Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Jn der letztvergangenen Woche haben in
Preußen nicht weniger als 27 ZeitungsconsiS-
cationen statlgefunden — seit den Tagcn der
seligen Preßordonnanz wohl drr höchste Ther-
momelcrstand dtS polizeillchen PflichteiferS.

Napoleon wird, nachdem er seinen Na-
menstag im Lager von Chalons gefeiert haben
wird, sich nach St. Cloud begebcn. — Der
König der Belgier ist soweit genesen, daß er
am 14. d. nach Ostende reisen wollte.

Der Zudrang zu den Festen in Cherbourg
soll ungeheuer sein.

Buchez, der Präsident dcr französischen Na-
tlonalversammlung von 1848. ift in Rhodez im
Alter von 68 Iahren gestorben. Derselbe nahm
biS 1852 an allen politischen Fragen den thä-
tigsten Antheil. Am 21. Mai 1821 gründete
er mit Bazard und Flvttarv die geheime Ge-
scllschaft dcr rranzösischen Carbonari und be-
theiligte sich an der Verschwörung von Befvrt.
1826 trat er in die Saint - Simonistijche Be-
wegung ein; er sagtc sich jedoch später von den
Saint-Simonisten los, um Obcrhaupt der ka-
tholisch-revolutionären Schule zu werden. Nach-
dcm er die erste Hälfte seines Lebens haupl-
sächlich Mann der That gewesen, wurde er
nach 1831 Theoretiker.

Der spanische Gesandte, Hr. Ulloa, ist in
Turin angekommen. Er hatte eine Audienz
bcim König. Der officielle Empfang dieses
Diplomaten wird nächstenS in Florenz statt-
finden. Die Cholera ist in Ancona im Ab-
nehmen. Am 12. überschritl die Anzahl der
Todesfalle seit Beginn der Krankheit nicht die
Zahl 781.

Der Werth der noch zu veräußernden Geist-
lichcn Gütcr in Spanien wird auf nicht weni-
ger als 2500 Mill. Frs. geschätzt.

Man spricht davon, cs werde über einen
Handelsvertrag und eine Postconvention zwischen
Jtalien und Spanien unterhandelt.

Nach dcn „TimeS" bestätigt es sich, daß Sir
Henry Bulwer von dem Posten eincs Botschaf-
ters Englands bei der Pforte abtritt; er wcrde
in Konstantinopel durch Lord Lyons, den eng-
lischen Gesandten in Washington, ersetzl werden.

D e ri t s ch l n ri d

Wiesbaden, 14. Aug. Unser neucrnann-
1er Regierungspräsident, Hcrr Winter, hat
heute an herzoglicher Landesregierung seine
Funktionen angetreten. Ueber die Wahl eines
ihm zur Seite stehenden Regicrungsdiroktors
ist noch nichts bekannt.

Berlin, 12. Aug. Bom Polizcipräsidium
ist an die städtischen Behörden die Aufforderung
gerichtet worden, ein Lazareth zur Aufnahme
von Cholerakranken in Bereitschaft zu halten.

Brrlin, 12. Aug. Der Kvnig hat sich,
wie bereits gemeldet, bei der in Gastcin abge-
haltenen Gemsjagd leicht am Auge verletzt. Die
Verletzsng ist dadurch herbeigeführt worden,
daß der Büchsenspänner, als der König eben
auf eine Gemse geschosfen hatte, eine frische
Büchse znreichte. Jn demselben Äugenblicke
dreht der König sich lebhast um, und stieß da-

man fich auf Frlsen , oder auf Schnee, oder auf
einem Gletscher befindct, wenn zwei Leule einan-
der so nahr kommen, daß das Seil schkaff herab-
hangt, fo schwebt die ganze Gesellschaft in Gefahr;
denn wenn Jemand auSglettet oder fällt, so kann
er, the man fich grgenstrmmt, eme solche Wucht
erlangen, daß er Einen nach dem Andern nach fich
zieht und All« mit fich ins Verderben reißt. Ist
das Seil jedoch straff, so ist dies beinahe un-
rnögltch."

(BrvölrerungSverbältnisse Badens.)
Mannheim, 1V. Aug. Das statistische Bureau
des HandelsmtnisteriumS bat srine Bearbettung der
jüngsteu Bvlkszählung vollendet. Nach drrselben ist
Mannheim die bedeutendste Stavt deS LandeS mit
30,425 Einwohner, Kärlsruhe hat 3V,318. Bei
der vorletzten ZählUng (3. Drc. 1861) hatte Mann-
heim 27.172, KarlSruhe 27,103 Serlen. Konstairz
hal 9417 Gtnwohner, Donüueschtngeu 3037, Dil-
ttngrn44l9, Waldshut2V11, Breisach 3282, Frei-
Vurg 19,085. Waldkirch 2678, Lörrach 5157, Müü-
heim 3VV2, Schopsheim 2196, Gengenback2386, Lahr
7408. Offenburg 5200, Achern 2695, Baden 8935,

bei an den Lauf der Büchsc, was eine leichte
Verletzung am Akge herbeiführte.

Berlin, 13. Aug. Eine zunächft für die
edlen conservativen Kreise bestimmle Schrifl:
„Der Schluß des Landlages den 17.Zuni 1865",
kommt nochmals auf die Thronrede zu sprechen
und sucht nachzuweisen, wie die Abgeordncten
überall dem besten Wiüen der Regierung fcinb-
lich entgegengetreten feien. Die Schrift geht
auf einzelne Aeußerungen dcr Abgeorolwlen ein
und so auch auf einc des Abg. Jacoby. Dem-
selben erwiedert sie, Hr. Zacoby würde, wenn
der Krone die Verfügung über das Heer ent-
zogen, und oiese Befugniß etwa dem Abgeord-
nctenhause übergeben worden wäre, mil seinen
Parteigenoffen sehr bald das Köuiglhmn ve-
seitigt haben, aber nichl um elwa eine Repu-
blik zu schaffen, auf Bürgerlugend geftützt, die
überhanpt in der Wellgeschichtc als frommer
Wunsch dastehe, jondern vielmehr nur, um
uns unter die Tyrannei von Blutmenjcheu n la
Robespierrc unv Marat zu bringen.

Der König hat dem -Lohye Arndl's, dem
Forslmeifter Arndt in Trier, in ehrender Er-
inncrung an das Vcrdienst des Vaters um
Deulschland, ben rothen Adlerorden 3. Klasse
mit der Schleife verliehen.

Hamburg, 14. Auguft. Das Unionsge-
fchwader ist größtentheils im Texel eiugelroffen.

Wien, 12. Aug. Zn Finanzkreiien mill
man zuversichllich bchauplen oürfen, daß es die
Absicht des FinanzministerS sei, unter Einzie-
hung der im Umlauf befindlichen Banknolen
zu 1 und 5 fl. im Gefammtbetrage von 120
Mill. Gulden „Domänenfcheine" ebensalls zu
1 und 5 fl. auSzugeben, für welche die sämmt-
lichen, der Nationalbank nichl verpfändeten
Reichsforsten und Bergwerke als Sicherheil zu
dienen hätten. Einen Zwangskurö follen diefe
Scheine nicht haben, fondern man rechnel dar«
auf, und wohl riicht ohne Grund, vaß viesel-
ben, wenn die kleinen Banknoten eingezogen
werden, dem Verkehr nicht blos ein willkom-
menes, sondern ein geradezu unenlbehrliches
Medium sein müsseu, wenigflens bis zur Wie-
deraujnahme der Baarzahluugen, vie übrigens,
wenn in folchcr Weife vie Banknotcn-Circula-
lion sich um 120 Mill. Gulden verringert,
jedenfalls beveutenv näher gerückt erfcheinl.

Wien, 13. Aug. Was die Art des Vor-
gehens in der ftaatsrechtlichdn Frage betrifft,
so wird vcrsicherl, Graf Belcrevi fpreche fich
ftets dahin aus, daß er bie Lösung ver ftaals-
rechtlichen Fragen nicht ohne den Reichsrath,
fondern nur mit demselben durchzuführen bc-
absichtige. Daö Fremdenblatt aber erzähtt:
„Wie man von unterrichleler Seite versichert,
herrscht unter den MitgliederN des gegenwär-
tigen Cabinets eine außerordentliche Einigteit,
wie sie noch felten in einer österreichijchen Re-
gierung geherrfcht hat, in welcher es bekannt-
lich nie an Parteigegensatzen feylte. Drese
Einigkeit kann fast als eine historifche Merk-
würdigkeit gelten, ist aber aus den Persönlich-
keiten der gegenwärtigen Minister zu erklären.
Graf Moriz Esterhazy und Herr v. Majlath
einerseits und Graf Belcredi anderseits. Disse

Bühl 289V, Gernsbach2182, Rastatt7586 (dieBun-
desbesatzung in Rastatt belällft sich auf 5555 Seelen,
und zwar 3255 Oesterreicher und 2305 Preußen;
Lie Gesammtbrvölkerung von Rastatt beläust sich
also auf 13,141 Seelen), Bretten 8385, Bruchsal ^
! 8956, Durlach 5869, Ettlingen 4862, Pforzheim ^
16,301, Schwetzingen 3463, Weinheim 6271. Hei- !
delberg 17,656, WieSloch 2977, Buchen 2274, !
Eberbach 4218, Mosbach 3663, Tauberbischofs-
heim 2873, Walldürn 3385 und Wertheim 3404.

Mamiheim,^l0. August. In den mufikalischen
Kreisen macht die „Afrikanerin" von Meyer-
beer viel zu redrn, mit deren Einübung die hie-
figen Opernkräfte so eifrig beschäftigt sind, daß
man die Aufführung noch im Laufe dteseS Monats
erwarten darf.

* Literarisches.

Das Iuliheft von „Weftermann's d^uftrir-
ten Deutschen Monatsheften^ wird durch eine
Dorsgeschichte von Adolf Glaser „Die Pstege- I

beiden leitenden politischen Potenzen haben sich
vor dem Antrilte dcr Gefchäfte vollkommen
verständigt und Bedürfniß und Naturell erhält
sie im Versiänduisse; Graf Larisch ist fchou
vermöge seiner persönlichen Beziehungeu zum
Gräfen Belcredi ein sich harmonisch einfügen-
des Mitgliev des Cabinets; Herr v. Komers
tritt politisch wenig in dcn Vorvergrund, Graf
Mensdorff bcschränkt sich streng auf fcin De-
partement, und va weder das Polizeiministc-
rium befetzt, noch ein besonderer mit fonft kei-
nem Portefeuille betrauter Ministerrathspräsi-
dent cxistirt, so ist fchon durch die geringe Pcr-
sonenzahl die Einigkeit, die jedenfalls cine be-
achtenswerthe Erscheinung ist, erleichtert. Ein
Moment möchtc hervorzuhebcu sein, daß man
den Poften eincs Handelsministers mit einer
deutschen Perfönlichkeit zu besetzen wünscht, um
ein gewiffes Gleichgewicht zwischen ungarischem
und deutschem Einflusse im Ministerrath zu
sichern."

Wien, 14. Aug. Die „Generalcorrcspon-
denz" meldet von verläßlicher Seite, daß der
König von Preußen Gastein am 19. August
verlasfe, uud daß an diesem Tage die Bcgeg-
nung der Monarchen in Salzburg stattfinden
dürfte.

Z r n n k r e r ch.

Pnris, 13. Aug. Heute wurden alle litho-
graphischen Druckereien von Paris geschlossen.
Dieses Mal waren jedoch die Arbeiter an der
Arbeitseinstellung nicht Schuld, fondern es
waren die Meister, welche zu diefer Maßregel
ihre Zuflucht nahmen, weil ihre Gesellen Miene
machten, einen höheren Lohn zu verlangen.
Jn Borveaux yaben die Schlossergesellen zu
arbeilen aufgehört.

Pnris, 14. Ang. Eine Madrider Depesche
meldet den Tod des Vaters des Königs von
Spanien. (Franz de Paula Anton Maria,
Herzog von Cadix, war geboren am 10. MLrz
1794.)

W n i a n d

London, 12. August. Der „Jndex", das
vor einigen Jahren in London zur Vertheidi-
gung der Jntereffen dcr südstaatlichen Conföde-
ration gegründete Journat, hat jetzt seine lctzte
Nummer veröffcrMcht, worin er erklärt, er
stelle sein Erfcheinen ein, weil cs fortan ver-
geblich fei.

I r 6 r i e n

ZloreNZ, 11. August. Der an Vacca's
Stelle exnannle neue Minister Cortcse ist ein
ganz jnnger Adgeoroneter, der noch keine po-
litische Vergangenheit hat. Er ist ein Advokat
aus dem Neapolitanischen, und wurde vor einem
Monat von Sella als Generalsekretär im Fi-
nanzministerium angestellt. Ueber die Ursa-
chen des Rücktritts Vacca's smd eine Menge
Lesaxten im Umlauf. Gewiß ist, daß die Mei-
nungsverschiedenheiten Vacca's von seinen Col-
legen von längerer Zett her datiren, unb daß
sein Rücktritt in diesem Augenblick keine poli-
ttsche Bedeutung hat.

mutter" cröffnet, deren einfache durch den Stoff
gebotene Darstellung höchst ansprechend wirkt. Iu-
lius Große bringt tn demselben Hefte seine Kr-
^ zählung „Eine alte Liebe" zu würdigem Abschlusse.

George Hiltl gibt etne interessante Enthüllung
! über „Die Geheimschrift des Herrn von Bartholdi."
Karl Ruß schildert dcn „MoschuS", H. Birn-
baum die„Nordamerikanische Wandertaube". Otto
Gumprecht entwirft eiNe geistvolle und treffende
mufikalische Lebens- und Lharakterskizze Meyerbeers.
F. Adler liefert einen werthvollen kuxsthistorischen
Aufsatz über „Das Reiterbild des großen Kurfürsten
zu Berltn", und H. Schellen endlich behandelt
sehr eingehend und sachgemäß ben „Wasserdampf,
Vie Kessklerplofionen und die Mtttel zur VerHütung
derselben". Außerdem enthält das Heft etne Fülle
kletnerer naturwisseNschaftlicher und technischer Ar-
tikel, sowie literarische und Kunst-Desprechungen.
Besondere Sorgfalt ist dieSmal wiederum auf dte
Illustrattonen verwandt, von denen wir nament-
lich daS Porträt MeyerbeerS und daS Reiterstand-
Vild des Großen Kurfürstcn bervorheben.
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