Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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eidelbtrger Ieilung.

KreisvcrlündigutigSbllitt fiir den Kreis Hcidelberg und anttlichcs Verkündiguilgsblatt für dic Aiuts- und Amts-
Gerichtsbezirke Heidelberg und WieSloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

M 2L8.


Samstag. 21 October


* Politische Umschau.

* Der eben umflossene Jahrestag der Leip-
ziger SiegeSschlacht ladet zu keinen erfreulichen
Betrachtungen ein: Die innere Spaltung und
Zerklüstung Deutschlands ist größer als je.
Wir dürfen uns gefaßt machen, einer schweren
Zeit entgegenzugehen, die leicht wieder in der
Einmischung Frankreichs in deutsche Angelegen-
heiten gipseln kann, hervorgxrufen diesmal
dnrch die Annexionsgelüste des preußischen
Junkerministeriums. Wir haben früher schon
daraus aufmerksam gemacht, daß eine officiell
an das Berliner Cabinet gerichtcte Note abge-
lassen worden ist, die für Bismarck lindernder
Balsam war, indem sie die frühere Depesche in
Folge des Gasteiner Vertrags vollständig ab-
schwächte. Graf Bismarck reiste auf dieses
hin sofort in's französische Hoflager zu Napo-
leon III. Die Freundschaft wird vollständig
wieder hergestellt und Arm in Arm wandern
sie vor densAugen des verblüfften Europa auf
und ab, als wäre ihre Zntinütät nie gestört
worden. Den Grafen Bismarck lassen die Er-
folge des Cäsarismus, deren Reiz er an der
Seine mitgekostet hat, nicht ruhen, es gelüstet
ihn, in Deutschland ein würdiger Nepräientant
seines Meisters zu sein, und deßhalb steht von
ihm Alles zu erwarten, was diesen seinest Ge-
lüsten förderlich ist. Napolcon III. aber, so
sehr er unter seinen jctzigen Verhältnissen die
Ruhe lieben mag, wird den Bismarck'schen
Abenteuerlichkeiten nicht abgencigt sein, weil
diese für ihn mit solchen neuen Thaten ver-
knüpft sind, die ihm seinen Franzosen gegen-
über Gloire und Popularität versprechen. Hie-
her zählen wir aber in 'erster Reihe die in
Frankrcich nie ganz erloschenen Gelüste auf
Belgien und — das kinke Nheinufer. —

Nach der „Köln. Ztg." sind die nach Frank-
furt gerichteten Noten nicht in identischer Form
gefaßt, sondern es soll das österreichische Schrift-
stück eine mildere Fassung haben, was zur Be-
kräftigung der Meinung dienen kann, daß die
Anregung zu diesem Schritte von Berlin aus-
gegangen ist. Daß dem Frankfurter Senate
Seitens der beiden Mächte zu verstehen gegeben
ist, dieselben würdcn äußersten Falles sclbst
ihre Maßregeln gegen Ausschreitungen gleich
denen, über die sie Beschwcrde führen, ergreifen,
wird von Neuem bestätigt.

Nach den Altonaer Blättern ist nunmehr dcm

Nedacteur der „Schlesw.'Holstein. Ztg.", Hrn.
Martin May, die Gewinnung des hiesigcn
Bürgerrechts gestattet worden.

Deutschland.

Karlsruhe, 20. Oct. Sc. Königl. Hoheit
der Großherzog habcn Sich unter dem 29.
September d. I. gnädigst bewogen gefunden:
den bisherigen großh. Gcschäftsträger am kgl.
ktalienischen Hofe, LegationSrath Frhrn. Ferd.
v. Schweizcr, zum großh. Ministerresidenten
bei dem gedachten Hofe zu ernennen.

Durch Allerhöchste Ordre vom 17. d. M.
wird dem Geheimen Kriegsrath v. Froben,
Mitglied des Kriegsministeriums, die Erlaubniß
ertheilt, das ihm von dem König von Würtem-
berg verliehene Commenthurkreuz II. Klasse des
Friedrichsordens anzunehmen und zu tragen.

Pörtepeefähnrich Karl Jourdan im Feld-
artillcrieregiment erhält die nachgesuchte Entlas-
sung aus dcm großh. Armeecorps, untcr Erthci-
lung des Charakters als Lieutcnant; Oberliente-
nant Sievert vom 5. Jnf.-Regim., bishcr com-
mand. alS Aufsichtsofsic. zum Cadettencorps, tritt
in daS Negimcnt zurück, u. Oberlieuten. Gempp
vom 3. Jnf.-Regiment ivird als Aufsichtsofficier
zum CadcttencorpS befehligt; dem Major von
Stetten und dem Hauptmann Eisinger
vom 4. Jnf.-Negiment wird die Dienstauszeich-
nung zweiter Klassc für Ofsicierc und Kriegs-
beamte ertheilt.

Karlsruhe, 18. Oct. An der Metropoli-
tankirche in Freiburg sind gegenwärtig dle
Stellen eineS Domcapitulars und Dompräben-
dars erledigt; erstere Stelle ist durch den Tod
des Generalvicars Buchegger frei. geworden.
Es können diese Stellen durch den Erzbischof
und bezw. durch d,as Domcapitel nur an solche
Personen vergeben werden, welche nicht von der
Regierung als mißfällig bezcichnet sind (miau8
Aratse). Zu diesem Behuf werden jeweils 4
Candidaten dem Großherzog vorgeschlagen. Jn
Zeiten staatlich-kirchlicher Zwistigkeiten kann es
für den Frieden des Landes' von großer Be-
deutung werden, ob die Staatsregierung von
dieser Befugniß den rechten Gebrauch macht.

(S. M.)

/X Freiburg, 19. Oct. Jn der am 19. da-
hier stattgehabten Bürgerversammlung wurde
beschlossen, in einer an Hrn. Oberbürgermeister
Fauler zu richtenden Adresse die Anerkennung
seiner bisherigen amtlichen Wirksamkeit und die

Fortdaver des Vcrtrauens zu demselben auszu-
drücken. Auf Antrag dcs Hrn. AnwaltS Schaal
wurde fcrner beschloffen, in einer Adresfe den
Hrn. Erzbischof zu bitten, derselbe möge ein
Wort deS Friedens sprechen und die Ertheilung
des Neligionsunterrichtes an der Lehranstalt
Adelhausen an Stelle des Herrn Beneficiaten
Beckert einem anderen Geistlichen übertragen.
Dicse Adresse wird dem Hrn. Erzbischof heute
durch einc Anzahl'hiesiger Bürger übergeben.

Heidelberg, 14. Octbr. Am 25. v. M.
besuchtc Krcisschnlrath Leutz von hier unange-
meldet die katholifche Volksschule zu Malschen-
berg im BezirkSamt Wiesloch, eincm der bi-
gottesten Bezirke in Baden. Nach einem Be-
richt drs Pfälzcr Boten schien bei seinem Ein-
tritt ein uuheimliches Gcfühl die Kinder zu
ergreifen, sie sahen bald den frcmden Mann,
bald sich unter einander Lngstlich an. Ein
MLdchen, das sich gar nicht mehr halten
konnte, lief davon ins Dorf und schrie der
Mutter entgegen: „Der Schenkel ist da, der
Schenkel will Prüfung bei uns halten!" "Von
diesem Angstruf wurden dic Frauen ergriffen,
als wenn der Leibhaftige bei ihnen eingekehrt
wäre. Eine nach der Andern eilte zum Schul-
hause und holte die Kinder; die Prüfung war
zu Ende. Um diesen unsinnigcn Vorfall ganz
zu würdigen, muß man wissen, daß Kreis-
schulrath Leutz ein Mann von der allergrößten
Humanität und Freundlichkeit ist, deffen Jc-
dermann ansprcchendes Acußere dke' Kinder
nicht ängstigen, nur ,^hr Zutrauen erwecken
konntc. Aber so wcit hat die Begriffsverwir-
rung bercits um sich gegriffen, daß sich sogar
Kinder untcr einem „Schenkelchristcn", oder
abgekürzt unter einem Schenkel einen Un-
christen dcnken, der die Menschen in die Hölle
bringen wolle, der besonders darauf ausgehe,
Kinder dem Teufel zu überliefcrn, und da sie
von ihrcm protestantischen Kreisschulrath und
Vffitator ohne Zweifel gehört hatten, er sei
auch ein Schenkel, da ste den eingetretenen Frcm-
den vom Lehrer Herr Kreisschulrath nennen
hörte n und da die Prüfung der Schule sofort
begann, so erklärt sich daraus die lächerliche
Angst der Kinder und Mütter. (Fr. I.)

* Heidelberg, 19. Oct. Jm Namcn des
Verwaltungsvorstandes des religiösen Neform-
vereins für Leutschland ladet Joh. Ronge die
religiösen Reformvereine, die Mitglieder der
deutsch-katholischen und freireligiösen Gcmeinden,

Stadt-Theater in Heidelberg.

Wenn wir bis jctzt keine Gelcgcnbeit genorumen
haben, der Tbatigkeit unseres vor ungcfähr drei
Wochen eröffneten städtischen Theaters zu erwähnen;
so rührt das nicht sowohl daher, daß wir nicht an-
crkannt hätten, von welch aUgemeinem Intereffe
kin Institut, wie die Bühne im weiteren wie auch
besonderen Sinne zu allen Zeiten gewesen, als

Derhältnisse als dic einzig mögliche bezeichnet wer-
den durfte. Warcn wtr einerseits mit Recht befan-
gen, so wollten wir auf der andern Seite keine
Befangenheit hervorrufen und schwiegen btS heute,
wo wir durch die zahlreich besuchten, lobend zu
rrwähnenben Vorstellungen Gelegenheit gehabt, uns
von dem fichern Takt zu überzeugen, mtt welchcm
die Direction unserer Bühne den ursprünglichen
dlan hinfichtlick der Galtung des Aufzuführenden
ju modistciren und den Rnforderungen drs Pnbli- !
kums kntgegen zu komzncn weiß. Wir beabsichtigen !

ters Befriedigung suchen und finden wirb.

— st.

Berlin, 15. Oct. Die „Gerichtsztg." erzählt
folgcnde hübsche und, so viel wir wiffen, zum größ-
ten Theil durchaus begründete Geschichte: Jn d^m
Iahrc 1848, dessen Bezeichnung cine so sehr ver-
schiedene tst, je nach der Parteirichtung, von welcher
aus eS brurtheilt wird, suchte rin kletner deutscher
Kürst, oder vielmehr rin deutscher Fürst, der nur
über eine große Kleinigkeit deutscher Erde souverän

deshalb über kurz oder lang doch aus dem StaatS-
dienst hätte scheiden müffen. Dieser Herr übernahm
denn auch den Posten eines Ministerpräfiventen und

deutschen Staates , nachdem ihm von seiner Hoheit
tine hübschc Summe Geldes zur Bczahlung setner
Schulden geschenkt worden war und regiertc darauf
so vortrefstich, daß er noch heute dasselbe Staats-
ruder führt, und wohl dcr einzige deutschc Mi-
ntster aus dem Jahre 1848 tst. Freilich ist der
hohe Herr auch in anderer Beziehung sehr conser-.
vativ gewesen, denn cr hat das Schuldenmachen
ununterbrochen fortgesetzt, und eS courfiren in
Berlin eine großc Menge sauberrr Accepte, dte
pon verschiedenen Lommisfionären wie sauer Bter,
wie man in Bcrlin zu sagen pflegt, ausgeboten
werden. Sines dirscr Accrpte gelangte sogar käuf-
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