Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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KreiSlierklilidigilligMatt siir üen Kreis Heidclberg uiiü amtliches Berküildigungsblatt für üie Amts - und Amts-
Tcrichtsbezirke Heidelbcrg und Wicsloch md den Anitsgerichtsbezirk Neckargemüuü.

N 226. Dienstug, 26 Scptember 186».

L Zur Situation.

Jm Augenblick, wo alle Gemüther unserer
Umgebung von dcr politischen Bewegung erregt
smd, wo die Wühlereien der Römlinge die
freien Entwickelikngen unserer neuerworbenen
Jnstitutionen nachtheilig zu beeinflussen drohen,
erscheint es geboten, das Terrain zu sondiren,
auf welchem wir uns heute befinden. Und
siehe da, es gehört nicht sehr viel Strategie
dazu, um zu erkennen, daß wir es leider auch
mit Hindernissen zu thun haben, welche zum
Theil nicht vorhanden, wenn nicht in unserem
eigenen Lager solche dem Feinde als Position
überlassen worden wären, der sie nur zu gut
zu seinem Portheil auSzubeuten versteht.

Die Easinos, bie katholischen Wahlversamm-
lungen — Lindau'sche Letzenbergiaden — die
Bruhrheinischen Wahlergebnisse und dergl. m.
sind wahrlich der Dinge genug, welche nur
ein gesundcr Magen verdauen kann. Jst es
auch nicht schädlich gewesen, die Agitationen der
Jesuiten bis heute geduldet zu Haben, und ist
auch gewiß, daß die Paar römisch-katholischen
Wahleu uns nichts schaden werden und daß
die schwarze Propaganda keine Fortschritte macht,
so wissen wir doch heute genau, daß mit Güte
gegen unsere Gegner nichts auszurichten ist.und
wir, um endlich Ruhe vor den unerquicklichen
Hetzereien zu bekommen, mit allen gesetzlichen
Mitteln gegen die intriguirende Caplanei ver-
fahren müsscn. Von den uns schädlichen Hin-
dernisten, hinter welchen der Feind sich zu sei-
nem Vortheile postirt, ist eines die unerschöpf-
liche Nachsicht der Negierung gegenüber den
rücksichtslosen Angriffen und sortwährenden Ver-
dächtigungen ihrer Feinde. Das Wort ist frei;
aber seine Freiheit wird mißbraucht von den
ultramontanen Parteigängern in Reden und
in der Presse; die Presse wird mißbraucht,
dcnn sie dient ihnen zur Verbreitung heuchle-
rischer Erzeugnisse des Jesuitismus und ver-
kornmener Priesterherrschaft und auch nicht eine
Silbe gesunder Vernunft klebt an den Anschul-
digungen, mit welchen die Regierung permanent
heimgesucht wird; freie Meinung ist Jedem
überlassen und es scheint sich die Regierung
auch darum nichl zu kümmern, ob die öffenl-
lichen Diener die Situation beherrschen oder
uicht. Aber die Situation ist das Sein oder
Nichtsein des herrschenden Princips: Sollen,
wollen wir trotz nnserer eminenten Mehrheit

Posen, 14. Sept. Zur Bcleuchtung cines hicr
vorgefaUenen Polizeiscandals geht der Ber-
liner Reform folgendes Actenstück zur Veröffent-
lichung zu: „Beschwcrde des Kaufmanns Elias
Friediändcr hier. Posen, den 11. Sept. Einer
Königl. wohllöbl. Regierung erlaube kch mir, nach-
stehende Bcschwerde wider das K. Polizeidirccto-
rium hierselbst vorzutragen. Am 5. d. M. würde
wir cin Brief vom Kön. Polizeidirectorium hier-
Ülbst überreicht, welcher die Adresse: „Dem Knaben
Oskar Friedländer cito hierselbst" führte. Der Zn-
dalt dieses Schreibcns war folgender: „Der Knabe
Oskar Friedlänver wird hiemit aufgefordert, zu
seiner Veruehmung am Dienstag, den 5.. d. M.,
o Uhr Nachmiktags, im Polizeiburcau vor dem
Erpedienten Hcrrlich sich einzufinden. Da ich diese
Vorladung für irrthümlich fand, weil ich mir nicht
bknken konnte, daß mein Sohn Oskar, wclcher
d Zahre a'lt ist, rine Vorladung von drr Polizei
rrhalten könnte, begab ich mich selbst auf das Po-
uzeidirectortum, um mich über die Ursache diescs
^rrfahrens zu erkundkgen. Der stellvertretende Po-
ljeipräsir-cnt, Hexr Affcffor Strom, erklärte mir,
aß die Vorladung vollständig richtig adressirt wäre,

uns durch wenige fleißige Arbeiter „in dem
Herrn" dcn Boden unter den Füßen wegschür-
stn, das Heft aus der Hand nehmen lassen?
Wenn in einem coustitutionellen Staate die
Regierung eine Stütze in der Volksvertretung
d. h. in der Mehrheit des Volkes finden, und
mit dieser in Uebereinstimmung sich befinden
muß, so darf die Staatsregierung von den
Trägern der öffentlichen Gewalt erwarten, daß
sie ehrenhafte, aufrichtige Vollzugsorgane deS
leitenden Gcoankens seien, die Verwaltungs-
Beamten müffen es als ihren Beruf betrach-
ten, die Aufgabe des Staats zu verwirklichen,
sie müssen mit ihrer Person und ihrem Ein-
fluß die Ziele der Negierung zu erstreben und
alles zu verhindern suchen, wodurch das An-
sehen und die Autorität der höchsten Vollzugs-
behörde in ungesetzlicher Weise zu schwächen
und zu untergraben beabsichtigt wird. Wir
müssen dem Wurm „Schleicher" den Kopf zer-
txeten und dazu muß das öffentliche An-
schen — mögen es unsere Feinde „Gewalt"
nennen — wirken. Es kann dieß aber nur
durch politisch reife Repräsentanten des
öffentlichen Ansehens geschehen und Solche,
welchc in richtiger Würdigung ihrer socialen
Slellung dem Drang der öffentlichen Meinung
folgend sich der Situation zu bemächtigen wis-
sen. - Es genügt nicht, daß der „Arm der Ge-
rechtigkeit" — oft nur durch die Umstände g e-
drangt — strafbare Handlungeu von Partei-
gqngern zur Anzeigc bringt, sondern daß solche
Handlungen auch gebüh^kNd zur Rechenschaft
gezogen werden; es genügt nicht, daß man be-
treffenden Orts keine Kenntniß davon hat,
daß in nächster Nähe alle .nöglichen Erzeug-
nisse einer verdorbenen PM'e ohne gesetzliche
Erlaubniß und ohne die gesetzlichen Vorbe-
dingüngen verhausirt, feilgeboten und auf andere
wie immer passende Weise verbreitet werden.
Reicht die Fassungskraft des „Arms"' nicht
aus, solche Gesetzesüberschreitungen zu verhüten,
so mag die „Gerechtigkeit" selbst sehen, wie sie
den „Arm" ersetzt. — Die öffentliche Meinung
verdammt das geringste politische Vergehen und
will gesühnt sein, sie verdammt noch mehr die
Lauheit,h,er Gesinnungen und fordert Energie.
Sie vcrlängt vom Staate nicht nur Anerken-
uung, sie will von ihm getragen sein, denn sie
ist sein Geist. Mögen ihre Handvoll Gegner
Freihcit predigen oder diese verdammen: Die
Freiheil kann nur von der öffentlichen Meinung

den Knaben durck zwei Polizeibcamte abholen zu !
lassen. Es erschienen auf Grund dessen zwei Poli- !
zeibeamte in meiner Behausung und verlangten ^
die sofortige Uebergabe des Knaben. Da ich der !
Polizei nicht Widerstand leisten konnte nud ich es j
für den Charaktrr eines solch jungen KindeS für >

nen, die, wie auf bie Folter gespannt, im Vor- !
zimmer warten muß, ohne den Grund zu wiffen, !
weßhalb ihr so junges Kind vor die Polizeibehörde j
gcladen und vernommen werden soll. Nach langer

vcrstanden und gepflcgt werden. nicht von
schwarzen Priestern, d e unaufhörlich unscre
freien Jnstitutionen und die Verfassung an-
tasten. — „Ruhc ist des Bürgers erste Pflicht",
und wir wollen Ruhe. Folgen unscre Röm-
linge dieser Pflicht nicht, so mögen sie nach
Noms gesegneten Gefilden gehcn, dort Arbeü
suchen ihrer Neigung nach.

* Politische Umschau.

* Durch die neueste Proclamation des
Kaisers von Oesterreich ist der vielfach
schon besprochenc DualiSmus in diesem Reiche
förmlich anerkannt. Dieses Manifest hat lange
auf sich warten lassen; vielleicht hofftc man in
Wien noch günstigere Bedingungen von den
Ungarn zu erhalten, was aber nicht gelungen
ist; und so mußte man endlich das October-
und Februarpatent, welches die Constitution
Oesterreichs enthielt, sistiren. Wer unbefangen
die staatlichen Zustände Oesterreichs in's Auge
faßt, vermag die eigenthümlichen Schwierig-
keitcn, mit welchen der Kaiscrftaat zu kämpfen
hat, nicht zu verkennen. Der Hauptgrund der
Nachgiebigkeit der österreichischen Regierung Un-
garn gegenüber liegt offenbar in den Beziehun-
gen Oesterreichs zu Jtalien. Dieselben haben
sich in neuerer Zeit wieder so schroff als mög-
lich gestaltet. Der bedeutsamste Passus in der
Proclamation ist der, welcher die neuere Stel-
lung der Verfassungsverhältnisse zwischen den
Kronländern diesseits und jenseits der Leitha
grundgesetzlich zu regeln verheißt. WaS im
Uebrigen von einer Freiheit der Bahn, von
einer constitutionellen Fortentwicklung der Ver-
fassungen der übrigen Kronländer gesagt ist,
dürfte, bis auf eine nähere thatsächliche Bethä-
tigung, als eine Verdeckung des Rückzugs, alS
eine schöne Phrase zu betrachten sein.

Die Hamb. Nachr. bringen cin Wiener Tc-
legramm des Jnhalts: Die Regierung beab-
sichtigt, wenn Ungarn gcsprochen, die Verein-
barung einer Verfaffung mit einer aus den
Landtagen nck üoe gewählten Versammlung.

Der Moniteur veröffentlicht ein Circular des
MinisterS des Jnnern an die Präfecten, worin
diese verpflichtet werden, mit Aufmerksamkeit
den Departementalblättern zu folgen und, falls
diese einen bedeutenden.Jrrthum enthalten soll-
ten, die thatsächliche Wahrheit durch ein „Mit-
getheilt" herzustellen, ohne jedoch dabei in eine

wie folgt: Es unirde mir gesagt, tch hatte zu dem
kleinen Karl Eimerich (noch nicht 9 Jahre alt)
gesagt, deffen Schwester Selma wäre dem Polizei-
präsident v. Barrensprung ins Bad nachgefahren.
Mein Sohn bestritt dies, da er dies nicht gesagt
habcn wtll. Am folgcnden Tage'rrschien wieder
ein Polizeibea mrer in meiner Wohnung; drrselbe
sagte mir, daß er strenge Ordre hätte, mein Kind
ohne jede Begleitung nach dem Polizeibureau zu
bringen. Mein Sohn befand fich nicht zu Hause,
sondern in der Quinta des Friedrich-Wilhelm-
Gymnasiums, wrlche Schule derselbe besucht. Der
Polizeibeamte verfügte fich ohne Wciteres dorthin,
rief den Knaben aus der Sckule, ohne den Di-
rector oder den anwcsenden Lehrer hievon zu be-
nachrichtigen und escortirte denselben, einem ge-
meinen Verbrecher gletch, durch alle Hauptstraßen
nach dem Polizeibureau. Dies wurde mir von
fremden Leuten mitgetheilt, und ich begab mich
sofort mit meiner Frau ebenfalls dorthin, um den rc.
Strom über sein Benehmen einem solchen Kinde
gegenüber zur Rede zu stellen. Dort mußten wir
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