", worauf Dittney thm mit seincm Stock
einen Schlag versetzte und Vögely dagegen mit sei-
nem Stock auf Dittney zurückschlug. Auch ist bei
diescm Streite von Seiten Dittney's der AuSdruck
gefallen: daS seien dem Bäckcr Vögely scine bösen
Buben. — (Schluß f.)

Borläufig bemerken wir, daß das Urtheil gegen
den Angeklagten auf 8 Monatr Kreisgefängnlß
lautet.

(Erprcßdienstmann.) Dieses Wort erklärt
ein Münchener Blatt, wie folgt: „Etn rothmützi-
ger, der Menschheit nützigcr, für 3 kr. laufender,
für 6 kr. schnaufender, sür 9 kr sich erhitzender
und für 12 kr. schwitzender HülfSarbeiter."
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