Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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KreisverkündigUigsblatt fiir den Kreis Heidelberg und amtliches Berkündigungsblatt für dic Amts- und AmtS-
Gerichtsbezirkc Heidelberg md Wicsloch und dcn Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

Nk- 277. Sreitag. November L8«S .

* Politische Umschau.

Ein Frankfurter Correspondent des „Schw.
M." glaubt nüt Sicherheit zu wissen, daß die
würtembergische Rcgierung eiue Entschließung
wegcn der Anerkennung des Königreichs Jta«
lien noch nicht gefaßt hat. und daß daher die
dießfallsigen Nachrichten in pffentlichen Blättern
unrichtig sind.

Die Transportschiffe „Labrador" und „Ho-
mer" sind heute mit franzosischen Truppen von
Civitavecchia in Toulon eingetroffen. Das
Marineministerium in Frankrcich hat die Ver-
mindcrung des Mittelmeergeschwaders um vier
Panzerschiffe angeordnel.

Der König und die Königin von Portugal
befinden sich zu Genua und begeben sich von
da nach Florenz.

Die tiefer liegendcn Gründe des in Ja-
maica ausgehrochenen und nunmehr wicder
unterdrückten Aufstandes finden sich darin,
daß 1) die Gesetzgebung des Landes gänzlich
in den Händen der Pflanzer monopolisirt ist,
und die 150,000 männlichen Arbeiter der far-
bigen Bevölkerung keinen einzigen Wähler unter
sich zählen, also ohne allen Einfluß anf die
Leitung der öffentlichen Angelegenheiten sind;
2) daß die Pflanzer durch den gesetzgebenden
Körper alle Stellen und alle finanziellen HilfS-
quellen unter, sich theilen; 3) daß eine halbe
Millivn Pfd. Sterl. aus den Einkünften der
Colonie aufgewandt wordeu ist, um CuliS auf
den bereitS überfüllten ArbeilSmarkt rinzusüh-
rcn, und so den Arbeitslohn noch weiter her-
abzudrücken: 4) daß, da die Pflanzer die oberste
Controle über die Gerichtshöfe haben, die Neger
keinen Glauben mehr an eine unparteiische
Rechtspflege besttzen; 5) daß die Prügrlstrafe,
welche mit der Sklaverei abgeschafft worden
war, von Neuem eingeführt worden ist und bei
den unbedentendsten Vergehen in Anwendung
kommt; 6) daß die Localbesteuerung so einge-
richtet worden ist, daß sie mil ihrem ganzen
Gewicht auf die ärmsten Klassen fällt; und 7)
daß die Löhne kaum hoch genug sind, um den
Arbeiter vvr dem Verhungern zu fchützen. Wenn
diese von achtungSwerthen europäischen Colo-
nisten beglaubigten Beschwerden begründet sind
— und ihre Glaubwürdigkeit wird von ameri-
kanischen und englischen Reisenden bestätigt —
so fehlte es den Negern von Iamaica weder
an einer Ursache noch an einer Vercmlassung
zum Aufstand.

Aus Neapel enthält die „Corresp. HavaS"
Nachrichten über den Aufenthalt des KönigS
in dieser Stadt. Besonders zu bemerken ist
die Rede, die Victor Emanuel an die Arbeiter-
Vereine richtete, alS er am Sonntage nach dem
Frühstück eine Stunde zu verschiedenen Au-
dienzen constituirter Körperschaften venvandte.
Der König sagte, nachdem er jedem der Abge-
ordncten der Arbeiter die Hand gegeben hatte,
buchstäblich solgende Wortc: „Meine Freunde,
ich empfange Jhrc Wünsche. Was daS natio-
nale Werk betrifft, so werde ich es sclbst voll-
enden (Bewegung) oder dabei meinen Namen
verlieren. Wir sind auf dem Wcge nach Nom.
Für Venedig muß noch Geld und Blut geopfert
werden. Sie so wic ich werden das Eine wie
daS Andere zugeben müffen." Diese wenigen
Worte, welche mehr als zwauzig Personcn hör*
ten, haben einen sehr tiefen Eindruck hervor-
gerufen und wurden überall in der Stadt wie-
derholt.

Nachrichten aus Florenz zufolge war der
allgemeine Eindruck, den die Rcde Victor Ema-
nuels bei Eröffnung des italien. ParlamentS
hervorgerufen, ein schr günstiger. Die beiden
Stellen der Thronvede, worin von den abge-
brochenen Ünterhandlungen mit Rom und von
der Säcularisirung der geistlichen Güter die
Rede ist, wurden mit großem Beifall aufge-
nommcn, mehrere Stimmcn riefen Bravo. Das
Ende der Rede brachte jedoch eine Art Schrecken
hervor, da man cine Ankündigung deS KriegeS
glaubte darin finden zu müssen. Es heißt übri-
genS, bis jetzt schon sei die Giltigkeit von 50
Wahlcn bestritten.

Nach Berichten aus guter Quelle werden die
zwischen Spanien und Chili obwaltenden Strei-
tigkeiten demnächst beigelegt sein. — AuS Grie-
chenland bringt der „Monitcur" dic Notiz, daß
Komondouros mit der Bildung eineS neuen
Cabinets beauftragt ist.

Kaum ist in Griechenland ein eben erst mit
Mühe gebildetes Ministerium anfgelöst wor-
den, und ein nenes noch im Werden be-
griffen, so droht ckne neue Verwicklung.
Der „ Karlsruher Zeitung" wird nämlich
aus Wien berichtet: „Nach den neuesten
Nachrichten aus Athen ist ein Conflict zwischen
Griechenland und Jtalien in der Schwebe, wcl-
chem die Hartnäckigkcit der griechischen Regie-
rung größere Dimeusioncn zu geben Lroht. Ein
italienischer Unterthan ist bei einem Tumult

von einem griechischen Polizeibeamten mißhan-
delt worden. Der Beamte ist seitdem entsetzt,
und die Regierung glaubt damit ihre ganze
Pflicht erschöpft zu haben; der ital. Gesandte
aber, Graf della Minerva, hat die gemessenste
Weisung erhaltcn, die eclatanteste Genugthuung
zu fordern, uud eS ist, um dieser Forderung
Nachdruck zu geben, bereits die in Corfu statio-
nirt gewesene italienische Fregatte „Principe de
Carignano^ nach dcm Piräus'beordert. Grie-
chenland hat die Jntervcntion der drei Schutz-
mächte angerufen; diese haben jedoch sofört be-
stimmt erklärt, sich jeder Einmischung enthalten
zu müssen." Es wird wohl doch ohne Blut-
vergießen abgehen.

Die Vereinigten Staaten von Nordamerika
rüsten ein Geschwader von vier Dampfbooten
mit 5000 Mann nach Hayti auS, um dem end-
Üosen Blutvergicßen dort Einhalt zu thun.

Deutfchland.

Karlsruhe, 19. Nov. Die „KarlSruher
Ztg." schreibt: „Dcr Vorgang in der Volks-
schule zu Adelsh^usen bietet der Presse noch
immcr einen belwbten Stöff, welchen die kle-
rikalen Blätter in ihrer Weise, selbst unter
Bezug auf Aktenstücke, auszubeuten versuchen.
Da dieser Vorgang sogar Anstoß zu einem
Hirtenbricfe gegeben hat, so dürfte es sich trotz
der Geringfügigkeit der Veranlassung immerhin
lohnen, in Vergleich mit dem Jnhalt dieses
HirtenbriefeS auf denselben zurückzukommen."
Die „KarlSr. Z." stellt nun der in dem Hirten-
briefe gegebeuen Erzählung einen wörtlichen
Abdruck dcs Thatbestandes, wie ihn daS erz-
bischöfliche Ordinariat selbst in einem Erlaß
vom 7. Dec. v. Z. dem Ministerium mittheilte,
gegenüber und sagt: „Wie unter diesen Ver-
hältnissen der Jnhalt des Hirtenbriefes gcrecht-
fertigt werden kann, vermögen wir nicht ein-
zusehcn." Hicrauf solgt ei.ne Widerlegung der
im Hlrtenbricf gegcn den Oberschulrath erho-
benen Beschuldigung, inSbesondere eine Ver-
wahrung gegen den Ausdruck „konfessionsloS",
worüber gesagt wird: „Man kann eine Ten-
dcnz wcit treiben; fo weit, daß sie zur Belei-
digung wird, solltc an dem Ort , wo wir ste
hier finden, sie nie getricben werden".

Kalsruhe, 21. Nov. Die Ernennung des
Prinzen Wilhelm (Bruder des GroßherzogS)
zum Commandanten des badischen Armeecorps
findet freudige Anerkennung. Es ist bekannt,

Palmerstvn-Anekdoten.

(Fortsetzung.)

fern, als er die polnischen Bewrgungen nicht untcr-
stützte, abcr unter gleichcn Verhäitniffen war<r (im
ungarischrn Rkvolutions-Kampfe) gut österrcichisch
und wird rr auch gut preußisch gewesen sein. Als

lingens ab, als conservativer Staatsmann besaß cr
cine höhere Meinung von der Macht altconstituirter
Gewalten, als von der Lebensfähigkeit nach Eristenz

ab, und das Resultat war, daß er mit Ungarn und
Polen sympathifirte, ohne fie zu unterstützcn, und
Italien unterstützte, ohne je mit Mazzini sympa-
thisirt zu haben. So war er auch her Erste, der
Louis Napoleon anerkannte, und doch gab eS We-
nige, selbst in England Wenige, die gegen dessen
Person damals eine so entschiedenö'Abneigung be-
stssen hätten, als rr. Aber wetl er vorgefaßten
Meinungen eben so wenig wie Principien zu folgen
gewohnt war, ließ er fich lediglich von seinem Ver-
stande leiten und sträubte stch nicht lange gegen die

und bestimmend für die nächste Zukunft crkannt
hatte.

Ei ist ob diefer schnellen Anerkennuug von den

wallender Empfindlichkeit, seines Amtes enrlassen
wordrn. Doch hat die Folge gelehrt, wie sehr sein
Verstand dem der meisten anderen setner Zeitge-

die ihm zu Theil wurden, war aber die, daß auch
Prinz Albert in den letzten Jahren feineS Lebens
sich gezwungen sah, den überwiegenden Verstand

am mrnschlichsten die Weltverhältnisse zu erfassen
vermöge, ja, daß in diesem stetS leichlfüßig auf-
treienden Manne mehr consequenter Ernst stecke,
als in der würbevollen Schwerfälligkrit vieler tu-
gendsamer Pedanten.

Von seinem Verhaltniffe zum Hofe soll später
noch die Rede sein. Einc Dame, die Fürstin Lieven,
war es, welche unS verleitet hat, von 1815 nach
1851 abzuspringen, doch hatten wir bei Erwähnung
der Almack'schrn Bälle noch eine zweite Dame ge-
nannt, die damalige Lady Cowper. Diese war eS,
die in den dreißiger Jahren Gemahlin Lorb Pal-
merston's wurde und einen größeren Einfluß auf
seine Stellung als StaatSmann, den Parteien, brm
Hvfe und der lSesellschast grgenüber auSübte, alS
dem großen Publikum bekaunt ist. Es war eine der
heitersten, glücklichsten Ehen, deren'Harmonte biS
anö Grab reichte, und eine Quelle reicher Freuden
für den auSerwählten Freundeskreis des gastlichen
HauseS war. , (Schluß f.)
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