Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Ntidtlberger Ztilung.

KreisxeMlldigMgsblatt fiir den Kreis Heidelberg und aintliches Berkündigungsblatt für üie Aints- und Aints-
Gcrichtsbezirke Heidelbcrg und Wiesloch md dcn Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

M 23»


Mittwoch, l, October 18VL.

Beskeüungen auf die „Heidelberger
Zeirung" nebst Beilage „Heidelber-
ger Fnmilienblätter" für das mit 1.
October 1863 begonnene L. Quartal
werden fortwäkrend angenommen.

Die Expedition

* Politifche Umschau.

Nach eincm Telcgramme der „Nheinischen
Zeitung" wäre daö Entlassungsgesuch des
Zustizmiilisters Grafen zur Lippe vom Könige
angenommen worden.

Wie der „Nordd. Allg. Ztg." aus Rom ge-
schrieben wird, geht Pius IX. damit um, cine
allgemcine Nersammlnng der Bischöse zu be-
rusen, um ein ncues Dogma, vas schon lange
von den römischen Thevlogen angenommen ist,
und welches man jetzt fast in dem ganzen ka-
tholischen Universum zu lehren anfängt, zu
proclamiren. Die Proclamation dieses Dog«
ma's würde mit ganz außergewöhnlichen Feier-
lichkeiten und noch nicht dagewesenem Glanze
vor sich gchen.

Die „Norvd. Allg. Ztg." äußert sich über
die vom Kaiser Napoleon angesichts des dies-
jährigen Ausbruchcs der Cholera angeregte
Jdee, eine europäische Conferenz mit der Re-
formirung des Sanitätswesens im Orient zu
beauftragen, wie folgt: Hoffentlich wird die-
ser Gedanke, dessen Verdienst von allen Seiten
gewürdigt werden dürfte. cine günstigere Auf-
nahme und eine practischere Verwerthung fin-
den, als die Kongreßidee, welche zwar eben-
salls eine großartige humanistische Anschauung
in ihrer Grundidee enthielt, aber trotzdern an
politischen Jntriguen und Eifersüchteleien
scheuerte.

Die Räumung dcs Kirchenstaates von den
Franzosen hat in den. Grenzdistricten Velletri
uud Frosinone begonnen.

Der „Siecle" spricht sich über den Aufent-
halt des Hrn. v. Bismarck in Frankreich in
folgender Weise aus: „Wir wissen nicht und
maßen uns nicht an zu wissen, was dieser
StaatSmann in Frankreich zu thun hat. Wie
es heißt, bietet er einige Fetzen unserer ehe-
maligen Rheinprovinzen gegen ein Bündniß
mit Frankreich an. Wenn sich die Sache so
verhält, so wäre Hr. v. Bismarck auf den
Märkten der stärkste Mann von der Welt.
Er kauft Lauenburg von Oeste.rreich , wclches

durchaus kein Necht darauf hatte; wie man
behauptet, wird er auch Holstein ihm abkaufen,
das ihm ebensowenig zugehört. Beim Kauf
bezüglich des Rheines würde die Sache umge-
kehrt sein. Er würde uns überlassen, was
uns lange gehört hat, was die Koalltionen
unS entrissen haben und was uns von Nechts-.
wegen noch jetzt gehört. Aber eS versteht sich
von selbst, daß wir vom preußischen Bündniß
sprechen, ohne ihm beizutreten. Das preußische
Volk ist ganz gewiß ein vortreffliches Volk,
welches die Freiheit und die Philosophie liebt.
Es hat großen Wohlthätern des Menschenge-
schlechts das Dasein gegeben. Es hat gezeigt,
daß es nicht vor einer Revolution zurück-
schreckt, um frei zu sein. Ein Bündniß mit
,dem preußischen Volke ließe sich demnach recht
wohl verstehen und würde ein glückliches sein.
Aber die preußische Regierung folgt eiuer Po-
litik der Theilung, des Schachers, die nicht
die unsrige ist. Sie hat das alte Blut Polens
an ihren Händen; sie hat das neuere Blut
Dänemarks, welches durch fünffache Uebermacht
erdrosselt wurde. Es ist für Frankreich un-
möglich, sich mit einer solchen Politik zu ver-
bünden. Preußen muß vorher seine Regie-
rung oder wenigstens seine Administration
Lndern.

Die Zeit der Erössnung der bclgischen Kam-
mern ist auf den 14. Nov. bestimmt.

Die englische Bank hat ihren Disconto auf
7 pCt. erhöht.

D e u t s ch l n n d.

* Heidelberg, 10. Oct. In Nr. 12
des Pfälzer Boteik ist eine „offene Anfrage"
abgedruckt, wonach ein Ministerialbefehl an
sämmtliche Verwaltungsbeamte ergangen sei,
darin sie angehalten wcrden, möglichst zu ver-
hindern, daß in die Kreisversammlungen Geist-
liche gewählt werden, und nach Kräften zu sor-
gen, daß möglichst liberale Wahlen stattfinden.
Jn Nr. 17 des Pfälzer Boten wird auf diese
Ansrage zurückgekommen. Wir können aus zu-
verlässigster Quelle die Antwort ertheilen, daß
ein derartiger Ministerialerlaß nicht
ergangen ist.

— Bom Neckar, 7. Octbr. Die am
29. v. M. abgehaltene Diöcesansynode von
MoSbach, dcren Verhandlnngen und Beschlüsse
von keiner großen Bedeutung sind, hat sich
hauptsächlich dadurch ausgezeichnet, daß auf

ihr noch einmal der unrühmliche Versuch gc-
macht wurde, den bis zur Erschöpfung fortge-
setzten Kampf gegen Dr. Schenkel abermals
anzuschüren. Ein heißsporniger Pfarrer von
Neckargerach, der nicht umsonst den Namen
„Wild" trägt, wollte nachträglich eine Lanze
brechen, um, wo möglich, vom Schildknappen
zum Ritter zu werden. Allein die Synode,
obwohl sie der Gegner Schenkels viele zählt,
war der vergeblichcn Hetzjagd müde und
stimmte dem Antrag auf Tagesordnung bei.
Erfreulich war es, daß diescr Antrag von
Pfarrer Höchstetter in Eberbach ausging,
einem Sohne des Dekans Höchstetter, welcher
sich bekanntlich dem Proteste gegen Schenkel
angeschlofsen hatte. Wir sinden darin den er-
freulichen Beweis, daß die heidnische Mythe
von einem in der vorgeschichtlichen Zeit dage-
wesenen goldenen Zeitalter, welches allmählig
zu einem eherncn und eiserncn herabsinkt, doch
nicht auf der Wahrheit beruht, sondern daß,
wie der alte Dr. Paulus sagte, der Rationa-
lismus der Jünger ist, welcher nicht stirbt.
Es hat freilich eine Periode gegeben, wo die
Vernunftreligion nnr noch bei dcn Geistlichen
aus älterer Schule in Achtung stand, das
jüngere Theologcngeschlccht aber einem starren
Dogmatismus oder eincm süßlichen Pictismus
huldigte; aber diese Jünglinge sind jetzt alt
geworden oder schon vom Schauplatze abgetre-
ten und haben einer kräftigeren Nachkommen-
schaft Platz gemacht, die sich hoffentlich im Be-
srtz der geistigen Errungenschaft wird zu be°
haupten wifsen. Zu bedauern ist daher cin
andcrerer Beschluß der Mosbacher Synode,
wodurch sie den Antrag des Pfarrers „Haber-
mehl" von Lohrbach auf Aufhebung der
Pfarrwahlen durch die Gemeinden, welchen
letzteren nur ein Ablehnungsrecht eingeräumt
werden soll, adoptirte. Man sieht daraus, wie
langsam und schwer der Grundsatz von dcr
Selbstständigkeit der Gcmeinden bei den Geist-
lichen Eingang findet, und wie leicht man sich
durch einige Unbequemlichkeiten gegen Einrich-
tungen einnehmen läßt, welche doch die nothwen-
digen Consequenzen eines ganz richtigen und
über aüe Zweifel erhabenen Princips sind.
Man sollte doch an VcrfassungSbestimmungen
nicht allzufrüh rütteln, sondern in Geduld
warten, bis eine reifere Ersahrung sie er-
probt hat.

- X Freiburg, 6 Oct. Spannet nur den

Schwurgerichtsverhandlungen.

Mannheim, 3. Oct. (Schluß.) Nach Ankunft

Abtheilung nach derjenigen, in welcher Vögely
faß, eröffnkt wurde, sogleich bei seinem Aussteigen
von den jungen Leuten üverfallen und geschlagen.
Namentlich soll cs Iakob Vögely gewcsen sein,
welcher mit seinem Stock, den er am unteren
Theile hielt, mehrere wuchtige Streiche nach dem
Kopfe des Dittney führte. Dieser trug zwar einen
Filzhut, allein da der Knopf bes Stockes, der auS
tinem zackigen Hirschyorngriff bestand, seinen Kopf
iraf, so wurde nicht nur der Hut durchlöchert, son-
dern auch Dittney in sehr erheblicher -Weise am
Kopfe verletzt. Man fand nämlich bci der alsbald
vorgenommenen Besichtigung auf der Höhe des
Schadels eine 1 Zoll lange, bis auf den Knochen
bringende Wunde und unmittelbar vor derselben
tinen Knocheneindruck von 8 Linien Länge und 3
^iS 4 Linien Breite. In Folge dteser Verletzung
starb Dittney am Morgen des 18. August. Bei

1 Zoll Länge unb 6'/r Linien Breite; die Glas-

als dies sonst der Fall ist. Aus diesem letzteren !
Grunde geht die Anklage auch nur dahin, daß
Vögely, der im Affect gehandelt, den durch seine

einstimmend der kreisgerichtliche Medtcinalrefercnt
waren der Ansicht, daß die Verletzung des Dittney
absolut und unter allen Umständen den Tod nach
fich ziehen mußte, während der von der Vertheidi-
gung zugrzogene Sachverständige, Herr Dr. Puchelt
von Heidelberg, eine entgegengesetzte Meinung ver-
trat und ven eingetretenen Tod theilweise als Folge

Der Vertheidiger betracktete hiernach und gestützt
auf die abnorme Beschaffenheit des Schädcls, den
Tod mehr als Zufall, für den der Angrklagte nicht
verantwortlick gemacht werden könne und den der-
selbe, wenn überhaupt, nur mit sehr geringer
Wahrscheinlichkeit vorausgesehen habe. Sodann hob
derselbe diejenigen Bcdenken hervor, welche gegen
die Annahme, daß der Angeklagte den tödtlichen
Schlag geführt, sprächen, und mackte geltend, baß
Letzterer fich in gerechter Nothwehr gegen die Miß-
handlungen des Dittney befunden habe. Dicse Aus-
führung, die durch den Vertreter der Anklage so-
fort widerlegt wurde, fand auch bei den Geschwo-
renen keinen Eingang, indem dieselben die Fragen
nach der Thäterschaft bejahten und das Vorhanden-
sein der Nothwehr verneinten. Dagegen nahmen
fie auch nur den geringsten Grad in der Voraus-
ficht deS tödtlichen Erfolges an, und die gegen den
Angeklagten erkannte Strafe lautet, wie schon ge-
meldet, auf 8 Monate Kreisgefängniß. (M. A.)

Berlin. Einer unserer begabtesten und edelsten
Künstler, der Bildhauer Hermann Heidel, ist
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