Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Karlsrude, 20. Juli. Jn Nachstehendem
geben wir den wesentlichsten Jnhalt des neuen
Statuts für die philologischcn Sem.narien zu
Heidelberg und Freiburg. Das philologische
Seminar hat den Zweck, sowohl im Allgcmei-
nen die altklassische Bildung unter den Stu-
direnden zu unterstützcn und zu beleben, als
insbesondere Studirende der Philvlogie, na-
mentlich solche, welche sich dem Lehrfache wid-
men wollen, i) zu selbstständigen wissenschaft-
lichcn Studien in der Philologie anzuleiten;
2) in der schulmaßigen Behandlung griechi-
scher und latcinischer Schulautoren zu üben.
Es zerfallt in ein Unter- uud ein Obersemi-
nar, und werden iu beide Abtheilungen so-
wohl Mitglieder. als Theilnehmcr aufgeuommen;
dic Zahl der Mitglieder soll jedoch höchstens
12 bctragcn, so lange nicht die Zahl der Jn-
länder eine größere ist, während die Zahl der
Theilnehmer unbeschrankt bleibt. Jm Untcr-
seminar werden lateinische Styl- und Sprech-
übungen, griechische Schrcib- und kursorifche
Leseübungen, im Oberseminar lateinische Jn-
terpretations-, schulmäßige Erklärungs- und
philologisch-kritische Uebungen angestellt. Jn
das Unterseminar können Studirende als Mit-
glieder aufgenommen werdcn, welche an einem
badischen Lyzeum die Prüfung der Reifc be-
standen haben, in daS Oberseminar aber nur
solche, welche einen freien lateinischen Aufsatz
zu fertigen vermögen, einige Fertigkeit im La-
teinischsprechen erlangt haben, beim Nieder-
schreiben griechischer Texte, wie bei der Uebcr-
setzung deutscher Texte die griechische Formen-
lehre und die Hauptregeln der Syntax mit
aller Sicherheit handhaben, eudlich die gewöhn-
lichcn griechischen und lateinischen Schulschrift-
stcller lesen, in's Deutschc überfetzcn und über
das Gelesene gcläufig referiren können. Die
Mitglieder des einen Seminars können sich
an den Uebungen des andcrn betheiligen. Dre
10 tüchtigstcn Mitglieder des Seminars er-
halten am Schlusse des Semesters Stipendien
von 25 fl. Nur die auf ordnungsmäßige
Weise Austretenden erhalten von dem Direc-
torium ein auf ihre ganze Seminarzeit stch be-
ziehendes Seminarzeugniß. Als Theilnehmer
werden solche Studirende zu einzelnen Uebun-
gcn des Seminars zugelassen, welche aus trif-
tigen Gründen nicht im Falle sind, als Mit-
glieder einzutreten. Dem leitenden Professor
steht es übrigens frei, zu einzelnen Uebungen
auch andere Zuhörer zuzulassen. (B. L.-Z.)

x Heidelberg, 27. Juli. Dieser Tage
wurde unserer Musenstadt ein freundnachbar-
licher Besuch von Straßburg zu Theil. Die
bedeutendsten Mitglieder der dortigen theol.
Facultät, die Herren Dr. Bruch, Baum, Co-
lani, Kunitz, Neuß traten mit der theol. Fa-
cultät dahier zusammen.

Wenn es kcin anderer Gewinn wäre, als
daß Gleichgesinnte sich auch persönlich berühren
und kennen lernen, es wäre das genug, um
ein solches Zusammenkommen zu wünschen,
und in der That, es sind wachsame, feldtüch-
tige Vorpoften der deutschen Wissenschaft, wie
einer jener MLnner sich erklärte, die dort in
Straßburg Hochwacht halten! Der Besuch aber
gewinnt namentlich auch jetzt, wo Heidelberg
vielfach in theolog. Acht erklärt wird, eine
doppelte Bedeutung . . . Die Männer kamen
und fürchteten Heidelbergs Luft nicht, diese
kann nur Kranken gefährlich werden.

Frankfurt, 24. Juli. Gestern Vor- und
Nachmittag tagte hier die erste Versammlung
deutscher Geographen und Freunde dcr Erd-
kunde. Wenn auch die Versammlung keine
außerordentlich zahlreiche war (ca. 100 Per-
sonen wohnten derselben bei), so sind doch so
viele Schreiben von Freunden der Erdkunde,

welchc zu erscheinen abgehalten waren, einge-
lausen, daß man mit Rechl das Jntercsse
sämmtlicher Geographcn Deutschlanos lebhaft
vcrtreten nennen konntc. Prinz Adalbert von
Preußen, welchem der Ehrenvorsitz zugedacht
war, lehnte denselben aus Gesundheitsrücksich-
ten ab. Die Versammlung beschloß von jetzt
ab jährlich zusammenzukommen und eine arc-
tische Recognitionsfahrt noch für dieses Jahr.

Aus Niederbayern, 20. Juli. Gestern
endeten die in Passau gepflogenen Conferenzen
des bayerischen Episcopats und heute sind die
Erzbischöfe und Bischöse abgereist. Die nächste
Versamurlung des bayerischen Episcopats findet
im Juli künftigen Jahres in Würzburg statt.

Berlin, 21. Juli. Man spricht hier von
einer an die übrigen Mittel- und die größern
Klcinstaaten gerichteten diplomatischen Eröff-
nung des Hrn. v. d. Pfordten aus Anlaß der
zmschen ihm und Hrn. v. Beust in Leipzig
stattgehabten Bcsprechung. Der bayrische Pre-
mier deute im Allgemeinen die Gesichtspunkte
an, in Betreff welcher sich volle Uebereinstim-
mung zwischen ihm nnd Hrn. v. Bcust ergeben,
und lade die betreffenden Regierungen behnss
Wahrung ihres eigenen Jnteresses, sowie ^des-
jenigen des Bundes zum Beitritt bei.

Köln, 25. Juli. Ueber den weitern Ver-
laus des preußischcn Abgeordnetenfestes in
Oberlahustein theilen wir aus der „Köln."
und der „Rhein. Ztg." noch Folgendes mit:
Jn Oberlahnstein, also auf nassauischem Bo-
den, odSr wie Andere sich ausdrückten: „im
Auslande", angekommen, begaben -sich die Fest-
genosscn, das Musikcorps voraus. durch den
reich beflaggten Ort, jubelnd empfangcn, nach
dem Hotel Lahneck. L)chon kurz vor der An-
kunft hatte das Musikcorps die Weise des
Arndt'schen Vaterlandsliedes erschallen lassen.
Die vorher mit dem Schnellzuge und den bei-
den Schiffen aügekommenen Festgenossen, unter
denen sich etwa vierzig Abgeordnete besanden,
hatten sich wegcn Mangels an Raum in die
verschiedcnen Wirthschaftslocalitäten zerstrcut.
Dic Stimmung der Bewohner vou Oberlahn-
stein war eine sehr gehobene, Tücher wehten
aus allen Fenstern, an denen sich der Zug
vorbeiwegte, und die Willkommgrüße wurden
von den Festgenossen in jubelnder Weise be-
antwortet. Abg. Berger nahm zuerst das
Wort: Es ist die Aeußerung gefallen, daß
wir falsch gefahren seien, indem wir ins Nas-
sauische, nach Oberlahnstein gereist sind. Abet,
meine Hcrren, hier im Angesichte des schönsten
deutschen Stromes, aus diesem Flecke deutschcr
Erde muß ich erklärcn, daß wir nicht falsch
gesahren sind. Wenn wir auch von dem Bo-
den, auf dcm wir geboren sind, den wir von
Herzen lieb haben, gleichsam vertrieben sind,
so haben wir doch hier eine Stätte gefunden,
wo wir keine Störung, keine Auflösung zu
erwartcn haben. Meine Herren, sowie wir
hier stehen, sind nicht bloß die Augen Preu-
ßens und Deutschlands, sondern es sind die
Augen Europas auf uns gerichtet. (Sehr
wahr!) Darum lassen Sie uns hier vor
Deutschland, vor Europa, vor unserm deutschen
Strome schivören, daß wir Alle getrcu zu der
Sache halten wollen, die wir bisher verfochten
haben. Meine Herren, bringen wir ein Hoch
auf die Verfassung, auf das Palladium unserer
Freiheit, und ein Hoch auf den Präsidcnten,
den Vertreter des Abgeordnetenhauses. (Stür-
mischer Beifall.) Uhlendorff aus Hamm:
Dem Gefühle des dankbaren Herzens wiü ich
Ausdruck verleihen. Wir wollen erklären, daß
zwischen dem preußischen Volke und dem Ab-
geordnetenhause die vvllständigste Uebereinstim-
mung herrscht, daß keine polizeilichen Vexatio-
nen, daß Nichts in der Welt uns trennen
kann von unsern Abgeordneten. Stimmen Sie
cin in den Ruf: Das Abgeordnetenhaus lebe
hoch! Harkort I. ermahnt in Kürze zur zä-
hen Ausdauer in dem Verfassungskampf.
Wenn auch nicht Alle, die hier stehen, es er-
leben werden, daß unser Verfassungsrecht zur
vollkommenen Geltung kommt, so werden es
doch unsere Kinder erleben! Er bringt ein
Hoch auf die Verfassung aus. Dr. Becker
bittet die Versammlung, sich durch die freund-
liche Aufnahme nicht schon am Morgen zu
eigentlichen Toasten verleiten zu lassen, aber

dem lieblichen Rheinftädtchen seinen Gruß zu
erwidern mit einem Hoch den Frauen nnd
MLnnern von Lahnftein. Dr. Schaffrath
aus Bedburg. Herr Dr. Becker hat so ebeu
mit Recht bemerkt, daß es nichl gut sei, vor
dem Essen zu toasten. Jch bitte es aber nicht
zu mißbilligen, weun ich es unternehme, den
nüchternsten aller Toaste auszubringen! Gestern
sind wir durch das Walten der Polizei ver-
hindert worden, unsern Abgeordneten den Dank
öffentlich uud ruhig abzustatten., Was ist na-
türlicher, als daß das gestern unterdrücktc Ge-
fühl heute desto mächtiger zum Ausdruck
kommt; und deshalb wollcn wir heute eiumal
die Polizei höch leben lassen. Herr Jacoby
von Mülheim bringt ein sechsfaches Hoch Hrn.
Classen - Kappelmann. Prof. Eckart aus
Mannheim: Die Phantasie eines Deutschlands
mit preußischer Spitze sei vcrflogen, dcr Ein-
heitsdrang im Volke aber um so lebhafter ge-
worden; dem großen deutfchen Vaterlande ein
Hoch! Abg. Dunker aus Berlin knüpft an
das Wort des Vorredners an, daß die prcu-
tzische Spitze eine Unmöglichkeit geworden.
Vorläufig, führt er aus, kommt es noch ive-
niger auf die Spitze als auf das Fundament
an; ob Preußcn nie an die Spitze kommen
werde, lasse sich noch gar nicht sagen. Dunker
schließt mit einem Hoch auf Classen-Kappel-
mann. Abg. Dr. Becker. Ein nicht zu un-
terschätzendes Hinderniß in der Einigung der
deutschen Nalion waren die verschiedenen dy-
nastischen Sympathien, dic Niemand bcseitigen
kann, außer den Dynastien selbst. Wenn diese
nun so weiter machen, wie mehrere unter
ihnen cs nun schon längere Zeit treiben, dann
bleiben die dynastischen Sympathien kein Hin-
derniß für das Einheitswerk. Dicses Ziel,
Deutfchlands Einheit, Hoch! Herr Schaff-
rath gedachte später noch in einem Toast der
Gleichgesinnten im ganzen großen Deutschland
und trug hierauf einen selbstverfaßten Prolog
vor. Auch der bekannte Dichter Emil Rit-
tershaus trug seine Gefühle für das Fest
in gebunbener Redc vor. Ein Prolog von
Karl Siebel aus Barmen wurde, da der
Dichter selbst nicht anwesend war, in seinem
Namen verlesen. Während dies im „Hotel
Lahneck" vorging, wurde von den im „Hotel
Weller" Anwesenoen eine herzliche Begrüßungs-
Depesche anHrn. Claffen-Kappelmaun abgesandt.

Gegen 6 Uhr Abends, kurz vor Abfahrt des
Personenzuges nach Köln, schritt das inzwischen
von Wiesbaden requirirte Militär auf ans-
drücklichen Befehl des Herzogs zur Räumung
der Localitäten des „Hotels Lahncck", wobei
cinige Verhastungcu und Verwundungen vor-
gekommen sein sollcn, und zwar von Lahnstei-
ner Bürgern, welche die Festtheilnehmer be-
günstigt und sich gegen ihrc Beamten und das
Militär widersctzt haben sollen. Auch der
Sohn eines preußischen Landtagsabgeordneten
hat, sicherem Vernehmen nach, eine Kopfwunde
davongetragen.

Der um 6 Uhr abgefahrene Zug, größten-
theils Festgenossen zurückführend, bestand aus
24 Wagen. Auch anf der Rückfahrt wieder-
hölten sich hin und wieder an den Stationen,
jedoch sehr vereinzelt, die freudigen Begrüßun-
gen, während bei der Abfahrt sowohl der bei-
den Dampsboote, als des Eisenbahnzuges ein
vielstimmiges Hoch der auf dem Perron und
in der nächsten Nähe desselben Anwesenden er-
schällte, welches von den Abfahrendcn eben so
laut erwidert wurde.

Während der ganzen Wasserfahrt wurden
dic stets nahe zusammenbleibenhen Schiffe von
den Bewohnern der verschiedenen Ortschaften
und selbst der einzeln stehenden Häuser mit
begeistertem Hurrahrufe, mit Hut- und Tücher-
schwenken, sowie mit Böllerschüssen begrnßt-
Während der einigermaßen ruhigen Augenblicke
wechselten Toaste in Prosa und Versen, sowie
die Klänge der Musik mit einander ab. Don
vielen Orten stießen Nachen ab, deren Jnsasstn
sich den Dampfbooten nähcrnd, in die allge-
meinen Begrüßungsrufe einstimmten. Ju
Bonn stimmte die das Ufer dicht bedeckende
Menge das Arndt'sche Vaterlandslied an. Bei
eintretender Dunkelheit erblickte man an ver-
schiedenen Orten Feuerwerk und brennende
Fackeln; eineu besonderen Eindruck machte eme
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