Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

Page: 449
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865a/0449
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
UMIbtrger Zeilung.

Kreisverküudigungsblatt für öen Kreis Heidelberg unü amtliches Aerküuüigilngsblatt für üie Amts- und Aints-
Gerichtsbczirke Heidelberg unü Wiesloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünü.


Samstag, 28 October


x Schieswig Holstein

Man kann die große Verblendung nicht be-
greifen, in welcher besonders einige Organe der
Süddeutschen Presse das gute Recht Schjeswig-
Holsteins und seines Herzogs Friedrich VIÜ.
zu Gunsten Preußens fallen lassen. Sie spre-
chen jetzt nur von dem „Augustenburger", für
den ste — als den rechtmäßigen Fürsten der
nordalbingischen Herzogthümer —' srüher ihren
ganzen Eifer eingesetzt hatten, und verlassen in
der eingetretenen Stunde der Krisis seine gute
Sache zu Gunsten der herrschenden Gewalt,
wobei sie gleichwohl ihre rechtliche Ueberzeugung
aus frühercr Zeit gewahrt zu haben glauben.
Zu einem wahren Troste und zugleich zu großer
Genugthuung für unser Rechtsgefühl und un-
sere politische Anschauung gcreicht uns der Ruf,
den Fr. Harkorl in dieser Sache au seine
Gesinnungsgenossen in Deutschland erlassen hat
upd den wir auch in einer bad. halbofficiellen
Zeitung (Karlsruher Ztg. vom 13. d. M.) zu
unserer Freude aus einer Berlin«r Corre-
spondenz abgedruckl finden. Die Worre des
freimüthigen Patrioten bezeichuen den rechten
Standpunkt, der in ber Beurtheilung dieser
hbchwichtigen Sache eingehalten wcrden sollte,
und drückt in edler Entrüstuug den iLchmerz
des Vaterlandsfreundes über die unvermuthete
und hauptsächlich durch Oesterreichs schwäch-
liche Nachgiebigkeit eingetretene Wendung aus.
Harkort erwartete, daß das preußische Abgeord-
netenhaus sich treu bleiben werde, und über-
läßt die eingetretette politische Wendung der
Herren Tweften, Mommsen, Kerst u. a., ihre
Annexionsgelüste und ihre Kämpfe gegen den
Bundesstaat dem Richterstuhle der deutschen
öffentlichen Meinung. Wir stimmen ganz mit
dem deutschen Manne überein, wenn er sagt:
„Wer das Sclbstbestimmungsrecht Anderer nicht
achtet, untergräbt die eigene Freiheit." Nie
sollte man der staatenverderblichen Lehre hul-
digen, daß Macht über Recht gehc; bei diesem
Grundsatz ist keiner der bestehenden kleineren
Staaten in dcn Zeitconjuncturen vor seinem Un-
tergange sicher. Es verräth daher eine große
Kurzsichtigkeit, wenn die kleinstaatliche Presse
den Siegestrunkcnen den Steigbügel hält und
in das Halloh des Unrechts und der Gewalt-
that, dercn Absicht wenigstens offen vorliegt,
einstimmt. Geht Schleswig - Holstein , ohue
deffen Volk gehört zu haben und unter An- !

wendung von Gewalt an Preußen über, so
ist dies nur der Anfang vom Ende, denn
dann ist jede Schutzwehr des Rechts und
der Rechtlichkeit über den Haufen geworfen.
(Die neueste Drohnote an den Frankfurter Se-
nat ist cin sprechender Beweiö für diese Behaup-
tung.) Unser Grund aber ist: kal sustiliu,
pereat niunckus. Wir haltcn mit Harkort an
dcm Wahlspruche fest: „die höchste Rechtlichkeit
ist die höchste Klugheit." Der Herzog von
Augustenburg hat jetzt mehr denn je Ursache
auszurufen: Herr behüte mich nur vor meinen
Freunden! Nur Bayern, Sachsen und Hessen-
Darmstadt sind ihrer Rechtsüberzeugung treu
geblieben und haben sich darin weder von der
Macht einschüchtern, noch von Zweckmäßigkeits-
gründen beirren lassen. Z)ie badischen Antrag-
steller haben es nach den gedrucklen Verhand-
lungen der Mitglieder deutscher Landesvertre-
tungen nur dahin gebracht, daß sie (S. 46, 47)
durch Gerwig erklären ließcn, „der Abgeord-
netentag halte es auch bei diesem Anlasse für
eine heilige Pflichk, das rechtlich begründete
Verlangen der Nation nach einem deutschen
Parlamcnte zu wiederholen."

* Politische Umschau.

Die „Frailce", das Organ des Hrn. Drouyn
de Lhuys äußert über die preuß. Drohnote:
„Wir theilen das Actenstück mit, aber wir über-
'lassen dem Frankfurtcr Blatte, dem wir cs ent-
lehnen, die ganze Haftung. Denn so lange die
preußische Note nicht officiell veröffentlicht wvr
den, können wir nicht glauben, daß ein preU-
ßischer Minister gegen einen souveranen Staat
eine solche Sprache geführt habe. Es ist un-
möglich, den Mißbrauch der Gewalt weiter zu
treiben. Dies ist nicht cin ertheilllr Rath; es
sind Einschüchterungen und Drohungen, welche
mit den Formen der Diplomatie nichts gemein
haben." — Der „Temps" äußert: „Wir ken-
nen seit lange den hochfahrenden Ton der di-
plomatischen Communicationen des Herrn von
Bismarck; dennoch müssen wir bekennen, daß
dieses neueste Actenstück, wenn es wirklich so
vorhanden ist, wie man es uns gibt, alle seine
Vorganger an Cynismus und Arroganz über-
trifft." — Die „Opinion nationale", die vor
wenigen Tagen noch für das Preußenthum ge-
wonnen war, ist voll Verlegenheit. Selbst sie
bemerkt: „Diescs Actenstück kennzeichnet sich
durch eine beinahe brutale Herbheit."

Nach der „Hcss. Losztg." sind in einer vor
einigen Tagen in Frankfurt abgehaltenen Siz-
zung der geschästsleitenden Commission des
Scchsunddreißiger-AusschusseS verschiedene Maß-
rezeln beschlossen worden, um die Beschlüsse
deS letzten AbgeordnetentageS auszuführen und
die Organisation für ganz Deutschland neu zu
beleben und zu erweitern.

Nach dcr „Europe" hätte der österreichische
Minister Belcredi, veranlaßt durch die fortwäh-
reilden Einwirkungen des Ministers ohne Porte-
feuille Esterhazy, am Freitag seine Entlassung
eingereicht, sie wäre jedoch vom Kaiser nicht
angenommen worden.

Der Allg. Ztg. wird aus Prag geschrieben,
daß vor einigen Wochen der bevorstehende Be-
fehl an zwei Regimenter der Garnison von
Paris, nach Mexiko abzugehen, mit großem
Widerwillen gegen die mexik. Expedition, den diese
Regimenter mit dem Heer überhaupt wie mit der
franz. Bevölkerung gemein haben, aufgenom-
men wurde. Die beiden Regimenter sind das 18.
und 34. der Linie. Als der Oberst des 18.,
wie cs der Gcbrauch ist, das Corps der Offi-
ziere zusammenrief, um ihnen eine Nachricht
zu eröffnen, die gewöhnlich mit Freude und
Beifallsruf aufgenommen wird, beobachteten
die Offiziere ein eiskaltes Schweigen. Der
Oberst glaubte an ein Mißverständniß, oder
wollte den Anschein haben, er glaube an ein
solches, und wiederholte seine Mittheilung. Die
Haltung der Offiziere blieb dieselbe, und der
Oberst entließ sie nicht ohne Aufregung und
Beschwerde, als ob er persönlich beleidigt sei.
Die Offiziere traten hierauf zusammen und
entwarfen und unterzeichncten ein gcmeinschaft-
liches Schrciben an den Oberst, worin sie ihm
betheuerten- daß seiüe Person mil der Haltung
durchaus nichts zu schaffen habe, und daß sie
den Marschbefehl nach jedem andern Land als
Mcxiko mit dem größten Enthusiasmus aufge-
nommen haben würden. Der Ordre wurde
keine wcitere Folge gegeben, und die Regimen-
ter sind noch immer in Paris. Möglich, daß
man größeres Aufsehen und allgemeinere Un-
zufriedenheit, nothwcndige Folge ihrer unmit-
telbaren Entfernung aus der Haupstadt, ver-
meiden wollte. Daß die Widerspänstigen aber
in irgend einer Weise für ihx Benehmen büßen
müssen, wird als ebenso wahrscheinlich betrach-
tet, als es gewiß ist, daß sie es nicht,gewagt
haben würden, wären sie nicht von der Zu-

Stadt-Theater in Heidelberg.

26l October. !

lltzte ^Vorstellung in verselben Mozart's^„Don ^

sante, anregende Abweckslung. Dem clasfischcn
Drama folgte eine Zusammenstellung von Lustspiel,
^perette u^rd^P^e ^und als^ dntte^Vorstung,ei^n

brachtcr Charaktere immer von^ Neuem anziehen.
Die Aufsührung des „Don Carlos" am vorigen
Sonntag hat dieS wtederholt thatsäcklich bewiesen.
Man ist in Folge der Seltenhrit eines glücklich
vegabten DarstellerS sür die leicht zu Ueberschweng-
"chkeiten hinreißende Rolle deS Carlos fast tradi-
tlonell gewöhnt, Erwartung und Aufmerksamkeit
vorzugsweise auf den mit höchst wirksamen Reden
bedachten Posa als Heldrn der Tragödie zu richten.
Drr Carlos, den wir diesmal sahen, prägte sich
von der Scene mit dem „Geberdenspäher und
^eschjchtknträger" biS zu der letzten des Stücks in
Ton und Miene auf's Lebhafteste ein. Die ün-

Gestaltung der verschiedenen Scenen hat das Ver-
dienst des Hrn. Tiefel, tn dessen Händen dte Rolle
d^Po^ Anthki^.^ Fu^ dtc^Er-

anerkennuqßSwerthe CbanrkteMik des verschlagenen
Pfaffen, wie Hr. Hartmann für Lerma den Ton
der Wärme traf. Hr. Schwarz, Vertreter des Alba,
kämpftc mtt Htnderniffen, die im Jamdus zn lie-
grn schienen. Seine Rede hatte mehr den conver-

wohl daher rühren mag, daß der Geuannte vor-
zugSweisc im Gebiete dcs Lustspiels beschäftigt ge-
wesen, in welchem wir ihn zu vkrschiedenen Malen
ganz am Platze gefunden. Fräul. Brand wußte
durch sorgfältige Behandlung des.Verses und künst-
lerischen Wechsel iii der Stimmung der Darstellung
der Eboli das entsprechende Eolorit zu verleihen,
wobki eine geschmackvolle Totlette unterstühend mit-
wirkte. Die Scene.im Cabinet der Prinzessin war
in ihrem ganzen Verlauf für die Theilnahme der
Zuhörer eine fesselnde. Wir können nickt unter-
lassen,^der Conftquenz^ Zu gedenkcn. mit welcher

handelte, was um so mehr anzuerkennen, als
„kleinc" Rollen nicht immer die nökhige Beachtung
vmr^ihren Vertretern erhalten. Ukbera^ machte

rungen bei einer wünschenswerthnr Wiederholung
gewiß hinwirken wird. — «t.

(Meyerbeer und die Cholera.) Dic„Chro-
ntque muficale" erinnert daran, daß E. de Mire-
court vor einigcn Aahren in feiner Biographie
Meyerbeer'S bcmkrkl hat, nack jeder neucn Oper
des Maestro fti die Cbolera in Frankreich ausge-
brochen; im Iahre 1832 (Robert der Teufel), im
Aahre 1849 (der Prophet), im Aahre 1834 (Norb-
stern). Zetzt abermals nach der „Afrtkanerin".
loading ...