Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Ueidtlbkrgrr Zeilung.

Kreisvcrkündigungsblatt für den Kreis Heidelberg unü amtliches Äerlündigungsblatt für üie Amts- uud Amts-
Gerichtsbezirkc Heidclberg unü Wicsloch und dcn Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.



Dienstag, 12. September I8«S .

-j-* Zu einer Iubiläumsfeier unferer
Eifenbahn

Es siild Morgen (Dienstag, 12. Septeinber)
25 Jahre verflossen, seit die Eisenbahnstrecke
zwischen Heidelberg und Mannheinr erstmals dem
allgemeinen Verkehr übergeben wurde. Damit
war der Anfang gemacht mit dem Bau unserer
großen Rhcinthalbahn von Mannhcim über
Basel nach dem Bodensec, einer Strecke von
etwa 50 geographischen Meilen. Wir wissen
nicht, ob das sür unser Land hochwichtige Er-
eigniß von Seiten der Verwaltung in irgend
einer entsprechenden Weise gefeiert wird; sirw
aber der Meinung, daß solche in das Leben und
in die Jnteressen eines Volkes so ticf einschnei-
dende Ereignifle nicht ganz mit Stillschweigen
sollten übergangen werden. Und dieS um so
mehr, weil nicht nur unsere Eisenbahn eine
der ältesten in Deutschland ist, sondern haupt-
sächlich auch d'eßhalb, weil wir in Baden zuerst
und vor Allen in Deutschland den Muth hatten,
diesc wichtigen Adern des Verkchrslebens auf
Staatskostcn zu bauen, und uns durch die
früher überall gehegten Bedenken über das un-
geheure Wagniß eines solchen Unternehmcns
keineswegs irre machen. ließen. Jetzt wissen
wir aus Erfahrung, wie wohl wir daran ge-
than, nnd wie sehr wir durch den Selbstbau
für unsere öffentlichen Jnteressen gesorgt haben.

Als die Regierung auf den gründlichen und
wahrhaft musterhaften Bericht des Staatsraths
NebeniuS, trotz aller Gegenmanövres und
glänzender Anerbietungen von mehreren Privat-
gesellschaften endlich für den Selbstbau sich ent-
schieden hatte, berief sie in außerordentlicher
Weise den Landtag von 1838, um durch ihn
die Eisenbahnfrage in Erledigung zu bringen.
Wir theilen hier Einiges aus der damals bei
diesem Anlaß gehaltenen Rede des Staatsmi-
nisters Winter, des um unser Land soviel
verdienten Mannes, mit, weil sie ein treues
Bild unserer Zustände gibt, nnd zu einer rech-
ten Feier des 25jährigen Jubiläums unseres
Eisenbahnbaues dienen mag.

„Es ist ein frendiges Gefühl, sprach Winter,
ein Land zu sehen, das sei-ne Größe und seinen
Umfang nur nach Hunderten von Quadrat-
mcilen und seine Bevölkerung nur nach Hun-
derttausenden zählt, ein Land, das vor kaum
einem halben Menschenaller dnrch schwere Kriege
niedergedrückt, dessen öffentliche Hcmshaltung
nicht geordnet, dessen Gembinden mit schweren

Schulden überladen waren — ich sage, es ist
ein freudiges Gesühl, ein solches Land zu sehen,
das kaum rzach einem halben Menschenalter die
bedeukendsten Summen zur Entfeffelung seines
Bodens (Aufhebung des Zehntens n. a.), für
Kirchen nnd Schulen, für Wasser- und Straßen-
bau, für Künste und Wissenschaften, für Gebäude
aller Art — aus eigener Kraft verwendet hat,
und nun das größtcUnternehmen aus
dcm europäischen Continente auszu-
führen im Begriffe sieht, und das
Alles aus öffentlichen Mitteln, auf
gemeinschaftliche Kosten. Woher aber
fließen diese Mittel und wie war es möglich,
bei diesen Mitteln so Großes zu leisten? Es
ist allerdings die herrliche Lage des Landes, es
ist sein fruchtbarer Boden, es ist der Fleiß und
die Gewerbthätigkeit seiner Bewohner, die diese
Mittel gcwährt haben. Aber es ist nicht die
Größe der Staatseink.ünfte zunächst, die das
Wohl des Landes fördert: es ist die redliche
Verwaltung, die getreue, verständige Verwen-

dung. Aber auch dies würdö nicht hin-

reichen zur Ausführung des großen Planes, zu
welchem die Einkünfte der Zukunft verwendet
werden sollen. Es tritt noch etwas Anderes
hinzu: es ist die schönste Blüthe im Leben der
Völker und der Fürsten, es ist vor Allem

das wechselseitige Vertrauen.Das

Land, so schloß der Minister, wird Jhnen scinen
Dank entrichten. Das AuSland, welches Jhren
Verhandlungen mit gcspaunter Erwartung ge-
folgt ist, wird Jhnen seine Achtung nicht vcr-
sagekj. Und so möge denn das Werk gedeihen
und vollendet werden und unsere spätesten Nach-
kommen Zeuge sein, was wechselscitiges Ver-
trauen zwischen Fürst und Volk, was Einigkeit
hervorzubringen vermag!"

Wir wissen nun, daß das Werk gediehen,
und ein Eisenbahnnetz von einer Ausdehnung,
wie kein anderes deutsches Land von gleicher
Größe auMweisen, seiner Vollendung nahe ist.
Aber mögen wir auch stets der Worte des treff-
lichen Winter eingedenk sein, und nie ver-
gessen, was uns in Stand setzt, so Großes mit
kleinen Kräften auszuführen. Es war und ist
das wcchselseitige Vertrauen zwischen Regieren-
den und Regierten, ein Vertrauen, das sich auf
ehrliche gegenseitige Rechtsachtung
gründet.

Darum wer dieses vergiftet, durch lügenhafte
Entstellungen und Ausstreuungen stört — der

ist unser Aller Gegner, des Landes ärgster
Feind!! «

* Politische Umschau.

Jn Darmstadt ist am 9. September der
Präsident der zweiten Kammer des letzten
Landtags, Hofgerichtsrath Strecker, nach län-
gerem Leiden gestorben.

Nach der „Hamburger Zeitung" hat am 8.
September zwischen einem preußischen und ei-
nem österreichischen Offizier bei Bahrendorf un-
weit Altona ein Duell stattgesunden. Der
p'reußische Offizier wurde lebensgefährlich ver-
wundet vom Platze getragen, sein Gegner hat
sich unmittelbar darauf geflüchtet.

Die Wiener Amtszeitung bringt ein kaiser-
liches Handschreiben vom 4. September, wel-
ches den Freiherrn v. Gablenz zum Statthal-
ter in Holstein ernennt.

Die Nachricht von der Abführung des Re-
dacteurs May von Rendsburg nach Perleberg
ist verfrüht.

Die „Berlingske Tidende" dementirt offiziell
die Zeitungsnachricht: Dänemark unterhandle,
um Nordschleswig gegen dic Aufgabe seiner
westindischen Jnseln over um eine Geldsumme
wieder zu erwerben.

Jn den französischen Militärmagazinen zu
Rom ist gestern eine heftige Feuersbrunst aus-
gebrochen.

Die portugiestschen Cortes sind bis zum 5.
Novcmbcr vertagt, um der Regierung die nö-
thige Zeit zur Bearbeitung ihrer Vorlagen zu
verschaffen.

Die Madrider Correspondencia erklärte die
Gerüchte von einer Heirath zwischen dem Prin-
zen Amadeus und der Jnfantin Jsabella für
grundlos.

Deutfchland.

^ Heidelberg, 10. Septbr. Aus allen
Theilen unseres Landes laufen Berichtc ein
üder die feierliche Begehung des 9. September,
des Wiegenfestes unseres Fürsten, dessen Wieder-
kehr dicses Jahr mir außergewöhnlicher Theil-
nahme und Herzlichkeit begrüßt wurde. Auch
in kleinen Orten erinnerte man sich der Wohl-
thaten, welche die unter der treuen Pflege
Großherzogs Friedrich ins Leben getrctene ncue
Organisation unserer gesammten innern Ver-
waltung dem Lande gebracht hat, wozu noch
die Freude kam übcr den Ausgang der neue-

Ern deutfcher Geledrter.

Darmstadt, 25. Aug. Es ift bekannt, daß häufig
die tüchtigsten Männer der Wissenschaft am Hnnger-

Bettler sterben, während nach dem Tode beider
Classen glänzende Denkmale von Erz und Mar-
mor errichtct werdcn. Diescn namentlich auch für
Deutschland in erschreckendem Maße geltenden Er-
fahrungssatz ruft eine Notiz im Flugblatt 39 und
40 des „Freien Deutschen Hochstiftes" in
Frankfurt von Neuem in das Gedächtniß zurück.
Danack hielt l)r. Otto Volger am 15. Ian. d. I.
einen Vortrag über die Leistungen dcs vr. pkil.
Karl Sckimper in Schwetzingen, sv wie über die
traurigcn, für die Zustände unserer Deutschen „Ge-
lehrtenrepublik" höchst bezeichnenden und ermah-
nungsreichen Lebensschicksale deffelben. Wir wollen
einfach das Neserat Volger's wiedergeben, und

recht bald finde. Es heißt im Flugblatt: Der Red-
ner schilderte unser hochverdientes, schmerzlichst zu-
rückgesetztes Milglied (Schimpcr) nicht allein in
seinen einzelnen, zum Theil noch fast gar nicht

der Natur, und der Einzelwissenschaften zum ge-^
sammten Bildungsschatze der Wissenschaft nicht aus !
dcn Augen verlieren. Für solche Männer bicten ^

zweimal die „botanische Section" der AUgemeinen
Vcrsammlung Dcutscher Naturforscher und Aerzte,
zu Wien (1856) und zu Bonn (1857), öffentlich

demselben die dankbare Anerkennung des F. D.
H., den schwergepruften Gelehrten, durch Verlcihung
freier Wohnung in dem Schloßgebäude des durch

die Wiffenschaft ewig denkwürdig gewordenen Gar-
tens zu Schwetzingen, sowie etncs kleinen Iahr-
gchalteS gegen allzudrückende Sorgen fortan sicher
gest'ellt zu haben. Die Verwaltung des F. D. H.
aber glaubte des letzteren hohe Bedeutung alS Freie
Hochschule zu erfüllen, indem fie dem vielbewan-
derten „Meister" einen Lehrstuhl in Göthe'S Va-
terhause zur Verfügung stellte und den lebhaftesten
Wunsch aussprach, fich demnächst in den" Stand
grsetzt zu sehen, denselben durch Darbietung der
erforderlichen Mittel zur regelmäßigen EinNahme
dieses Lehrstuhies einzuladcn.
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