Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Heidelbrrger Zeilung.

KreiSverkÄndigungsblatt fiir den Kreis Heidclberg und aintliches BerkünSiguugsblatt fiir die Amts- nud Amts-
Gerichtsbezirke Heidelbcrg und Wicsloch und dcn Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

M 2LN


Sonntag» 22 October


L8«S

XX Die Beweguri;; in der kathol.
Kirche, oder der Kampf des wahren
gegen den falschen Katholicismus.
II.

Jn Italien bestcyt ein katholischer Reform-
verein seit 1860. Er ist über die ganze Halb-
insel verbreitet, und umfaßt alS Mitglieder so-
wohl Laien alö Geistliche. Letztere haben hicr
in größerer Zahl der kirchlichen Bewegung sich
angeschlofscn, als dies bis jetzt in Frankreich
der Fall ist. Die geistlichen Mitglieder sollen
zu Hunderten zählen, hauptiächlich in der
Lombardei. in den ehevorigen papstlichen Lega-
tionen, und in Neapel. Viele hatten den Muth,
sich offen für die Reform zu erklären, andere
gehören zu dcn geheimen Mitgliedern des Ver-
eins. Zu den letztern zählen mehrere in der
kirchlichen Ordnung hochgestellte Geistliche; man
nennt als folche selbst den Cardinal d'Andrea
und andere Prälaten.

Der Jtalicner gehört vor AÜem seinem Lande
und seiner Nation Äl. Die Einheit Jta-
liens, die Wiedergeburt seinerNation
ist der höchste skiner Wünsche, das Ziel, in dem
alle seine Bestrebungen zusammenlaufen. Diese
wundersame, nationale Energie, welche in neue-
rcr Zeit die Bewohner der schönen italienischen
Halbinsel charakterisirt, und sie zu Anstrengun-
gen.und Opfern begeistert, dergleichen wir in
Dentschland bis. jetzt vergebens suchen, hat dem
dortigen Vereine liberaler Katholiken auch sein
eigenthümliches Gepräge gegeben und ihm seine
Aufgabe gestellt, auf deren Lösung er mit allen
seinen Kräften hinarbeitet. Jtalien ift durch
die weltliche Seite des Papstthums ruinirt wor-
den; die Päpste haben, um ihre weltliche Macht
zu sichern, überall und stets in Jtalien die Zer-
rissenheit befördert; sie haben fremde Herrscher
nach Jtalien gerufen, und haben dercn Despo-
tismus offen und insgeheim unterstützt. Die
Welt in der Kirche, das weltliche Papst-
thum, betrachtet daher der patriotische Katholik
m Jtalien als den größten Feind seines Landes
und als die Grundquelle aller Uebel, von denen
sein Volk seit Jahrhunderten heimgesucht wor-
den ist.

Das Papstthum von dieser Entartung zu
befreien, ist darum daS nächste Zicl, auf das
der italienische katholische Verein hinarbeitet.
Er ist daher ebenso ein. kirchlicher als ein na-
tivnaler Reformverein. Er will das Papst-

thum auf seinc rein kirchliche und geistige Be-
deutung und Stcllung zurückführen, damit Rom
Jtalien gehöre, und die ewige Stadt aufhöre,
der Ort dxr Machinationen und Jntrigucn zu
sein/ die Menschen, die kein Vaterland und kein
Volk kennen, in ewigem Hasse gegen Jtaliens
Wiedergeburt schmieden. Ob 'di» ewige Stadt
die Hauptstadt des wiedergeborenen Jtaliens
werden solle, das scheint nicht in der Absicht
des Vereins zu.liegcn; im Gegentheil scheinen
mehrere der lüchtigsten Mitglieder und Freunde
des Vereins (nameutlich Ricasoli) dies gar nicht
für wünschenöwerth zu erachten; nur die welt-
liche Herrschafl des Papstthums solle gebrochen
werden, damit eS aufhöre, der Stützpunkt der
Feinde der italienischen Einheit zu sein. Wir
hegen sogar die Ueberzeugung, daß der gegen-
wärtig allgemeine Ruf der Jtaliener, Rom
müsse die Hauptstadt deS wiedergeborenen Jta-
liens werden, nicht so ernstlich gemeint ist, als
cs den Anschein hat; ernstlich gcmeint ist er
nur in dem Sinne: Rom müffe aushören, in-
mitten der Nation cine Stadt der Fremden,
der Jesuiten, Fanatiker und Zntriguanten aller
Nationen zu sein, die von dort aus unaufhör-
lich gegen die Einheit JtalicnS Ränke schmie-
den und Slurm laufen. . Jft dies nächste Ziel
erreicht — und der fein berechnende Jtaliener
hat immer nur dieS im Auge — ist also Rom
Jtalien zurückgegeben, so dürfte es schwerlich
in der Absicht der lcitenden MLnner auf der
Halbinsel liegeu, Rom zur Residenz deS Königs
von Jtalien zu machen, und den Sitz der Cen-
tralregierung.noch weiter südwärts zu rücken.
Erwägungen der ernstesten Art scheinen eher
ab- als zu zurathen; schon jetzt lassen bisweilen
die hervorragendsten und besonnensteu Politiker '
Jtaliens eine gegentheilige Absicht durchblicken.
Doch vorerst handelt eS sich nur darum, die
ganze moralische Wucht des liberalen Reform-
vereins gegen den babylonischen Thurmbau des
ganz verweltlichten PapstthumS in Bewegung
zu setzen._

* Politifche Umschau.

Die „N. Frkf. Z." will wiffen, die deutschen
Regierungen. denen die österreichisch-preußischen
Depeschen gleichfalls zugegangen seien, haben
sich beeilt, ihre Ansichken über die Sachc ihren
BundeStagSgesandten mitzutheilen. Herr von
Beust habe seinerseits sich ungefähr in folgen-
der Weise geäußert: Auch er habe kein sonder-

liches Gefallen an dcn vielen Versammlungen,
die ohnedies zwecklos seien; allein, nachdem
Preußen jechS Jahre lang die Versammlungen
dcs Nationalvereins und dergleichen begünstigt
oder stillschweigend zugegcben habe, sei jetzt kein
Grund vorhanden, plötzlich ein andereS System
einzuschlagen und solchen Vorkommniffen mit
Androhung von Machtmitteln entgegenzutreten.

Gegen Schulze-Delitzsch ist jetzt auch eine
Unlersuchung eingeleitet, und zwar wegen der
in Nürnberg zur Zeit des volkSwirthschaftlichen
CongreffeS im dortigen Arbeitervereine gehal-
tenen Rede über Gewexbefreiheit.

Der Papst hat dem Cardinal Andrea seinen
Jahresgehalt von 30,000 Fr. entzogen.

Nach dem „Moniteur" wird die britische
Regierung dcm Antrag FrankreichS beitreten,
wonach in Konstantinopel eine Conferenz ge-
halten werden soll, um Mittel aufzusuchen, den
Verheerungen der Cholera vorzubeugen oder
dieselbe zu unterdrücken.

Deutfchland.

Karlsruhe, 21. Octbr. Seine Königliche
Hoheit der Großherzog haben unter dem 19.
Octbr. d. I. geruht, Allerhöchstihren Präsiden-
ten des Ministcriums des großh. Hauses und
der auswärtigen Angelegenheiten, Freiherrn v.
Roggenbäch, auf sein unterthänigftes Ansuchen
seines DienstcS in Gnaden zu entheben und
Allerhöchstihren außerordentlichen Gesandten
und bcvollmächtigten Minister am k. k. öster-
reichischen und k. sächsischen Hofe, Kammerherrn
Freiherrn v. Edelsheim, unter Abberufung von
diesen Posten, zum Staatsminister deS großh.
Hauses und der auswärtigen Angelegcnheiten
zu ernennen.

Karlsruhe, 20. Okt. Die Resultate der
Finanzverwaltung des Landes pro 1864 sind
ebenso günstig als diejenigen der Vorjahre.
Trotzdem für das letzte Vierteljahr 1864 der
Mehraufwand für die neue Organisation der
Juftiz und Verwaltung aus den Einnahmen
gedeckt werden mußte, ist ein Ueberschnß von
797,769 fl. geblieben. Der Ueberschuß pro
1863 (seitdem sind bekanntlich Steuerermäßi-
gungen eingetreten) betrug 1,097,826 fl. Der
Ueberschuß pro 1865 verspricht, wie man hört,
so bedeutend zu werden, daß dcr Ausfall bei
den Zollvereinsrevenuen nicht bloß gedeckt wird,
sondern auch die Erhöhung der Gehalte der
Volksschullehrer und anderer niedrig besoldeter

Ein Mops im Durgtheater.

Eine Dame in riner Logr deS dritten RangeS
im Wiener Burgtheater war bei der letzten Vor-
stellung von „Romeo und Julie" so frei gewesen,
ihr Schoßhündchen mitzunrhmcn. DaS Nrue Frem-
denhlatt erzählt dic Störungrn, welche durch ken
Arbling im Verlaufe drs AbcNdS herbeigrführt
wurden, in folgcndcr Weise: Als Romeo um drei-
viertel auf 8 Uhr die süßen Wörtr flüsterte: „Würd'
ihr Ang' auS luft'gcn Höh'n fich nicht so hell er-
gießen, daß Vögel sängen, froh den Tag zu grüßen",
bellte der Hund zum rrsten Male. — Man dcnke
sich die Scene. Fcierliche Stille herrscht in den
dunstigen Ränmen deS MusentempelS, Alles horcht
Mit verhaltenem Athem auf.die Worte deS jüngsten
Montague, er seufzt, schwärmt und stöhnt, da läßt
vlit einem Male ein nichtswurdiger Mops sein yei.
seres, von griler Fcttsucht verberbteS Organ ertö-
nen und alle Illufion ist auf dem Hund. Erst er-
schrickt man über einen so unerhörten Frevel im
Burgtbeater, dann wendct fich AUes nm, man
s.ucht den Frechcn zu erspähcn, nnd endlich beginnt
AlleS zu lachen. Was nützen tie zärtlichsten Schwürc i

seufzen. Mit einer Nuance von Wuth ruft Romeo,
halb Iulie, halb den MopS meinend: „Hör' ich
noch länger oder soll icb reben?" — Drr Mops

Ende zwischen rine Zange eingeklennnt wäre. Iulie
hat indrsscn ihxcn Romeo rrkannt — der unselige
MopS heult wteder — und Lapulet's Tochter ruft:
„Mein Ohr trank keine hundert Worte noch von
deinrn Lippen, doch es kennt den Ton."—Scköner
Ton. hubuhu! Und als nun voUends Iulie die
Unvorficktigkrit begeht, den Mond, den ärgsten
Feind ber Möpsc, zu beschimpfen, und auSruft:
„O, schwöre nicht brim Mond, dem wandelbaren,
der immerfort in seiner Scheibe wcchselt" — da ist ^
! der Hund nickt mehr zu halten, und er bellt zwei !

Minuten in Einem Athem znin Zeichen sriner
: Sympathic für Juliens Worte fort. Endlich packcn

sammt seiner Befitzerin an die Luft. — Man weiß
in diesem Augenblicke noch nickt, wcm man diese
Hunde-Episode verdankt, denn die Besitzerin gab,
dem Vernehmen nack, dem Vertreter der Behörde

Ans Badeu, 8. Oct. Ein erzbischöflichcr Erlaß
vom Ianuar 1856 hat die oberhirtlicke Genehmt-
gung erthrilt zur Erneucrung der Skapulier-
bruderschaft in Oberkirch mtt den ihr vom
apostolischen Stuhl verlichenen Abläffen, und es
ist nun ein Büchlein über dirsen Gegenstand er-
schienen. Die Skapulierbruderschaft wird abgeleitet
von einem im 13. Iahrhnndert lebendrn Einfiedler
in England NamenS Simon, der in einem hoh-
lcn Baum lebte, um den Gefahren der Welt zu
entgehen; er'wurde Ordensgeneral der Carmeliten
und empfing am 16. Iuli 1251 von der Iungfrau
Maria persönlich das heilige Skapulier (Seite II
der Schrift). Gleick darauf heilte cr mit dem Ska-
! pulier einen Edelmann NamenS Walter, der von
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