Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Todtnau, Engen. Ettlingen, wo die Vertreter
der Gemeinden nur Männer des Fortschritts
zu Abgeordneten ernannlen. während die Wahlen
vom 25. d. in diesen Bezirken, wic bekannt,
wenigcr erfreulich ausfielcn.

Deutschl^nd.

Karlsruhe, 29. Sept. Seine Königliche
Hoheit der Großherzog haben Sich unterm
22. dies. Mts. gnädigft bewogen gefunden,
den Staatsanwalt Dr. Bingner zum Ministe-
rialrath im Justizministerium, die KreiSgerichtS-
Asiessoren: v. Blittcrsdorff und v. Heiligenstein
in Karlsruhe, Wüstenfeld und Ellstädter in
Mannhcim, Wundt und Dr. Dreyer in Heidel-
berg, v. Cloßmann, Hirschhorn und Simmler
in Mosbach, Fritschi und Küßwieder in Offen-
burg, Eisenlohr und Hinterfad in Badcn,
Fischler in Konstanz, Bürkle in Villingen und
Eisen in Waldshut zu Kreisgerichtsräthen zu
ernennen.

Karlsruhe, 29. Sept. Es geht uns die
Nachricht zu, daß der Präsident deS Ministe-
riums der auswärtigen Angelegenheiten, Frhr.
von Roggenbach, in den letzten Tagen auf sei-
nen bereits früher ausgesprochenen Wunsch
eines Rücktritts von dem innehabenden Amte
zurückgekommen ist. Wie wir vernehmen, hat
Se. Königl. Hoheit der Großherzog geruht, in
Berücksichtigung der dafür geltend gemachten
Gründe, diesem Anjuchen stattzugeben. Es
sind dieselben theils persönlicher Natur, Mils
nehmen solche ihrcn Ausgangspunkt in bestimm-
ten, von den Anschauungen der Majorität der
Zweiten Kammcr abweichenden Ansichten deS
Frhrn. v. Roggenbach über dic Methode der
Behandlung wichtiger innerer 'legislatorischer
und konstitutioneller Fragen. Eine Aenderung
deS bisher von der großherzoglichen Regierung
innegehabten Systems ist durch diese Personal-
veränderung im Ministerium nicht bedingt.
(KarlSr. Ztg.)

§§ Heidelberg, 29. Septbr. Die ver-
schiedenen Sectionen der Philologenversamm-
lung setzten heute ihre abgesonderten Berathun-
gen fort, und führten ihre Arbciten großen-
theilS zu Ende. Hmrin, wie besonders auch
in dem persönlichen Umgang und Verkehr ist
bei der Art wissenschaftlicher Congresse stets
die Hauptfrucht zu gewinnen. Die Versamm-
lung dcutscher Philologen und Schulmänner ist
die zweitälteste dieser Art in Deutschland; die
deutschen Natursorscher gingen mit ihrem Bei-
spiel voraus. Seit Ende der 1830er Jahre
folgten dem von den letztern gegebenen Anstoß
die Vertreter des deutschen Schulwesens und
der klassischen Alterthumskunde. Diese Erschei-
nung fällt so ziemlich zusammen mit dem Er-
wachen und stärkeren Hervortrcten nationalen
Geistes und nationaler Bestrebungen in Deutsch-
land, auf welche sie fördernd wirkten, sowie sie
selbst ihrerseits aus jenem Geiste gcborkn waren.
Als cine Hauptfrucht des jährlichen Zusammen-
tretens der Männer der Schule dürsen wir
hervorheben, daß dadurch in das gesammte
deutsche Schulwesen mehr Uebereinstimmung
und Harmonie gebracht, und folglich für die
geistigc Einigung der deutschen Nation auf einem

oben deutlich erkannt und daß er alles nur Er-
denkliche versucht hätte, um ihre Aufmerksamkeit
zu erregen, ohne jedoch zu seinem Ziele gelangt
zu sein. Er rrzahlte ferner, daß er mit aller Ge-
walt gegen den Schwindel hätte ankämpfen müssen
und daß er, um setnrn Sohn zu bedecken, der vor
Kälte zu erstarren drohte, einen Theil sciner eige-
nen Kleider ausgezogrn hatte.

Stuttgart, 22. Sept. Gestern wurde unter ent-
sprrchenden Feierlichkeiten die im Garten der „Lie-
derhalle" aufgestellte Büste Ludwig Uhlands
enthüllt. Die vereinigten SängergeseUschaften der
Stadt eröffneten dec Feierlichkeit mit dem Vortrag
des von Kreutzer componirten Uhland'schrn Ge-
dichteS: Das ist der Tag deS Herrn! Dte Weihe-
rede hielt Hr. I. G. Fischer, und wahrhast rüh-
rend war es, wie nach dem Vortrage „der Kapelle"
UhlandS ältester Freund, der Letzten einer auS
jenem Kretse der einst um den Meister versam-

höchst wichtigen Gebiete ihres Lebens Wesent-
liches gewonnen wurde. Und wie erfreulich hat
seitdem derselbc Geist nationaler Znsammengc-
hörigkeit auf allen Gebieten unseres öffentlichen,
geistigen und industriellen Lebens. sich gezeigt.
Es gibt bereits keine Seite des Volkslebens in
Deutschland, die nicht ihre Betheiligten von
Zcit zu Zeit zusammenführte, nicht bloß um
die besonderen Jnteressen ihres Standes und
Faches zu berathen, sondern auch um laut und
offen auszusprechen, daß diese Sonderinteressen
mit der ganzen nationalen Entwickelung des
deutschen Volkcs auf'S engste verknüpft sind
und von ihr nicht getrennt werden können, ohne
daß für sie*die Frage um Sein und Nichtsein
auftauche. Wir halten diese innige Verknüpfung
allcr unserer geistigen und materiellen Jnter-
essen mit unserer nationalen Existenz und Ent-
wickelung für die stärkfte Bürgschaft einer be-
sriedigenden Zukunft des deutschen Volkes, und
zugleich für einen wirklichen, nicht eingebildcten
Trost gerade in diesen Tagen, wo so manche
Erscheinungen schwächece Gemüther, die sich nur
an ungetrübten Erfolgen aufrecht erhalten kön-
nen, zu beirren und abzulenken im Stande
sind. —

Die heutige. öffentliche Sitzung wurde fast
ganz Dvn dem schon gestern angekündigten Vor-
trag deS Prof. Launitz über die römische Be-
kleidung in Anspruch genommen. Die sehr
plastisch gehaltenen Modelle, die Redner vor-
führte, fanden großen Beifall, zumal bei bem
weiblichen Theile der Zuhörer, die namentlich
aus den Ausführungen und manchen künstle-
rischen Bemerkungen des Redners auch aus
dieser Seite des Altcrthums lernen konnten,
daß auch jn Bezug auf Kleidung daS wirklich
Einfache das Schönere und Geschmackvollere
sei, das am meistcn gewinne.

Am Nachmittag fol-te die Versammlung einer
Vergnügungsfahrt nach Neckarsteinach, welche
ihr zu Ehren die hiesige Gemeinde bereitet hatte.
Den Abend fand einc Fest - Reunion in dcn
Raumen des MuseumS Statt.

xx Adelsheim, 29. Sept. Als Ver-
treter der 21 Gemeinden des Amtsbezirks Adels-
heim in dcr Krcisversammlung wurde gestern
Bezirksrath Hambrecht von Sindolsheim mit
12 Stimmen gewählt. Die übrigen 9 Stim-
men waren auf Oberamtmann Grosch ge-
fallen. — Von Buchen aus besuchte uns Herr
Ministerialrath Fecht gestern abermals, um
weiter für Derbefferung der Lage der Abge-
brannten zu sorgen. Dem Vernehmen nach
hat das großh. Ministerium des Jnncrn zum
Besten derselben die Vornahme einer Collccte
in den Kreisen Mosbach, Heidelberg und Mann-
heim bewilligt. Ehre und Dank für diese Be-
mühungen zu Gunsten armer Leute, die dem
Winter mit Sorge entgegensehen.

O Vom Bodensee, 26. Septbr. Jm
„Bad. Beobachter" sucht ein Correspondent die
durch die neucn Organisationen auf dem Ge-
biete der Justiz und Verwaltung in Baden vcr-
mehrten Titel in's Lächerliche zu ziehen; aber
nur mit demselben Unrecht, mit welchem dieses
Blatt immer und immer den Splitter im Auge
der Gegner sieht, jedoch den Balken im eigenen

melten schwäbischen Dichter, der 80jährige Karl
Mayer, sich dem Denkmale näherte, um setnen

Uhland'sche Gedicht: „Wenn heut ein Gcist her-

Mit Deutschlands Barden Glied an Glied?
Der Anblick unsrer deutschen Dinge,

Der geht mtr über's Bohnenlted!

Krakau,, 14. Sept. Gestern lud ein Arzt eincn
berühmten Operateur und Profeffor ver hiefigcn
Univerfität in daS Haus etnes Kaufmannes in der
Vorstadt Stradom ein, um daselbst die Operation
etneS geklemmten Bruches zu vollführen. Mit ge-
wöhnlicher Gemüthsruhe ging der Operateur an'S
Werk — noch ein Schnitt, und der Patient wärc
erlSst gewesen — da wird der Operateur im Ge-

Auge nicht wahrnimmt. Wer hak denn weniger
Ursachc über Titelsucht zu spotten als die Hier-
archie? „Diese besteht in rhren wesentlichen
Stufen aus den Bischöfcn, Prieftern, Diakonen
und aus dem Primat als dem Mittelpunkt der
Einheit. Dpäter sind aber nach und nach zum
Dienst des Altars und andern Bedürfnissen
von den Diakonen abwärts noch fünf gerin-
gere Aemter eingesetzt, und zur genauern Ver-
bindung der Glieder von den Bischöfen bis zu
dem Primat aufwärts mehrere Stufen cinge-
schoben worden. (Waltcr: Kirchenrccht § 24.)
Vcrgleicht man diese Stellen mit unseren neuen
bürgerlichen Verwaltungsämtern vom finan-
ziellen Gesichtspunkt, so sindet man einen Un-
terschied, in welchem dcn Letztern ein bedeuten-
der Vorzug vor deu hierarchischen Stellen ge-
bührt; denn dic bürgerlichen Aemter fordern
Patriotismus, Uneigcnnützigkeit, Aufopferungs-
fähigkeit; ihre Annahme ist Bürgerpflicht; sie
geschieht unentgeltlich. Die Hierarchie dagegen
ist für Alles bezahlt; sie thut nichts umsonst;
sie bedarf keines Patriotismus für Deutschland,
sondern nur blinde Anhänglichkcit an daS deutsch-
feindliche Nom, als dienenves Glied in der stark-
gegliederten Kette, welche das Primat in der
Hand hält und so straff anzieht, daß viele
Glieder unter dem Druck brechen würden, wenn
sie ihre freiere Ausdehnung der einzwängenden
Macht vorziehen wollten, was sie nicht thun
können, weil eben ihr Titel mit einem goldge-
füllten Kittes verbunden ist, der dem bürger-
lichen Titel abgeht. Hicrnach opfert der Bürger
in Baden mehr für bas zeitlichc Vaterland, als
die Hierarchie für den ewigen Himmel.

Aus Baden, 26. >sept. Nur in den
allerseltensten Fällen gelangt noch eine Nach-
richt über Störung in der Wirkjamkeit der
Ortsschulräthe zur Oeffentlichkeit. Bei dem
Umstand, daß die ultramontanen Blätter jedes
derartige Vorkommniß gierig ergreifen, erscheint
dieß als sicheres Zeichen von dem Einleben der
neucn Organisation im Volke, und das trotz
des großen kirchlichen Kanzelaufgebots. Gewiß
eine der seltensien Kulturerscheinungen bes
Jahrhunderts und nur möglich bei großer
Selbstständigkeit der bürgerlichen Einsicht sclbst
auf dem Lande! Von dem sachlichen Umfang
ver Organifation mag eS eiuen annähernden
Bcgriff geben, daß im Lande etwa 1800 Orts-
schulrathe bestehen, die mit der unmittelbaren
örtlichen Schulaufsicht betraut sind. Verzögert
ist die Durchführung dcs Staatsgesetzes noch
in 10—12 katholischen Landgemeinden, ein Er-
gebniß, auf welches die Kurie offenbar keinen
Grund hat, AngesichtS der von ihr angewen-
deten Mittel besonders stolz zu sein, cbenso
wenig wie die betreffenden Gemeinden selbst,
dcren Namen wir nicht kennen. (S. M.)

Frankfurt, 28. Sept. Jn der heutigen
Sitzung des deutschen Handclstages berichtete
Hr. Classen-Kappelmann übcr bie Frage
der Differentialbahnfrachten und bemerkte, die
Kommission habe, um die Abstimmung zu ver-
einfachen, sich über einen kombinirten Antrag
geeinigt, in dem alle anderen Anträge, mit
Ausnahme derjenigen von Schöller und
Moll, aufgegangen seien. Hr. Dr. Weigel

sichte roth, firirt mit fürchterlichem Blicke die
OperationSwunbe und sticht das Messcr btS an'S
Heft ttef in dte Eingeweide — ein Schrei, und
der Patient war einr Leiche. Jetzt erst machten dte
beiden asfistirenden Aerzte die schreckliche Wabrneh-
mung, daß der Profeffor fich in unzurechnungs-
fähigem Zustande befand. Eine Melancholie, an
der er schon lange gelitten, artete leider am Kran-
kenbette in Tobsucht auS, die bald so arg wurde,
daß außer den beiden Aerzten noch dret kräfttge
Männer kaum im Stande waren, den Wahnfin-
nigen in eincn Wagen zu bringen und ihn nack
Hause zu führen.

Wte bei allen Gelcgenhciten, hat eS auch betm
! Iugendwehrtag nicht an humortstischen Ueber-
! schwanglichkeiten gefehlt, und ein Redner hat fich
! in seiner Begetsterung für die Sache zu der gewiß
! gutgemeinten RedenSart versttegen: „ja, meine
! Herren, es muß nock so weit kommen, daß unsere
Söhne die Gewehre mit der Muttermilch einsaugen
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