Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Mlberger Zeitmig.

KreisverkündigMjsblatt für den Kreis Heidelberg und amtliches Verkündigungsblatt für die Amts- und Amts-
Gerichtsbezirkc Heidelbcrg und Wiesloch und dcn Amtsgerichtsbczirk Neckargemünd.

sr


Freitag, 23. Ai.gust

* Politische Nmschan.

* Me angcbliche Betheiligrrng des Jefferson
Davis an der Ermordunz des Präsidenten Lincoln
beschäftigt das amerikanische Bolk immer noch in
hohem Grade. Nicht ob dieser schon in seiner
Eigenschaft als Haupt dcr Aufständischen den
Tod verdient hat, ist die crste Frage, welche
das amerikanische Volk sich zu beantworten
hat. Vielmehr wird es vor Allem darauf an-
kommen. ob in dem ganzen Zusammenhange
der Ereigniffe der letzten Jahre es der aroßcn
Republik des Westens wohl ansteht, Schuld
und Unschuld der Einzelncn mit dem Zollstabe
der Criminal-Justiz zu messen. Man hört oft
jenes Raisonnement, daß der Staatsverbtecher,
welcher Millionen ins Unglück stürzte, auch
millionenfach die Strafe des gemeinen Ver-
brechers verdiene, der einen einzelnen Menschen
umgebracht hat. Und doch hat noch immer,
wenn siegreiche Nationen oder Staaten nach
diesem Grundsatze unterworfene Feinde
behandelt haben, dieMenschheit sich schaudernd
abgewandt, und die Geschichte Rache geschrie-
ben anstatt Gerechtigkeit. Zn den öffentlichen
Verhältniffen liegt eine geheimnißvölle, unfehl-
bare Macht der Sühne, welche selbst dem ver-
brecherischen Empörer und dem eigensüchtigen
Eroberer bis zu einem gewiffen Grade zu Gute
kommt. Welcher Sterbliche hat z. B. mehr
individuelle Leiden verursacht, als Napoleon I.
in seinem schrankenloien Ehrgeiz? Und welcher
Deutsche wird heute noch die Ansicht Blüchers
theilen, der den Jmperator wie einen Räuber-
hauptmanu erschießen laffen wollte! Es gibt
Verbrechen im historischen Styl, von denen
man sagen kann, daß sie zu groß seien, um
nach einem Strafgesetzbuche geahndet zu wer-
den, und welche der Mensch einer höhern Ge-
rechtigkeit zu überlassen hat. Hierher gehört
auch der einzelne in Frage steheyde Fall.

Das französische Geschwader unter Befehl
des Admirals Bouet Willaumez wird nicht vor
dem 29. Aug. in England eintreffen. Die Fest-
lichkeiten werden am 30. und 31. Aug. und
am 1. September stattfinden und am 3. Sep-
tember wird das Geschwader wieder nach Frank-
reich zurückkehren.

Eine Note dcr amtlichen „Wien. Ztg." kon-
statirt ausdrücklich, daß die ertheilte Preßam-
nestie sich nicht auf die gesetzlichen Rechtsnach-
theile der bereits vcrbüßten Strafen aus-

dehnt, während dies doch bezüglich aller Stra-
fen, deren Abbüßung von den Verurtheilten
bereits angetrcten wurde, der Fall ist.

D e u t s ch l a n d

KarlSruhe, 23. Aug. Das heute erschie-
nene Regbl. Nr. 41 enthält:

I. Verfügungen und Bckanntmachungen der
Ministerien. 1) Bekanntmachungen des großh.
Justizministeriums. Die Allodification des srei>
herrlich von Reischach'schen Lehens „Veste und
Schloß Hohenkrähen und Dorf Duchtlingen,"
und die staatsrechtlichen Verhältniffe der ge-
nannten freiherrlichen Familie betr. 2) Be-
kanntmachung des großherz. Ministeriums des
Jnnern. Die Bitte der Stadtgemeinde Heidel-
berg um Ermächtigung zur Ausstellung von
Schuldverschreibungen auf den Znhaber betr.

H. Diensterledigung. An der höhern Bür-
gerschule in Heidelberg ist eine Lehrstelle für
Mathematik, Physik, Chemie und geometrisches
Zeichnen mit einem jährlichen Einkommen bis
zu' 1200 fl. in Erledigung gekommen, und soll
dieselbe bis 1. October d. I. wieder besetzl
werden.

III. Todesfälle. Gcftorben sind: Am 14. v. M.
der Diaconatsverweser Pfarrer Th. Wols von
Eppingen. Am 1. d. M. der evang. Pfarrer
K. Fr. Ruckhaber in Nußbaum. Am 10. d. M.
der Zolldirector Kirchgeßner in <Lichtenthal.

Karlsruhe. 22. Äug. -:Dem Bernehmen
nach hat Ministerialrath Walli sein Mandat
als Abgeordneter eines Odenwaldbezirks nie-
dergelegt. (S. M.)

O Vom Bodensee, 18. Aug. Der so
eben erschienene Hirtenbrief des Hochwürdigsten
Herrn Dr. Hermann v. Vicari, Erzbischof
vvn Freiburg rc. über das päpstliche Rund-
schreiben vom 8. December 1864 (Enciklika)
ist wieder ein neuer Beweis der unduldsamen
mittelalterlichen Bestrebungen der Hierarchie,
welche ungeachtet der täglich im Kampse gegen
-sie andringenden Phalanx des Fortschritts noch
immer mit den alten abgenutzten Waffen ihrer
vermeintlichen Alleinberechtigung dreinschlägt
und nicht einsehen will. oder sich doch so stellt,
als glaube sie nicht, daß ihre Macht gebrochen
und ihre Hauptschlacht verloren sei. Vor Allem
ist in der That merkwürdig, wie die Hierarchie
heute noch an die Katholiken die stolzen Worte
richten kann, mit welchen sie allen andcrn

christlichen Confessionen das Recht abspricht,
der Kirche Christi anzugehören, indem sie.
(Seite 6 des Hirtenbriefs) wörtlich sagt: „Un-
möglich sind Neligionsgesellschaften, die erst im
Verlaufe der Zeit entstanden, in ihren Lehren
mit der alten Kirche und unter sich selbst im
Widerspruch stehen, die Kirche Christi oder
Theilc der Kirche Christi. Kirche Jesu Christi
des Sohnes Gottes ist und kann nur sein die
Eine, heilige, katholische, apostolische Kirchc."

Zn unserer Zeit hat diesc Behauplung ihren
Werth verlorcn, und ihre permanente Aufstel-
lung scheitert an dem, unter den anspruchs-
losen und unbefangenen Katholiken, längst all-
gemein festgesetzten Grundsatz dcr gegenseitigen
Duldung als gleichbcrechtigte christliche Kirchen.

Es fehlen der Hierarchie die Beweise für ihre Be-
hauptung; hierübcrsind dieAkten gcschloffen, und
nach Jahren wird das Urtheil so in Fleisch und
Blut aller ChristenmeUschen übergegangen sein,
daß man nicht mehr begreifen wird, wie man
jemals eine solche Behauptung aufstellen und
darüber streiten konnte, wenn man alsdann
nicht, wie jetzt und schon lange, die wahre
Grundlage dcr Behauptung in Erwägung zieht,
nämlich die Grundlage des mittelalterlichen hier-
archischen Herrscherthums über die ganze Erde.
Dieser unhaltbarc, in Wirklichkeit längst unter-
gegangene und trotz aller hierarchischen Bemü-
hungen nie wiederkehrende Zustand wird aber
von keinem unbefangenen Katholiken für den
ächten und wahren gehalten oder gar zurückge- .i-M
wünscht, sondernvielmehr bestrittenund als nicht EW
christlich angesehen.

StUttgart, 21. Aug. Einer Ankündigung
des Kriegsministeriums ist zu entnehmen, daß
der König einem durch eine große Anzahl Ab-
geordncter ausgedrückten Wunsche des Landes
entsprochen und die veabsichtigten Herbftmanö-
ver wegen des Futtermangels abbestellt hat.

Darmstadt, 21. Aug. Die hiesige Han-
delskammer, die bereits wiederholt einer Re-
form des hiesigen Octroiwesens das Wort ge-
redet, hat bei dem Ministerium solgende An-
träge gestellt:

Eine der größten Wechselfälschungssabrikeir,
welche wohl je eristirt und die seit Iahren uner-

wie die „Ger.-Ztg." berichtrt, in Berli^ endlich
entdeckt und von der Criminalpolizei aufgeho-
ben worden. Schon seit wenigstens zwei Iah-
ren macht eine jüdische, nicht mehr junge Wittwe
ein Geschäst aus Unterbringung von Wcchseln,
welche die Accepte angesehener und hochgestellter
Beamten, sowie von Personen mit wohlklingendem
Namen trugen. Wo die Frau nur Iemand wußte,
der Geld liegcn hatte, ging sie energisch vor und
wußte die Habgier so sehr zu reizen, daß fie fast
immer ihren Zweck erreichte. Sie verlangte zunachst
die größte Geheimhaltung des Geschäfts, da die
Personen, deren Agentin fie sei, niemals compro-
mittirt werden dürften, dafür aber entschädigte fie
die Geldgeber durch enormen Verdienst, indem fie
gewöhnltch nur 70 Thaler für einen Wcchsel über
100 Thaler verlangte, d. h. auf ein Iahr berech-
net, 120 Thaler Ztnsen für 100 Thaler Capital.
Bis auf die letzte Zeit erschien diese Frau stets
schon vor dem Verfalltage bei den Besitzern der

auf den Tisch und löste sö die Wechsel ein; gerade
diese Pünktlichkeit aber reizte die Wechselkäufcr zu
weiteren Geschästen mit der Frau, die so viel ver-

nisse, wicder mit fich zu nehmen, natürlich gegen
Zurücklassung von Wechseln für immer höherc Sum-
men. AUe von dieser Frau in Umlauf gcsctzten
Wechsel find nun aber, wie fich jetzt ergcbcn hat,

und ist bisher keine Spur von ihr aufzufinden ge-

Fälschungen von 180,000 Thalcr. Die Betrogenen
find metst Leute, die fich durch langes Arbeiten
einige Hunderte oder Tausende zusammengespart
haben und selbst vollständig ruinirt find. Mtlch-
händler, HauSeigenthümer, kleine Materialisten
find meist die unglücklichen Befitzer dicser Papfere.

von Sittcnverderbniß, der schaudern macht. Am
verfloffenen Samstag wurde in Gretcr eine Frau
zum Tode verurtheilt, die überwiesen war, das
Geschäft des Kindsmords systematisch zu betreiben.
Diese Frau machte seit längerer Zeit, seit Iahren
viellricht, und nicht ohne daß der öffentliche Ruf
ihres Dorfs sie dessen beschuldigte, ein Geschäft,
ein Handwerk daraus, neugeborne Kinder unglück-
licher Mädchen für so nnd so viel per Kopf zu er-
morden. Sie stipulirte in der Regel 4 bis 5 Psund
Sterling als Mordlohn, begnügte fich aber auch
mit viel weniger und sprach von ihrer Hanbhabung
mit derselben Gleichgiltigkeit, als ob es sich von
dcr Abschlachtung eines Huhns oder von der Ver-
nichtung cines unsaubern Insekts handelte. Wenn
du mir 5 Pfd. St. geben willst, sagte die Ange-
klagte Cbarlotte Winsor zu dem Dienstmädchen
Mary Jane Harris, so will ich dir dein Kind aus
dem Weg schaffen. Wie kannst du dies thun?
Nichts leichter, ein Druck auf die Halsader oder
die Bettdecke reickt hin; ich habe denselben Dtenst
dieser oder jener (Namen genannt) erzeigt, und
will dich all detner Kinder entledigen, wären eS
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