Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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eidklbergkr Zeilung.

KreisveMndigungsblatt sür den Kreis Heidclberg unü aintliches Berkündignngsblatt für die Anits^ und Autts-
Gcrichtsbezirkc Heidelbcrg und Wicsloch und den Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

M 2SK.


Dienstag, »I October


» Auf die „Heidelberger
Zeilung" kann man sich
noch für die Monate
Rovember und December mit 42 Kreuzern abon-
niren bei allen Postanstalten, dcn Boten und
Zeitungsträgern, sowie der Expedition (Schiff-
gasse Nr. 4).__

^<x Die Bewegunq in der kathol.
Kirche, oder dcr Kampf des wahren
gegen den falschen Katholicismus.

IH

Unt^r den Männern Ztaliens, welche dort
für eine Reform des Papstthums im natioual-
italienischen Sinnc wirken, nimmt der Prälat
Liverani eine erste Stelle ein. Derselbe war
ein persönlicher intimer Freund des Papstes
Pius IX(, war dessen vorzüglicher Rathgeber,
so lange der gutmüthige Kirchenfürst den Weg
der Reform zu betreten Willens war. Live-
rani ist ein gründlicher Gelehrter, der sich durch
eine Rcihe theologischer Schriften einen Namen
erworben hat. Did Rcinheit seiner Gestnnung.
seine warme Liebe und Anhänglichkeit für die
Jnteressen des ächten Katholicismus sind ancr-
kannt, und können selbst von Gegnern nicht in
Abredc gestellt wcrden.

Liverani hat die Zustände des Kirchenstaates,
das Verderbniß des Papstthums mit eigenen
Augen gesehen. Eben deßhalb ist der gewissen-
hafte Geistliche und Gelehrte einer der schärfsten
und entschiedensten Gegncr des jetzigen verwelt-
lichten Papstthums geworden.' Seine in Florenz
erschienene Schrift: ll k'ripAto. I'Ilnpo,o e i!
Iko^no 6'Itolio, d. i. „Das Papstthum, das
Kaiserthum und das italienische Reich", ist das
Beste aber auch das Schärfste, was in Ztalien
in neuerer Zeit von reformatorischer Seite ge-
gen das Papstthum und scine Verweltlichung
geschrieben worden ift. Schonungslos wird das
ganze Unwesen der Jesuitenhcrrschaft, in deren
Hände dcr päpstliche Stuhl wieder gefallen ist,
aufgedeckt. „Das vermeltlichte Papstthum, be-
merkt Livcrani, ist die Beute einer L»ipp-
schaft und Clique von Jesuiten geworden. Wenn
heute die französische Armee fortginge ohne einen
starkeu Ersatz, der dem römischen Clerus das
Leben rettetc, so wären im Laufe einer Woche
alle Priester und Mönche vertrieben oder er-
mordet. So groß ist die Erbitterung des rö-
mischen Volkcs selbft gegen die jesuitische Prie-

sterherrschaft. Und leider ist dieser Antagonis-
mus bcrechtigt; denn die Priestcrregie-
rung ist unverträglich gewordcn, das un-
terdrnckte Volk auf's äußerfte gcrcizt. Nur
fremde Waffen vermögen diesen Zustand noch
zu halten; die Regieruug des Papstes, d. i. die
diesen beherrschende Jesuitenpartei, besitzt weder
eine materielle, noch eine moralische Gewalt
mehr über die Gemüther der enttäuschleik Men-
schen...." Jch bin, ruft Liverani aus, kein
Feind des Papstthums, wie meine Schriften
bezeugen, weder betrogen noch getäuscht, habe
keiue schielenden und gewundenen Gedanken wider
den heiligen Stuhl; ich habe studirt, kenne das
ganze Territorium, Land und Leule. Aber die
Regierung des Cardinats Antpnelli, d. i.
der Jesuiten und ihres Anhangs, ist schlecht,
nicht aus Mangel an Gcsetzen und Jnstitu-
tionen, sondern aus moderner Schuftig-
keit (bak-Attoxin mo6erna)" ... So schreibt
ein römischer Prälat über das Papstthum und
das jesuitische Regiment in Rom, ein Regiment,
das zugleich dcn katholischen Erdkreis beherr-
schen will. Seuszend ruft Liverani aus: er
fürchte sehr, der Mann (Lord Russell), der ge-'
sagt, das römische Gouvernement sei das schlech-
teste, und noch schlechter als das türkische, hab^
recht gehabt, ebenfo Lord Palmerston, der cinst
im englischen Parlamente geäußert: Rom sei
nie besser als unter Mazzini regicrt worden.
Denn jener sei wenigftens ehrlich gewesen, und
habe im römischen Staaksschatz über eine, halbe
Million zurückgelassen. Jetzt dagegcn, bcmerkt
Liverani, gebe es in Rom Bischöfe, deren Fröm-
migkcit mit dem Profit wachse; der gebrochenc
und mönchische Pontifex sei daö Opfer und der
Spielball von Intriguanten und Wucherern,
unter denen die Familie Antonelli obenan- stehe.
Wenn so weiter fortregiert werden sollte, ruft
endlich der ehrliche und muthige Liverani
aus, wie es Antonelli bisher gethan, so
wäre Nom befser im Jahr 1849 vcrloren ge-
gangen, ja besser nie von einem Priesterregi-
ment besessen wotden!"

Damit kommt Liverani zu dem Schluß
seiuer haarsträubenden Darstellung römischer
Zustände im 19. Jahrhundert. Als einziges
Heilmittel zur Rettung der Kirche selbst ver-
langt der ehemalige Hausprälat und intime
Freund Pius IX., daß das Papstthum aller
weltlichen Herrschaft entsage, daß der Papst zu
seiner nrsprünglichen Bestimmung, der geistige

Vatcr der Christenheit zu sein, zurückkehre;
Pius IX. solle den vom italienischen Volke
erwählten König Victor Emanuel ancrkennen,
und auf dem römischcn Kapitol ihn salben.

Hiermil hat der würdige Prälat das 'uächste
Hauptziel des italienischcn liberalen KatholikeN-
Vereins unumwunden ausgesprochen. Man
würde aber sehr irren, wcnn man glaubte,
jenem Vcreine lägen weiter gehende Reform-
plane fcrne, und er crmanglc einer tiefern Ein-
sicht in das, was zur Wiederherstellung eines
lebcndigen Christcnthums innerhalb der kqtho-
lischeN Kirchc nothwendig crforderlich ist. Das
gerade Gegentheil findet statt; es wird verlangt
eine Rcinigung der Kirche in Haupt und Glie-
dern, ein Zurückgehen zur altcn demokratischen
Kirchenverfassung, nach welcher selbst bei den
Papstwahlen das Volk ein wichtiges Wort mit-
zusprechen hatte. Man fordert ferner Verein-
fachung des CultuS, insbesondere abcr als das
eigentliche Pestübel der^katholischen Kirche, Auf-
hebung des gregorianischen Cölibatsgesetzcs, also
Wiedergestattung der Verehelichung der katho-
lischen Gcistlichcn, wie dies bis zum 12. Jahr-
hundert dcr Fall war, und wie dicS bei den
unirten griechischen, ärmeuischen, bulgarischen
und andern Katholiken noch wirklich der Fall
ist. Einstweilen solle dic noch zu Recht be-
stehende Haisirung der Geistlichen unbeh,indert
gestattet werden. Eö war ein Bischof, ein in
Jtalien hochgeachtetter Kirchenprälat,
welcher im italienischen Parlamente
die letztere Maßregel beantragt und
auch vurchgesetzt hat. Jn Jtalien kann
also jeder katholischer Geistliche sein Kirchenamt
und seinen kirchlichcn Charakter aufgeben, und
unbehindert als Bürgcr einen anderweitigen
Beruf ergreifen, sich vcrchelichen u. s. w.

Wie sieht es nun aber gegenüber solchen er-
freulichen Fortschritten in unserem guten Deutsch-
land aus? Darüber in einem nächstcn Ar-
tikel. '

* PoLitische Umscbau.

Die Zurückweisung dcr Antwortnote des
Frankfurter isenates hurch das Wicner Cabinet
bestätigt sich bis jetzt nicht, dagegen soll dem
„Nürnb. Corr." zufolge Herr v. Frankcnstein
Auftrag erhalten haben, den ältern Herrn Bür-
germeister um Aufklärüng über die Jdentität
der Noten zu crsuchen.

Der frühere österr. Minister des Auswärtigen,

Vmer Pascha in Wien.

Die „Ostd. Post" erzählt von dem jüngsten Auf-
enthalr Omer Pascha's in Wien. Dcr ehemalige
C.adet im Oguliner Grenz-Regiment, Michael
Lattas, jetziger kaiserl. türkischer Generalissimus
Omer Pascha, hat nach zweiunddreißig fern von !

»krste Liebe" wicbergefunden! Es war im Iahr
1833, als lser damaltge schmncke Eadet Lattas mit !
der reizenden Tochter eines Grenzers,,die ihn durL !
ihre Iugendfrische ebenso, wie durch ihren hübschen
Aolksliedergesang zu entzücken wußte, in freund-
schaftliche Beziehungen trat, Beziehungen, die nur !
Zu bald für,das LebenSglück beider Lheile abge-
^rochen werden mußten; dcnn der Eadet Lattas ^
hatte eines Tages, um den Folgen eines Discipli- j
»arvergehens auszuweichen (wahrscheinltch sollte nach
l'amaliger Mode noch in einer zu fühlbaren Weise
mir jhm abgerechnet werden), fich fest vorgenom- ^
uren, über die Grenze zu entwetchen. LattaS ent-
^sch, nur mit den wenigen Gulden versehen, die

mcrliches Brod, bis fie eines Tages, im Anfange
der vierziger Iahre, auf Verwenoung cines Men-

paar Gulden, die Eadet LattaS auf den Weg nach
der Türkei mitbekam, haben ihrc sckönen Zinsen
getragen, und Omer Pascha hat noL vor seiner
Abreise ein hübsches Sümmchen bei einem hiefigen
Bankhause angrlegt, daS Fräulein * * ***, die Eho-

ristin, der Mühe übcrheben wird, auch weiterhin
noch zu den Vetcraninnen des Hofoperntheaters zu
gehören. Die Geschichte macht natürlich in Lhor-
kreisen großes Aufsehen, und eine oder die andere
der Eolleginnen des Eadettenliebchens hegt von
heute an das feste Vcrtrauey, auch ihr einstiger
„Cadet" werde plötzlich als reicher Türke eines
Tages wlederkommcn.

(Gestörte Hochzeit.) Es ist bei den Hoch-
zeitsfeierlichkeiten kcr Juden Gebrauck, daß nach
beendigtem Sckmäuse die Hochzeitsgeschenke offent-
lich vor den Gästen mit dem Namcn des Gebers
ausgerufen werden. Bei einer jüngst in Wien
gefeierten Hochzeit befand fich unter ken mannich-
fachen Geschenken ein voluminöses Couvert mit der
Adreffe des Bräutigams. Daffelbe wurde geöffnet,
und dcr Jnhalt — ein Päckchen Briefe — dem
Bräutigam übergeben. Ein dies Geschenk beglei-
tendes Schreiben enthielt bloß die Worte: „Bei-
liegend ein zärtlicher Briefwechsel Ibrer jetzigen
Gemablin mit drm SLauspieler W." Unterzeich-
net: „Gin guter Freund." Der Bräutigam erblaßt,
die Braut wird ohnmächtig und die HoLzeitsgaste
cntfernen fich, der junge Mann aber that bereitS
den folgenken Tag Schritte zur Ehescheidung. Der
„gute Freund" konnte wohl nicht ermittelt werven.
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