Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Utideltitrger Zeilung.

Kreisverküildigungsblatt für den Kreis Hcidclberg nnd anttliches Zerkündigungsblatt für üie Amts- nnd Antts-
Gerichtsbczirke Heidelbcrg unü Wiesloch und den Aintsgcrichtsbezirl Neckargeinünü.

R- Donnerstag, S October 18«L

Bestellungen auf die „Heidelberger
Zeitung" nebst Beilaqe „Heidelber-
ger Familienblätter" für das mit 1.
October 186S begonnene Quartal
werden fortwährend angenommen.

Die Expedition

* Politifche Umfchau

Nach Ländern geordnet, bethciligten sich an
ben Verhandlungen deutscher Landcsvertretun-
gen in Frankfurt 80 Abgeordnete aus Bayern,
37 aus Frankfurt, 27 auS Württemberg, 22
aus dem Großhcrzogthum Hessen, 21 aus Nas-
sau, 18 aus Baden, 19 aus Schleswig-Hol-
stcin, 10 ans Hannover, 9 aus dem ^önitzreich
Sachsen, 7 auS Preußen, 6 aus Kurhessen,
3 aus Braunschweig, je 2 aus Meiningen,
Weimar, Hamburg, Coburg-Gotha, je 1 auS
Altenburg, Lübeck, Lippe-Detmold und — Oe-
st^rreich; im Ganzen also 271.

Nicht nur die preußische, sondern auch die
bayerische Telegraphenstation in Frankfurt hät-
ten sich geweigert den Wortlaut des voni Ab-
geordnetentag angenommenen AntragcS des 36er-
Ausschusses, wie auch einen Auszug auS dem-
selben, zu telegraphiren.

Einem vorläufig noch sehr unverbürgt auf-
tretenden Gerüchtc zufolgc soll Preußen den
Wunsch, für die Abtretung Holsteins an Oe-
sterreich acht Millionen Silberthaler entrichten
zu wollen, auf allerhand indirekten Wegen zu
verstehen gegeben haben.

Die „Kieler Ztg." widerlegt die Nachricht,
welcher zufolge Hr. v. Wydenbrugk seine Stel-
lung in Wien aufgegeben hätte und nach Mün-
chen übersiedeln wollte; derselbe sci zum Ge-
brauch einer Badekur in Kissingen.

Der „Wes.-Ztg." wird aus Schleswig be-
richtet, der preußische Minister des Jnnern,
Graf Eulenburg, habe Hrn. v. Zedlitz seine
cntschiedene Mißbilligung über dcssen bisheriges
Kokettiren mit der Partei der dänijchen Pcr-
sonalunion mitgetheilt und ihm selbst seine Ab-
berufung in nahe Aussicht gestcllt.

Das bekanntc Frühstücks-Rescript des Justiz-
ministerS gegen die königl. Beamten soll nach
der „Kreuzztg." lediglich anf Erfindung bernhen.
Dic „Kreuzztg." ertheilt dem Zustizminister eine
Art Verweis, daß die Berichtigung nicht früher
erfolgt sci; die „Reform" aber wirft die Frage
auf, ob auch die gleichartige Verfügung des
Chefpräsidenten des Glogauer Appellationsge-
richts, aus der wörtliche Stellen mitgethcilt
wurden, eine Fabel sei?

Die bayerische Hypotheken- und Wechselbank
hat den Disconto für Wechsel auf 5 pCt. er-
höht, für Lombard ist er auf 5 pCt. gestiegen.

Baron v. Wüllerstorf-Urbain ist zum Mi-
nister für Handel und VolkSwirthschaft in Oe-
sterreich ernannt.

Nach dcm „Moniteur" hat der Bay von Tunis
der von der französischen Regierung über die
Gewaltthätigkeiten, welche an französischen und
algerischcn in der Regentschaft wohnenden Kv-
rallensischern vcrübt worden, geführten Be-
schwerde Gercchtigkeit widerfahren lassen.

„Jtalie" bcstätigt die Nachricht, daß
Frankreich dem italienischen Cabinet amtlich
witgetheilt habe, es beabsichtige mit der Räu-
mung des päpstlichen Gebietes unverzüglich zu
beginnen. Der Vicomte von Treilhard habe
dem General Lamarmora angezeigt, daß in
Folge eines mit dem päpstlichen Stuhle getrof-
fenen Uebereinkommens die Ersetzung der fran-
zosischen Truppen durch päpstliche zunächst an

den Grenzen stattfinden würde und die fran-
zösischen Truppen sich in Ronr, Viterbo und
Civitavecchia concentriren würden.

Der König von Portugal hat sich am 21.
nach Birdeaux, wohin ihn drei französische
Fregatten geleiten, cingeschifft.

Deutschland.

Karlsruhe, 2. Okt. Das großherzogl.
Regierungsblatt Nr. 47. enthält: l. Proviso-
risches Gesetz vom 22. v. M., Abänderung
des Zollgesetzes hinsichtlich der Bestimmungen
wegen Erhebung von Staats- oder Kommunal-
abgaben von verzollten Gegenständen betreffend.
II. Unmittelbare allerhöchste Entschließungen
Sr. K. H. des Großherzogs: 1) Höchstlandes-
herrliche Verdn. v. 22. v. M., die Untersuchung
u. Bestrafung der Zoll- und Steuervergehen betr.
2) Ordensverleihungen (s. Nr. 224). 3) Dienst-
nachrichten (s. Nr. 231): Se. K. H. der Groß-
herzog haben sich gnädigst bewogen gefunden, den
Bezirksförster Melter in Weisweil auf sein unter-
thänigstes Ansuchen wegen vorgerückten Alters,
unter Anerkennung seiner langjährigen treu gelei-
steten Dienste, in den Ruhestand zu versetzen; den
Ministerialrath Tröger bei dem Finanzministe-
riuitt, unter Enthebung seiner Funktionen bei
dieser Stelle, zum Direktor der Katasterver-
vermessung, den Bezirksförster Fried. Krutina
in Wolfsboden zum Assessor bei der Domänen-
direktion, den Buchhaller Josef Schmidt bei
der Generalstaatskasse zum Assessor bei der
Steuerdirektion, den Hauptzollamtskvlltroleur
Friedrich Zahn bei dem Hauptsteueramt Frei-
burg zum Salinenkassier in Dürrheim und den
Kreisgerichtsrath Wedekind ill Offenburg zum
Mitglied des dortigen AppellationssenatL zu
ernennen; der Uebertragung der Gemeinde-
bezirksforstei Todtnau ail den Forstprakti-
kanten Ferdinand Kopp von Oberschüpf die
höchste Bestätigung zu ertheilen; den Registra-
tor Wilh. Scharnberger bei der Hofdomänen-
kammer in gleicher Eigenschaft zur Directioil
der Katastervermessung zu versezen; endlich
den kachol. Pfarrer Karl Löffel in Gütenbach
auf die' Psarrei Heimbach, Dek. Freiburg, den
Stadtpsarrer Sebastian Messang in Wiesloch
auf die Pfarrei Ladenburg, den kath. Pfarrer
Mäximilian Lorenz Meßmer in Saig auf die
Pfarrei Riedeschingen, Dek. Engen, und den
kath. Pfarrverweser Eduard Ruf in Bonndorf
auf die Pfarrei Menningen, Dek. Meßkirch, zu
ernennen. .

Karlsruhe, 2 Oct. Se. Königl. Hoheit
der Großherzog ist gestcrn Nacht 10 Uhr
aus Baden dahier eingetroffen.

Karlsruhe, 2. Öct. Der „Schw. M."
schreibt: Als wahrscheinlichster Nachfolger des
Hrn. v. Roggenbach wurde hente dcr badische
Gcsandte in Stuttgart, Hr. v. Dusch genannt,
ein Mann, von dem die innere Gesctzgebung
eine liberale Unterstützung urld das auswärtigc
Ministerium eine erfahrene fachmäßige Besor-
gung sinden würde. Auf Aulhenticität macht

I übrigens diese Nachricht, wie bemerkt, keinen
Anspruch.

lH Äus dem Unterlande, 1 October.
Aus verschiedenen Ortcn vernehmen wir, daß
bereits ein fühlbarer Maugel an jüngern Leh-
rern vorhanden ist, indcm mehrerc Unterlehrer-
stellen längere Zeit unbesetzt bleiben mußten.
Dicser Mangel dürfte in der Folge noch fühl-
barer werden, ^a die dieSjährige AufnahmS-
prüfung in den drci Schnlseminarien, zu wel-
cher sich kaum die halbe Anzahl der sich sonst
zum Eintritt Meldenden cinsand, dies in ganz
sichere Aussicht stellt. Nach dem neuesten Ver-
ordnungsblatt des großh. OberschulrathS sind
durch Beschluß dieser Behörde vier Zöglinge
des Seminars Mccrsburg als Candidaten des
Schulamtes aufgenommen, wahrscheinlich um
vorhandene Lücken im Schuldienste aÜszufüllen,
da eine solchc Aufnahme sonst um diese Zeit
nicht stattfand. Fühlbar dürfte auch der in
jüngster Zeit viclfach geschehene Auötritt jün-
gerer Lehrer bereits wirken, welche zu andern
Berufsarten übergegangen sind. Wir werden
sonach wünschen nnd hoffen dürfen, daß durch
die bevorstehende würdigere Stellung und an-
gemessenere Salarirung diescs Standes den zu
fürchtenden Mißstäuden und Lücken in der Bil-
dungslaufbahn und im Dienstc baldigst kräftig
und nachhaltig begegnet werde.

cs Aus Baden, 2. Oct. Jn der Süd-
westecke des deutschen Vatcrlaudes wird zur
Aeit die Schlacht geschlagen um dic staatliche
volle Freibeit der VolkSbildung. Schritt für
Schritt gcht dic neue Rechtsbildung seit 5 Jah-
ren ihre unbeirrtc Bahn. Manche extreme Na-
turen haben ihr schon den Vorwurf gemacht,
daß sic keine principielle strenge Consequenzen
zur Geltung bringe, mit andern Worten, daß
sie nicht wie man wohl auch zu sagcn pflegt,
mit dem Kopf durch die Wand will. Manche
doctrinäre Naturen im democratischen Lager sind
ihr deßhalb frcmd geworden. Aber gerade durch
jenen praktischeu Zug hat unfere Regierung die
große Masse für sich, und dies ist in einem
solchen Kampfe mehr werth, als die Reinheit
der Theorie oder eine bloße Principicnreitcrci;
beffer ein praktischer Sieg als eine doctrinäre
Niederlage! Dicse Mäßigung unserer Gesetz-
gebung bringt den Ultramontanismus geradezu
zur Verzweiflung; nichtö ist unversucht geblieben,
selbst die Kanzcln wurden mißbraucht, um die
Wahlen für die Kreisvcrsammlung in clericalem
Sinne zu entschciden, aber dennoch ist der Ultra-
montaniSmus bekanntermaßen völlig durchge-
fallen. AlS Resultat lcrnen wir daraus, daß
die Curie als politische Macht überaü den Kür-
zern zieht gegen Volksbildung und Verfassungs-
recht, wenn die Regierung mit dem lebendigen
Volksgeiste Hand in Hand geht.

Aus Daden. Ueber die Wirksamkeit der
Vereine zum Schntze entlassener Strafgefan-
gener im Großhcrzogthum Baden ist der 9.
Rechenschaftsbericht für die Jahre 1863 und
1864 ausgegeben worden. Die Entstehung
dieser Vereine in ihrer jetzigen Gestaltung
fällt in das Jahr 1854. Am 31. Dez. 1854
hctrug die Zahl der Strafgefangenen 1448,
und cs wurden im Laufe des genannten Jah-
res 1340 Männer und 303 Frauen aus den
Strafanstaltcn entlassen. Ende 1864 hatte
sich der Stand der Bcvölkerung der Dtrafan-
stalten auf 579 vermindert. Die Thätigkeit
der Schutzvereine mußte sich, nach dem „S.
M.", durch diese eben so erfrculiche, als merk-
würdige Erscheinung gleichfalls verringern,
Das gesteigertc Bedürfniß an ArbeitSkräften
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