Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Ueidtlberger Zeilung.

Kreisverküudigungsblatt fiir den Kreis Hcidclberg und amtlichcs Äerkündigungsblatt für die Amts- und Amts-
Gerichtsbczirke Heidelbcrg und Wiesloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

N» 1S8. Donnerstag. SL. August 18VL.

^ Die Form der Einheit Deutsch-
lands.

IV.

Wenn wir aber auch die Uebelstände Deutsch-
lands in den vorausgegangenen Betrachtungen
gebührend arrerkannl haben, so müssen wir doch
gegen die so ost ver:.ommene Uebertreibung der-
selben, sowie gegen eine Ueberschätzung der fran-
zösischen Centralisation proteftiren, indem wir
auf die Nachtheile der letzteren, sowie auf die
in der Entwicklung der deutschen Einzelstaaten
liegenden Vortheile in cinigen aügemeinen Zügen
aufmerksam machen.

Jn einem Centralstaate, der sich als ein un-
getheiltes einheitlichcs Ganzes weiß, finden,
wie man zngestehen muß, die allgemeinen groß-
artigen Jnteressen des Vaterlandes allerdings
eine vorzüglichere Berücksichtigung, als in einem
Föderativstaate, der, wie der deutsche, aus vielen
kleineren selbstständigen Einzelstaaten zusammen-
gesetzt ist. Dagegen wird in letzteren dem Be-
sondern und Einzelncn, woraus das Ganze als
aus seinen concreten Bestandtheilen sich bildet,
eine größere Aufmerksamkeit geschenkt; und
wenn in dem Centralstaate die das Ganze be-
treffende politische Entwicklung rascher vorwärts
schreiten kann, so wirh dagegen in dem Födera-
tivstaate oder Bundesstaate Alles, was sich auf
die Einzelstaaten in ihrer Besonderheit bezieht,
solider ausgebaut und ausgebildet, wodurch das
Ganzc, wenn nur einmal eiil Zusammenschluß
seiner Theile stattgefunden hat und die Einheit
hergestellt ist, mehr innere und äußere Vorzüg-
lichkeit, mehr Festigkeit und Dauerhaftigkeit ge-
winnt. Die deutsche Zersplitterung hat neben
den bekannten Uebeln doch auch das Gute an
sich, daß in diesen .kleineren Einzelstaaten für
die Volksbildung unendlich mehr geschehen ist
als in dem centralisirten Frankreich, wo der
größere Theil der Bevölkerung weder lesen noch
schreiben kann und sich überhaupt fast in allen
Beziehungen, das politische Gebiet und das
Gewerbsleben abgerechnet, in tiefer Unwissen-
heit befindet. Es gibt keinen Staat, weder in
Europa noch auf der ganzen Erde, — sogar
das durch sein politisches Leben, durch seine
Kunstfertigkeit, durch Fabriken, Handel und
Schifffahrt so ausgezeichnete England nicht aus-
genommen, — wo das Schulwesen, von der
Dorfschule bis zur Hochschule hinauf, in solcher
Blüthe und Vollkommenheit steht, wie in Deutsch-

land. Jst aber die Volksbildung und Volks-
erziehung ohne alle Frage die sicherfte, dauer-
hafteste und dem fortschreitenden Menschenthum
allein entsprechende und seiner würdige Grund-
lage der Staaten, so können wir nicht zweifeln,
daß unserm deutschen Vaterlande bei seinem
zwar langsameren, aber um so sicherern und
unaufhaltsamerern Fortschritt, wodurch es vor
Ueberstürzungen und großen Rückfällen bewahrt
bleibt, noch eine schönere Zukunft bevorsteht,
und daß es, wie in dem Herzen Europas lie-
genv, so auch der Mittelpunkt europäischer Ci-
vilisation, Macht und Größe sein und bleiben
wird. Das Staatswesen beruht auf dem Ge-
meindewesen, das Gemeindewesen auf dem Fa-
milienwesen: wo gäbe es aber noch einen an-
deren Staat mit einer so herrlich ausgebildeten
und noch in steter Fortentwicklung begriffenen
Gemeindeverfassung, wie der deutsche? wo gäbe
es einen anderen, in welchem das Familienleben
so solid, so einträchtig, so ehrwürdig und von
einem so frischen sittlichcn Geiste durchweht
wäre, wie bei uns? Wie weit steht in allen
diesen Beziehungen das centralisirte Frankreich <
hinter Deutschland zurück! Das ist der unver-
kennbare Segen der so viel bemäkelten und be-
ziehungsweise auch wirklich bedauerlichen Klein-
staaterei, für welche eine föderative Einheit zu
gewinnen ein absolutes Bedürfniß gcworden ist.
Und wenn in dem Spruche hebräischer Weis-
heit: „wie der Fürst, so das Volk" eine nicht
abzuläugnende Wahrheit liegt, so ist auch das
ein Segen für die Kleinstaaten, daß es in ihnen
kein so verdorbenes Hofleben gibt, von welchem,
wie in Frankreich, Rußland und andcren grö-
ßeren Centralstaaten, ein Pesthauch sich über
das ganze Land verbreitet. Jn eincm kleinen
Staate ist der Fürst seinem Volke so nahe ge-
rückt, daß auch die kleinsten Flecken an ihm
sichtbar werden; und er muß um seiner Ach-
tung und Würde, um seines Einflusses und
seiner Macht, ja sogar um der Sicherheit seiner
Existenz willen darauf bcdacht sein, kein bedeu-
tendes sittliches Aergerniß zu geben.

Jn einem Centralstaate kann von dem ge-
gebenen Mittelpunkte aus, in welchem alle Fäden
des über das Land ausgebreiteten Netzes zu-
sammenlaufen, freilich viel leichter regiert, und
das von der Regierung ausgehende Gute und
Nützliche kann rgscher und sicherer dem ganzen
Lande und Volke zu Theil werden. Allein an
diese Vortheile knüpfen sich auch sehr bedeutende

Nachtheile. Die Freiheit des Volkes ist durch
die Centralisation stark bedroht, und em Despot
kann mit leichter Mühe alle VolksbeftaiÄtheile
unter seinem ersernen Sccpter halten, eben weil
es keine berechtigten Besvnderheiten, keine rela-
tiv selbstständigen Provinzen und Gemeinden
gibt, deren Widerstand zu besiegen wäre, son-
dern alle Beamten und Staatsorgane nur blinde,
willenlose Werkzeuge der Centralgewalt sind.
Ein Despotismus, wie er in Frankreich schon —
im vorigen Jahrhundert unter Bourbonen, im
laufenden Jahrhundert dnrch die Napoleonidcn,
und zwar bis auf die neueste Zeit herab, aus-
geübt wurde, wäre in Deutschland aus eine so
langc Dauer hinaus eine Unmöglichkeit, und
er ist auch gcschichtlich noch nie dagewesen; weß-
halb wir auch der jetzigen, nach einem preu-
ßisch-großstaatlichen Despotismus lüsternen Bis-
maick'schen Wirthschaft, an die-man uns vieli-
leicht erinnern könnte. kein langes D-sein prog-
nosticiren; wie denn auch die deutsche Presse
sich durch dieselbe nicht einschüchtern läßt. Man
hat freilich in Deutschland auch schon oft und
viel über politischen Druck geklagt, und gewiß
nicht mit Unrecht; aber einc solche Knechtung
der Presse, eine solche Unterdrückung jeder freien
Lebensregung, wie wir sie in Frankreich erlebt
haben, ist in Deutschland auch nicht in der
schmachvollsten Zeit Metternich'scher Politik vor-
gekommen. Wenn die Freiheit in einem
deutschen Staate unterdrückt und versolgt wird,
so flüchtet sie sich in einen andern, wo sie Auf-
nahme und Pflegc findet; und auch der auf
kürzere Zeit unterdrückte Ltaat findet an an-
dern Bruderstaaten eine Stütze, an die er sich
anlehnen kann und mit dcren Hilfe ihm zuletzt
doch wieder zu seinem Rechtc verholfen wird.
Und hat einmal ganz Deutschland eine durch
Versassungen geschirmte Freiheit errungen, dann
wird dieselbe, auf den soliden Grundlagen der
Einzelstaaten ruhend und aus dem frischen Ge-
meindeleben stets Nahrung ziehend, tiefe Wur-
zeln schlagen und nicht, wie in Frankreich schon
oft gejchehen ist, dem Despotismus zur Bcute
werden.

* Pplitische Umscha«.

* Sraaten und Völker sollen für die Wege,
welche sie bei ihrem Weltgange einschlagen, für
die Ziele, denen sie zustreben, als Maß und
Richtschnur diejenigen Kräfte wählen, auf welche

London, 18. Aug. Telegraphische Depeschen aus
Crookhaven vom 17. August geben ausführlichere
Nachrichten über das Schicksal des Telegraphen-
Kabels. Der „Great-Eastern" fuhr von Valentia
am 23. Juni ab und setzte zehn Tage lang ohne
erhebliche Unterbrechung seinen Weg fort. Zwet
Fehler wurden, wie bekanckt, am Kabel entdeckt,
welche dadurch entstandrn, daß ein Stück Eisen-
draht die Gutta-Percha-Umhüllung durchdrang;
aber diese Fehler wurden bald aufgefunden und
so leichr ausgebessert, daß fie nur die Ausficht auf
die fichere VoUendung des Unternehmens erhöhten.
Der erste Anstand ergab fich bei einer Meerestiefe
von 1000 Uards; zehn englische Meilen mußten

Stelle gelangte. Der zweite entstand bei einer !
Meerestiefe von 4100 Uards; er wurde ermtttelt,
nachdem gegen zwei und etne halbe Meile des
Kabels wieder aufgewunden waren. Am 2. August
wurde man etnen dritten Fehler gewahr, welchen
die elektrische Probe als auf ungefähr sechs Meilen
htnter dem Schiffe feststellte, und welcher offenbar
derselben Ursache zuzuschrciben war, wie die zwei
vorhergegangenen. Das Schiff hatte schon fünf

Achtel seines Weges zurückgelegt, indem eS fich
! 1063 Meilen von Valentia befand und 1212 Meilen
! gelegt hatte; die Meerestiefe betrug 3900 UardS.
! Es wurde beschloffen. das Kabel wic bei den frühe-
^ ren Gelegenhetten wteder aufzuwinven, und zu
! diesem Zwecke wurde daffelbe vom Hintertheil des
! Schiffes, von welchem aus es gelegt worden war,

^ bereits gegen 2 Meilen wieder aufgewunden hatte,
zerriß das Kabel, welches durch Reiben an dem
Hintertheil des Schiffes verletzt worden war, zehn
Aards vom Vorderrad, aber innerhalb des Schiffes;
das Ende rutschte sofort selbstverständlich über Bord

licher, als daß man fich sofort daran machte, das
verlorene Ende wieder zu gewinnen. Ein Fang-
anker wurde daher heruntergelassen, und nachdem
zwet und eine halbe Meile Tau abgewunden waren,
trieb der Great Eastern über dte Kabellinie hin
und her, in der Hoffnung, das Kabel mit dem
Anker zu faffen. Wie oft das Sckiff vergeblich hin
und her pasfirte, wird unS nicht gesagt; am 3.
jedoch wurde das Kabel gefaßt. Das Ankertau

Häl^te desselben (2200 Aards) wieder gehoben hatte,
löste fick cin Vcrbindungsknoten und 2800 UardS
Tau gingen verloren, um dem elektrischen Kabel,
vock welchem man ungefähr 1200 Uards aufgehoben
hatte, auf dem Boden des OceanS Gesellschaft zu
leisten. Vom 4. bis zum 7. herrschten Nebel und
widrige Winde, welcke verhinderten, etwaS weitereS
zu unternehmen, als den Platz durcb eine mit
einer Fahne und einem Ballon versehene Boy kennt-
lich zu machen. Aber am 7. wurde das Kabel wie-
derum gefaßt, doch auch wiederum, nachdem eS
1000 Aards gehoben war, durch das Nachgeben
einer Verbindungsstelle des Ankertaues verloren..
Gin dritter Versuch mißlang durchaus, tndem fich
die Schaufeln des Ankers in dem Taue verwickel-
ten; als aber am letzten Freitag Rachmittag ein
vierter Versuch gemacht wurde, brach das Ankertau
wiederum, nachdem das elektrische Kabel 600 AardS
war vom Boden erhoben worden. Da der Vorrath
an Seilen nunmehr an Bord erschöpft war, fo
wurde jeder weitere Versuch, das Kabel mit der
fich überhaupt als unvollkommen herausstellenden
Maschinerie zu beben aufgegeben. Der Eapitän
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