Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Ultramontanismus sonst fefte und verbreitele
Wurzeln hal. Die Geisttichkeit hatte Alles
aufgeboten, und in der Predigt war den gut
Wahlenden Ablaß versprochen. Jn vielen Land-
orten hat die liberale Partei zwar keinen enl-
schiedenen Sieg davon getragen, doch ist sie
auch nicht geschlagen worden. Zn den Land-
orten haben die Pfarrherren noch sehr bedeu-
tendcn Einfluß, daher eine gemischte Wahl vor-
hcrrschend.

Aus Vaden, 9. Septbr. Es sindet seine
vollkommenc Bestätigung, daß für die nächste
Sitzung des Landtages eine Gesetzesvorlage we-
gcn Erhöhung der Gehalte der Volksschnllehrer
und zwar sowohl der Haupt- als der Unter-
lehrer, in Aussicht steht, und es sollen die be-
treffenden Satzc für die verschiedenen Gehalts-
klaffen die bisherigen ansehnlich übersteigen.
Es wird, wie man weiter vernimmt, nicht be-
absichtigt, das Meßner- und Organisteneinkom-
mcn, wo solchcs zur Zeit noch mit dem Schul-
einkommen verbundcn ist, davon abzutrennen,
sondern nur so viel davon auszuscheiden, als
zur Bezahlung eines Hülfsmeßners zur Besor
gung der niedern kirchlichen Verrichtungen er-
forderlich ist. Die Gehaltserhöhungen sollen
überall, wo dies ohne allzu große Belastung
der Gemeinde gcschehen kann, auf diese, im
andern Fall auf dic Staatskasse übernommen
werden.

c5 Aus Baden. Nach einem kurzen Still-
stand in der neuen Organisation unseres in-
neren und staatlichen Lebens haben uns die
neuesten Regierungsblätter einige nicht unwich-
tige Verordnungen von allgemeinem Jnteresse
gebracht. Wir zählen dahin insbesondere eine
neue Leichenschauordnung, dnrch welche
namentlich das so hochwichtige Jnstitut der Lei-
chenschauer etwas besser geregelt wird, als früher,
obwohl dasselbe selbst jetzt noch manches zu
wünschen übrig läßt, ferncr eine neue Organi-
sation der Obliegenheiten und des Wirkungs-
kreises der Thierärzte. Dieser letztgenannte
Gegenstand. das Veterinarwesen ist besonders
für die landliche Bevölkerung von hoher Be-
deutung, namentlich in Bczug auf Hausthiere
bei ausbrechendrn Seuchen, Entfernung schäd-
licher Thiere uud Schonung der für die Land-
wirthschaft nützlichen, wohin die betreffende Ver-
ordnung ausdrücklich auch die Jnsekten verzeh-
renden Vögel zählt. — Es ist daher gewiß an-
erkennenswerth, daß die Regierung strengere
Garantieen für die Ausübung des Berufes eines
ThierarzteS fordert, und dessen Pflichten und
Obliegenheiten genau festsetzt.

Lindau, 7, Sept. Am vorigen Dienstag
fand in achtstündigcr Debatte des großen Raths
von Thurgau die Bcschlußfassung in der be-
kannten Eisenbahnfrage betreffs der Seethal-
linie statt. Dem großen Rath war die Volks-
petition mit einer Unterschrift von 14,000
Stimmen, ein Band mit würdiger Ausstattung,
vorgelegt worden. Diesem ausgesprochenen
Volkswillen ward hauptsächlich Rechnung ge-
tragen und die Linie Rorschach-Romanshorn-
Conftanz mit 53 gegen 49 Stimmen unbedingt
zugestanden.

Berlin, 8. Sept. Dqx 'gestrige Social-

Saale noch nicht, um ihn zu wrihen, das Blnt
eines Hahns verspritzt hatlc. Jn Neuville-Chant-
d'Oisel wird nämlrch keine Ehe geschloffen, ohnc
daß man im Brautgrmache einen Hahn schlachtrt
nnd sein Blut auf drn Fußboden sprengt. Dieser
Hochzeitsbrauch stammt direct von Griechenland
und Rom her. Er rrstreckt fich nicht bloß auf das
Haus, welches die Nruvermählten bewohnen wer-

stens bei dcffcn Einwrihung, stattfinden. ^0^
wagtr es nicht, dem Maire den Wunsch mitzu-
tbeilen, daß man auf dirse Tradition nicht vcr- i
zichtrn wolle, aber man wagte rs ebcn sv wenig,
auf rinrm Boden cine Ehe schließen zu lassrn,
worauf noch kein Hahnenblut verspritzt war. Mrin ^
Verwandter und seine Braut nahmen daher ihre
Zuflucht zu einer List: fie batcn den Maire um !
die Erlaubniß, das Hockzeitsmabl in drr Mairie '
abhalten zu dürfen. Der kluge Maire durchschaute ^
richtig den Bewrggrund der Bittc und bcwilligte
fie. Der Hochzeitsschmaus fand in der Mairie statt,
und wurde auch daselbst zubereitet. Bei dem Ab-

Demokrat meldet eine eigene Polizeiüberwachnng.
Die Druckerei dieses Blattcs wurde von nach
1 Uhr Mittags ab polizeilich bewacht und die
Bewachung dauerte um 4 Uhr noch fort. Der
dienstthuende Wachtmeister erklärte auf Bcfra-
gen, daß er den Auftrag habe, festzuftcllen,
wohin die Exemplare. spedirt würden. „Jeder
Dienstbote, Lehrling u. s. w., welcher ein Pa-
ket, eine Mappe over etwas der Art trug,
wurdc im Hause angehalten und der Jnhalt
des Getragencn durchsucht. Protcste hiergegen
blieben fruchtloS. Der Bcsitzer der Druckerei
beabsichtigt wegen Störung seines Geschäfts-
betriebes durch die Polizei Beschwerde zu füh-
ren."

Berlin, 10. Septbr. Nach der „Börseu-
zeitung" ist in Hannover seit 14 Tagen eine
bedcnkliche Handelskrisis ausgebrochen, neun
bis zehn theilweise angesehene Firmen haben
suspendirt und wie es scheint, ist die Krisis
noch nicht beendigt. — Jn dieser Woche steht
ein Cabinetsconseil bevor zur Feststellung des
Besitzergreifungspatents wegen Laucnburg und
einer Proclamation an das preußische Volk.

Köln, 8. Sept. (K. Ztg.) Jn der gestri-
gen Sitzung der Sladtverordneten kam der
Entwurf der am 27. Juli beschlosscncn Be-
schwerde der Stadtverordnetenversammlung ge-
gen den Oberbürgermeister Bachcm wegen Nicht-
anberaumung einer von acht Stadtverordncten
verlangten Sitzung (die Miethe des Gürzenich-
Saales beim Abgeordnclcnfeste betrcffend) zur
Berathung. Der Entwurf schließt mit dem
Antrag, daß dcr Herr Oberbürgermeister Ba-
chem zur Ablehnung der von achl Stadtabge-
ordneten am 18., 20. und 2l. Juli verlaug-
ten Einbernfung einer Stadtverordneten-Ver-
sammlung nach Jnhalt der Städteordnung für
die Rheinprvvinz vom 15. Mai 1856 nichl be-
sugt gcwesen sei." Die Frage des Vorsitzen-
den: „Wird der vorliegendc Entwurf der
Beschwerdeschrift zur Einreichung an die königl.
Regierung genehmigt?" wurde mit 13 gegen
5 Stimmen bejaht. Jm weiteren Verlaufe
der Sitzung wurde vou Seiten der Verwaltung
die Frage: ob gegen Herrn Classen-Kappel-
mann wegen Zahlung der Gürzenichmiethe für
den 22. Zuli einc gerichtlichc Klage anzustellen
sci, nochmals angeregt und nach kurzer Dis-
kussion mit 13 gegen 4 Stimmen bejaht.

Trier, 10. Sept. Trier hat sich ob der
morgen beginnenden 17. Generalversammlung
der katholischen Vereine Deutschlands mit den
Farben Preußens und denjenigen des ehemali-
gen Kurfürstenthums Trier, roth und gelb
geschmückt; nur eine deutsche Fahne ist vor-
handen und bei dieser ist es zweifelhaft, >ob die
Mittclfarbe Roth oder Weiß ist. Mehrere hun-
dcrl Geistliche, auch einige Laien sind bereits
eingetroffen, um den im Theater stattsindenden
Sitzungen beizuwohnen. Anträge sind bis
jetzt erst wenige angemeldet, darunter einer
von dem Redakteur der „Augsburger Postzei-
tizng", welcher sich aus Gründung eines katho-
lischen Preßbureaus bezieht. Der gute Mann
will mittelst der Presse die Herrschaft des Ka-
tholicismus in Deutschland fördern; das Ko-
mitv des kath. Broschürenvereins soll womög- ,


wartete reicke Erbschaft grmacht; rr. luv seine !
Frcunde zur Feier ein und es ging bock und lustig !
her. Ein GlaS vem todten Onkel! rief ein Gast.

vrrimal. Herein! Herein tritt eine hohe wriße Gc-
stalt »nd schreitet im Geisterschxitt, das Geficht und !
die eine Hand gegen den Gastgcber erhoben, dicht

Alskeim. Vorigen Samstag trug fick dabirr
^ ein Fall zu. der feiner Euriofität halber^ erwäbnt
' zu werden vrrdtent. Ein Mann klagte nämlick

lich zugleich Komite für Gründung uud Leitung
des Preßbureaus sein; die Fonds deffelben
sollen gebildet und unterhalten werden aus
den Beiträgen des katholischen AdelS, des Kle-
rus und bemittclter katholischer Laien. Zu der
seit der Aachener Versammlung zu gründenden
kathol. Universität jind von allen drei Kate-
gorien die Gabcn sehr spärlich gefloffen, um
wie viel spärlicher erst für diesen Zweck.

Dresden, 6. Sept. Die 21. Generalver-
sammlung deS dcutschen Gustav - Adolfvci eins
ward gestern eröffnel. Die Zahl der verschie-
denen Abgeordnelen der einzelnen Zweigvereine
und der sonst zu dieser Festversammlunz er-
schienenen fremden Geistlichen beträgt bis heute
nahe an 300 Personen. Die Berathungen des
Vereins sollen heute und morgen fortgesetzt
werden.

Wie», 8. Septbr. Die Enthüllungen des
dänischen Agenten Hansen in der Kopenhagener
Flyveposten über vertrauliche Verhandlungen
mit Herrn v. Bismarck in Betracht der Wie-
dergewinnung von Nordschleswig für Däne-
mark, werden in hiesigen diplomatischen Krei-
sen, trotz des unbestimmteu und befangcnen
Dementis der „Allg. Z." für Lcht und um so
mehr für wahr gehalten, da es ohnedies kein
Geheimniß war, daß Hr. v. Bismarck;u Ende
vorigen Jahres sich nicht abgeneigt zeigte, Nord-
schleswig an Dänemark zurückzugeben, wenn
cr vadurch die Westmächle für dic Annexion
gcwinnen konnte. Seitdcm hat sich die Lage
so erheblich geändert, daß Hr.' v. Bismarck
kaum noch an jene Gebietsabtretnng denken
wird, selbst wenn Oesterreichs Zustimmung zu
crlangen wäre. Die hiesigc Presse benutzt cr-
klärlich den Bericht Hansens, um gcgen Hrn.
v. Bismarck zu Felde zu ziehen und ihn einer
von deutschem Standpunkte aus geradezu hoch-
verrätherischen Politik zu beschnldigen. Die
Stelle in Hansens Bericht, nach welcher Herr
von Bismarck verlangt habcn soll, Preußen
müsse, falls es Nordschleswig abtrete, dafür im
„Süden oder anderswo" entschädigt werden,
veranlaßt ein Blatt zu der hämischen Jnter-
pretation: „Die Unterredungen mit Hansen

sielen ja in die Zeit. als die Bundestruppen
aus Holstein entsernr wurden, und da drohten
die eigenen Blättcr ves Premiers, L>achsen
möge sich vorsehen, daß nicht der Rest dcs Kö-
nigreichs denselben Weg nehme, den vor 50
Jahren die eine Hälste gewanderr sei."

F r a n k r e i ch.

Paris, 8. Sepl. Am 14. d. M. wird in
der Amtsslube des Notars Mocquard das Ei^
genthumsrecht der Memoiren Napoleons I.,
welche er auf St. Helena dem General Mon-
tholon oiklirtc, öffenllich versteigert werden.
Das erste Ausgcbol ist 5000 Fr. — Am 4.
d. M., Abends um 10 Uhr, fand auf offener
Straße ein Mordanfall auf den Fürsten Sa-
pieha statt, welcher bekan'ntlich vor einiger Zeit
an Stelle des Fürsten Czartoryski zum Chef
der Polen im Auslande ernannt wurde. Der
Fürst wollte gerade in seine in der Rue d'An-
goulemc gelegene Wohnung eintreten, als ein
Mann auf ihn zustürzte und ihm einen Dolch-
stich nach der Brust versetzte. Der Dolch glitt

überrascdende Resultal, daß fick die Spitze einer
drei Zoll ttef ins Kleisck gedrungenen Messerklinge
iin Rücken des Mannes vorfand. Dieselbc rührte
von einer im Iabre 1832 stattgefundcnen Scklä-
gerei her, konnte damals nicht aufgesunden wer-
den und hattc also 33 Aahre lang fich zwische»
Fleisch und Knochen festsetzend im Rücken ves
Mannes befundcn. (M. Z )

(Ämerikanisches bZartgefühl.) Jn den

aber nicht solche, die man beim BricsschrcibkN
gebraucht, sondern man umschrcibt mit diesem
Worte nur mit Vankee-Sittfamkeit dasjenige Klci-
dungsstück, das man ber Haut zunächst zu tragcn
pflegt, und welches das amcrikanische Zartgefübl
nicht zu nennen wagt. Die engltsche Heiligthnerei
uennt bie Hosen bekanntlich ,1oexpres8il)Ie!i", d. b.
UnauSsprechliche! Die amerikanischen „Eouverte"
paffen vortrefflich dazu!
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