Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Kreislierkülldigimgsblatt für den Kreis Hcidclberg und amtlichcs Berkitndigungsblatt für dic Amts^ und Amts-
Gerichtsbezirke Heidelberg und Wiesloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

Nk-' 2VL. Sonntag, 27. August L8«L.

* Politischc llmschan.

* Dic Gasteiuer Uebcreinkunft hat
leider den Beweis geliefert, daß es fast ein
größeres Unglück für Deutschland ist, wenn
Oesterreich und Preußen einig, als wenn fie
uneinig find. Die Wahrheit dieses Wortes
hat sich nicht nur für das jetzt zerrissene, auf
ewig ungetheilte Schleswig-Holstein bewährt,
sondern könnte gar leicht noch für das ganze
deutsche Vaterland zur Geltung kommen. Es
schließt jene Uebereinkunft mehr denn eine
arge Rechtsverletzung in sich, und die Folgen
davon werden nicht ausbleiben. Jetzt schon spricht
man von dcr erstcn Theilung Deutschlands,
von der Mainlinie, von einer neuen, gemein-
sam verabredeten Reactionsperiode u. dgl. mehr.
Für Oesterreich speziell aber ergibt sich eine
Eonsequenz besonders gehässiger und bedauerns-
werther Art. Es laßt sich für Lauenburg eine
erkleckliche Geltentschädigung zahlen. Abgesehen
von dem widrigen Länder- und Völkerschacher,
welchen diese Abfindung involvirt, hat Oester-
reich bekanntlich auf Lauenburg nicht einmal
ein Recht gehabt; und es kann nun auch die
Zumuthung, Venedig gegen Gcld abzutreten,
nicht mehr mit stolzer Entrüstrlng zurückweisen.

Nach einer neuerlichen Mittheilung der „Hess.
Ldsztg." würdcn die Stäude zum 18. Landtag
erst auf den November d. I. berufen werden.

Herzog Friedrich soll zum öfterreichischen
Oberst und Regiments - Jnhaber ernannt wer-
den. Wir können diese Nachricht nur für einen
Scherz halten und zwar für einen grausamcn
Scherz. Sein Land gibt ihm Oesterreich nicht,
aber — ein Regimcnt. Wenn sich der Her-
zog dazu verstände, diese Gnade anzunehmen,
so wäre dies allerdings das Aeußerste, was
nach unsern Begriffen von der menschlichen
Geduld bis jetzt geleistet worden ist.

Die italienische Regierung will nach Auf-
lösung des Uebungslagers 50,000 Mann aus
dem Heere entlassen, um zu sparen und ein
Zeugniß dafür abzugeben, daß sie an keine
Kriegseventualität glaubt.

D e u t s ch l a n d

Karlsruhe, 25. Aüg. Durch Allerhöchste
Ordre vom 22. d. M. erhält Lieutenant Fer-
dinand v. Bodmann vvm (1.) Leibgrenadier-
Regiment die unterthänigst nachgesuchte Ent-

lassung aus dem großh. Armeecorps, mit der
Erlaubniß, in fremde Dienste treten zu dürfcn.

Bom Areckar, 22. Aug. Jn Wür-
temberg hat mansich bekanntlich ebenfalls an eine
Reform des Volksschulwesens gcmacht, wie bei
uns und anderwärts. Man glaubte dort be-
sonders umsichtig und nur langsam vorschreiten
zu sollen, um, wie sich ein Vertreter der Rc-
giernng auszudrücken beliebte, nicht Experimente
zu machen, die nicht lebensfähig seien Es
sollte damit besonders auf die Zusammensctzung
der Ortsschulräthe, wic sie das badische Schul-
gesetz seststellt, hingedeutet werden. Das neue
würtembergische Schulgesetz führt nun zwar
auch Ortsschulräthe ein, deren Mitglieder durch
Wahl berufcn werden; der Vorsitz aber in
djesem Schulrath ist gesetzlich den jeweiligen
Pfarrern übertragen. Letztcre Bestimmung
wurde in der zweiten würtembergischen KaM-
mer heftig bestritten, indem man eine Einrich-
tung wünschte wie in Baden. Die Regierungs-
vorlage, die die Pfarrer zu gebornen Präsiden-
ten des Schulraths der Gemeinden macht, ver-
mochte nur durch das Vorgeben durchzudrin-
gen und zur Annahme gelangen, daß man auf
Baden hinwies, wo gerade die entgegengesetzte
Bestimmung so viel Mißstimmung im Volke
hervorgerufen habe, und die Ursache sei, war-
um in vielen Orten keine Wahlcn in die
Schulräthe zu Stande kämen. Man ist gegen-
wärtig nnn mit der Ausführung des neuen
Schulgesetzes in Würtemberg beschäftigt; das
Gesetz ist mit Zustimmung oder wenigstens
ohne offenen Widerspruch der kirchlichen Ober-
behörden zu Stande gekommcn; die Pfarrer
sind geborne Vorsitzende, nur die übrigen Mit-
glieder werden von den Gemeinden in freier
Wahl bestellt. Wie verhält sich nun aber eine
sehr große Anzahl von Gemeinden in Wür-
temberg zu diesem Gesetze? Leider in ihrer
Mehrheit noch weit passiver als dies in Baden
der Fall war, wiewohl dort nicht, wie bei uns,
die ultramontane Faklion Himmel und Erde
in Bewegung setzt, um die Leute von den Wah-
len abzuhalten. Jn sehr vielen Gemeinden
sind Wahlen gar nicht zu Stande gekommen,
in andern mit nur geringen Majoritäten. Kurz
in unserm schwäbischen Nachbarlande kehrt die-
selbe Erscheinung wieder, wiewohl man den
Würtembergern von Alters her einen gewissen
regen Sinn für die öffentlichen Jnteressen, ins-
besondere auch sür die c>rr Schule, nicht ab-

sprechen kann, wenigstens ist dies bei Landtags-
wahlen, Gemeinderathswahlen stets der Fall.

Was geht nun aber aus dieser Thatsache
unwidersprechlich hervor? Einmal, daß die ul-
trakirchliche Faktion Unrecht hat, wenn sie vor-
gibt, daß in unserem Lande in vielen Orten
das Volk deshalb den Wahlen für die Orts-
schalräthe sich entzogen habe, weil den Geist-
lichen nicht der Vorsitz bei denselben durch das
Gesetz selbst eingeräumt worden sei. Jn Wür-
temberg, wo dic Pfarrer geborne Präsidenlen
stnd und überhaupt ihre frühere Stellung zur
Schule im Ganzen beibehalten haben, finden
wir doch dieselbe Erscheinung, und zwar ver-
. gleichsweise in noch höherem Grade, als bei
uns. Zweitens ist durch diese in Würtemberg
wie bei uns in gleicher Weise wiederkehrende
Thatsache constatirt, daß jener-Erscheinung wohl
in den weit meisten Fällen kein -religiös-kirch-
liches Motiv zu Grund licge, und daß man
daher auch nicht vorgeben und behaupten könne,
das Volk fühle sich durch das Schulgesetz in
seinem kirchlichen Bewußtsein verletzt. Der ei-
gentliche Grund dieser allerdings nicht sehr er-
freulichen Erscheinung ist vielmehr in Deutsch-
land ein allgemeinerer, auf den wir später bei
einer andern Gelegenheit zurückkommen werden.
Für jctzt wollten wir nur die Thatsachen den
Behauptungen dcr Kirchenmänner antworten
lassen.

Aus Baden bringt die N. Fr. Ztg. fol-
gendcn treffenden Artikel: Bei den bevorste-
henden Kreisversammlungs- und Landtagswah-
len macht sich eine Veränderung in. unserem
öffentlichen Leben bemerkbar: Eine Fraktion
der ultramontanen Partei begnügt sich nicht
mehr damit, in Gebet und mit Fürbitten. mit
Hirtenbriefen und dem Beichtstuhl, mit from-
men Sprüchen der Kirchenväter und den be-
kannten Schnurren eines Alban Stolz ihre
Zwecke zu verfolgen: sondern es hat sich dieser
Jung-Ultramontanismus, freilich zum Leidwesen
oes alten, an das System der heimlichen Ein-
wirkungen gewöhnten, Parteigenossen entschlossen,
sich als einc offene Partei auszuspielen und
sein Glück im Kampfe mit den freisinnigen
Jdeen auf dem politischen Gebiete zu versuchen.
Man hält- Wahlversammlungen ab; Psarrer,
und Kapläne führen ihre Schäflein herbei, die
nun plötzlich mündige Bürger gewordcn sind
und ihre Stinnne einwerfen sollcn, um oppo-
sitionell-ultramontane Wahlen zu Stande zu

Nürnberg, 20. Aug. Bereits gcstern Abend
waren nahe an 500 Scdützen aus aUen Richtungen
eingetroffen. Nacbdem dte Quartierangelegenheitrn
in Ordnung waren, strömte Mes nach der Fest-
halle, wo bereits das regste Leben herrschte. Die
Schießhalle zeigt in ihrem Frontispice ein allego-
risches Bild von Hrn. Prof. Eberlein: Franconia
und Suevia mit ihren Attributen, über beiden
Bavaria, die Verfaffung auf dem Schooße hal-
tend, darunter die 3 Wappen Nürnbergs; links
vom Beschauer die Wappen von Nördlingen. Ro-
thenburg and Augsburg, rechts die von München,
Weißenburg und Dünkelsbühl. Die ganze Fronte
ist mit Wappen bayerischer S.tadte geziert, und auf
dem Dach der Halle wehen kreuzweis gelegte Fähn-
lein in bayeriscken und Nürnbergifchen Farbeu.
Ueber den Seiteneingängen befinden fich rechts das
Bild Ludwigs II. en wedsillou mit drr Unterschrift
Donau Main, links das Bild Marimilians II.,
darunter Bayern Nürnberg. Dazwischen sind vier
Festsprüche von L. Wciß angebracht. Der Schieß-
raum ist sehr'zweckmäßig eingerichtet, die 12 Stand-
und 22 Feldscheiben, erstere auf 180, letztere auf
400 Schritte Distanz, find durch Reihen von Wald-

bäumchen so von einander abgegrenzt, vaß jeder
Schütze vom Stand aus nur seine Scheibe vor
Augen hat. Im Halbkreise um die Schießhalle
stehcn die Vsirthschaftsbuden. In der Mitte des
freicn Platzes tst die Tribtne für die Mufik er-
richtet, deren Vorträge jedoch für die ihr nicht zu-
nächst Stehenden vom Festjubel leicht verschlungen
werden. Zwei Mufikchöre spielten abwechselnd, da-
zwischen Gesang und Gläserklang, Hochruf und
freudige Begrüßung von allen Seiten, ein er- i
freuendes Bild herzlicher Vereinigung und Ge- >
müthlickkeit. Heute Morgen um 9 Uhr kam noch !
ein stattlicher Zug Schützen, so daß nun die Zahl >
der vertretenen Schützengesellschaften 38 und die !
der Schützen nahe an 800 betrug. Kurz nach 11 ^
Uhr setzte sich der Zug tn Bewegung 'unb fand ,
sowohl burch die Reichhaltigkeit und Abwechselung i
seiner Gruppen, als durch die eingehaltene Ord-
dnung den größten Beifall. Es regnete Blumen
und Kränze nicht minder auf die fremden Schützen
herab, wie auf die Sänger von 1861. Lebhafter
Hochruf empfing die stattlichen Schützen des baye-
rischen Hochlanbes, die stolz unter der Last der
Kränze etnhrrschritten, die auf fie herabgeworfrn

die Gäste im Namen dc.r Stadt, worauf der Vor-;
stand deS bayerischen Schützenbundes, Herr Forst-
meister v. Waldemann aus München, antwortete.
Der Gesang: „Deutschland hoch!" schloß drn Be-
grüßungsakt, worauf die Fahnen mit Mufik in die
Festhalle gebracht wurden. Der Gabentempel ist
von sehr reichem Inhalt, unter welchem ein Nürn-
berger Metzen Dukaten bas meiste Intereffe erregt.
Ein feingcmaltes Schützenbanner, an silbernem
Träger hängend, hat als Knauf unter dcr Fah-
nenspitze den alten Nürnberger Metzen, der aller-
dings nicht gerade sehr groß war, in seiner wahr-
haftigen Gestalt, und der ist gefüllt mil — einem
klrinercn, und der wieder mit einem engschließen-
den kleineren Maß, und so fort, biS man, ab-
wechselnd in ernste und heitcre Laune versrtzt, durch
die Sinnsprüche, welche nach jedem geöffneten Deckel
über das vergebliche Abmüheu trösten, zuletzt zu
einem außerordentlich fein und schön gearbeiteten fil-
bernen Etui kommt, das mit Dukaten — v. h. mit
solchen, welche in eine Menge kreuzergroßen Gold-
münzen umgeprägt ist — eine Gahe, welche dem
glücklichen Gewinner geroiß viel Vergnügen machen
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