Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Kreisuerkiilidigmlgsblatt fiir den Kreis H-idelberg unü a-ntliches Berkündigungsblatt für üie Anits^ und Anits-
Gerichtsbezirke Heidelbcrg und Wicsloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünü.

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Freitag» 1 Septembcr


Auf die „Heidelbergcr
Zeitung" kanu man sich
noch für dcu Atonat
September niit 21 Kreuzcrn abonniren bei allen
Postanstalten, den Boten und Zeitungstrcigern,
sowie der Expedition (Schiffgasse Nr. 4).

^ Die Form der Einheit Deutsch-
lands.

V.

(Schluß.)

Man hat schon of1*bei den Franzoscn mehr
Freiheitssinn finden wollen, als bei den Deut-
schen; und bei den enthusiastifchen Verehrern
franzöfischer Zustände ist dies sogar zu einer
Art von Glanbensartikel gewordeir. Daö ist
ein Grundirrthum, gegen welchen die ganze
neuere Gesckichte Zcngniß gibt. Frankreich hat
frcilich mchr Nevolutionen gehabt, als Deutsch-
land. Allein diese französischcn Nevolutionen.
sind — abgesehen von der Beweglichkeit uud
Erregbarkeit des Volkscharakters — immer die
Folgen eines politischen, oder auch eines so-
cialen und materiellen, Druckes und Nothstan-
des, welchen der Deutsche gar nicht bis zu
einem so unerträglichen Grade würde kommen
lassen, und in welchem die französische Freiheit
ftets wieder auf's Neue umschlägt, um noch
einmal den Proces; durchzumachen. Denn der
Franzose hat mehr Einheitssinn als der
Deutsche; die durch die Revolutivn, in welche
cr sich über Hals und Kopf stürzte, herbeige-
führte Auflöfung der politischen und socialen
Einhcit ist ihm auf die Dancr unerträglich;
und um zu dieser Einheit wieder zu gelangen,
wirft er sich lieber wieder einem Despoten in
die Arme und opfert die Freihcit auf.

Der Deutsche als solcher hat eine der fran-
zösischen geradezu entgegengesetzte Denkungs-
art. Von Alters hcr mit seinen Voreltern
einem engeren Staate angehöreud und sich als
Glied eines besonderen Volksstammes fühlend,
vergißt er leicht, daß er auch ein größeres, die
verschiedenen Stämme mmfassendes, gemein-
schaftliches Vaterland hat, gegen welches ihm
Pflichten obliegcn, nnd desscn Einheit, Kraft
und' Ehre auch ihm und jedem Einzelnen zu
Gut kommen., Dagegen ist er höchst eifersüch--
tig auf seine persönliche Freihcit uud Rechte, !
svwie ans die Rechte und Freiheitcn seiner Ge- !
meinde unv seines speciesteren Vaterlandes ge- i

London. 21. Aug. (Scbluß.) Nach kirrzcr Bc-
rathiing mit ftinen College^ kündigir Hr. Lanning
seinen Entschluß an, das Kabel aufzusilchen. Den
Meisten ersckien es als ein letzter Versnch der Ver-
zweiflung. DoL warrn Männer an Bord, die im
Mittelmeer Kabel aus eincr Tiefe vog 600 Faden
aufgefischt hatten. Freilich, mehr als die dreifache
Tiefe galt es hicr zu überwinden. Der ßntcrhaken
ward in Bereitschast gebracht, bestehend aus fünf-
armigen Ankern, deren Flügel mit scharfcr Bic-
gung in eine zahnähnliche abgeschrägte Spitze ans-
gingen: die Angel, mit welcher der Great Gastcrn
den kostbaren Schatz aus der Ticfc fischen sollte.
Drei Centner wog das Eisen, welchcs, befestigt
an ciiiem für Bojen bestimmten Drahtseile, desscn
Tragkraft auf 10 Tonnen ooer 200 Ccntnrr be-
rechnet war, nun über den Bug ins Meer hinab-

die Aufgabe, ein Tau hinabzusenken, nicht hcrein-
znwickeln. Schnell und schncller fuhr das Seil in
dic Tiefe hinunttr; der Ocean schieu unrrsättlick.
Endlich vermindcrte sich seine Schwere, mit 2500
Füden oder 15,000 Fuß hatte der Enterhaken den
Boden erreicht, und der Great Eastern schleppte

gcnüber dcm allgemcinen Vatcrlande, von dem
er sich ebensowenig will dejpoliren lassen. Hinter
diesem unvertilg'varcn Freihcitssinn, der cin un-
schätzbarer sittlicher Vorzug dc's Zndividuums
ist und aus dem die Bürgschaft unvergänglichcr
dcutscher Tngcnd und Ehrc ruht, tritt aber
freilich der Sinn sür uationale Einheit und
für die allgemeinen vatcrländischen.Znteressen
verhältnißmäßig zurück; und hierin liegt der
Grund der Uneinigkeit der deutschcn Stämme
und der seit Jahrtausendcn bestehenden, in dem
Nationalcharakter wurzclnven nationalen Zer-
splitterung. Dieser Volkscharakter läßt sich nicht
vertilgcn; und oa auf ihin die Staatenverhält-
uisse Deutschlands beruhen, so lassen auch diese
sich nicht in der Weise änderu oder aufheben;
daß der dcutschc Staalenbund oder Bundes-
staat in eiuen Centralstaat übergehe. Jeder
dcrartige Versuch, auch wenn er, durch eine zu
Gebote stehende Gewalt uuterstützl, für den An-
fang gelänge, würde keinen bleibenden Zustand
zu schafien im Stande fein und übcrdies zu
bedeuteuden nationalen Uebelständkn sühren.
Diese geschichtliH constatirte Wahrheit muß man
anerkennen und sich offen und ehrlich zu ihr
bekennen, wenn das Mißtrauen der deutjchen
Volksstämme und ihrer Fürsten gegen die Ein-
heitsbestrebungen, we»in ihre Besorgniß vor
Aunexirungen und Vergewaltigungen verschwin-
den soll.

Eine Einigung der deutschen Volksstämme
muß zu Stande gebrackt werden, da ohne die-
selbe, des deutschen Freiheitsdranges ungeachlet,
die unferm Vaterlaude drohenden Gefahren uicht
abgewendet uud, wenn sie eintreten, nicht sieg-
reich bestauden werden können, sondern das- zer-
rissene Deutschland ein Spielball der europäi-
schen Mächte und zuletzt cine Bcute derselben
wird.. Der Deutsche will aber keine Einheit,
die nur auf Kosten der Freiheit erlangt wer-
deu kann; und daß Deutschland bisher noch
nicht zur Einhcit gekommen ist, hat vorzugs-
weise darin seinen Grund, daß noch nicht allen
deutschen Stämmen und Staaten eine gleich-
heitliche Freiheit zu Theil geworden ist.

Man hat schon oft in großer Selbstverblen-
dung geäußert: es müsse vor allen Dingcn die
Einheit hergcstellt werden, und wäre sie auch
nur auf dem Wege der Gewalt zu crreichcn,
etwa durch einen vom Glück begüustigten Macht-
haber, der stch des Ruders bemächtigte. Jn
diescm Siune hal man uamentlich in neuester

Zeit die prcußifchcn Annerionsgelüstc bezüglich
Schleswig - Holsteins zu rechtfertigeu versucht;
und Manche würden in ihr'em Einheitsfanatis-
mus es nicht ungern sehen, wenn dcr preu-
ßische oder irgend ein anderer Gewaltigcr die
kleineren deutschcn Fürstcn vertreiben und sich
ihrer Staate« bemächtigen würdc. Diese nicht
nur ganz undeutschen, sondern auch höchst ver-,
kehrlen und verdervlichcn Ansichten werden nie-
mals zum erwünschtcn Ziele führen, nie zum
Heile Deutschlands gereichen, nie das dentsche
Bedürfniß befriedigen. Wenn man meint, die
Freihcit werde, wenn nur einmal dic Einheit
hergestcllt sei, alsdann fchon von selbst hinten
üach kommcn, so ist dies eine Meinung, dic
durch die ganze Weltgeschichte Lügen gestraft
wird. Alle Dcspoten in alter und neucr Zeit
haben für Einheit gesorgt, aber die Freiheit
mit Füßen getretcn. Der Deutsche traut den
Despotcn, welche Freiheit verheißen, ebensowcnig
als der Trojaner den Griechen, wenn sie Ge-
schenke anboten („timeo D-mnas ckvnn^ue

Der ächt deutsche nationale Wahlspruch, wel-
cher dcm dcutschen Sinn und Charakter ent-
spricht und in den dcutschen Verhältnifien ge-
gründet ist, laulet: „znerst Freihcit und als-
dann Einheit," oder besser:-„durch die Frci-
heit znr Einheit." Das ist aber nicht allein
deutsch, sondern überhaupt vernünftig und in
psychologischer wie in politischer Hinsicht gerccht-
fertigt. Eine Staatseinheir läßt sich nämlich
nur auf zweifachem Wege erzielcn, entweder
auf dem Wege der Gcwalt oder auf dcm der
freien Selbstbestimmung; und daß nur der letz-
tere heilsam und der Freiheit förderlich ist, be-
darf keines Beweises. Ein durch List und Ge-
walt in den Besitz des Staatöruders gekommc-
ner Despot wird dasselbe nicht freiwillig aus
den Händen geben. Die Freiheit muß alfo der
Einheil vorausgehen, wenn letztcrc nicht nach-
theilig n^erden und in der Form und dem
Wesen dcs Absolutismus auftreten soll. Die
Freiheit führt naturgemäß zur Einheit hin,
und diese aus der Freiheit crwachsenc Einheit
ift die alleiri re'chte uud segensrciche. Blicken
wir zurück in dic Geschichte unseres Vaterlan-
dcs feit den lctzten fünfzig Jahren, so werdcn
wir finden, daß sich ein Verlangen nach Ein-
hcit immer erst alsdann eingestellt hat, wenn
der deulsche Staatskörper von cincm Hauche
der Freiheit durchwcht und die Hoffnung auf

ihn nnch sich an dcr ungehruren Leine. So trieb
das SLiff über die Wasserfläche hin; wie man
boffte, auch übcr die Spurlinie des Kabcls. Die

immrr kein Anzeichen, daß der Anker gefaßt hatte.
Um ein Vicrtel vor 7 Uhr glanbte man einc stär-
kcre Spannung des Drahtseilrs zn spüren; man
begann cS aufzuwinden. Schwerer und schwerer
wurdc die Last. Als 500 Fadcn an Bord warcn,
gestand selbst der Zwerfelsüchtigste, daß die eifernen
Haken das Kabel grfaßt haben mußten. Die Hoff-
nung lebtc von Ncuem auf, aber nur, um schneller
Enttäuschung Platz zu machen. Um 8V» Uhr drchte
sich die Trommel plötzlich mit ungeheurer Schnel-
ligkeit, ein Enve dcs Seiles flog über Bord hinab
in den Ocean. Das Drahtseil bcstand aus Stücken
von je 100 Favcn Länge, welchc durch ein Kettcn-
glied mit einem starken eifcrnen Drehringe ver-
bunden waren. Der Kopf dcs Bolzens einrr dieser
Drehringe war durch scinen eisernen Kragen ge-
schlüpft, die Verbindnng gclöst. Ncunhundert Fa-
den des Taues lagen schon auf dem Dcck, sechs-
zehnhnndrrt Faden stürzten mit dem Kabel wieder

2000 Faden Licfe aufstschen, nnv, die nöthige
Stärke dcs Taucs gegeben, an dic Oberfläche
britigen. Dreimal ward der Versuch wiederholt,

auf dem Schiffe vorbanden. Seinem treucn Netse-
begleiter, dem Terrible, fignalisirte der Great
Eastern, daß nichts übrig bleibe, alS die Heimkehr.

srnschiff, von einer frischen Brise begünstigt, seincn
Lurs nach Osten nimmt. (S. M.)

In der Elberf. Zeitung findet man folgende
Annonce: „Heute Mittag gegen 1 Uhr wurde meine
liebe Frau Katbarina, geb. Elberding, von Dril-
lingen (lebend), 2 Mädcken und 1 Knabr, mit
Gottes Hilfc glücklich cntbunden, nachdem uns vor
kaum 10 Monatei» Zwillinge geboren wurdcn, also
in einem Jabre fünf Kinder. Glberfeld, 11. Aug.
1865. Karl Frankholz, Weber, Hochstraße Nr.76."
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