Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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eideibtrger Zeilung.

Kreistierkündigungsblatt sür den Kreis Heidelberg und amtliches Verkündignngsblatt füc die Amts- und Amts-
Gerichtsbezirke Heidelberg und Wiesloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

M 2SV. Dienstag, 2«. October 18SS

* Politische Umschau.

Jn Wien soll, nach der „K. Z.", vcm
Florenz auS und zwar abermals durch fran-
zösische Vermittelung «iederholt spndirt worden
sein, unter welchen Bedingungen eine Aus-
gleichung zwischen Oesterreich und Jtalien zu
ermöglichen sei, wobei von italienischer Seite
daS äußerste Maß der Zugeständnisse.in Aus-
sicht gestellt worden wäre.

Die englischen Journale bringen Betrach-
tungen auS Anlaß deS Todes PalmerstonS.
Die „Morningpost" sagt, die auswärtige Po-
litik Englands werde sich nicht ändern, doch
sei das Ministerium gezwungen', eine Parla<
mentsreform vorzuschlagen. Die Toryblätter
behaupten, der Tod Palmerstons gefährde
den Bestand des jetzigen Ministeriums.

Die Nachricht, daß in Diez die Cholcra auS-
gebrochen sei, wird officiell für gänzlich unbe-
gründet erklärt.

Einem Telegramme der „P.-Ztg." zufolge
ist das Armce-Commando in Jtalien aufgelöst
worden.

Briefe aus Rom versichern, die königliche
Familie von Neapel sei entschjossen, daS ihr
vom Kaiser Maximilian angebotenc Asyl von
Lacroma anzunehmen.

Die.Nachricht, daß Gencral Grant zu ver-
stehen gegeben habe, die Regierung der Union
habe die Absicht, in Mexico zu interveniren,
wird widersprochen.

Deutschland.

Karlsruhe, 22. Octbr. Seine Königliche
Hoheit der Großherzog haben mit höchster
Entschließung vom 19. d. M. gnädigst geruht,
den Oberschulrathsdirector Dr. Knies zum
Geheimenrath 3. Klasse und ordentlichen Pro-
fessor der Staatswisscnschaften an der Univer-
fität Heidelberg zu ernennen; den Ministerial-
rath Moritz v. Seyfried seinen Functionen
als Landescommissär für die Kreise Constanz
und Villingen zu entheben und ihm die Lei-
tung des Oberschulraths zu übertragen; den
Ministerialrath.Burger seinem unterthänigsten
Ansuchen gemäß, und unter Anerkennung seiner
langjährigen und treüen Dienste, wegen körper-
lichen Leidens in den Ruhestand zu versetzen;
den Assessor Wilhelm Nokk bei dem Ober-
schulrath zum Asscssor bei dem Ministerium des
Jnnern, endlich den Privatdocenten Dr. Knapp

zum außerordentlichen Profesior an der Uni-
versität Heidelberg zu ernennen.

Karlsruhe, 19. Okt. Sämmtliche vier
gewählten Grnndherren oberhalb der Murg
habcn die Annahme des MandatS, wie wir
neulich vorhersagten, abgelehnt, und eS ist deß-
halb eine durchgreifende Neuwahl anzuordnen.
— Freiwillig ausgetreten aus der zweiten
Kammer sind bisher nur die Abgeordneten
Lenz, Walli und Faller, letzterer für einen
Wahlbezirk deS KreiseS Waldshut; somit sind
für die zweite Kammer bis jetzt im Ganzen
19 Neuwahlcn vorzunehmen.

Karlsruhe, 21. Oct. Der Schulstreit ist
in eine neue Phase durch den Wechsel in der
Direction des Lberschulraths gebracht. Herr
Knies ist durch den bisherigen Landescom-
missär zu Konstanz Hrn. Moritz v. Seyfried
ersetzt worden. Die' wichtigste Aufgabe dessel-
ben wird die Ausarbeitung eines Entwurfs
zu einem allgemeinen Schulgesetz sein. Der-
selbe dürfte, wie die „N. Fr. Z." hört, den
Einflust der Gemeinden auf Sie Volksschulen
erhöhen uud dieselben dadurch besser gegen die
klerikalen Angriffe auf das Schulwesen schützcn,
als es durch die jetzige Organisation des Schul-
wesens möglich ist. So sehr sich die Klerika-
len über die Entfernung des Hrn. Knies
freuen werden, so wenig werden sie mit der
Ernennung des Hrn. v. Seyfried zufrieden sein.
Derselbe ist als freisinnig bekannt und wird als
ein sehr geschickter Verwaltungsmann gerühmt.
Auch hört man, daß die Oberschulräthe Gruber
und Pflüger, dic einzigen sogenannten nicht
wisienschaftlich gebildeten Mitglieder dieser Be-
hörde, ihres Amtes enthoben seien und andere
Anstellungen erhalten werden. Von Pflüger
heißt es, es würde ihm die durch Zuruhesetzung
Sterns erledigtwerdende Direktorstelle am ev.
Seminar in Karlsruhe übertragen werden.

st Heidelberg, 23. Oct. Gestern Abend
fand im großen Saale des Prinz Mar eine
Generalversammlung deS religiösen Re-
formvereins für Deutschland statt. Der
Besuch war sehr zahlreich; es mochten etwa
300 Personen aus allen Ständen daran Theil
genommen haben. Nach Absingung eines Liedes
durch die Liedertafel eröffnete Hr. I. Ronge
von Frankfurt die Vcrhandlungen durch einen
einleitenden Vortrag über die Entstehung uud
Aufgabe des religiöscn Reformvereins, nachdem
er zuvoo einen geschichtlichen Blick auf die reli-

giöse Bewegung seit 20 Jahren geworfen hatte.
Als Aufgabe des Vereins wird aufgestellt:
im Einklang mit den übrigen religiösen Fort-
schrittsparteien durch ein höhereS GottcSbewußt-
sein, durch größere Liebe für die sittliche Er-
neuerung und Einigung zunächst deS deutschen
Volkes zu wirken. Er wird sich vor Allem
bemühen, das Wesentliche aller Religion
in'S Auge fasiend, dem fortschreitenden religiösen
Bewußtsein des dentschen Volkes einen möglichft
volksthümlichen ÄuSdruck jzu geben und die
christlichen Sittcngesetze zeitgemäß zu entwickeln.
Nachdem hierauf die Herren I. Ronge zum
Vorsitzenden und Czersky als Stellvertreter
vorgeschlagen und bestätigt waren, hielt jeder
derselben einen Vortrag, in welchem besonderS
die Notywendigkeit hervorgehoben wurd'e, gegcn-
über den unermüdlichen Anstrengungen des Je-
suitismus und deS Ultramontanismus, die
Selbstständigkeit dcs freisinnigen Katholicismus
fester zu gründen und letzteren von Rom un-
abhängig zu machen. Die Hemmnisse in der
Erreichung dieses Zieles lägen besonders einer-
seits in der Unwissenheit der untern Dolks-
schichten mrd andererseitS in der Gleichgiltigkeit
der Gebildeten. Es wurden deßhalb folgende
drei Resolutionen vorgeschlagen und begründet:

1) das Volk spricht die Ueberzeugung aus,
daß eS Pflicht jedes deutschen Maunes und
jeder deutschen Frau ist, die kirchliche Gleich-
giltigkeit überwinden zu helfen und gemein-
schaftlich an der sittlichen Vcrvollkommnung des
Einzelnen wie des Volkes mitzuwirken.

2) Das Volk erklärt, daß daS Bestreben deS
Jesuitismus katholische Gesellenvereine zu grün-
den ein jesuitischer Kunstgriff ist, um den Ar-
beiterstand für seine Jnteressen auszubeuten,
und daß es Pflicht ist, letzteren hierüber auf-
zuklären.

3) Das Volk empfichlt dringend allen frei-
sinnigen Katholiken, religiöse Reformvereine zu
gründen und dadurch die Selbstständigkeit der
Kirche, der Schule und der Familie und ihre
Unabhängigkeit, von Rom zu befördern.

Die zweite These wurde von Hrn. Grimmer
aus Pforzheim, welcher selbst dcm Arbeiterstande
angehört, begründet; die letzte ebenfalls von
einem katholischen Laien, Herrn Elsaß auS
Hanau. Letzterer hob in sehr beredter Weise
die praktische Seite der religiösen Reformver-
eine hervor, indem cr die Entstehung, die Or-
ganisation und das Aufblühen des Hanauer

Stadt-Theater in Heidelberg.

Dte am Sonnabend im Allgemeinen von uns
besprochenen Vorstellungen unsereS TheaterS waren
durch den Beweis, welchen fie für die Leistungs-
sähigkeit unserer Bühne abgelegt, gewiß die bedeu-
tendste drr Veranlaffungen gewesen, welchr für die
Auffübrung von Bellint's„Norma"am Freitag eine
fihr zahlreiche Zuhörerschaft mit beträchtlich gestei-
gerten Erwartungen in allen Rängcn deS Audi-
toriums vereinigten. Die Aufführung drr genann-

rühmenswerthen Fortschritt unverkennbareS Zeugniß
ablrgte. Die Aufmerksamkeit und Spannung der
Zuhörer steigerten sich von Scene zu Scene, die
durch lebensvolle Schilderung mtt der durchauS er-
sorderlichen Jllufion erneuerte Theilnahme für daS
°st beklagte Schicksal der Heldin zu erwecken wuß-
ten. Hierfür sprach auch ver reichliche Beifall, wel-
cher den Trägern der Hauptpartien bri offener
'E-cene sowohl, als nach geschlosiener, wir am Ende

ruf zu Theil wurde. Vor Allen wußte die Vertre-
terin der Titelrolle, Fräul. Pichon, durch kräftig
zeichnendes, maßvolles Spiel und vortreffliche Tech-

Darstrllung der Norma echt dramatischen Charakter
und s»mit der anziehenden Handlung der Oper ihren
Schwerpunkt zu verleihen. Was wir an Frl. Ptchon

habe, sowie die auS jener llnbefangenheit resultirende
deutliche AuSspracke der Eonsonanten, durch welche
die Träger deS TonS, die Vocalc, nicht nur nicht

zurühmcn ist, machte uns in seinem Sever wieder-
holt mtt cinem wohlklingendrn, biegsamen, aus-
schließlich lyrischen Tenor bckannt, der in guter
Schule gebildet worden und bie Ancrkennung ver-
diente, welche ihm wiederholt SeitenS dcS Publi-
^ kumS zu Theil wurde. Herr Pichon >. als Orovist
l und Kräul. Muckhardt als Adalgisa befriedtgtrn

volles, wohlgebildeteS Organ zur Geltung zst brin-
gen, daS bei größerer Ruhe im Lautiren an Wirk-
samkeit noch gewinnen würde. Hr. Freimüller und
Fräul. Gollum lösten ihre Aufgabe mit Flrtß und
Verständniß, wie der Chor durch kräftigeS Ein-
greifen tn den Gang des Ganzen seinen Eifer wie
die Energie deS Dirigenten, Herrn Hebrr, bekun-
dete. Wiedrrholungen solcherLeistungen, wieRorma,
würden gewiß nur die Wünsche eineS PublikumS
erfüllen, das den Reiz des Gediegenrn dem der
Neuheit vorzuziehen weiß. — «t.

Leipzig, 17. Oct. Obgleich zur Eröffnung der
ersten berathende» Sitzung deS Krauentages
fich nur noch etwa 50 Theilnrhmerinnen eingefun-
den hatten, so konnten dieselben doch gletch von
vornherein mit größerer Zuversicht auf ein letdlicheS
Ergebniß ihrer Bcsprechungen hoffen, als wie am
Vorabende, da eS Fch zetgte, daß die Herren Ju-
stizrath Heinrichs von Liffa und Profeffor Sckardt
von Mannhcim dem üblen Einfluffe drS Herrn
Korn entgegenzuwirken gekommen waren. Glrich
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