Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Kreisverküiiüiguiigsdlatt für den Kreis Heidelberg nnd amtliches Berkündignngsblatt sür dic Amts- und Aints-
Gerichtsbezirke Heidelberg und Wiesloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

M 222. Donnerstag, SL. September


* Potitische Umschsu.

* Dre Sachlage iu Südamerika ist von grö-
ßerer Bedeutung, als man auf den ersten An-
schein zu glauben geneigt ist. Der Krieg zwi-
schen der Republik Paraguay und dem Kaisor-
reiche Brasilieu entbrennt immer hestiger. Dev
große Seesieg, dcn die Brasilianer erfochten zu
haben vorgaben, mar ein sog. PyrrhuSsieg und
erweist sich eher als einr Niederlage. Die in-
nern, ohnehin etwas zerfahrenen Zustände Bra-
siliens, dessen ganze staatiiche Einrichtung mit
der Zeit den Versall des zwar großen aber
dünn bevölkerten Staats hervorrusen kann, ge-
stalten sich in Folge des jetzigen Kriegs sort-
währeny trauriger. Die Bevölkerung, unter
der sich eine starke republikanische Partei be-
findet, welche den schwachen Kaiserthron stürzen
will, ist ungehaltcn über die Regierung, die
Finanzen sinb zerrüttet, die täglichen Ausgaben
bedeutend, die Einnahmen klein und in keinem
Verhältniß mst den Ausgaben stehend. Auch
die Stimmung des Heeres, welches bis jetzt den
Truppen Paraguay's gegenüber keine Lorbeeren
geerndtet hat, vielmehr schon einen bedeutenden
Landstrich abtreten mußte, ist nicht die beste.
Auf der andern Seite bietet das kleine, aber
wohlgeordnete Paraguay alle Kräfte auf, um
das Kaiserreich und mit ihm die Sclaverei zu
stürzen, und seine Anftrengungen sind bis jetzt
von Erfolg begleitet gewesen. Seine siegreichen
Truppen, unter General Lopez, stehen schon tief
im Znnern Brasiliens, und Tausenve von Neger-
sclaven jubeln ihnen zu, ihrer Befreiung ent-
gegenharreud. Wenn die Waffen Paraguay's
auch fernerhin von gleichem Kriegsglück begleitet
werden, so dürften wir es noch erleben, daß
die letzte Stunde des einst stolzen Kaiserreichs
Brasilsen geschlagen hat.

Der Ausschuß der bayerischen Fortschritts-
partei hat seine Mitglicder, die in ihrer Eigen-
schast als Landtagsabgeordnele zur Frankfurter
Versammlung gehen werden, zu einer Zusam-
menkunft in Rürnberg am 29. Sept. einge-
laden, damit ste sich über die Stellung ver-
ständigen, die sie allenfallsigen Anträgen in
der deutschen Verfassungsfrage gegenüber auf
dem Ahgeordnetentage einnehmen werden.

Die Neue freie Presfe begleitet die franzö«
stsche Note über die Gasteiner Konvention nstt
folgcnden Bemcrkungen: „Die Gasteiner Ueber-
einkunft mag sür Oesterreich. und Schleswig»

Hoistein von noch so verhängnißvollen Konse-
quenzen begleitet sein, sie bleibt nnter allen
Umständen eine innere deutsche Angelegenheit,
in welche daS Ausland nichts dareinzureden
hat. Wie es nicht genug verdammt werden
könnte, wenn die dritte Gruppe beim AuslMde
Schuz suchte gegen Oesterreich und Preußen,
so könnten wir uns nimmer entschließen, durch
Billigung auch nur eines einzigen Satz^s der
neuesten Protestnote des Tuilerienkabinets theo-
retische Rheinbündelei zu treiben. Wie sich
das Loos der Herzogthümer gestaltet, ob ste
einfach preußische Provinzen werden oder, was
kaum mehr zu hoffen, eine Art von selbststän-
digem Staat bilden, kein Fuß breit des von
König Christian im Wieuer Vertrage abgetre-
tenen Gcbietes darf mehr dänifch werden, und
Schleswig-Holstein wird in der einen oder an-
dern Form zu Deutschland gehören für immer-
dar. Wir dürfen dics im inneren Streite
über das Loos SchleSwig-Holsteins außcr Acht
lassen, wcnn uns aber ein bonapartistischer
Ntinister des Auswärtigen mit insolenten No-
ten, wie das neueste Rundschreiben des Herrn
Drouyn de Lhuys eine ist, in die Qucre kommt,
so gebietet cs das nationale Ehrgefühl, sich
dessen zu erinuern und das heuchlerjfche Mit-
gesühl der sranztzfischen Diplomatie zurückzu-
weisen, wie fichs gebührt."

Zn Oesterreich sind die sämmtlichen Landtage
der außerungarischen Länder auf den 23. No-
vember zusammenberufea.

Jm Haag wurden gestern die Kammern durch
den König eröffnet. Die Thronrede bezeichnet
die Beziehungen Hollands zu den fremden Mäch-
ten als freundliche; die Lage der überseei-
schen Besitzungen sei befriedigend. die Finanzen
in günstigem Zustande; mit der Amortisation
der Staatsschuld solle fsrtgefahren werden; end-
lich seien zur Unterdrückung der Rinderpest die
geeigneten Maßregeln getroffen worden.

Die „Hamburger Nachrichten" melden tele-
graphisch aus Paris, daß große liberale Nefor-
men nächstens bevorstehen. Der Mivister des
Aeußern, Hr. Drouyn de Lhuys, wurde gestern
Abend zurückrrwartet.

Nach der „Kieler Zeitung" sei die Ursache
der Einstellung der Bauten für Flyttenetablifse-
ments der Mangcl an Naum.

König Victor Emanuel empfing am 18.
Sept. in feierlicher Audienz den spanischen Ge-
sandten. Jndem dieser seine Beglaubigungs-

schreiben überreichte, sagte er: die alten Allj-
anzen zwischen den königlichen Familien von
Spanien und Savoyen und die gemeinsamen
Interessen der zwri Rationen, welche denselbeu
Ursprung uud dieselben politischen Znstitutioneu
haben, sind ein Pfand für das jetzt glücklich
wiederhergestellte gute.Einvernchmen, das sich
täglich mehr befeftigen wird. Der König ant-
wortete im gleichen Sinn.

Der Redactcur der Berliner „Volkszeitung"
wurde zu drei Wochen Gefängniß verurtheilt.
Gegenstand der Anklage war ein Leitartikel:
„Dic Entscheidung."

Deutschland.

Aus Baden, 17. Sept. Es war nicht
anders zu erwarten, als daß auch auf der iu
Trier abgehaltenen Generalversammlung der
katholischen Vereine DeutschlandS die kirchlichen
Verhältniffe Badens zur Sprache gebracht wer-
den würden. Jn welchem Sinue es geschehen
würde, war nicht minder klar, und ebenso
konnte der als öffentlicher Ankläger gegen die
badische Regierung auftretende Agitator ver-
sichert sein, daß er nicht tauben Ohren predigen
werde. Hingerisien vom Zauber seiner Rede,
hat die ehrwürdige Versammlung ihr Verdict
über daS badische Ministerimn in einem zer-
malmenden „Pfui" ausgesprochen, in eincm
Pfui 83N8 ptir38e! Es muß ein herzerschüt-
ternder Moment gewesen sein, als die Grabes-
töne jenes weltgeschichtlichen „Pfui" dem Mi-
nisterium Lamey scin Urtheil verkündeten, an
Großartigkeit nur zu vergleichen jenem feier-
lichen Act auf dem Concil zu Lyon 1645, als
Papst Jnnocenz IV. den Bannfluch über Kai-
ser Friedrich II. aussprach, und die versammel-
ten Brschöfe die brennenden Fackeln, die sie in
den Händen hielten, zur Erde fallen ließen,
daß sie erloschen; so sei des Kaisers Glauz und
Glück auf Erden erloschen! Wird jenes Pfui
die Lichtputze sein, mit welcher das Licht in
Baden ausgelöscht wird? Es hat nicht den
Anschein! Alles Fluchen und Toben der Hei-
ligen in Würzburg hat de» Stuhl der Herr-
schaft nicht umgestoßen, der in Baden aufge-
richtet ist, ein Segen dem Volke. Das Welt-
gericht in Trier wird ihm ebenso wenig scha-
den, und es wird hoffentlich auch dem nächsten
Vereinstage im geweihten Lande der GlaubenS-
einheit nicht an Stoff fchlen, an dem sich der
heilige Zorn seiner Redncr entzüirdet, um auf

Das Mädchen aus der Fremde.

"regt eine junge reizende Engländerin, Lady
Kitz — großeS Aufsrhen, sowohl durch ihre Per-
sönlichkeit alS durch ihre Geschichte. Diese junge
Frau, welche seit etwa 2 Monaten den aristokra-
^lchstrn Namen von Großbritannien führt, hieß
"vch vor Kurzem Tookolito. Vor drei Jahren be-
'vohnte sie mit ihren Landsleuten, den Eskimos,
die Bai von Ookovelear, die die Engländer die
Brumell-Bai nennen und welche sich unter dem
60. Grad nördl. Breite befindet. Anstatt des ele-
ganten KostümS, das sie heute mit aller Anmuth
und Geschicklichkkit trägt, bestanden ihre Kleider
W ihrer Heimath in einem Gewand auS Seehunds-
üll mit rotyer und weißer Wolle auf den Nähten
gestickt. Ein von demselben rauhhaarigen Kell ge-
^achtes Beinkleid umschloß ihre zarte Figur und
ging his zum Knie herab, wobei eS ihr Bein und
L ".kleinen, rpthen Lederschuhen steckenden
nuß in all ihren reizenden Proportionen zeigte
3hr reiches kohlschwarzeS Haar endlich schlang sich
uni den Kbpf und wurde mit einem breiten blauen

Band zusammengehalten, das aus der Haut eineS
Fuchses geschnitten und mit dem Saft gewiffer
Pflauzen gefärbt war. Vor brei Iahren war'S
nun, als Lord Frederick Fitz — aLs SchiffSfähnrich
her knglischen Marine einen T.heil der Bemannung
deö „Gcorges Henry" auSmachte. Dieses Schiff
wurde, als der Winter kam, plötzlich vom Eis in
der Bat von Ookovelear festgehalten, und Sir I.
Frcderick, der einen schwertn Fall gethan, erregte
bei seinen Freunden große Besorgniß. Eines Lags
kam ein sunges Mädchen zum Schiff und erblickte
Freberick auf dem Bette des Lapitäns; Thränen
kamen ihr ins Auge und fie bat durch Zeichen um
die Erlaubniß, ihn in ihr Eishaus zu führen,
um ihn zu pfiegen und zu heilyn. Die Anerbirtung
Tookolito's (so hieß daS Eskimo-Mädchen) wurde
angenommen, fie uahm ihn mit, pffegte ihn wie
etnen Bruber nnd rettete ihm dqs Leben, so daß
er nach drei Mynaten im Costüm der Eingebornen
Seekälber in Gcsellschaft der ESkimoS jagtc und
mit thnen an Kühnhett wetteiferte. Unglücklicher
Weise sckickte sich zum April der „George Henry"
an, die Anker zu lichten. Als daS junge Mädchen
diese Rachricht erfuhr, zog fie fich in ihr Zelt zu-

wartet Dick in England. Und so geschah es, daß
etwas später Lady Kttz — der Königin Vtctoria
die junge Frembe alS thrc künftige Schwicgertochter
vorstellte. Die Königin unterzeichnete der» Heiraths-
vcrtrag, und Tookolito wurde Lady Victoria Fitz—.

Aus rinem kürzlich in Berlin verhandelten Ban-
kerottsprocesse dürfte nachstehendes, ein Zeugen-
verhör darstellendes Intermezzo von Jntereffe ftin,
da es ein helleS Licht auf die Production der fog.
Kellerwechsel wirft. AlS der Zeuge, ein anständig
gekleideter Mann mit grauem Bart und Haar,
vom Prafidenten gesragt wurde, ob er den Ange-
klagten kenne, antwortete er ein lauteS deutliches
„Ja!" — Präs.: „Und woher schreibt fich die Be-
kanntschaft?" — Zeuge: „Der Angeklagte kauft
von mir seit längerer Zeit meine Unterschrift auf
seine Accepte." — Präs.: „Wte verstehen Sie daS,
er kaufr Jhre Unterschrist, und was rrhielten Sie
dafür?" — Zeuge: „Krüher bekam ich für daS
Acceptiren einrs Wecksels über 49 Thlr. 29 Sgr.
immer 10 Sgr., und sür einen unausgefüllten.
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