Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Utidelbtrgrr Irilung.

Kreislierkündigungsblatt für den Kreis Hcidclberg und aintliches Berkündigungsblatt für üie Amts- und Amts-
Gerichtsbczirke Hcidelbcrg und Wicsloch und dcn Amtsgcrichtsbezirk Neckargemünd.

M 27«


Donnerstag, 23 November


" Politische Nmschau.

* Dieser Tage waren genau 2 Jahre um-
siosien, seit der Tod deS Königs Friedrich VII.
die dynastischen Bande zwischen Dänemark und
den Elbherzogthümern löste ; die sittlichen Bande
der Zuneigung und des VertrauenS waren schon
langc gelockert. Die in der dänischcn Monar-
chie nur noch mechauisch zusammengehaltenen
beiden Völkergruppen der Däncn und Schles-
wig-Holsteiner waren einander durchauS ent-
fremdet, und es erschien der plötzliche Tod deS
KönigS als unverkennbarer Fing^rzeig der Vor-
sehung, auch politisch zu lösen, waS kaum
mehr äusierlich zusammenzuhalten war. DaS
RechtSbewußtseiu des Landes, welcheS damalS
dem rechtmäßigen Thronerben sich sofort ein-
müthig zugewandt, ist seit diesen 2 Jahren viel-
fach angesochten worden (und zwar von einer
Seite, vou wo man eS damals am wenigsten
erwartet hatte); doch ist eS im Wesentlichen
unerschüttert geblieben. DaS Volk der Herzog-
thümcr in seiner weit überwiegenden Mehrheit
ist sciner Ueberzeugung, daß Herzog Friedrichs
Recht mit dem LaudeSrecht zusammenfalle, treu
gebliebcn. Weder Ueberredung, noch Drohun-
gen haben die von den Fördcrern der gemein-
samen Annexion (an Preußen) erstrebte Wan-
delung zu Stande gebracht. Was dem schwer
geprüften Bruderftamm an den nördlichen
Grenzmarken Deutschlands bevvrsteht, wissen
wir zur Zeit nicht; das Ende deS gegeliwär-
Ligen Provisoriums ist noch unabsehbar; aber
die Erinncrung an den 16. Nov. 1863 wird
auch in trüben Zeiten dazu beitragen, die
UtberzeugungStreue des Schleswig-Holsteinischen
VolkeS gcgen alle ferneren Anfechtungen zu
stärken.

Das Polizeiamt in Flensburg hat in Folge
höherer Anordnung den dortigen SchleSwig-
Holsteinverein, sowie dcn Kampfgenosienverein
ausgelöst.

Aus sicherer Quelle erfährt die „N. F. Z.",
daß die in mehreren Zeitungcn enthaltenen
Gerüchte über angebliches Scheitern dcr Ver-
handlungen der Commissiou für Einführung
gleichen MaßeS und Gewichtes durchauS unbc-
gründet stnd, vielmehr ein günstigeS Resultat
dcr Verhaitdlungen mil sehr vieler Sicherhcit
erwartet werden darf.

Die Anerkennung des KönigreichS Jtalien
durch den katholischen Staat Bayern und das

Stadt-Theater in Heidelberg.

cr. Der reiche nnd reine Kunstgkiiuß, den die
Gastspiele dcs Frs. Netter alS Jane Eyre und
als Fanchon in dcr Birch-Pfeiffer'schen Grille dem

Critik anerkannt zu werden. Die Tb 'tsache, daß ^
die Gästin erst eine kurze Reihe von Iahren ter
Bühne angehört, gcrcicht nns zu frendigcr Ucber- !
raschung. Wenn Fräul. Nettcr tn ctwa elnem !
Lustruin so sichere und entschieden erfolgrciche Sckritte >
auf dem mit Schwierigkeitcn aller Art so reich be- >
srtzten Pfade der echten Knnst thun konnte, so sind
wir berechtigt, auf noch GrößereS für dic Zukunft !
der jungen Künstlerin zu hoffen. Diese Bcrechti- >
gung schöpftn wir in unserrr innigen Ucberzeugung, !

Königreich Sachscn ist namentlich eine Schlappe,
welche der UltramontanismuS davon trägt.

Die „Jtalie" widerlegt das Gerücht einer
Reduction von 100,000 Mann vom Effectiv-
bestand der ital. Armee.

Nachdem erft vor einigen Tagen das grie-
chische Ministerium Deligcorgi entlassen und
Bulgaris an dic Spitze dcr Negierung getreten,
hat nuii auch letzterer wieder seine Demission ein-
gereicht, die dürch die Weigerung'des Königs,
die Kammer zu vertagen over aufzulösen, mo-
tivirt ist. ES herrscht in Athen eine große
Ausregnng.

Die neuestcn Nachrichten aus Jamaika be-
stätigen, daß der Aufstand nnnmehr vqllstandiz
unterdrückt ist.

Deutfchland.

Karlsruhe, 20. Nov. Die „Karlsr.Z."
schreibt offiziös: Jn den Krcisversammlungen
hat eine Partei da nnd dort den Versuch ge-
macht, die Volksschnle nnter den Gegenstand
dcr Bcrathung zu ziehen. Es wurden Anträge
gestellt, welche daS Verlangen an die Staats-
regierung bringen sollten, daß sie sich über die
Leitung der VolkSschule mit ber Kurie verstän-
dige. Die KreiSversammlungen selbst haben
diese Anträge mit Necht als dem Kreis ihrer
Aufgabe frcmd von vornherein zurückgewiesen,
und uuter Festhaltung an demGesetze sich auf
daS ihncn zugeschiedene Gebiet der Kreisinte-
rcsien beschränkt. Jn der That wüßten wir
Nichts, waS die Kraft und Wirksamkeit dieser
jungen Jnstitution mehr zu gefährden im Stande
ware, als ein Perlasien ihrer Aufgabe, um
sich der Politik hinzugeben. Je verführerischer
dicS für Manche sein mag, um so dankens-
werther ist es, dem Drange zu widerstehen nnd
sich der weniger leichten,- aber an ihrem Orte
mindestens fruchtbringenden Aufgabc der Sorgc
sür kernhaftere Schöpfungen hinzugeben.

Jnzwischen wird es immerhin der Mühe
lohncn, da. wo politische Erörterungen am Platze
sind, einige Worte den gestellten Anträgen zu
widmeu, daß die Röaierung mit der Kurie sich
verständigen solle Wir setzen voraus, daß die
Fassung dieses Antrags nür dcshalb gcwählt
ist, weil dic Antragsteller glauben, sie könnten
sich nur an dic Rcgierung wenden, und daß
sie gleichzeitig der Kurie damit den guten Nath
geben wollten, daß sie ihrerseils sich mit dcr
Regierung verständigcn möge. Denn „verstän-

Kraft, stählerne Haltung und vaneben tiefe Gefübls-
innigkeit und der rrschütternde Aufschrei gewaltiger

digen" ist ein doppelseitiger Akt und kann nu*
da zu Stande kommen, wo sich cin Verständ-
niß für EinigungSpunkte bietet; nichl aber da,
wo der eine Theil seine Ansprüche so spannt,
daß dem andern Theil die Möglichkeit und der
Wille fehlt, ihnen zu entsprechen.

Billigen Wünschen Genüge zu thun, hat sich
aber die Staatsregierung nie geweigert. Be-
kanntlich hat sie schon auf dem letzten Landtag
die Erklärung abgegeben, daß sie einer Ver-
ständigung mit der Kurie nicht aus dem Weg
gehen werde, salls einc solche unter Aufrecht-
haltung von Wort und Geist der bestehenden
Gesetze sich alS möglich erweise. Sie hielt es
nach dcn von ihr abgegebenen weitern Erläu-
terungen für ihre Pflicht gegen daS Land, un-
geachtet der vielcn leidenschaftlichen Angriffe,
welchc sie ersahren, den freien und gerechten
Standpunkt, auf welchen sic ihr Programm
gebaut hat, redlich festzuhalten. DaS Gesetz
über die Schulaussicht cnthält kein Wort von
einer Feindseligkeit. gegen die Kirche; ihm eine
solche Absicht unterzulegen, lagen nur für Die-
jenigen Gründe vor, welche sich solche selbst
ersandcn und welchc noch unzufrieden mit der
dem frühcrn gesetzlichen Zustand gegenüber er-
weiterten Gewatt der Kirchcn gegen dicses Ge-
setz einen die Rechtc deS Staats zum Schein-
bild herabsetzenden Krieg führen wollten. Das
Gesetz setzt ein gemeinschaftlicheS Jntcresie des
StaalS und der Kirche an der VolkSschule und
ihrer Hebung voraus; cS wünscht, daß die
Geistlicheii an dem Orts-Schulrath Theil neh-
men. Man weiß,. daß diese Absicht des Ge-
setzcs durch bekanntc Maßnahmen für die ka-
tholischen Volksschulen scither nicht verwirklicht
worden ist.

Wie sehr nun auch diese Lücke durch den
höchst anerkeunenswerthen Eifer der meisten
OrtSschulrathe und Lehrer alS gedeckt erscheint,
so konnle nach dem oben angedeuteten Stand-
punkt der Negierung diese doch weder den Jn-
halt des Gesetzes vergesien, noch übersehen, daß,
wenn auch ohne ihr Verschulden und in Folge
höchst tadelnSwerther Vorgänge, in manchen
Gcmeinden die Gcmüther bcunruhigt, der innere
Friede gestört und ein unerquicklicher Zustand
des HadcrS entstanden ist. Konnte dieser Lage
durch die klärende Wirkung der Zeit abgehol-
fen werden, so war dies wohl anch möglich
durch Einrichtungen, welche nach Grund und
Zweck deS GesetzeS stch als zulässig und billig

— allks das am rechtcn Orte, und, waS ja drS
KünstlerS höchstes Verdienft ist, im rechtcn Maaße.
Frl. Netter hatte Momente, in denen selbst daS
für daS fingirte Wch ver Bühne verhärtete Auge
feucht werden konnte, unv ihre Leistungen, alS
Totalität aufgefaßt, können den strengstrn kritischen
Anforderungen mnthvoll die Stirn bieten. Wir
bedaukrn lkbhaft, baß die so hochbegabte jünge
Künstlerin sckon so rasch von uns scheidet. Wir
rufen ihr in dankbarer Erinnerung drr beiden ge-
nußreichen Abenve, dic fie uns bereitet, ein herz-
liches „Glückauf" für ihre Laufbahn zu. Auch dte
Leistungen deS hiesigcn Personals waren in der
„Waise von Lowood" wie in der „Grille" zum
Theil recht befriedigend. Namentlich verdienen bie
Herren v. Strrnwaldt, Tiefel, Hagen und ganz
besonderS Hr Wiemann, sowie die Damen Steinecke,
Fr. Hehl, Fräul. Eisenrichter Anerkennung. Am
Sonntag wurte dte Oper Martha wicberholt, die
dereitS früher besprochen worven ist.
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