Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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dem Gouverneur von Manteuffcl in der
That mit Strafeinquartierung belegt worden.
Zn Barbye ist sogar gegen die Mitglieder deS
dortigen StadtrathS, welche den Herzog mit
einer feicrlichen Ansprache begrüßt haben, eine
Untersuchung eingeleitet.

Nach einer Berliner Correspondnrz deS „N.
C." spricht man von wahrscheinlichen Schritten
zur Entfernung des Herzogs Friedrich aus dem
schleswig-holsteinischen Gebiete. zu welchen die
in Eckernförde rc. angeordnete Untersuchung
über die bei der dortigen Durchreise des Her-
zogS vorgekommene Demonstration als die Ein-
leitung zu betrachten wäre.

Die kurhessische Ständeversammlung wurde
am 24. d. Mittags unter dcr Versicheru'ng des
landesherrlichen Wohlwollens auf unbestimmte
Zeit vertagt.

Die Nachricht, der Nationalverein habe vor-
sorgliche Schritte gethan, seine bevorstehende
Generalversammlung in Stuttgart oder Heidcl-
berg tagen zu lassen, falls ihm in Frankfurt
Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden soll-
ten, wird für vollkommen unbegründel erklärt.

Der von der „Schlesischen Zcitung" zuerst
gemeldete Wortlaut eines an den Vorsitzenden
der österr. StaatSschuldencontrolcommission ge-
richteten kaiserlichen Handschreibens wird für
vollständig unecht erklärt.

Das Gesuch oes VereinS sür däs zweite
deutsche Bundesschießen um Ucbernahme des
Deficits von 18,805 Thlr. auf die Staatskasse
hat der Bremer Senat, ohne dasselbe an die
Bürgerschaft gelangen zu lassen, abschlägig be-
schieden.

Der Pariser „Abendmonileur" meldet aus
Jtalien die Wahl Lamarmoras und Jacinis
und fügt dieser Meldung bei: Obschon daS
Gesammtwahlresultat noch nicht bekannt, so sei
doch anzunehmen, daß die künftige Kammer-
mehrheit auS liberal-constitutionellen Elementen
bestehen werde.

Der mit Unrccht anfangs bezweifelte Sturz
Merode's hat sich nicht nur bestätigt, sondern
man erblickt darin auch gleichsam eine Revo-
lution am päpstlichen Hofe. Merode galt als
daS Haupt der starrsten ultramontanen Partei;
er wollte von keinem Nachgeben, keinerlei Con-
cession wissen; er war der eigentliche Mann
des non P085UMU8. Nachdem er nunmehr
seine Entlassung ungefordert zugesendet bekom-
men hat, und nachdem überdies auch noch eine
Neihe schwerer Unregelmäßigkeiten in seiner
Verwaltung cntdeckt worden sein sollen, crwartct
man zu Florenz und Paris, daß die schon so
oft gescheiterten Vermittlungsversuche endlich
mit besscrem Erfolge wicder aufgenommen wer-
den können. Der Sturz des zuvor so mäch-
tigen Mannes soll schließlich durch den Ge-
sandten v. Sartiges bewirkt wordcn sein.

Das Brüffeler „Echo du Parlament" wider-
lcgt officiös die Gerüchte über die Bildung eines
belgischen Cavaleriecorps für Merico.

Die feierlichc Deisetzung Lord PalmerstonS
findet Freitag Mittag ncben Pitt in der West-
minsterabtei auf Staatskosten nach dem beson-
dern Wunsch der Königin statt.

d. V. St." eb'en am babylonischen Thurmbau an-
gekommen. Sie bauen in ihrer Hauptstadt Great-
Salt-Lake-Lity einen Tempel, dcr an Umfang und
Großartigkeit alle Ueberlieferungen jenes uralten
babylonischen ThurmbaueS noch überragen soll. Der
eben gelegte Grund schon zeigt, daß es e-neS der
riefigsten Werke werden soll, welche die menschliche
Kühnheit jemals unternommen hat. Doch dürfte
dieser Tempelbau wohl nimmermehr vollendet wer-
den. Der Grund ist aus Steinblöckkn gelegt, von

„Lourr." fügt hinzu: Obgleich wir den Mormonrn
nichts Böses wünschen, so hoffen wir doch, daß fie
sekbst vom Erdbodcn werden verschwunden sein,
bevor jrner Tempel für ihren Lultus eingeweiht
werden kann.

Wien, 14. Oct. Jm Cafe Daum erregte gestern
folgender Vorfall lebhafte Bestürzung : Ein Bil-
lardspieler, der 21jährige Sohn des Kaufmanns
S. am Franz-Iosephs-Kai, warf plötzlick seine
Queue zu Boden, sprang auf das Billardbrett und
hielt mit großem Pthos eine Parlamentsrede. Der

Deutschland.

Aus Baden, 23. Octbr. Man glaubt,
daß in der Kammcr die anderweite Besetzung
der Directorstelle deS Oberschulraths :'!nlaß zu
gewichtigen Jnterpellationen geben wird, wenn
es bis dahin der Regierung nicht gelingt,
thatsächlich zu beweisen. daß in den Grund-
lagen ihrer biSherigen Anschauung in der
Schulfrage keine Aenderung eingetrcten ist.
Lamey freilich würde sich nie zu einer scinen
Ueberzeugungen — und dieft sind durchaus
frcisinnige — widerstrebenden HaudlungSweise
versteheu; aber das genügt nicht; eine Geg-
nerschaft wie die Curie kann man mit Erfolg
nnr dann bekämpfen, wenn man ihr die Ueber-
zeugung von der Unbeugsamkcit der staatlichen
Etttschließungen beibringt. Darauf also kommt
es jetzt an. Unsere Ultramontanen sind
durch die gegenwärtige Wendung in so
fern peinlich enttäuscht, alS sie der Meinung
waren, Lamey, der Gründer dcr innern Ge-
setzgebung von1860, werde den Platz räumen.
Daß er geblieben ist, bei seiner Denkweisö
bleiben konnte, beweist, daß er mit Ernst an
der Durchführung seiner eigensten Anschau-
ungen verharren will und verharren kann.

(Schw. M.)

)( Lahr, 21. Oct. Am 28. Octbr. l. I.
wird unsere Zweigbahu von Dinglingen hieher
dem Verkehr übergeben werden. Ein lange ge-
hegter Wunsch unsrer Stadt und ein tiefge-
sühltes Bedürfniß ihrer Bewohner erhalten da-
mit ihre endliche Befriedigung. Entsprechende
Festlichkeiten sind für dieseS für uns so folgen-
reiche, freudige Ereigniß von der städtischen Be-
hörde in Aussicht genommen und schon jetzt
werden die Vorbereitungen zu einer großen Be-
theiligung sowohl der Einzeluen, als der ganzen
Stadt, getroffen. Die Stadtbehörde hat einen
namhaftcn Zuschuß zur Bestreitung der Fest-
ausgaben bestimmt und hofft man allgemcin
die Eröffnungsfeierlichkeit auch durch die An-
wesenhcil Sr. Königl. Hoheit des allgeliebten
Großherzogs erhöht und verherrlicht zu sehen.

Aus guter Quelle geht dem „Fr. I." der
angebliche Wortlaut der preußischen Depesche
vom 6. October zu. Dieselbe lautet:

Berlin, 6. Octbr. Ew. Hochwohlgeboren
Berichte haben uns eincn näheren Einblick in
die Verhandlungen des am 1. d. M. dort ab-
gehaltenen Abgeordnetentages gewährt. Wir
hatten bis zum letzten Augenblicke gehofft, daß
der Senat, im Bewußtsein seiner Verpflichtun-
gcn gegen seine deutschen Verbündetcn und ein-
gedenk ftüherer von uns und Oesterreich ge-
machten Vorstellungcn, diese Versammlung ver-
hindern würde. Leider haben wir uns getäuscht.
Wir haben uns von Neuem überzeugen müffen,
daß der Senat nichts dagegcn hat, wenn das
Territorium der Stadt Frankfurt zum Aus-
gangspunkt für unverständige, ja gemeinschäd-
liche politische Projecte benutzt wird. Solche
Nachsicht gegen subversive Bestrebungen können
wir nicht ferner gestatten. Wir können es nicht
dulden, daß vorzugsweise am Sitz des Bundes-
tages auf die Untergrabüng bestehender Auto-
ritäten in den ersten Bundesstaaten hingearbeitct

Unglückliche war plötzlich irrfinnlg geworden; er
glaubte fich im ReichSrathe und sah seine Um-

brachte den Armen zu seinen Eltern, deren Schrecken
ein nicht zu beschreibenver war.

* Literarifches.

Rudolf Gottschall (Leipzig, F. A. Brockhaus) bringt
einen besonkers reichen und vielseitigen Inhalt. AlS
sehr zeitgemäß muß der erste Artikel: „Jtalien und

dclsverkehr Italiens nach allen Seiten hin erörtert
und die Vortheile, welche eine lebendigere Annähe-
rung zwischen dem Zollverein und diesem Lande

thatsächlichen Daten in daS klarste Licht setzt. Der
zweite Artikel, der die Ueberschrift trägt: „Die
> Physiognomir des 19. IahrhunbertS", ein Effay

wird. daß von dort aus Preßerzeugniffe in die
Well geschickt werden, welche sich durch Rvhheit
vor allen übrigen hervorthun. Der Verlauf
des Abgeorduetentags hat gezeigt, daß die Phrase
in dem gebildeten Theilc der Bevölkerung immer
weniger Anklang findet. Aber die Nachsicht
des Tenats bleibt deßhalb nicht mindcr tadelns-
werth. Wir begegnen uns mit der kaiserlich
österreichischen Regierung in der Auffassung,
daß die Wiederholung eines solchen öffentlichen
AergernisseS, ftlbst in der Gestalt rcsultatloser
Velleitäten, nichl gestattet werden darf. Der
kaiserlich österreichische Vertreter hat den Auf-
trag, dem dortigen Senate in diesem Sinne
Vorstellungen zu machen. Ew. Hochwohlgeboren
ersuche ich ergebenst, im Einvernehmen mit
Jhrem österreichischen Collegen dem älteren Hrn.
Bürgermeister darüber keiuen Zweifel zu lassen,
daß wir uns iu dieser Beziehung in vollstan-
digem Einverständniffe mit der kaiftrlichen Re-
gierung besindcn. Jch gebe mich der zuver-
sichtlichen Hoffnung hin, daß man Frankfurter
Seits die beiden deutschen Großmächte nicht in
dre Lage bringen wird, durch eigenes Eingreisen
weitercn Folgcn unzulässiger Nachsicht vorzu-
beugen. Ew. Hochwohlgcboren ermächtige ich,
den gegenwärtigen Erlaß dem Llteren Herrn
Bürgermeister vorzulcsen und, wenn er wünscht,
Abschrift davon in seinen Händcn zu lassen.
Der Minister der auswärtigen Angelegcuheiten.
Jm Auftrage v. Thile. An den königl. Ge-
schäftsträger rc.

Berlin, 21. Oct. Jn der am Dienstag
stattfindenden Versammlung der Berlincr Mit-
glieder des Nationalvereins werden von den
Einladenden folgende Resolutionen vorgeschlagcn
werden:

Die Berliner Mitglieder deS Nationalverein« erklären

die thalsächliche Ailimllirung deS deutschen BundeS in
seiner disherigen Verfassüng, die Ersetznng dessclben
n^chr^ durch nationale Eiiirichtuiigen. sondern durch^ eine

versassuiig vom 28. März 1849 rechtSgültigen AuSdruck

2) Wenn eS die Pflicht der preußischen Mitgliedcr
des NationalvereiiiS, sowie deS gesammlen preutzischcn

Werk: „Literatur und Eultur deS 19. Iahrhun-

geistvolle Reflerionen. Hierauf folgt eine Biogra-
phie und Eharakteristtk von Schulze-Delitzsch. Tine
Fortsetzung des Artikels „Land und Leute in den
Nilquellländern" vervollstärrdigt das Gemälde dicser
neuentdeckten Landschaften. Der Artikel„Landwirth-
schaftliche Krtsen" von Dr. Fraas in Mnnchen be-
Landelt ein bisher seltkU ins Auge gefaßtes Thema.
Einer kurzen Charakteristik des „Genickkrampfes"
endlich, dieser neuerdings vielfach beobachteten Krank-
heit, folgt ein umfaffendeS Feuilleton, welches die
Nekrologe des Htstorienmalers Rahl, des Sängers
v. Carolsfeld, des SchriftstellerS Wolfsohn, kurze
kritische Besprechungen übcr Auerbach's neuen Ro-
man, über etn religiöses Drama von Dulk und
Klein's „Geschichte des Drama's" nebst intereffan-
ten Notizen auS dem Gebiet des Theaters, der
Erd- und Völkerkunde, der Medtctn und der Teär-
nologie bietet.
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