Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

Page: 525
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865a/0525
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Ukidrlbrrgtr Zrilung.

Kreisverkündigungsblatt für üen Kreis Heidelberg imd amtliches Berkündigungsblatt für die Aints^ und AmtS-
Gerichtsbezirkc Heidelbcrg unü Wiesloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünü.

Srk- 271.


Freitag. 17 Novcmber


^ Die Reaerion und die liberalen
Parteien.

Die Anzcichen einer herannahenden Rcaction,
auf welche wir schon mehrmal hingedeutel
haven, mehren sich forlwährend. iltach neueften
Nachrichten aus Bcrlin harrt die dortige rcac-
tionäre Partei nur der Ankunft ihres Feld-
herrn (o. BiSmarck) aus dem L-üden (die in-
zwijchcn erfolgt ist), uiü auf die sogen. Hydra
der Revolution im engern und weitern deutfchen
Vaterlandc schwcre Schlage fallcn zu lassen.
Bismarck glaubt jctzt — wie die dorligen Or-
gane der fcubalen Partei, insbesondere die Ber-
liner Nevue offen aussagen — von einer eng-
lijchen Jntcrvention Stichls mehr sürchten zu
könneu, seitdem Russell au Palmerstons Stelle
Minister ift. Jn Frankreich selbst foll die An-
wefenheit deS Grafcn v. Bismarck fehr gün-
stige Bezichungen zu dem Cabinete von PariS
herbeigeführt haben. Es habe derselbe — so
fagt man — die sichersten Garantien erhalten,
daß sich Frankreich in keiner Weife, auch nicht
auf diplomatifchem Wege, in dic oeutschen uuo
fpeciell jchleswig-holsteinischen Angelegenheiten
einmifche. Südlich von der Eider sei vorläuftg
das dtölhige beforgt, und man könne sich deß-
halb jctzl zum Mittelpunkt deS deutfchen Buu-

Die Maßregeluug FrankfurtS fei nur der
erste Aufkritt in dem Drama, welches mil einer
Bunvesresorm in großmächtlich - reactionärem
Sinne enden würde. Die betreffenden Rich-
tungSpunkte sollen bereitS im Gasteiner Ber-
trage geheim vorgezcichnet worden sein. ES
genüge nicht, daß die libcrale» Ministerieu in
den Mittelstaaten gestürzt, und conservative an
ihre Stelle gefctzt würden: die Mittelstaaten
müßten ihre Polilik den Zeiten und Zwecken
der beiden Großmächte vollständig anbequemen.
— Die Krisis fci im Anzuge, die Großmächt-
lichen wollten sich in Frankfurt nicht majori-
siren lassen, vom Bundestage so wenig, wie
vom Abgeordnetentage. Was die innere Politik
Preußens betrifft, so müffe dem jetzigen Zu-
stande, der dem Abgeordnetenhause gestatte, der
Action des Königthums ein Nein entgcgenzu-
fetzcn, ein Ende gemacht werden. Es muffe
eine entschiedene Löfung der princjpiellen Wirren
erfolgen, eine rettende That von oben kommen.
So viel ist für alle Fälle sicher, und wir müs-
sen, — wenn wir nicht nach der Manier deS

Vogels Strauß die Augen absichtlich vor dem
kommenden Uebel verschließen wollen — es alS
leidige Gewißheit anuehmen, daß wir einer
eigenthümlichcn GestaltmtT der Dinge in Deutsch-
land entgegengehen, ja bereits in solcher be»
fangen sind. Unsere politischen Zustände sind
trostloser, alS jc. Eine vollständige Auflösuug
des bisherigen deutschen Staatsrechts ist einge-
tretcn. Der Bund besteht factisch nicht mehr,
in Wahrheit regieren die beiden Großmächte
Preußen und Oesterreich, was sie ausmachen,
ist heute Gesetz für Dcutschland, papiernc Pro-
tcste helfen dagcgen Nichts. ES ist jetzt schon
ein factischer Zustand der Gewalt hereingebro-
chen, der nur wärtet, um weitere Schritte zu
thun. Nur weil die beiden Großmächte sich
bisher nicht trauten, und auch mitunter die
Einmischung des Auslandes fürchteten, so gin-
gen sie bis jetzt etwas sachte zu Werke. Wor-
auf die Reaction ihre großen Hoffnungen baut,
ift auch unter andern die Spaltung der frei-
sinnigen Parteien in Deutschland, die besonders
in Folge der deutschen Frage zerrissen sind.
Die Reaction glaubt damit die Bahn frei zu
haben, um ihre serncren Zwecke zur Niederwer-
sung der Freiheit des Einzelnen uud des Gan-
zen fortan zu verfolgen. Um dem drohenden
Ungewitter zu begegnen, ist nun — wie schon
wiederholt in den Spalten dieses Blattes be-
tont worden ist — vor Allem von Seitcn dcr
Regierungen der Mittelstaaten durchaus noth-
wendig ein aufrichliger Anschluß an ihre Völ-
ker, die freilich aus ihrer theilweisen bisherigen
politischeu Lethargie erwachen müßten. Die
freisinnigen Parteien unter denselben sollten
vorerst alle Programme, mit denen man die
Einheit Deutschlands herslellen möchte, bei Seite
legen, und alle sich, dem DepotiömuS gegen-
über, zum Widerstand vereinigen. Nur, wenn
djes geschieht, werden die liberalen Beftrebungen
in dcn Mittelstaaten wenigstens nicht weiter zu-
rückgedrängt werden. Zu dem Ende wäre aber
dringend nothwendig, daß die Fractionen der
freisin)tigen Nichtung so viel Selbstverleugnung
besitzen, um die besonderen Parteiprogramme
fallen zu laffen, ddr gemeinsamen Sache Opfer
zu bringen, und sich alsbald um die Sache der
Freiheit zu schaaren, damit, wcnn möglich, das
drohende Ungewitter auf dic glimpflichste Weise
abgewendet werden kann.

* Politifche Umschau.

Die „Wiener Ztg." veröffentlicht heute den
Wortlaul der an die ungarischen Magnaten er-
gangenen königlichen EinberufungSschreiben zum
Landtag. Es wird darin namentlich die Hoff-
nung auf eine Vereinigung der verfaffungs-
mäßigen Rechtc UngarnS mit den unabweis-
baren Bedingungen dcs BestandcS und der
Machtstcllung der Monarchie betont und her-
vorgehoben, daß der „König" den Landtag in
eigener Person zu cköffncn gedenke.

Der „Moniteur" vom 15. d. meldet: Die
Zournalc haben über projectirte Reductionen
der CaVres der Armce vollkommen irrige Mit-
theilungen veröffentlicht. Der Kaiser hat im
Princip eine Neduction der Kosten für das
Militärdepartement gebilligt, die Mittcl für die
Aussührung der Reductionen sind jedoch noch
nicht definitiv angeordnet.

„Morningpost" meint, man müsse jede Agi-
tation zu Gunsten der Parlamentsreform hin-
ausschiebeu, denn sie werde nur die Auflösung
des ParlamentS zur Folge haben und die To-
rieS an's Ruder bringen. Der „Star" hält
an der Nothwendigkeit ciner sofortigen radicalen
Reform fest, die den Arbeitern ein Stimmrecht
gewähren soll.

Uebercinftimmende Nachrichten auS Brüssel
vom Gestrigen schildern den Gesundheitszustand
des greisen Königs als sehr bedenklich.

Graf Berg, der russische Statthalter in War-
schau, hat (für seine Verdienste um die preu-
ßisch-russische Convention) dcn schwarzen Adler-
orden mit Brillanten erhalten.

Deutfchland.

Karlsruhe, 14. Nov. Die „Karlsruher
Zeitung" schreibt: Die clericale Partei und
ihr Anhang hat in neuerer Zeit unter den
Anklagen, welche sie gegen die Regierung und
die Gesetzgebung des badischen Staats vor-
bringt, auch die aufgenommen, daß die Finan-
zen des StaatS verwahrlost würden. Sie
schildert gern den blühendcn Zustand zur Zeit
der Verwaltung eines hochverdienten frühern
FinanzministerS, spricht von enormen Erhöhun-
gcn, welche das StaatSbudget seit 1860 er-
fahren habe, berechnct sie auf nahe eine Mil-
lion, und zeigt uns den dcrmaligcn Leiter dcS
Finanzministeriums mit bleichem Angesicht
gegenüber diesem Ergebniß und. den neuen

Palmerstou-Anekdoten.

(Fvrtfttzung.)

Danebcn die positiven Lastcr: Ausgelassenheit der
Gescklechter, Trunk- und Spielsucht. Die MittagS-
tafel dauerte nickt selten von 7 Ühr Abends bis
t Uhr Morgcns; Gentleman, die ihre drei Flaschen
des allcrsckwcrsten spanischen und portugiesiscken,
stark mit Cognac verfttzten Weines tranken, waren
nickt selten, und bewundernd er'zählt die Chronik,
daß kS auch der six bottle M6N mehrere gegeben,

Blayney u. A.

vielen anderen Elubs und in Privathäufern zu
fabelhafter Höhe gespielt. Bei White'S, dem Rendez-
vons der großen Dandies, gewann General Scott,
der Schwiegervater Eannlng's, 200,000 Pfd. St.
im Whist, lediglick vadurck, daß rr ein nüchterner
Herr war, der sich nicht wie bie Anderen mit
überfülltem Magen und weinumnebeltem Gehirn
zum Spieltisch setzte. Lord Robert Spencer verlor
100,000 Pfd. St. in riner Nacht im Macao, George

20,000 Pfv. St. im Whist während wentger Stun-

Pharaotisck; cS war eine wüste Gesellschaft.

Iu ihr spiclte Palmerston eine Rolle. Nicht ge°
rade die cineS tollen Wüstlings, obwohl er sich

zählen, daß Lord Palmerston einrr der Ersten ge-
wesen, drr den Muth und die Geschicklichkeit besaß,
auf einem von Almack's Bällen den erst im Iahre
1815 nach England importirten Walzer zu tan-

zen. Die Fürstin Lieven war srtne Tänzerin, uno
„viel bewundert wurden die kühnrn, labyrinthischen
Drehungen des schönen PaareS." Diese russische
Fürstin und Lady Lowprr waren eS, die dazumal
alS die Begünstigten oder Brgünstigerinnen Lord
Palmerston'S vorzugsweise genannt wurden. Iene
soU ihn im russiscken Jntcresse bcnützt haben, und
später von ihm im engliscken Interesse benutzt wor-
den srin, Lady Cowper aber wurde seine Krau und
trauert jetzt um ihn als Wittwe.

(Fortsetzung folgt.)

Hamburg, 6. Nov. Drei Morde, die inner-
halb zweier Tage hier und in näckster Umgegend
grschahen, macken nicht nur viel von sich sprechen,
sondern bennruhigen cllich unsere Bevölkerung. Ein
jungeS Mädchen von noch nickt zwanzig Jahren,
Tochter eineS Wirths in der Nähe des HafenS, wo
viele Seeleute verkrhren, wurde, mit Liebesanträ-
gen von Scite eines SpanierS verfolgt, die sie
anzunehmen keine Lust bezeigte, von diesem rück-
lings durck einen Dolchstich rrmordet. Der Mörder,
Steuermann rtneS im Hafen liegenden spanischen
SchiffS, entfloh tn einem Boot elbabwärts, ward
loading ...