Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Ueidrlbrrger Zrilung.

KreisveMndigungsblatt für üen Kreis Heidelberg und amtliches Verkünvigungsblatt für öie. Amts^ und Amts-
Gerichtsbezirke Heidelbcrg unö Wicsloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

91» «amstag» 88. Iuti

* Po'titischc Ilmscha».

* Die von Rußland neuerdings wieder an-
geordnete starke Rekrutirung in Polen fteht in
argem Widerspruche mit der allgemeinen Frie-
denssehnsucht, welche überall Entwaffnung be-
gehrt. Freilich muß jener Maßregel mehr eine
politische als militärische Bedeutung zugeschrie-
ben werden. Die Aushebung von A/s Mann
auf 1000 Seelen bedentet einen neuen Ver-
nichtungsact wider die polnische Nation. Was
vor etwa 2^/z Jahren durch die Revolution
hintertrieben wurve, soll jetzt geschehen. Polen
soll vollständig seiner waffenfähigen Jugend be-
raubt werden. Um die Tragweite dieses Mit-
tels gehörig zu würdigen, muß man in Be-
tracht ziehen, daß der rnssische Soldat erst spät,
vielleicht nie zu seinem heimathlichen Herde zu-
rückkchrt. Wenn daher diescs Mittel einigemal
wiederholt wird, so kann es allerdings eine ent-
scheidende Wirkung äßHern. Dem Auslande
gcgenüber aber ist diese Maßregel als ein that-
sächlicher (nachträglicher) Protest gegen die drei
Großmächte anzusehen, denen Fürst Gortschakoff
versprochen hat, nach Besiegung des Aufstan-
des das Programm der seinerzeit vielbesproche-
nen 6 Punktc zu verwirklichen.

Der „Temps" hat eine Subscription für die
Schiffbrüchigen vom „William Nelson", welche
meist Deutsche, Niederländer oder Schweizer
sind, eröffnet. Cr veröffentlicht heute die erste
Liste, auf welcher Emil Erlanger mit 200 Fr.,
I. H. Goldschmidt mit 200 und das Journal
„Semaine Financiere" mit 100 Fr. verzeichnet
sind. Der Betrag dieser Subfcription beläuft
sich im Ganzen auf 1154 Fr. Der „Temps"
selbst betheiligte fich mit 500 Fr.

Wie die „Gazette des Etrangers" meldet, be-
absichtigt der Prinz von Wales von Cherbourg
auö, wo er dem großen gemeinsamen Flottenfest
beiwohnt, einen Besuch- in Fontainebleau zu
machen. Es würden ihm zu Ehren in dieser
kaiserl. Residenz ähnliche Festlichkeiten gegeben
werden, wie im Jahre 1855 bei der Anwesen-
heit der Königin Victoria.

Nach Mittheilungen aus Madrid in der
„Patrie" ist die Depcsche bezüglich der Aner-
kennung des Königreichs Jtalien am 14. oder
16. von Madrid abgegangen. Diese Depesche
schließt die Unterhandlungen ab und enthält
weder Beschränkungen, noch wesentliche Bedin-
gungen, so daß man die Anerkennung Jtaliens ^

Letzter Seufzer.

Muscumsgarlen! Göttlich Wort!

Wenn es harmonisch sich gestaltet.

Die Sonne eilet zitternd fort,

Wrnn jene Macht regierend waltet.

Wie waren wir so hoch erfreut,

Als jene Worte wir gelesen.

Ach, endlich kommt die s-Löne Zeit,

Wo von dcr Hitze wir genesen. —

Wohl warf manch' einer einen Blick
Auf seche weißen Sommerkleider,

Und grollte etwas dem Geschick;

Denn eben kamen sie vom Schneider.

Doch schlug das Herz in jeder Brust
Dem süßen Labsal froh entgegen.

Und jeder sehnke voller Lust
Sich nach dem bald'gen, kühlen Regen.
Umsonst! — die letzte Stütze brach!
Vergeblich war all' unser Flehen.

Wie hofften wir auf diesen Tag
Und mußten so getäuscht uns sehen.

durch Spanien als vollendete Thatsache be-
trachten kann.

Der „Moniteur" fagt: Das Gerücht von
einer Verständigung zwischen den Großmächten
zum Behuf der Berufung eincs Congreffes war
durch ein auswärtiges Blatt in Umlauf gcfctzt
und sofort als unbegründet crkannt worden.
Die Jdee einer gemeinschaftlichen Berathung
der Mächte war früher vom Kaiscr vorgeschla-
gen worden in der Absicht, die damals bestehen-
den Schwierigkeiten zu heben nnd die voraus-
zusehenden zu beseitigen. Die Größe dieses
Gedankens wurde nicht bestritten, uud der zwi-
schen Deutschland und Dänemark ausgebrochene
Kampf bewies alsbald seine Richtigkeit. Aber
die kaiserliche Regierung überläßt es der Zeit,
den Rath dcs K'aisers noch vollständiger zu
rechtfertigen.

Der Kaiser Napoleon ist am 19. Abends in
Plombieres angekommen.

Der Vertrag zwischen Frankreich und Han-
nover wegen des künstlerischen und schriftstelle-
rischcn Eigenthums ist ünterzeichnet worden.

Die holländischc Deputirtenkammer hat den
Handelsvertrag mit Frankreich mit 51 gegen
eine Stimme angenommen.

Bei den Parlamentswahlen in der Univer-
sitätsstadt Oxford ist der Schatzkauzler Lord
Gladstone wirklich durchgefallen. Er erhielt
nur 1724 Stimmen, seine conservativen Geg-
ner bekamen 3235 und 1904.

D e n t s ch l a n d

Karlsruhe, 20. Juli. Seine Kön. Hoheit
der Großherzog haben gnädigst geruht, am 14.
Juli d. I. nachbenannte Ördensverleihungen
auszusprechen: I. Den Stern in Brillanten
zum Großkreuz des Zähringer-Löwen-Ordens:
Stabel, Dr., Präsident des großh. Staatsmi-
nifteriums, Justizminister. H. Großkrcuz des
Zähringer-Löwen-Ordens: Ludwig, Generalleu-
tenant und Präsident des großh Kriegsmini-
steriums. III. Den Stern zum bercits inne-
habenden Kommandeurkreuz: Nüßlin, Staats-
rath, Präsident des evang. Oberkirchenraths,
Lamey, Dr., Staatsrath, Präsident des großh.
Ministeriums des Jnnern, Vogelmann, Dr.,
Staatsrath, Präsident des großh. Finanzmini-
steriums, v. Reischach, Oberstkammerherr,
v. Seutter, Generalleutenant, v. Boeckh, Ge-
neralmajor, v. Faber, Generalmajor. IV. Das

Die Sonne auf uns Arme nieder.

—s 8—m.

Personenzug in der Nähe von Buckau, durcb falsche
Weichenstellung auf einen unrichtigcn Fahrstrang
geführt, auf mehrcre dort zum Rangiren haltcnde,

die drei letzten Wagcn hielten fich unverletzt im
Geleise. Der Maschinenführer (Thiele) und Heizer
(Bodc) blieben auf der Stelle todt; Ersterem fuhr

Letzteren der Hirnschadel zertrümmert wurde. Aus
den Wagen, welcke sich zum Theil hoch über ein-
ander thürmten oder auf die Seite stürzten, soweit
sie nicht vollständig zusammenbrachen, erscholl von

Commandeurkreuz II. Klasse in Brillanten:
v. Roggenbach, Freiherr, Präsident des großh.
Ministeriums des großh. Hauses und der aus-
wärtigen Angelegenheiten. Das Commandeur-
kreuz II. Klasse: Mathy, Staatsrath, Präsi-
dent des großh. HandelsministeriumS, v. Gem-
mingen, Pleikart, großh. Hofmarschall, Lange,
Dr., Hofrath, Profeffor iu Heidelberg, Holtz-
mann, Dr., Prälat, Nestler, Kreis- und Hof-
gerichts-Präsident iu Mannheim, Bohm, Kreis-
und Hofgerichts-Präsident in Offcnburg, v. Stock-
horn, Oberhofgerichts - Vicecanzler in Mann-
heim, v. Bocckh, Zwan, Forstdirector, v. Pfeuffer,
Franz, Geheimer Legationsrath, Schmidt. Zo-
hann Wilhelm, Generalconsul in Neu-Aork,
v. Larochc, Oberst, Commandant der 1. Jnfan-
teriebrigade, Delorme, Oberst, Commandant
des 4. Jnfanterieregiments, Prinz Wilhelm,
v. Ncubronn, Lud., Oberst, Commandanl des
2. Jnfanterieregiments, König von Preußen,
v. Freydorf, Oberst, Commandant des 2. Drago-
nerregiments, Markgraf Maximilian. Das Rit-
terkreuz mit Eichenlaub: v. Ungern-Sternberg,
Freiherr, Kammerhcrr, Legationsrath, Vorstand
des Geheimen Cabinets, Lessing, Professor.
Galleriedirector. Das Eichenlaub zum bereits
innehabenden Ritterkreuz: Fedcrer, Major und
Flügeladjudant, Mayer, Generalstabs - Arzt.
Das Ritterkreuz: Reiner, Krcis- und Hofge-
richts-Director in Karlsruhe, Bachelin. Ober-
staatsanwalt, Dietz, Oberamtsrichter in Frei-
burg, Negenauer, Eugen, Ministerialrath in
Karlsruhe, Erb, Geh. Finanzrath ln Karls-
ruhe, Lelbach, Franz, Oberforstrath in Karls-
ruhe, Schmidt, Karl, Geh. Finanzrath in Karls-
ruhe, Stüber, Lud., Gch. Finanzrath in Karls-
ruhe, Schmidt, Wilhelm, Oberzollinspector in
Heidelbcrg, Stöckel, Franz, Domänenrath in
Bruchsal, Krutina, Bezirkssörster in Wicsenbach,
Laurop, Wilhclm, Bezirksförster ins Sinsheim,
Nicolai, August, Ministerialrath in Karlsruhe,
Klingel, Johann, Obcrbaurath in Karlsruhe,
Becker, Max, Baurath in KarlSruhe, Grosch,
Ferdinand, Postrath in Karlsruhe, Strohmeyer,
Jos., Oberingenieur in Offenburg, Eisenlohr,
Julius, Bezirksingenieur in Bruchsal, Burg,
Anton, Postrath, Vorstand des Eisenbahnamts
Karlsruhe, Bürklin, Albert, Eisenbahn-Jnspec-
tor, Bez.-Jngenieur in Frciburg, Bluntschli, Ge-
heimrath und Professor in Heidelberg, v. Wo-
ringen, Hofrath und Profesfor in Freiburg,
Seubcrt, Moritz, Hofrath und Professor in

Sciten der Verwundeten ein jammervolles Angst-

gewährt habe. In der That, wenn man bedenkt,
daß das Unglück in finsterer Nacht, untten auf
freiem Felde und wohl die Meisten in sorglosem

den anmuthigen Bergen des HarzeS heimkehrten,
hier an der Schwelle der Heimath zu Theil wurde.
Nach amtlichen Feststellungen find bis heute früh
10 Uhr im hicsigen städtischen Krankenhause L
-Todte, darunter der Maschinenführer und Heizer,
ferner 1l Schwerverletzte und aufftrdem im hiefigen
Militärlazareth 3 verwundete Soldaten aufgenom-
men worden. Unter den 11 schwerverletzten Personen
bcfinden fich 8 mit erheblichen Knochenbrüchen deS
Kopfcs, deS Beckens und der Gliedmaßen; die
verletzteu 3 Soldaten habcn Quetschwundcn und
eine Knteverketzung. Daß die hier angegebenen
amtlichen Ziffern nicht die wirkliche Höhe der Ber-
wundeten, resp. der Todten erreichen, läßt fich
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