Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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AreislierküiwiglmgMatt fiir dcn Kreis Heidelberg und aintliches Berkiindigungsblalt für die Amts- und Amts-
Gerichtsbczirke Heidelbcrg und Wicsloch und den AmtsgerichtSbezick Neckargemünü.

N» 1S7. Mittwpch, 28 August L8«s.

* Politische Nuischa«.

Jn Hamburg ist ein Comite zusammenge-
treten, um in daukbarer Erinnerung an die
dem norddeutschen Handel durch das Seegefecht
bei Helgoland gcwordene Befreiuug von der
dänischen Blokade den in diesem Gefechr ge-
fallenen Oestcrreichern ein Denkmal zu setzen.
Es soll dieses vor dem Waisenhause in Altona
in der Königsstraße errichtet werden, und ist
bereits mit den Grundarbeiten dafür begonnen
worden.

Die „Wiencr Ztg." meldet amtlich, daß die
Eröffnung des croatischeu Landtags abermals,
und zwar auf den 9. October verschoben wor-
den ist.

Man versichert der „Ztalia", eine der ersten
Maßnahmen des ncueu Justizministers werde
ver Entwurf eines Gesetzes über Aufhebung
sämmtlicher religiöser Körpcrschaften sein. Der-
selbe soll, wje die Regierung versprochen hat,
den Kammern bei Eröffnung der nächsten Ses-
sion vorgelegt werden.

Jn Spanien werden nach der „Epoca" die
Wahlen zu den Cortes Anfangs December statt-
finden und das neue Parlamcnt sich in dcn
letzten Tagen des Jahres versammcln.

Wie die franz. Journale mittheilen, sind wie-
der 4—500 Mann Soldaten aller Waffengat-
tungen durch Nantes gckommen, um zu St.
Nazaire nach Mexico eingeschifit zu werden,
wo sie die inzwischen in dcn Neihen des fran-
zösischen Expeditionshceres entstandenen Lücken
auszusüllen bestimmt sind.

D e « t s ch land

Bom Ncckar, 18. Aug. Der Sirg
der liberalen Partei in Nassau war bekanntlich ein
cntschicdener. Sie hat eine solche überwiegende
Majorität in der 2. Kammer, daß die Gefahr
einer Trockenlegung, wie bei dcr früheren Kam-
mer, durch das Hinwegbleiben der Clerikalen,
nicht mehr zu fürchten ist. Diescr Sieg der Fort-
schrittspartei in Nassau ist aber — was e'in b e-
sonderes bedeutsames Zeichen der Zeit ist
— überall in Deutschland von liberaler Seite mit
lebhafter Theilnahme bcgrüßt' worden. Es ist
dieses ein sehr bemerkenswerther Zug unseres
gegenwärtigen politischen Lebens, daß die Fort-
schrittspartei in Deutschland sich immer mehr
und mehr der Gleichanigkeit ihrcr Jntereffen,

Die Stenographie in den franzäjrschen Kammern. ^

Kolgendes'ist die höchst zweckmäßige Art, in wel- !

Fünfzehn Stcnographen find in eincr specicll ^
dazu rescrvirten Tribüne in vrci Reihen hinter
einander aufgestellt. Vor ihnen steht ein Chrono-
meter. Die Stenographen der crsten Reihe, Papicr
und Bleistist in drr Hand, verfolgen während zwei
und einer halben Minute mit der höchsten Auf-
merksamkeit die Sitzung; sobald die zwei und eine
halbe Minute abgelaufen find, machen fic wic auf
Commando gleichzeitig rechtsum kehrt, ziehen sich
in ein kleines Cabinet zurück, das unmittelbar an
ihre TriLüne anstößt, und übersetzen hicr, da ihnen
das soeben Vernommene nock frisch im Gedächtniß
ist, sogleich ihrc stenographischen Aufzrichnungen.
Mittlerweile ist nun die zwcite Reihe vorgerückt,
schreibt ebenfalls während zwei und einer halben
Minute nach und macht sodann der dritten Reihe
Platz, dic ihrerseitS wieder von der ersten Rethe
abgelöst wird.

dcr Gemeinsamkeit ihrer Aufgaben und Ziele
bewußt wird. 'Man sieht nicht mehr, wie dies
vor 1848 noch häufig geschah, den Kämpfen
um die politische Freiheit im dcutschen Nach-
barlande in theilnuhmloscr Beschaulichkeit oder
mit selbstzufriedenem Stolze zu. Aus oiesem
Gruude wurde auch früher den Feinden der
Volksfreiheit in Dcutschland der Sieg so leicht
gemacht. Die Reäction aber, die seit 1850,
nach der Wiederbelebung des Bundestages in
Deutschland, wieder zu herrschen begann, hat
eine Zusammengehörigkeit unter den Liberalen
der deutschen Staaten hcrgestellt. Wir fühlen
jetzt den Schmerz des entferntesten Gliedes am
deutschen Vvlkskörper; dic Wunde, welche der
Fortschrittspartei in Nassau und Preußen ge-
schlagen, fühleu wir an den Gestaden des Neckars
wie des Bodensees mit. Das Bewußtsein der
Solidarität ist über uns gekommen; das hohe
Wort: „Einer für Alle, Alle für Einen" wird
immer mehr in seiner tiefen Bedeutung erkannt.
„Es ist ein Feind, vor dcm wir Alle zittern,
Und eine Freiheit macht uns Alle frci!"

Freiburg, 19. Aug. Zn den letzten Tagen
ist. hier in der Gegend ein Flugblatt verbreitet
worden, welches die merkwürdige Ueberschrift
Aufgebot führt und bestimmt ist, das Volk
in: Sinne der clericalen Partei an die Wahl-
urne zu treiben. Ein Norddeutscher, welcher
das Blatt zusällig in die Hände bekam, gerieth
auf die Jdee, die Berliner Krcuzzeitung ginge
damit um: das badische Landvolk gegen die Re-
gierung und gegen die Kammer aufzuhetzen,
sende ihre Emissäre in und an den Schwarz-
wald; Leute abcr, welche den Gang der Ereig-
nisse hier länger verfolgt haben, kennen den
clericalen Urheber besser. So viel wir das
badische Volk kennen, wird indessen das Auf-
gebot nur dazu dienen: alle Gebildeten, alle
Wohlmeiuenden zur Unterstützung der Regie-
rung zu vereinigen. . (B. Ldsztg.)

O Confitanz, 20. Aug. An die Wieder-
kehr Napoleons III. auf seinen Jugendaufent-
halt Areyenberg knüpft sich unter anderm auch
eine Erinnerung an eine Zeit seiner ungün-
stigen persönlichen Verhältniffe als französischer
Flüchtling in der Schweiz. Der Herzog von
Montebello hatte nämlich 1838 der schwcizeri-
schen Tagsatzung eine Notc der französischen
Negierung überreicht, in welcher die Auswei-
sung Napoleons aus der Schweiz verlangt
wurde. Die Tagsatzung verweigerte dieselbe,

dcm technischen Ausdrucke rsuleurs iiennt, schreiben

Reden ebenfallS nach. Die reviseurs arbeiten wäh-
rend eincr Viertelstunde. Nach Ablauf von einer
Viertelstunde werben fie auch von Ersatzmännern
abgelöst, ziehen fich ebenfalls tn ein besonderes
Cablnet zurück, übersetzen hier ihre Stenographien
und vergleichen sodann ihre Uebersetzungen mit
den Uebersetzungen der rouleurs. Ieder Irrthum
ist somit unmöglich.

Im Senat herrscht derselbe Modus, nur ist da-

und Napoleon fühlte stch hiefür zum Danke
verpflichtet. Nachdem er sich später cntschloß,
die Schweiz zu verlaffen, um ihr uicht seinet-
wegen Verlegenheiten zu bereiten, schrieb er an
den damaligen Landamman Anderwert eincn
(abgcdruckteu) Brief (der in diesem Augenblick
vor mir liegt), in welchem er der Schweiz sei-.
nen Dank sür das edle Betragen der Kantone,
die sich so muthig zu seinen Gunsten ausge-
sprochen haben, darlegt, und am Schlnsse wört-
lich beifügt: „Diese Trennung wird, hoffe ich,
nicht ewig sein, und ein Tag wird kommen,
wo ich ohne die Jnteressen beider Nationen,
welche Freuude bleiben müssen, auf's Spiel zu
setzen, die Freistätte wieder besuchen kann, welche
mir durch 20jährigen Aufenthalt mit vollkom-
menem Rechte ein zwcites Vaterland geworden
ist." Gestern nun war der Tag, an welchem
bieser Wunsch in Erfüllung ging, und wie?
Vor 27 Zahrcn verließ Er als Flüchtling die
Schweiz, gestern betrat er sie als Kaiser wie-
der. Wie wird er seinen Dank bewähren, wenn
es sich einmal um den Besitz des Kantons
Genf handeln sollte?

Aus Baden, 20. Aug. Großes Aufsehen
erregt im Großherzogthum das Austreten cines
unserer achtungswertheften Männer aus der
katholischen Kirche. Der Abgeordnete Fabrikant
Buhl von Ettlingen ließ seine Kinder prote-
stantisch erziehen, und wurde deßhalb von dem
katholischen Clerus auf eine solche Weise öffent-
lich und geheim angegriffen und verfolgt. daß
er eine längerc GeiMnschaft mit einer von
fanatisirten Priestcrn geleitetcn Kirche mit sei-
nem rcligiösen, sittlichen Gefühl nicht verein-
baren konnte. (F. Z.)

Stuttgart, 17. Aug. Zn der heutigen
Abendsitzung der zweiten Kammer wurde ein
Bericht der Justizgesetzgebungscommission über
eine Petition von Studierenden der Landesuni-
versität um Aufhevung der akademischen Ge-
richtsbarkeit berathen, wozu die Commission
den Antrag stellt, die Eingabe der Regierung
zur Kenntnißnahme und Erwägung mitzuthei-
len, ob das disciplinäre Verfahren gegen Stu-
dirende nicht gesetzlicher Regelung bedürfe.
Cultministcr v. Golther bemerkt indeß, daß das
Ganze auf eurer Verkennung dcr Verhältnisse
beruhe, indem eine akademische Gerichtsbarkeit
gar nicht bestehe, sondern nur- disciplinäre Vor-
schriften und eine disciplinäre Gewalt, wie an
jedcr Unterrichtsanstalt. Wo die Studirenden

selbst dcr Dienst der Stenographen weniger an-
strengend, weil die Hcrrrn Senatoren im Allge-
meinen viel langsamer und ruhiger sprechen, alS
dic Mitglieder des Corps Legislatif.

- Der getbteste Stenograph kann in einer Minute
nicht mchr als dcn Inhalt von 15 Druckzeilen
schreiben; so viel spricht auch durchschnittlich ein
gewöhnlicher Redner. Einige Redner jedoch machen
hicvon einc Ausnahme, fie bringrn die Steno-
graphen geradezu in Verzweiflung; unter diesen
auSnahmsweisen Redncrn zeichnen sich namentlich
Dupin, Rouher und Thiers aus. Dupin ist ben
Stenographen in der Regel um 7 Linien voraus,
er spricht dcn Inhalt von 22 Linien in 60 Se-
cunden und ist somit der schnellfte Redner, den
Frankreich befitzt. Ronher kommt ihm ziemlich

er gewöhnlich 20 Linien in der Minutc; die Federn
der Stenographen fliegen über das Papier, ohne
ihn einholen zu können Thiers spricht 17 Linien
in drr Minute. Die Reben Simon's dagegen bieten
den rouleurs die willkommene Gelegenheit, fich ein
wenig auszuruhen; dieser berühmte Redner spricht
in der Regel nur 12 Linien in der Minute; er
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