Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

Page: 246
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1865a/0246
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
F r n k r e i ch.

Paris, 2. Sept.. Nachmittags. Die heu-
tige Nummer der „Semaine financiere" ent-
hält einca Artikl. welcher die Broschüre gegeu
die Gesellschaft der östcrrcichischen Südbahn,
der lombardischen und der italienischen Cen-
tralbahn widcrlegt, deren Zahlenirrthümer her-
vorhebt und über die wirkliche Lage der Ge-
sellschaft Aufschlüsse gibt, welche für die Ge-
genwart Vertrauen einfi-ßen und eine glänzende
Zukunft in Aussicht stellen.

G n q l a „ d

Loudoa, 31. Aug. Die Einfahrt der frau-
zösischen Flotte in den Hafen von Ports-
mouth war von ziemlich heiterem Wetter be-
günstigt. Allc Giebel und Thürme fiaggten,
alleS eingeborene und nicht cingeborene Volk
war von Morgens an auf den Beinen, alle
Kehlen waren schon bald nach Mittag heiser
geschricen. Die HurrahS und der Kanonen-
donner der Schiffs- und Landbatterien wett-
eiferten mit einander. Das erste fremde Schiff,
welches einlief und Anfangs für ein franzö-
fischeS gehalten und überlaut begrüßt wurde,
war die öftreichische Fregatte Friedrich. Erst
einige Stunden später gegen ^ auf 12 kam
die Königin Hortense angefahrcn. und hinter
ihr ein der Magenta ähnlkcher Widderdampfer,
der Solferino, und dann endlich die aus acht
weiteren Schiffen bestehende französische Mittel-
mecrflotte. )tun ging das Salutiren los, daß
bie Civilisten fich die Ohren hiclten. Auch die
östreichische Fregatte und der Solferino wechsel-
ten mit einander ein freundliches Kanonenge-
bell. Jm Ganzen soll die Einfahrt eincn groß-
artigern Eindruck gemacht haben. als in Cher-
bourg. Den gestrigen Tag verbrachten die
franzöfischen Gäste mit Besichtigung der Sehens-
würdigkeiten von Portsmouth, nämlich der
Docks und der darin liegenden neuen Panzer-
schifie, der Schmiede, Gießercien, des Zeug-
hauses u. s. w.

Z t l i e »»

Florenz, 1. Sept. Die Gazetta ufficiale
kündigt an, daß der König die Entlassung des
Ministers Lanza angenommen und Natoli
zum Minister des Jnnern ernanut habe. —
Auf der Eisenbahn von Tronto nach Ancona
ist ein Unfall passirt; vier Menschen kamen
dabei um. — Die Cholera in Ancona läßt
nach.

D ä n e m a r k

Kopenhagen, 2. Sept. Eine oppofitio-
nclle Mißtrauensadreffe wurde im Folkething
durch die motivirte Tagesvrdnung mit 51 gegen
48 Stimmen beseitigt.

P or t u g a l

Liffabon, 31. Aug. Das neue Kabinet
ist noch nicht gebildet. — Der Minister des
Auswärtigen hat den Cortes mitgetheilt, daß
Prinz Amadeus nicht gekommen sei, um den
König Victor Emauuel bei der Taufe des
jungen Prinzen zu vertreten. — Die Kortes
haben dem Könige die Befugniß ertheilt, eine
Reise ins Ausland zu machen. Man versichcrt,
daß die Mafistäten nach Jtalien gehen werden.
Die Regentfchaft wird Don Fernando anver-
traut werden. — Dtan trifft Vorsichtsmaß-
regeln gegen die Cholera.

T n r k e i

Konstantinopel, 23. Aug. Die Cholera
hat aufgehört. Die Flüchtlinge kehren zurück.
Unter dem Volk herrscht große Noth. Die
Epidcmie hat gegen 80,000 Personen wea-
gerafft._

bkeueste -kachrichten.

Ateuyork, 23. Aug. (Mit dem Dampfer
„Cuba".) Zu Washington ist die Militär-
commission zusammengetreten. um den Proceß
gegen Wirz zu entscheiden, welcher des Mor-
des und der Conspiration zum Behuf der
Tödtung der unionistischen Gefangenen von
Andersonville angeklagt ist. Gilmore lst von
seiner Rundreise in Südcarolina zurückgckehrt
und constatirt die Nothwendigkeit, bis zur Re-
organisirung der Regierung des Staates die
Verwaltung durch die Militärbehörden führen
zu laffen. Die Reduction der Marine dauert
fort. Die Convention des Staates Misstssippi

hat daS die Sclaverei abschaffende Amendement
zur Verfaffung angenommen. — Gestern (22.)
Abend stand Gold 143V«; Wechselcours 157^;
Bonds 106^/g; Baumwolle 45, fest.

Leipzig, 3. Septbr. Gestern Abend hat
eine vertrauliche Vorbesprechung und heute
eine förmliche Berathung des Sechsunddreißiger-
Ausschuffes des deutschen Abgeordnetentages
stattgefunden. Ueber die Halfte der Mitglie-
dcr ist anwesend. Die österr. Mitglieder haben
abgeschrieben; die preuß. sind schwach vertreten;
die bayerischen, sächsischen, württembergischen,
darmstädtischcn und braunschweigiscken stnd voll-
zähüg; dic übrigen haben sich theiiweise ein-
gefunden.

* Heidelberg, 4. Septbr. Eine so leb-
hafte Betheiligung bei öffeutlichen Wahlen wie
heute, hat noch selten hicr stattgefunden, und
wenn auch das Resultat des heutigen Kampses
noch nicht genau festzustellen ist, so kann doch
schon jetzt behauptet werden, daß die ultramon-
tau-reactionäre Partei aufs Haupt geschlagen
wurde und nicht einer ihrer Candidaten aus
der Wahlurne hervorging. Die clericale Partei
hat nicht einmal versucht, mit ciner voll-
ständigen Wählerliste öffentlich hervorzutrete,:,
nur gestern machte sie einen letzten Versuch
durch Verbreitung eincs gedruckten Wahlzettels
mit nur 10 Candidaten, um wenigstens ein und
den andern derselben durchzudrückeu, wobei
die Partei der Finsterlinge die Perfidie beging,
Namen von gutem Klang zu mißbrauchen, in
dcr Hoffnung dadurch den Wählern Sand in
die Augen zu streuen. Allein auch dies hat
nicht verfangen, und so licgt diese verfaffungs-
feindliche, landesverrätherische Partei niederge-
donnert im ruhigen, friedlichen Kampf zu Boden,
und wird sich vorerst wenigstens hüten, das
freche Haupt wieder zu erheben. Wir zweifeln
nicht, daß in allen Gegcndeu des Landes die
Verfasiungspartei siegen wird.

§ Wieslvch, 3. .Sept. Nachdem heute
Morgen Hr. Pfarrverwescr Rotzbach seine An-
trittspredigt dahier gehalten und nach vielen
nichts weniger als erbaulichen Erzähl.ungen
von Handelsvcrträgen des Teufels, wodurch
dieser im Wege des Kaufs oder Tausches zu
armen Seelen gelangt, und nachdem dieser
Priester den aus weiß Gott welchem Ver-
sehen noch nicht verlesenen Hirtenbrief — so-
weit er sich auf die morgigeu Kreiswahlen be-
zieht — mit dem Versprcchen, nächsten Sonn-
tag daS Ganze mit den erforderlichcn Beleh-
rungen verjehen, bringen zu wollen — verkündigt
hatte, fand Nachmittags in dem Rathhaus-
saale dahier eine Vorversammlung zur morgen
stattfindenden Kreiswahlmännerwahl statt. Der
Neid muß gestehen, daß sic eine würdige war.
Wenn uicht mehr, doch nahezu 200 Män-
ner, Vertreter aller Bekenntniffe und politi-
scher Schattirungen, die Träger der Jntelligenz
und des Besizes, kurz, Männer, die schyn ihre
eigene Ueberzeugung mitgcbracht hatten,
nahmen daran Theil. — Herr Amtsrichter
Hördt dahier eröffnete dieselbe, Herr Dr. Pick-
ford von Heidelberg sprach in langerer brillan-
ter Rede über das faft nothwendige Bedürfniß,
dem verderblichen Treiben der ultramontanen
Phalanr im Jnteresie unserer Freiheit, zur
Aufrechterhaltung gesezlicher Ordnung und
zur Vermeidung des Uufkommens mittelalter-
licher Reaction entgegenzutreten, Sorge zu
tragen dafür, daß, wie die Wühlereien junger,
von Rom inspirirter Capläne und habsüchtiger
Pfarrer in der Schulfrage Fiasco gemacht ha-
ben, auch die egoistischen Bestrebungen der
clericalen Partei in der Richtung auf die
Kreiswahlen zu Schandcn werden. — Der
Vortrag des Herrn Dr. Pickford wurde durch-
aus mit begeistertem Bcifall belohnt. Der
von ihm geforderten Einmüthigkeit bei der
Wahl wurde sofort von einem der größten hje-
sigcn Grundbesizer dadurch Rechnung getragen,
daß dieser erklärte, lieber auf die Wahl vcr-
zichten, als Anlaß zur Zersplitterung der Stim-
men geben zu wollen. Herr Amtsrichter Hördt
erläuterte noch den Wirkungskreis der Kreisab-
geordneten, zeigte, mit welchen verwerflichen
Mitteln die ultramontane Partei auf die Wah-
len einzuwirken sucht, und schloß dann die für
Erhaltung des Rechts und der Ordnung ein-
genommene Versammlung. ^

A«s Baden. Jn Karlsruhe ist man er-
staunt, auf der Wahltiste der ultramontanen
Partei zur Kreisversammlnng mehrere Namen
im höhcren Staatsdienst angestellter Männer
zn begegnen, so den Geh. Legationsrath von
Pfeuffer und den Legationsrath Minet aus
dem Ministerium der auswärtigen Angelegen-
heiten, den Ministerialrath Nicolai vom Han-
delöministerium, den Waffer- und Straßenbau-
direktor Bar uud ein Mitglied des höchsten
Sanitätskollegiums, Geh. Hofrath Dr. Moli-
tor, in einer und derselben Liste mit dem Hrn.
v. Uria. Die „Bad. Landeszeitung" bemerkt
hierüber u. A.: Handelte es sich hier nur um
gewisse Färbung einer und derselben politischen
Grundanschauung, wir würocn sichcr übcr die
Zusammensetzung der schwarzen Parteiliste we-
mg Worte verlieren. Aber in dem Aufgebot
der Truppen einer Partei, wclche nicht nur
der gegenwärtigen Regierung und ihren Trä-
gern, nein, welche der ganzen sittlichen und
rechtlichen Grundlage unseres Staatslebens
den Krieg erklärt, Namen zu finden, deren
Träger an hervorragenden Stellen eben dieses
Staates und seiner gegenwärtigen Einrichtun-
gen stehen, das ist mehr als wir und hoffent-
lich auch mehr, als diese Männer selbst erwar-
tet haben! Es gibt gewiffe Dinge, gegen die
man fich im öffentlichen Leben verwahren muß.
Vielleicht sind älle oder doch einzelne der Ge-
nannten der gleichen Ueberzeugung und han-
deln därnach! (Ministerialrath Nicolai hat be-
reits gegen seme Erwählung von Serten der
ultramontanen Partei Verwahrung eingelegt.)
— Jn dem noch nicht ein Jahr alten Gebiet
der Polizeistaatsanwaltschaft steht nach dem
Schw. M. eine vereinfachende organifatorische
Aenderung hevor, da., fich gezeigt hat, daß die
Dienstgeschäftc dieser StelleN an Umfang hin-
1er der Erwartung zurückgeblieben sind. —
Das Verordnüngsblatt der großh. Zolldirection
Nr. 35 vom l. d. M. veröffentlicht den Staats-
vertrag über die Fortdauer des deutschen Zoll-
und Handelsvereines vom 16. Mai 1865. —
Die zehn Rechtspraktikanten, welche sich der
diesjährigen zweiten juristischen Staatsprüfung
u-nterzogen haben, wnrden durch Erlaß großh.
Justizministeriums vom 31. Aug. in nachste-
hender Reihenfolge zu Referendären ernannt:
Emil Bechert von Mosbach, Leopold Mittell
von Karlsruhe, Carl Waag von Karlsruhe,
Otto v. Stockhorn von Karlsruhe, Alfred
Brauer von Pforzheim, Karl August Kopp
von Ettenheim, Theodor Singer von Freiburg,
Karl Schlehner von Mannheim, Hermann Zent-
uer von Freiburg, Joseph Ruß von Freiburg.

Vermischte Nachrichten.

Jn Kissingen verstarb am.29. August Prafessor
RobeN Remak, der alS Arzt nnd UniversitätSlehrer

: > : Aus dem AmtSbezirke Wiesloch, im Aug.
,Bezüglich .aus den Artikel vom ,1Z.,d. M., Nr. 193 der
^e^delb^rger Zeiimi^ ^bczeich^ „Vom ^N e ck

seither nicht gedrängt, Hopfen abmachen zu'müsseil, und
erst jetzt wird in Folgc der gesunden Rcife anfänglich
damit begounen,' dürfte aber wohl ohne Nachtbeil, ^aus
bessercs Trockenwelter hoffend, nm mehrere Tage ver-
schoben werden, da uoch keineswegs Ueberreife vorhanden
ist. Die Aolden der dasigen Hopsen sind in ihrex Ent-
wicklung bis jetzt durchgängig zu jener Vollkommenheit
gediehen, daß bezüg.lich ailf diese im Vergleich zu den
befferen Jahren nichlS zu wünschen übrig bleibt. Die
Qualität dürfte deßhalb nicht wohl besser zu finden sein,
und die Quantität läßt gut einen dreiviertels Hcrbst
hoffen.

Eingerufenes österreichisches Papiergeld. Die auf
ConventionSmünze^ lautenden Banknoteu, deren Ein-
ziehung seit 1858 schon zu wiederholten Malen kund
gemacht wurde, werdeu am.1. Zanuar 1867,.werthlos
nud müssen sich wegeu des Umsausches deren Besitzer
schou je^t schriftlich an dic Bankd.ireclchn in WienUven-

1. Oct. 1871 kö^nnen sie gleichfalls nur bei der Wiener
Bankdirection umgetauscht werden und sind von letzterem
loading ...