Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Mittwoch, S August


^ Die Form der Einheit Deutsch-
lands.

I

Der nach Verwirklichung strcbende Gedanke
der Einheit Deutschlands, der in einer zu schaf-
fenden Centralgewalt seinen Ausdruck und Ziel-
punkt findet, ist das cinigende Band, welches
fast alle politische Parteien, wie weit dieselben
auch sonst in ihren Meinungcn auScinander-
gehen, mit Ausnahme derjenigen, die, wie die
Römlinge und Junker, nur ihr Standesinter-
esse im Auge haben, zusammenschließt; und es
ist ein großer Gewinn, daß sich weuigstens
eine Jdce gefunde'n hat, für die sich allc deut-
schen Herzen begeistern, und die selbst ihre ge-
heimen Gegner nicht öffentlich zu bekämpfen
oder gar zu lästern wagen. Allein sobald die
Frage austaucht: in welcher Form und Gestalt
jene Jdee verwirklicht werden soll, da treten
die Ansichten auseinander, und den Monarchi-
sten stellen sich die Republikaner, den Freunden
der Föderativverfassung die Lobredner des Cen-
tralstaates gegenübcr. Wir gestehen voraus,
daß wir zu den Gegncrn der letzteren gehören,
gleichviel ob es sich um eine Centralmonarchie
oder um eine Centralrepublik handle; und wir
wollen unserc, anderwärts schon ftüher ausge-
sprochene, Gedanken dcn geneigten Lesern dieses
Blattcs darlegen.

Die freie Einigung Deutschlands unter einer
Centralgewalt, die für eine politische Nothwen-
digkeit anzusehen ist, wenn Dcutschland nicht
ohnmächtig zerfallen und die Beute eines frem-
den Eroberers werden soll, ist noch weit davon
entfernt, eine untcrschiedslose Einheit zu sein,
wie sie Viele begehren, die an die Herstellung
eines Centralstaates denken, sei es in der Form
einer Monarchie oder einer Republik. Es wäre
zwar ohne Zweifel wünschenswerth und gut,
wenn das in etliche dreißig Fetzen zerrissene
Deutschland auf eine geringere Zahl von Ein-
zelstaaten, etwa nach Maßgabe der verschiedenen
Urstämme unseres Volkes, zurückgeführt würde,
was jedoch nicht auf dcm Wege der Gewalt,
sondern auf dem einer freiwilligen, von auf-
opferungsfähigem PatriotismuS erngegebenen
Resignation zu crzielen wäre. Allein der Ge-
danke an ein Centralreich ist ein Phantasiege-
bilde, welches — wenigstens auf dem Wege
ruhiger, freier und naturgemäßer Entwicklung —
niemals zur Verwirklichung kommen wird. Der

Von drm Festbankett der Universitäts-
jubelg äste gtbt der„Wanderer" folgende drastische
Schilderung: „Mit einem Festbankette in der„Neuen
Welt^' wurde endlich gestern AbendS die viel com-
mentirte Iubelfeier der Univerfität geschlossen. Das
Festmahl war anfangS im Freien in dem sogenann-
trn Garten der „Neuen Welt" projectirt, der strö-
mende Regen vcrwies jedoch die GeseUschaft in die
Saallocalitäten, die durchaus nicht geschmücktwaren.
Kurz nach 6 Uhr, als die Gesellschaft bereits ziem-
lich vollzählig war, erschien Rector Hyrtl, bei dessen
Eintritt in den Saal die festordnenden Studcnten,
sowie viele anwesende Gäste Vivat riefen und in
die Hände klatschten. DLe Ordnung der Tische war
in Folge des durch den Regen abgeänderten Ar-
rangements völlig aufgehoben. Die Tafelmufik bc-
sorgten die Kapelle Strauß unter Leitung deS Hrn.
Ioseph Strauß und die Militärkapelle der Preußen
Husaren. Um 8 Uhr, nachdem der Braten aufge-
lragen war und die ersten Champagnrrflaschen ent-
korkt wurden, sollten die Toaste beginnen. DerLärm,
der in dem Saale herrschte, war jedoch so groß.

Stammcsunterschied und die Stammeseigen.
thümlichkeit der verschiedenen deutschen Völker-
gruppen hat sich seit dem Zeitpunkte, bis zu
welchem unser Nationalbewußtsein zurückreicht,
also seit ungefähr zwei Jahrtausenden, dermaßeu
ausgepragt und fixirt, und'die in Folge dieser
Stammverhältnisse entstandenc Verschiedenheit
der Sitten, Gewohnheiten, Neigungen, Gesetze
und Jnstitutionen hat in dem Leben der Stämme
so tiefe Würzeln geschlagen, daß ein, dicse Un-
tcrschiede verwischendeS Centralreich, welches den
Stammeseigenthümlichkeiten keine Rechnung
trüge, nur auf dem Wege der Gewalt, in einer
stark bewegten Zeit, wo es einem Einzelnen
die Macht an sich zu reißen gelänge, zu Stande
kommen könnte. Aber eine solche, die bestehen-
den und tief in das Leben eingedrungenen Un-
terschiede mißachtende und gewaltsam unter-
drückende Centralisirung würde schwerlich von
langer Dauer sein; die nur äußerlich gefesselte
Natur würde alsbald wieder hervorbrechen und
ihre wohlbegründeten Nechte geltend machen.

Wir haben, um die Möglichkeit der Bildung
eines deutschen Centralstaates zu beweisen, schon
öfter auf daS Beispiel Frankreichs verweisen
hören, wo auch früher, wie in Deutschland,
verschiedene Volksftämme. neben einander be-
standen hätten. Wir können kaum annehmen,
daß diejenigen, welche diesen Einwurf erheben,
eine gründliche Kenntniß der Geschichte besitzen,
oder daß sie, wenn sie auch dcn geschichtlichen
Stoff im Gedächtnisse hälten, einer pragma-
tischen Auffassung dcr Geschichte fähig sind. Zn
Frankreich haben zu der Zeit, als sich der Cen-
tralstaat zu bilden begann, nicht, wie in Deutsch-
land, mehrcre Urstämme mit geschichtlich aus-
geprägtem Charakter und mit an dem Boden
haftenden Sitlen, Gewohnheiten, Staatseinrich-
tungen und historischen Erinnerungen neben
einander bestanden; sondern die dortigen Völker
wären durch den Alles nivellircnden Sturm der
Völkerwanderung und durch andere einwirkende
Zufälle zusammsngeblasen u. zusammengewürfelt.
Frankreich war nicht ihr ursprüngliches Stamm-
land; sie besaßen Alle kein Anrecht an dassclbe,
hatten Alle keine auf dicsem Boden gewachsene
und tief in das Leben eingedrungcneJnstitutionen,
Verfassungen und Rechle; der alte Urstamm
der Celten war durch diescn Völkersturm zer-
streut, auseinandcrgeschleudert oder durch fremde
Elemente gänzlich uuterdrückt morden, so daß
sich heute nur uoch schwache, kaum bemerkbare

daß man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte.
Da erhob fich Rector Hyrtl und bat um Ruhe.
(Fortwährendcr Lärm.) Hyrtl: Meine Herren!
ich bitte noch mal um Ruhc! (Fortwährender
Lärm, Rufe »6 iocs, niedrrsetzen u. s. w.) Hyrtl:

Beifall.) Hyrtl:

„Ich befchle Ruhe! Zch bitte aber auch um das
erste Wort, denn es gilt dcm Kaiser, unter deffen
Schutz wir dieses Fcst bcgehen. Die Freiheit, mit
der uns der Kaiser beglückt, ist das ficherste Pfand
des Aufblühens OesterreichS und bie Gewähr, daß
fich dte Wissenschaft frei entwickeln werde. Zch er-
suche Sie daher, sich von Jhren Sitzen zu erheben,
und daS Glas zu schwingen auf das Wohl des

Kaisers.(Stürmische Unterbreckung: Rufe:

„Hoch der Kaiser, hoch!" Die Musik fällt mit der
Volkshymnc ein.)

Hyrtl, der seinen Toast noch nicht vollendet, will
writer sprechen, wird aber durch den Lärm daran
gehindert und setzt fich rntrüstct nieder. Endlich
nach längrrer Pause gelingt es ihm, indem er fich
auf etnen Seffel stellt, zu Worte zu kommen. Er
melvet, daß drr frühere Minister v. Schmerling

Spuren von demselben, aber wenigcr in Frank«
reich, als in der Schweiz, in Tyrol und in
Großbritannien, namentlich in Jrland, vorfin-
den. Sclbst der fränkische Stamm, vou wel-
chem Frankreich seinen Namen trägt, konnte
seineu deutschen Charakter in jener Alles durch-
einanderwühleuden Völkerfluth nicht bewahren,
während er in Deutschland noch sehr markirt
hervortritt. Gleichwohl waren jene durch den
Zufall zusammengewürfelten Völker genöthigt,
neben und unler einander zu leben; und da
kein einzelnes jener Volkselemente die übrigcn
bewältigen und das allein hcrrschende werden
konnte, fo bildete sich durch gegenseitige Mit-
theilung und Durchdringung ein neuer ge-
mischter Staat, dessen ursprüngliche Bestand-
theile in einander yerschwammen und dessen
Mischlingsnatur sich in der neu entstandenen
Sprache documentirte. Jn einem solchen Staate,
in welchem kein historisches Recht und keine ge-
schichtlich fixirte Staatseinrichtung bestand, war
es für eine kräftige Hand etwas Leichtes, den
Zügel zur Beherrschung des ganzen Völkercon-
glomerates zu fassen und zu handhaben ; ja es
war sogar die unabweisliche Nothwendigkeit zur
innigen Aneinanderschließung eingetreten; der
Centralstaat war zum absolutcn Bedürfnisse ge-
worden. Daß dieses Alles sich in Deutschland
ganz anderS verhält, daß die gcschichtliche Ent-
wicklung hier einen dcr franco-gallischen gc-
'radezu cntgegcngesetzten Verlauf gcnommen hat,
weiß Jeder, der auch nur einen flüchtigen Blick
in die Gefchichte der Vergangenheit und Gegen-
wart geworfen hat. Hcutc noch, wie vor zwci
Jahrtausenden, wohnen dic verschiedenen deut-
schen Volksstämme mit ihrem eigenthümlichcn
Stammcharakter neben einander, der auch in
der Verschiedenheit der Volksdialecte zu Tage
tritt; und cs werden noch nie ein Sachse, ein
Franke, ein Alemanne und ein Schwabe sich
gegenüber gestanden sein, ohne daß Jedem der-
selben augenblicklich der Stammcsunterschied zum
Bewußtsein gekommen wäre. An diesem Stam-
mesunterschiede haften aber zugleich Stammes-
sitten und Stammesrechte, die, durch jahrtäu-
sendlanges Beftehcn geheiligt, sich nicht durch
einen Federstrich nivelliren oder vernichten lassen.

* Politische ttmscha».

* Mit einiger Befriedigung werdcn die Freunde
dcr liberalen Sache den kürzlich berichtetcn

sprrchen wolle snd bofft, vaß der eben genannte

ordnern, Ruhe zu schaffcn, und Herr v. Schmer-
ling beginnt zu sprechen:

Als am ersten Tage bes Festes unsere theuren
Brüder auS Drutschland ups begrüßten, da wurden
fie mit Beifall rmpfangen; wir fühlten, was es
hcißt, die deutschen Univerfitäten untrr uns zu
haben. Heute find wir leider schon bemüsfigt, ihnen
ein Lrbewohl zu sagen; doch nein, ein Wiedersehen
soll eS gelten, ein Wiedersehen, vielleicht in Frapk-
furt (stürmischrr Beifall), denn ich bin gewiß, der
Tag, er wird, ja cr muß kommen, wo die Vrr-
treter des deutschen Volkes mit den deutschen Für-
sten fich in Frankfurt zusammenfinden werden, um
die Einheit Deutschlands zu frstigrn. Vor achtzrhn
Jahren habrn die edrlsten Männer Deutschlands
dirß Werk in Krankfurt versucht, eS ist nkcht ge-
lungen; vor zwei Iahren zog unser allverehrter
Kaiser, daffelbe Ziel vor Augen, vom Donau-
strand in die alte Kaiserstadt. Er wurde begrüßt
vom Iubel des Volkes, aber daS Werk kam nicht
zur Vollendung. WaS nun zweimal nicht gelang^

Zur Wiener Universktät.
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