Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Kreislierküilüiguiigsbllitt fiir deu Kreis Heidelderg und auitlichcs Verküuüigullgsblatt für dic Amts- uud Auits-
Genchtsbczirkc Heidclbcrg und Wicsloch unü dcn AmtSgcrichtsbezirk Neckargemiind.

Nk- 287 Mittwoch. 6 December 18«s

^ Mf die „Heidelberger
Zeitüng" kann man sich
noch für den Monat
December mit 21 Kreuzern äbonniren bei allen
Pöstänstalten, den Boten und Zeitungsträgern,
sowie der Expedition (Schiffgasse Nr. 4).

* Pvlitifche Umschau

Die „Nordd. Allg. Ztg." stellt die Nachricht
des „Memorial diplomat." in Abredc, nach
welcher Graf v. Bismarck den Präsidenten der
preüßischen Bank angewiesen HLtte, mit ciner
Erhöhung dcS Disconto's zu dro'hen, falls ein-
stußreiche preußische BankierS bei dem neuen
österreichischen Anlehen sich bctheilig^n würden.
Dem Ministerpräsidcnten stchc keine Entschei»
dung über die Gcldoperationcn der Bank zu.
— Von untcrrichteter Seitc wird der vom Lon-
doner „Globc" mitgetheilte Plan der Durch-
führung der Annexion der Herzogthümer, wel-
chen Graf v. Bismarck in einem Memoire an
deü König entwickelt haben soll, — als erdichtet
bezeichnet.

Die „Correspondencia" erklärt die N.achricht,
dgß die fpanische Regiernng dem Admiral Pa«
refa Befehl geschickt habe, die AngriffSmaßregeln
gegen Chile zu vcrtagcn, für unbegründet und
fügt hinzu, die Negiernng sei auch keineswegs
geneigt, eine Vermittlung anzunchmen. Der
Marineminister hat an alle Arienale Besehl er-
theilt, die AuSbesserung und den Bau von
Kriegsschiffen zu beschleunigen. AuS Cadix
werden demnächst drei ncue Dampffregattcn und
zwei Transportschiffe mit 2500 Mann Marinc-
Jnfanteric auslaufen.

Nach der „Patrie" ist ein unionistisches Ge-
schwader von 5 Schiffen am 15. Novbr. bei
St. Thomas vorbei nach Valparaiso gesegclt.

D e u t f ch l a n d.

Karlsruhe, 2. Dec. Das heute erschie-
nenc Regiernngsblatt Nr. 56 enthäkt (außer
Personalnachrichten):

l. Verfügungen und Bekanntmachungen der
Ministericn. a) Der erledigte Notariatsdistrict
Hag^feld wird dem Notar Georg Conrad
Beisel in Seclbach übertragcn. 6),Dienst-
weisung für Gegcnvormünder. e) Die Na-
mensänderung. der Rosina Vögeli in Constanz
in Roth betreffend. Bekanntmachungen des
großh. MinisteriumS.dcs Jnnern. a) Dic
Apothckerlicenz dcs Ernst Baader von Neu-

stabt betreffenb. b) Dic Zubereitung, Auf-
bcwahrung nnd den Verkauf von Giften be-
treffend.

ll. Diensterledigung. Die Stclle eineS Ge-
rikhtsnotars bei großh. Amtsgericht Neustadt
mit einem Gehalt von 800 bis 1000 fl.

st* Karlsruhe, 4. Decbr. Aus der heu-
tigen Sitzung der ersten Kammer heben wir
zwci Jncidenzfälle von besondcrem Jnteresse
hervor. Geh.-Rath Blnntschli kündigt an,
daß er im^Einverständniß mil mehreren Mit-
gliedern des hohen HauscS nachfolgende Jnter-
pellation an das großh. Staatsministerium rich-
ten werde:

1) Jst das hohe Staatsministerium in der
Lage und gcneigt, über dic Gründe, welche den
Frhrn. v. Roggenbach beftimmt haben, auS
dem Ministerium auSzuscheiden, der Kammer
Aufschlnß zu geben?

2) Hat dek' AuStritt des Frhrn. v. Roggen-
bach eine Aenderung in der politischen Haltung
und Richtung des StaatSministeriums zu be-
deutcn, oder nicht, klnd im ersteren Fall
welche?

Staatsminister Dr. Sta bel erklärte sich bc-
reit, in einer nächstcn Sitzung der erstcn Kam-
mer über diese Gründe NamenS des Staats-
ministeriums Anfschluß zu geben.

Jn derselben Sitzung kündigte der neueinge-
tretene Abgeordnetc des grundherrlichen AdelS,
Frhr. v. Andlau, einc Motion an, großh.
Negierung zu ersuchen, durch ihren Gesandtcn
am Bundestag dahin zu wirkcn, daß alle öffent-
lichen Hazardfpicle in Deutschlqnd verboten
werden.

-f* Karlsruhe, 4. Dec. Die zweite Kam-
mer hielt heute ihre erste ordentliche Sitzung.
Der Altcrspräsident Pagcnstecher hjeß die Kam-
mer freundlich willkommen, sprach dann über
das crsprießliche Wirken derjenigcn hervorrq-
gendcn Staatsmänner, eines Nebenius,
Winter und Boekh, die zu dem politischen
AufschwungcBadens den hauplsächlichsteu Anstoß
gegeben; hob hierauf dcn mannhaften Kampf
der badischcn Opposition in den frühern Jah-
ren hervor, nnd ermahntc dann, auf dcr Bahn
verfassungSmäßigcn Fortschreitens auch ferner-
hin mit kampfbereitem Geiste, aber auch mit
Besonnenheit und Umsicht zu verharren.

Der Präsident deö MinisteriumS dcs Jnnern,
Staatörath Lamey, letzte hierauf die Wahlactcn
vor. Es.sind nur noch zwei Wahlen rückstäu-

dig; serner zwei allcrhöchste Erlasse Sr. Köuigl.
Hoheit dcs Großherzoas, beide vvn Vevey, 24.
Nov. c. Durch dcn ersten werdcn mit der
Vcrmittelung dcs GeschäftSverkehrs zwischen der
Staalsrcgierung und den Präsidicn beider
Kammern beauftragl: für die Erftc Kammer
der Staatöminister Dr. Stabel, für die Zweite
Kammer der Präsident des MinisteriumS deS
Jnnern, Staatsrath Lamey. Der zweite aller-
höchstc Erlaß erncunt zu beständigen Regie-
rungskommissä.ren für die Kammcrverhandlun-
gen: vom Ministerium des großh. Hauscs und
der auswärtigen Angclegenheiten den Geh. Le-
gationörath v. Pfeuffer; vom Justizmiiiisterium
den Gch. Rath Junghanns und Miüisterialrath
v. Freydorf; vom Ministerium des Jnnern
den Gey. Refercndär Cron, die Ministerialräthe
Schmidt und v. Dusch; vom Handclsministerium
den Geh. Neferendär Dietz und den Ministe-
rialrath Muth; vom Finanzministerium den
Geh. Finanzrath Schmidt nnd den Ministerial-
rath Walli; vom KriegSministerium den Oberst
Götz, Generalauditor Braucr und Geh. Kriegs-
rath v. Froben.

Der Vorsitzende cheilt mit, daß der Abg.
Bittmann durch den bekannten Unfall, der die
Stadt Lahr getroffen hat, zu erscheinen ver-
hindert sci. Aucb Abg. Fauler ist vcrhindert,
an der hcutigen Sitzung Theil zu nehmen.

Die Kammer bestellt nun durch daS LooS
ihre provisorischcn fünf Abtheilungen, denen
»die Prsifung dcr Wahlacten überwiesen werden.

Nach einer Unterbrechung von elwa einer
Stunde nimmt die Kammer ihre öffentliche
Sitzung wieder aus. Die provisorischen Vor^
ständc der Abtheilnngcn berichten über die ein-
zelncn Wahlcn. Es werden nach einander alS
unbeanstandet erklärt die Wahlen der Abge-
ordnetcn: Tritscheller, Eckhard, Busch, KirSner,
Kieser, Huffjchmid, Grimm, Hepting, Kayser,
Kiefer, Frick, Kusel, Heilig, Pickford, Richter,
Lenz, Nioder.

Nur eine Wahl, die des BürgcrmeisterS
KrauSmann vvn Heidclberg, wird deanstandet,
und zwar weil die von der Verfasfung im
§ 37 vorgeschriebenen Formen nicht vollstäudig
erfüllt sind.

Dic Abtheilung sei dcr Meinung, daß der stxe
Gehalt eincS Gcmeindebeamten den Anforde-
rungen des § 37 nicht genüge. Weil jedoch
die Wahl des Oberbürgermeisters KrauSmann
schon 1857 genchmigt sei, als er erst 1500 fl.

Magdebnrg. Die „Magdeb. Ztg." erzählt: Die
ausgebrocbene Trichinenkrankheits-Epidemie in He-

tern bercits drasnsch genug grschildert worven; wir
selbst sind gestern Augenzeugen dieseS Ereigniffes
gewesen und constatiren als solche, daß jene Be-

Mehr hat uns, dte wir in solchen Stücken kelnes-
wegs Neulinge sinc- und nach dem Gelesenen be-
reits auf schlimme Dknge gefaßt waren, der Anblick

«ir vor rinem Hause. Trauernde gewahr, welche
sich anschicktrn, einem Ehepaare das letzte Geleit
zu geben, und zwar war dies die Wobnung drs
unglücklichen Fleischers, welcher vor drei Wochrn

dic beiden trichinenkranken Schweine geschlachtet
hatte und nun selhst mit seiner Ehefrau alS Opfer
dieseS unseligen MißgrjffeS gefallen war. Außer-
dem harrten an diesem einen Tage in dem etwa
2000 Seclen zählcnden Orte noch acht derselbcn
Krankheit Erlegene dcr Bcerdigung und waren
zwei neue Todesfälle bekannt gewordcn! Den Mit-
telpunkt bilveten zwci neben der. Fabrik gelegcne
Gebäude, oder «ie sie jetzt heißcn, Lazarethe. Das
eine derselben beherbergt in den Räumen der oberen
Etage etwa ein Dutzrnd mannliche Kranke, welche
theilS Reconvalescenten, aber auf daS Aeußcrste
erschöpft waren, tbeils noch in LebenSgefahr schwcb-
ten. An den mclsten fiel das, frühcr gcschwollene,
jetzt magere, bleiche, auSdruckslose Gcsicht auf,
überhaupt der höchste Grad der Apathie, und mit

quälte; andere, welche sich noch in einem früheren
Stadium befanden, zeigten die charakteristische kol-
henförmige Anschwellung der Unterschenkel, an allcn

wie sich denn überhaupt hier zurrst die Kinderwelt
! ifl größerem Maßstabe erkrankt zeigte. Von diesem
! Eentralpunkte aus folgtcn wir nun dem trefflichen,

auftretenden EoÜegen Kratz duchstäblich von Haus
! zu Haus, um allenthaiben dasselbe Bild des Kran-
! kcnrlends und deS Jammers um krankc oder be-

! beitern der Fabrik sollen in Haffelfeld allein fünf

Dr. Kratz die Zahl der Srkrankten auf 300 schätzen
zu dürfen. — Noch heute, also etwa drei Wochen
! nach der ersten Anvafion, fanden sich im Darm-
schleime dcr meisten Leichen unzählige, enorm große
sogenannte Mutter-Trichinen, wimmeltrn die Mus-
keln der Brust, des Kehlkopfs, des Armrs u. s. w.
von eben eingcwanderten, fich lebhaft bewegendrn
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