Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Halben und die Ganzen", eine angebliche Strcit-
schrift wider Schenkel und Hengstenberg ge-
richtet, hat vieles Aufsehen erregt. AbermalS
zieht hicr Sttauß die vor Langen Jahren er-
folgte Polemik Dchenkels gegen K. Fischer
hervor: Schenkel ist aber jetzt einer der Vor-
kampfer der kirchlichen Freihcit und hat ihr
schon die wichtigsten Dienste geleistet. Es ift
daher sehr unrecht, daß Strauß ihn so erbit-
tert anfallt. Der Kampf, den die liberale
Partei zu führen hat, ist so ernst und groß,
daß ihre Kräfte alle sich vereinigen sollten,
um das errungene Maß der Freiheit zu wah-
ren, und ihre Fahne noch weiter zu tragen.
Sagt doch Strauß selbst in seiner neuesten
Schrift: Schenkels Stellung sei im gegenwär-
tigen Augenblicke in Baden gleichbedeutend mit
dem Bestand dcr kirchlichen Freiheit! Die Re-
gierung müsse daher Schenkel halten. — Des-
senungeachtet kämpft er mit Erbitterung gegen
diejen verdienten Mann, und sucht ihn sogar
moralisch zu schadigen. Es ist zu bcklagen,
daß Strauß, der sonst auch viel für kirchliche
Freiheit gewirkt hat, sich in solche persönlich
gehässige Angriffe verrenncn konnte.

Paden, 27. Zuli. Seine Königliche Ho-
heit der Großherzog hat heute früh nach sieben
Uhr Baden verlassen, um Sich zum Gebrauch
der Seebäder nach Trouville zu begeben. Höchst-
derselbe gedenkt auf der Hinreise Jhrer Maje-
stät der Kaiserin Eugenie in Fontainebleau
einen Besuch abzustatten. Der Aufenthalt Sr.
Königlichen Hoheit in Trouville wird voraus-
sichtlich bis Gnde Auguft ausgedehnt werden.
Jhre Königliche Hoheit die Großherzogin be-
abfichtigt im Anfang des künftigen Monats
mit Seincr Königlichcn Hoheit dem Erbgroß-
hcrzog und Jhrer Großherzoglichen Hoheit der
Prinzessin Vittvria Höchstihrem Gemahl in
üas Seebad zu folgen. Nach diesem längern
Aufenthalt in Trouville gedenken die Höchsteu
Herrschafterl nach Baden zurückzukehren, wo
inzwischen der jüugste Prinz unter besonderer
Pflege verbleiben wird. (K. Z.)

Aus Lahnstein, 23. Juli.werden der RH.Z.
u. a. folgende Thatsachenüder das Abgeordneten-
fest berichtet: Reden sind, svlange das Militär da
war, nicht gehalten worden; es ist auch nicht
gesungen worden, das Einzigc, was wir als
denkbaren Gegenstand eines Konflikts zwischen
den GLsten und deu Organen der nassauischen
Souveränetät haben ermitteln können, soll dar-
in bestanden haben, daß Jemaud noch einige
von den gedruckten Festliedern vertheilt hat.
Ein Herr aus Mainz, welcher gegen das bru-
tale Vorgehen der Soldaten protestirte, bekam
zwei Verwundungen an der Stirn. Jm Gar-
len waren vier Fremde an eiuem Tische fitzen
geblieben, nämlich der Herr Abgeordnete Schmidt
aus Elberfeld, dessen Sohn, ferner Hr. Kött-
gen aus Langenberg und ein Neffe desselben
gleichen Namens aus London. An diesen be-.
wiesen die Soldaten, welche die Mißhandlung
Wehrloser für Heldenthaten halten, ihre Haupt-
bravour. Sie stießen sie 'mit dem Kolben von
den Stühlen; außerdem gab Einer dem jün-
gern Herrn Schmidt eineu solchen Schlag mit
dem Gewehr, daß diesem das Blut sofort über

metung rührt das Wort Poltron her (pottax
triwestus, verstümmelter Daumen). Die Justiz,
die Aeindin aller Romantik, erkannte in diesem
Beweise übermäßiger Liebe nur ein Vergehen, und
während dcrBräutigam in ein Krankenhaus gebrackt
wurde, kam Marie ins Gefängniß. Als fie ihre
Strafe verbüßt hatte, wollte sie ihren Heiraths-
plan wieder aufnehmen: aüein der Kutscher wollte
seine Hand nicht derjenigen geben, dte damit schon
eincn solchen Mißbrauch getrirden hatte. DieAermste >
gerieth in Verzweiflung und stürzte fich in die Seine, !
auS der ihr Leichnam in der Nähe von Saint E-loud
herausgezogrn wurde.

(Anrkdoten vom Kölner Abgeordneten-
f est.) Die erfte Redc des Bürgermeisters von
Longerich im zoologischrn Garten lautet nach
ben Aufzrichnungen eines Zuchörers: „Meme Her-
ren! Das Gesetz schreibt vor — Sie find hier in
der Bürgermetsterei Longerich — ich bin der Bür-

das Gesicht lief. ütun schritten aber die Osft-
ziere gegen diese Soldaten ein und hinderten
weitere Rohheiten. Drei Fremde, welche auf
Befehl des Hrn. Vonhausen in ein schlechtes
Gefängniß gebtacht waren, wurden gegen acht
Uhr gegen eine Cautidn wieder freigelassen,
und nun fuhr die Kompagnie Soldaten nach
Wiesbaden zurück.

Kassel, 26. Juli. Der Minister des Jti-
neru, Rohde, hat unerwarteter Weise seittE
Demission erhalten. *

Bremen, 24. Juli. So eben trifst die
Nachricht ein, daß der Lloydsteamer „Schwan,"
mit welchem die Gäste noch vor einigen Tagen
eine Lustfahrt nach Helgoland machten, heute
früh im Hafen zu Bremerhaven in Brand ge-
ralhcn ist. Das Feuer wurde zwar bäld ge-
löscht, doch ist der Schaden bedeutend. (N. C.)

Altona, 26. Juli. Die „Schlesw.-Holst.
Zeituttg" enthält heute an der Spitze ihres
Blattes solgende Erklärung:

hal 12 Iaßre unler unS gelebl und jeiue Thäligkeil in
der dcNtschen P'.csse während dicser Zeit sclst aüSschließ-
lich unserer Landessachc gewidmel; wir kennen ihn als

ist. — Wir btttSt' Alle, denen das LaNöeslvohl am Herzen

Allona, den 25. Juli 1865.

Rendsburg, 25. Juli. Dr. M^ay ist
unter einer zahlreichen Milktarsscorte mit dem
MittägSzuge hier eiUgetroffen und in der Haupt-
wache detinirl worden. Am Bahtthofe wareu
bedeutende mMtarische Vvrkehrungen getroffen.
Dr. May wurde von dem Publikum mit einertt
Hoch am Bahnhofe empsangen.

WieN, 25. Juli. Die „Oesterr. Zeitung"
mekdet vie Beeidiguttg des Finattztninisters Gra-
fen Larisch. Hv. v. Becke erfetzt Hrn. vk BreN-
tano. Das Seeminifterium wirtz aufgelöft. Hr.
v. Burger erfetzt den Hrn. v. Prokesch in Kon-
stantinopel. Das Finanzgesetz wird morgen
veröffentlicht werden.

Wien, 26. Zuli. DaS Herrenhaus nahm
die Gesetzesentwürfe über die Elsenbahnen Prag^
Eger und Katschitz-Wipert Nach den Beschlüssen
des Unterhauses an. Darauf hielt der Prasi-
dent eine kurze Schlußrede und schloß mit drei-
maligem Hochrufe auf den Kaiser.

I t 4t l r e tt

Ftorenz, 26. Juli. Der König ist nach
Turin zurückgereist. — Ein Lrztlicher Bericht
bestätigt, daß in Ancoua die Cholera ist, je-
doch in lcichtem Grade. Das Bulletin vom
25. weist 16 Krankheitsfälle und 5 Todes- !
fälle auf. Schiffe, welche von Ancona kom- j

begaben, führten fie ihre Waffen und Geräthe mit, ^
also auch dtc Schaufeln. Als fich Iemand über !
die Schaufeln wunderte, bemerkte ihm ein Andcrer: !
„Der §. 29 der Verfaffung, der gestern im gesperr- !
ten Gürzenich von der Livilbeyörde todtgeschlagen -
ist, soll heute von der Militärbehörde begraben
werden." — Als der Bahuzug am Sonntag früh
von Eoblenz über den Rhein fuhr, fragte ein
Herr aus Schlesien den conttolirenden Schaffner:
„Wo hört das prcußtscke Gebtrt auf?" „Da, wo
die deutschen Fahnen anfangen," lautete die Ant-
wort. - ^

men, sind in den 'andern Hafen einer Qua-
rantäne von 7 Tagen unterworfen.

E tt g l 4^ tt d

Londou, 26 Juli. Die „Morning-Post"
ztigt att, daß Prittz Näpoleon «Oamstag in
Cardiff an Bord der Corvette „Jerome Rapo-
leon" angekommen ist. Der Prinz besichtigte
Samstäg Swansea, von wo er Nachmittags
wieder abreiste. Er hat die Absicht, sich nach
Hölyhräd im St. Geo'rgÄanal zu begeben.

S P a n i e n

Madrid, 26. Juli. Der König ivurde
von einem leichten Unwohlsein befallen, befin-
det sich jedoch wieder weit besser. — Ulloa ist
zum außerordentlichen Gcsandten am italieni-
schen Hof ernannt und wird am Samstag nach
Florenz abreisen.

A m e r i k a.

Newyork, 15. Juli. Die letzte Post
bringt dit wichtige Nachricht, daß zwei Mini-
ster^ der des Jnnern uNd der des Postwesens,
sich in entschiedlnster Weise für den Krieg der
Union gegen die Franzosen in Mexiko aüsge-
sprochen haben. Diese Kundgebungen bleiben
in dem amerikanischen Volk nicht ohne Wir-
kung und die Franzosen ttnv Kaissr Mäximi-
lian in Mexiko werden gut thün, sich unter
solchen Anssichten auf die Abreisc vörznberei-
ten. —' Jtt Charleston wurden VorsichKmaß-
regeln gegen einen Ncgeräufstand getröffen.
Die Negergarnisonen haben im Südett Unzu-
friedenheit erregt. Es herrscht fortwährend
große Sterblichkeit unter den Negern.

Aus Mexiko meldet man die am 15 Zuni
mit g-roßem Pomp uttd in Gegettwart des
Kaifers ünd dcr Kaiserin völlzögene HöÜszeit
des Marschalls Bazaine.

Neucste Nachrichten.

Dresdeo, 27. Juli. Der weseütliche An-
halt des in der heute ftatlfittbenden Bundes-
tagSsttzung von Bayern und Sachftn crwarte-
ten Antrags besteht in einer BsfrägUng Oefter-
reichs und Preußens, was von diesen zü einer
desinitvoen Lösung der Herzogthümörfrage ver-
cinbarr oder beabsichligl sei; ob sie geüeigt
wären, eiüe aus frewn Wahlen hervörgegäii-
gene Landesvertrelung einzuberufen, uttd wann?
Ferner eitte Auffördevung an die beiden deut-
schen Großmächte , auf die Aufuahme Schles-
wigs in den Bund hinzuwirken; öie Erklarung,
daß der Bnnd auf eine Ruckerstattung 8er Exe-
culioilskoften Verzicht leiste , dügegen sich zu
einer BethMtzung an den Kriegskosten der
Großmächte bereit erkläre, sobald der BuNdes-
beschluß vom 6. April realistrt werde.

Berlin, 27. Juli. Die Rcgierungsblatter
bestätigen, daß der preußische Miuistekrath in
Regensburg beschlosien habe, die Ausweisung
des Herzogs Friedrich aus den Herzogthümern
zu unterlassen, bis Oesterreich seine Zustim-
mung dazu geben würde. Von der bevorste-
henden Gasteiner Zusammenkunst der Fürsten
von Preußen und Oesterreich sei die Anbah-
nung eines Ausgleichs zwischen Preußen und
Oesterreich in der Herzogthümerfrage zu er-

(Assisen von Marfeille.) Am 8. d. M.
wurde ein Kall abgeurthetlt, so scheußlich, wie ihn
die ausschweifendste Phantafie eines Pariser Ro-
manschreibers nicht vorzuführen wagt und welcher
beweist, daß man gewiffe Leidenschaften mit Un-
recht thittische nennt, da fie vielmehr ein Monopol
der entarteten Menschennatur find. Das Opfer ist
einKnabe von 7'/r3ahren, ehenso schön als gra-
ziös, von stühzeittg entwickeltem Verstande, das
Entzücken seiner der anständigsten Elasse angeho-
rigen Famtlie. Ein Matrose, der 30jährtge Picot,
begegnete ihm wenige Schritte vor dem elterlichen
Hause am Marseiller Hafen ; das Haus liegt ein-
sam, auf einer Höhe, genannt Pointe du Pharo,
etwa 25 Meter direct üller'm Meere. Niemand war
in der Nähe und so stel daS unschu'.dige Kinv cinem
Attentat der scheußlichsten Unnaturzum Opfer. Nach
vollbrachter That stieß der Unmensch daffelbe von
der Höhe ins Meer hinab. Zwei Tage darauf wurde
der Letchnam gefunden, in deffen Gegenwart Picot
das Berbrechen etngestand. Die Geschwornen blieben
dirsmal mit Recht stumm über mildernde Umstände
und wurde der Angeklagte zum Tode verurtbeklt.
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