Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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KreisverlünöiMgsblatt für Sen Kreis Heiüelberg unb amtliches Äerkünüigungsblatt für üie Amts- und Auits^
Gerichtsbczirke Heiüclberg unü Wiesloch und den. Amtsgerichtsbezirk Neckargemünö.

N- 2VS. Mittwoch, »«. August R8KS

* Politische Umschan.

Die ziemlich uuaufgeklärten revolutionären
Vorgänge in den Donauf.ürstenthümern scheinen
an Umfang zu gewinnen. Der österreichischen
Generalcorrespondenz wird unter dem 18. Aug.
aus Bukarest geschrieben, in Crajowa, Plojescht
und Pitescht seien ebenfalls Aufstände ausge-
brochen. Thatsachc sei, daß die Regierung
Truppen in diese Städte geschickt.

Das österreichische Handelsministerium hat
auf eine Eingabe der stcierischen Handelskam-
mern und Jndustriellen, welche eine Regelung
der politischen Beziehungen zu Jtalien anregten,
folgende Antwort ertheilt: „Das k. k. Handels-
ministerium steht vollkommcn ein, daß die po-
litischen Verhältnisse Oesterreichs zu Fbemd-
Jtalien den österreichischen Handelsinteressen
nicht zusagen; das Handelsministerium muß sich
aber von seinem Standpunkt aus darauf de-
schränken, dem Wunsche Raum zu geben, daß
die der in Frage- steherrden Annäherung bisher
entgegengeftandeueu wichtigen politischen Nück-
sichten baldigst irgend einen Ausweg gestatten
mögen." Von offiziöser Seite sclbst wird jetzt
in Wien auf diese erste amtliche Aeußerung
hingewiesen, welche die Nothwendigkeit der Ne-
gelung der Beziehungen zwischen Oeste^reich
und Jtalien anerkenne.

Nach der „D. Allg. Ztg." soll sich das be-
vorstehende Einschreiten der preußijchen Regie-
rung gegen den Nationalverein auf das Verbor
beschränken, nach welchem es kcinem Beamten
gestattet sein soll, Mitglied des genanntcn Ver-
eins zu sein.

D e u l s ch l 6 n ?»

Karlsruhe, 28. Aug. Durch Allerhöchste
Ordrc vom 25. d. M. erhält Lieutenant Lud-
wig Schütt vom (1.) Leib-Grenadierregiment
die unterthänigft nachgesuchte Entlassung aus
dem großh. Armeekorps.

Dcm Rüstmcister Spitzmüllcr von der Zeug-
Haus-Direktion wird die unterthänigst nachge-
suchte Erlaubniß crtheilt. das ihm von Seiner
Hoheit dem Herzog von Nassau verliehene stl-
berne Verdienstkreuz mit Schwertern anzuneh-
men und zu tragen.

— Aus Baden, 28. Aug. Der Gasteiner
Vcrtrag liegt nun vor uns, und was der Va-
lerlandsfreund, der für MauneSwort und Bun-

destreue glühcnde deutschc Patriot längst ge-
fürchtet hatte, ist zur Wirklichkeit gcworoen.
Die beiden Großmächte haben, was Manche
bis zur letzten Stunde noch bezweifcln wollten,
sich friedlich vereinbarl; sie haben es nicht für
rathsam gefunden, in dieser kritischen Zeit sich
wegen eines, nicht für sich, sondern für Deutsch-
land eroberten LLndchcns, worauf keine von
ihneu gesetzlichen Anspruch hatte, zu entzweien;
sie sind einig geworoen. sich in die Beutc zu
theilen, und zwar so, vaß Jedes dasjenigc be-
kommt, was es am nöthigsten braucht: Preu-
ßen Land und Oesterreich Geld. DaßPreu-
ßen den Löwenantheil erhielt und nicht Zu kurz
kam, versteht sich von selbst und ist ganz in
der Ordnuug; denn die schleswig-holsteinische
Frage ist ja, wie ein vaterländisches Blatt läNgst
sagte, „nicht bloß eine Frage des dentschen
Rechts, sondern auch zugleich der Machl und-
Zukunft Preußens", und hinter der Bismarck
schen Politik „stehen 19 Millionen Preußen."
Was braucht man bei einer solchen Lage der
Dinge nach dem Recht zu fragen? was braucht
man sich um die Bcvölkerung von Schleswig-
Holstein, die ja ein herrenloses Gut, eine zu
verschachernde Waare ist; was braucht man
sich um den deutschen Bund, das fünftc Rad
am Wagcn der beiden Großstaatcn, zu küm-
mern? Wer die Macht hat, der hat auch das
Recht, und cs ist cine Anmaßung der deutschen
Mittel- und Kleinstaaten, wenn sic auch um
ihre Meinung gehört sein wollen, was mit
einem durch preußisch-österreichische Waffcn er-
oberten Stücke Land anzufangen sei? „Wenn
man den Adler durch ein Paar Stücke Zucker-
brod glaubt abspeisen zu dürfen, zerhackt er
das Fleisch der darbietenden Hand." Das ist
die Art der königlicheu Raubthiere."
So lesen wir in der Bad. Landesztg. Nv. 176
vom 30. Juli; uno wer kann leugnen, daß sie
in ihrer Art Recht hat.

Baden, 27. Aug. Gestern Abend nach 8
Uhr traf der König von Preußen mittelst Extra-
zugs hier ein. Jm Empfangszimmer waren
der Stadtdirektor, der Bürgermeister so wie
mehrere hier anwesende Preußen zum Empfang
des Monarchen versammelt, der nach kurzer
Begrüßung nach seiner Wohnung im Meßmer-
schtzn Hause fuhr. — Unsere höchsten Herr-
schaften, der Großherzog und die Großherzogin
kehren am 1. September von Trouvillc hierher
zurück. (M. I.).

Stuttgart, 27. ^iugust. Der König und
die Königin von Würtemberg trafen gestcrn
Nachmittag 3^2 Uhr mit ihrem Gefolge auf
dcm hiesigen Bahnhofe ein. Sie kamen be-
kanntlich von Ostende und fuhren nach kurzem
Aufenthalt weiter nach Friedrichshafen. Fast
gleichzeitig fuhr die Hauptbahn von Ulm her-
unter der Expreßzug des Königs^von Prcußen.
Beide Extrazüge begegneten sich zwischen Ober-
türkheim und Untertürkheim und fuhren an-
einander vorüber, vhne anzuhalten.

München, 25. Aug. Jn einer gestrigen
Abcndzusammenkunft hier lebcndcr Jtaliener
wurde dem Gasteiner Abkömmen ein begeistertes
Hoch gebracht. Die Leute rechnen so: Hat
Oesterreich seineu Mitbesitz an Lauenburg für
baares Geld an Preußen abgetreten, warum
soll es nicht auch Venedig in gleicher Weise an
das Königreich Jtalien abtreten können, zumal
es dafür weit mehr baares Geld erhalten würde,
als für das kleine Lauenburg? (N. C.)

München, 26. Aug. Die Postconferenz
in Karlsruhe ist nicht, wie jüngst gemeldet
würde, auf den Mai k. I. verschoben, sondern
wird bereits in der ersten Hälfte des Septem-
ber stattfinden. Es werden sechszehn Staaten
dabei vertreten sein. Unter Anderm wird es
stch dabei um eine Verminderung der Brief-
taxc für Deutschland handeln; wir wünschtcn
nur, daß auch die cnormen Taxen nach Jta-
lien in den Bereich dcr Betrachtungen gezogeu
würden.

DerlLn, 24. Aug. Man spricht von einer
nahe bevorstehcnden Einberufung der Kammern,
da der Artikel 9 des unierm 20. d. M. Alkdr-
höchst genehmigteu Gafteiner Uebereinkommens
dies nöthig machen möchte. Die feudale „Zeidl.
Corresp." sucht dagegen heute darzuthun, daß
von- keiner Seite in die Erwerbung Lauen-
burgs „protestirend hincingcredetwerden könne",
weder von Seiten der fremden Mächte, noch
des Bundes, noch des preußischen Landtags und
sagt mit Bezug auf den letzteren:

„Was die preußischen Kammern betrifft, so
dürften diese erst dann zu hören sein, wenn
das Herzogthum Lauenburg in den Umkreis
der preußischen Verfassung aufgenommen wird.
Zur Erzielung dieses Resultats wird pie preuß.
Regicrung zuvörderst mit den Sländen des
Herzogthums zu verhandeln haben. Lauenburg
erfrcut sich alter verfassungsmäßiger Privilegien,
welche diesem Ländchen einc vollständige Auto-

Eastern an seinem alren Ankerplatz bei Sheerneß
wieder angelangt. Aus dem Berichte^Rnsiells haben
wir noch die näheren Umstände der Hauptkatastrophe
mitzutheilen. Am 2. Aug. Morgens um 8 Uhr
markixte ber Galvanometer eine Nebenschließung,
dte Prüfungen ergaben kein bestimmtes Resultat
über die Oertlichkeit des Fchlers; doch glaubten
Alle, daß cr nicht in großer Entfernung von vem
Schiffe zu suchen sci. Nicht lange vorher hatte man
an eincm der Kabelbehälter ein Geräusch wie von
einem kratzenden Gegenstande vernommen, während
das Kabel herausrollte; und einer dcr Aufsehcr
rief auö: „Da ist ein Stück Draht!" und beauf-
tragte Iemanden, den Vorfall weiterzumelden; doch
schcint von' dem Umstande keine Notiz genommen
worden zu sein. Als das Schiff zum Stillstand
gebracht und die Abwicklung des Kabels unter-
brochen worden war, bemerkte man noch in der-
selben Schichte des Kabels ein Stück Draht her-
vorragen, welches in dcr Hand eines der Männer,

brei Zoll lang und von schlechtgehärtetem Metall,

daß einc böswillige Beschädiguug angenommen wer-
den mußte. Aus einer Tiefe von nahezu 2000 Fa-
den mußre man nun das Kabel wieder aufwinden.
Manche Schwierigkeiten stellten fich entgegen; der
Apparat arbeitete schlecht, die Dampfmaschine, welche
ihn in Bewegung setzen sollte, hatte nicht Waffer
genug im Keffel; und so trat ein Verzug ein, wäh-
rend dessen das Kabel eine äußerst nachtheilige
Reibung an dem Bug des Schiffes erlitt. Da der
RückwindungSapparat stockte, mußte auch der Great
Eastern stille gelegt werden, weil er sonst daS Kabcl
überlaufen hätte. Dieser Stillstand war das Ver°
derben dcs Kabels. So lange der Apparat arbeitete
und der Great Eastern dem aus der Tiefe empor-
gewundcnen Kabel entgegen fuhr, wickelte fich letz-
teres in gerader Richtung über das vorn am Bug
befindlicke Rad, welches von setner im Durchschnitt
einem latetniscken V ähnlich sehendeii Auskehlung
das V-Nad heißt, und dann unter den Dynamo-
meter und die Trommeln auf das Htnterdeck htn.

Als der Apparat jedoch seine Thätigkeit einstellte,
mußtcn auch dic Dampfmaschtnen, welche Räder
und Schraube des Schiffes in Bewegung setzen,
! stillgesetzt wcrden, weil der Grrat Eastern sonst
über das Kabel hin gelaufen wäre. Capitän An-
> derson bot Alles auf, die Steuerung in.seiner
Hand zu halten, eine schwierige Aufgabe bei einem
i bewegungslosen Schiffe. Er konnte nicht verhindern,

^ daß es allmälig eine Strecke nach links abstel. Das
Kabel, mit dem cinen Ende auf dem Meeresboden
ruhend, blieb daher nicht mehr in der Ebene deS
! Rades am Bug, sondern legte fich links über den
Rand der Auskehlung, so daß es nuu einen schrä-

wurde die Lage, als es fich an dem cistrnen Vor-
^ sprunge einer der beiden großen Klüsen fing, die
fich im Vordersteven befinden. Während das Schiff
! weiter nach links trieb, rieb und spannte sich das
Kabel am Bug, da es nicht gerade herabhing.
Es erlitt Verletzungen, der Dynamometer, welcher
wegen der schrägen Richtung des hrraufkommenden
Kabels den schweren Druck von 60 Eentnern mar-
kirt hatte, sprang mit einem Sprunge um 3Vr Zoll
höher. Das Kabel erlitt einen gefährlichen Ruck,
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