Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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Dieser Antrag fand jedoch durch Kirchenrath
Schcnket eine scharfe überzeugcnde Entgegnung,
so daß die Antrage des SynodalausschusseS
mit 12 gegen 2 Stimmen angcnommen wurden.

(M. Journ.)

-s-*Äus Baden. I.Nov. Gestern endlich
haben sich die Thore zu unsern grünen Tischen
wicder geschlossen. Der Spielpächter und scine
Genosscn werden ohne Zweifel mit ihrer dies-
jahrigen Ausdeutc bcsonders wohl zufrieden
sein; denu das goldene Kalb, daß er uns stellt,
hac in heuriger Saison, namentlich in dcren
zweiten HLlfte. zahlreiche Anbeter gefunden,
die dem neuen Moloch ihrcn Bcutel, einige
sogar' ihren Leib zum Opfer brachlen. Je näher
der Termin rückt, der endlich diescs Stück
„deutscher Schande", die auf unserer Bäderstadt
und damit auf unserem badischen Heimathlande
klebt, von unö hinwegnehmen soll, desto mehr
werden hicr alle Wege und Mittel versucht,
um in irgend einer Form die Spielhölle zu
erhalten, und damit uns Bad'ner in der hon-
netten Gesellschaft von Homburg, Nassau und
des Großfürsten von Monaco noch weiter figu-
riren oder auch blamiren zu lassen. Es war
gewiß ein Acußerstes von Nachsicht, daß unsere
Regierung und Stände den Fortbestand des
hiesigen Glückspiels und der damit unvermeid-
lich verknüpflen sittlichen Skandale bis zur
Saison von 1867 dulven werden. Der ver-
ständige Theil der hiesigen Einwohner hat
damit Zeil erlan^t, sich sür dic neue Aera un-
seres Kurortes einzurichten. Leider gibt es aber
auch Viele, die sich das hiesige Badeleben ohne
dic Fleischtöpfe dcr Spielbank nicht denken kön-
nen; zehren sie doch selbst von dcn Brocken, die
jene abwirft. Die Wortführer dieser Klasse
sind dieselben, die sich bei dem ^egcnwärtigen
kirchlichen Conflikte in unserem Lande als so
auffallcnd zweidcutige Freunde unserer lib.era-
len Regierung durch ihr passives Verhalten
erwiesen haben. Schon früher hat man von
ihrer geheimen Verbindung mit der Casino-
partei gesprochen, von den geheimen Sympa-
thien, die hier gewisse Leute für daS schwarze
Regiment und sein Orgän haben. Jetzt ist
diese Verbinduüg aus dem Dunkeln an den
Tag getreten. Der Badische Beobachter, oieser
Moniteur der Schwarzen, ist als Vertreter des
Lieblingswunsches der hiesigen offenen und ge-
heimen Anhänger deS Ultramontanismus ausi
gelreten und hat die Spielhöllc in Schutz ge-
nömmen, gegcn welche nur eine „scntimen-
lale Schulweishcit den Kampf erhebe",
unhdle nureiN „prunkender Theil" eines
Ganzen bilde, daS man ohne Gefahr nicht zer-
bröckeln dürfe u. s. w. Wer das Pfaffenwesen,
das sich mit jeder Moral verträgt, wenn diese
nur seinem Beutel dient, nicht genauer kcnnt,
sollte es wohl für unmöglich halten, daß das
aNerkannte Hauptblatt des badischenUltramon-
tanismus und seineS AnhangeS, daß *der Mo-
niteur der badischen Geistlichkeit sich hergeben
kann, die reichste Quelle öffentlicher Unsittlichs
keit, eine Spielhölle, in Schutz zu nehmen und
deren Erhaltung zu befürworten. Das Ge-
wissen aller rechtschäffenen honnetten Leute hat
diesen Ueberrest einer liederlichen Zeit längst

eckr (Fürstin Eggern) ünd Fr. Hehl (Fr. Schwalbe)
befriedigten durchweg. Dte Rolle des Grafen Albert
von der Lohe wurde von Hrn. Tiefel mit Ver-
ständniß gegeben; nur hätten wir seinem Vortrag
in rffectvollen Scenen mchr Feuer grwünscht. Hr.
Hagen (v. Roden) Melte den adltgrn Aventurier
mit Leichtigkcit und feinem Ton. Dte Rolle, des
TheaterarzteS Zrlter (Hr. v. Strrnwald) und die
des Dr. Schraubr (Hr. Albinus) befanden sich
in guten Händen.

* Mufikalisches.

Heidelberg. 2. Nov. Hrute Abend fand im
großen Saale des Museums daS erste Abonne-
mentsconcert deS hiesigen Instrumentalveretns statt.
Die erste Abtheilung wurde durch dir Esdur-Sym-
Vhonie von Haydn, bekanntlich eine seiner reifsten,

rateffe drr Erecution, wie der angcmeffenen Un-
terordnung der' einzelnen Jnstrumente für den
Gesammtzwrck billigen Anforderungen nichts zu
wünschen übrtg. Zn drr zweiten Abthetlung sang

verurtheilt. So viel wir wissen, gibt es in
ganz Deulschland kein nenncnswerthes Bla-tr,
das die Schande, ein Helfershclfer einer Spiel-
bank zu sein, auf sich zu nehmen im Stande
wäre; solche Ehre war dem Badischen Beob-
achter vorbehalten. Man mag daraus auf
anderweitigen Werth schließen.

Aus Baden, 29. Okt. Die bevorstehen-
den 16 Neu- und 3 Ersatzwahlen zur zweiten
Kammer werden derselben eine Anzahl neuer
Kräfte zuführcn und das bürgerliche Element,
das darin längst zu schwach vertreten ist, nicht
unbedeutend vermehren. Eine gute Vorschule
für dic Kämmer werden künftig die Kreisver^
sammlungen sein und nameutlich manchem Ta-
lent Gclcgenhcit bieten, sich bemerklich zu ma-
chen und seine Brauchbarkeit auch für den
Ständesaal darzuthnn. Die Parteistellung in
der künftigen zweiten Kämmer wird gegen früher
wesentliche Veränderungen nicht zeigen. Das
dermalige Ministerium wird darin nach wie
vor die große Mehrheit für sich häben. Doch
dürfte sowohl die ultramontane Rechte, die bis-
hcr nur zwei Mitglicder zählte, einige Verstär-
kung erhalten, als auch eine entschiedenere Linke,
vielleicht untev der Führung von Knies. sich
heraNsbilden. Allgemein ist der Wnnsch nach
baldiger Einberusung des Landtags. Dieselbe
dürfte wesentlich dazu beitragen. die dumpfe
Luft, äie derrstalen unverkennbar wieder auf
dem Lande liegt, zu zerstreuen und manche
überängstliche Gemüther, die auf Grund neue-
ster Vorkommnisse im Geiste bereits cine schran-
kenlose Reaktion hereinbrechen sehen, wieder zu
beruhigen. (Schw. M.)

Berlin, 31. Oktbr. Dem „Fr. I." wird,
von hier geschrieben: Personen, welche ihrer
Stellunz nach als sehr gut unterrichtet in den
badischen Verhältnissen gelten müsien, finden
in der Meinungsverschiedenheit, welche zwischen
Herrn v. Roggenbach und seinen Collegen über
die Auffassung der Schulfrage obgewaltet, aller-
dings einen mitentscheidenden, aber nicht den
Hauptgrund seines Rücktritts. Dieser sei viel-
mehr in dem seit etwa einem Jahre wesentlich
veranderten Standpunkt des badischeü Ministers
in der deutschen Frage zu suchen. Früher von
dem Gedanken beherrscht, daß auch ein kleiner
Staat, getragen von der Macht der sittlichen
Jdee, entscheidend in die Regelung und Ord-
nung der deutschen Zukunft eingreifen könne,
wäre er in der Schule der Wirklichkeit allmälig
zu der Ueberzeugung gekömmen, daß ohne den
Nachdruck, den nur derBesitz materieller Macht
gibt. in dieser Richtung nichts zu erreichen sei.
Ohne der inneren Politik des Grafcn Bismarck
zuzustimmen, habe er doch 'die Art und Weise,
wie dieser Staatsmann die schleswig-holfteinische
Angelegenheit, Europa und den deutschen Mit-
telstaaten gegenüber, geleitet, seinen vollen Bei-
fall gegeben, und in der Annexion der Herzog*
thümer an Preußen die vielleicht erst in der
Zukunft mögliche, jedenfalls aber beste Lösung
anerkannt. Diese Ueberzeugung habe er auch
schön im vergaygenen Sommer in Baden-Baden
gegen die dort anwesendcn hochgestellten preu-
ßischen Persönlichkeiten, mit denen der badische
Minister vielfach verkehrt, wiederholt' ausge-

in der Mittellage metallisch, sympathisch. Die hohen

, Frln. Mehlig aus Stuttgart trug auf dem

j Piano das Loncert in L-Moll für Clavier und
Orchrster von Beethoven, daS Scherzo'in B-Moll
von Lhopin und dcn Faust-Walzer von Liszt vor.
Der wiederholt stürmische BeifaU, drr ihr zu Theil
wurde, war durch Meisterhaftigkeit deS Anschlags,
SiLerheit in den Läufen,. Perl^einheit des Tonrs,
überhaupt seltene Vollendung ihres Vortrags cin
in jeder Beziehung gerechtfertigter. Die Schluß-
piece bildete die Ouverture znr „Schönen Melu-
fine" von Mendelssohn-Bartholdy, etnes seiner
sinnigsten, tiefempfundensten Tougedichte. Schließ-
lich können wir nicht umhin, Hrn. Bock die An-
erkennung auszusprechen, die seine aufopfernde
Thätigkeit für den orchestralen Thetl des Eoncertes
im vollsten Maße verdient.

sprochen. Allerdings deutet die Bsrleihungj
des rothcn Adlerordens erster Klasse, mit der
Frhr. v. Roggenbach kurz vor seinein Rücktritt
ausgezeichnet wurde, darauf hin, daß man ihn
uicht unter die Gegner der auswärtitzen Politik
deS preußischen Premiers zählt, und Manche
wollcn darin sogar das Anzeichen eiues nicht
allzufernen Uebertritts in den Dienst des preu-
ßischen Staats erkennen.

L ch w e i z.

Bern, 31. Oct. Jm Nationalrach wurds-
heute der Antrag der Commissionsmmderheit
auf Schutz des geistigen EigenthumS mit 51
gegcn 42 Stimmen angenommen.

B e l g i e n.

Brüfsel, 29. Octbr. Jn Gent hattc das
Blatt „le Nouvelliste" in der leyten Zeit, zum
großen Mißvergnügen der dortigen Garnison,
hie und da Artikel eines militärischen Fach-
blatteS, „la Sentinelle", aufgenommcn, das,
geheim redigirt (wahrscheinlich von unzusriede-
ncn Officieren), das Kriegsministerium scharf
geißelt, alle seinc Acte der schneidendsten Kritik
.unterwirft und sich nicht scheut, den Favori-
tismus zu entlarven. Gestern erschien uun
plötzlich in der Bebausung des Dircctors des'
„Nouvellistc" der Lieutenant Adjutant-Major
Gresillon, begleitet von zwei Hauptmännern
und von zwei Majoren. Sie ffelcn über den
wehrlosen Mann her und- mißhandelten ihn
dergestalt, daß derselbe an mehreren Wunden
ernst darniederliegt. Ein solches Auftreten Sei-
tens höherer Officiere ist geradezu empörend,
und hoffentlich wird die gesammte Prcffe, ohne
Mcinungsunterschied, die strengste Bestrafung
jener säbelschleppenden Helden verlangen, die
zu Fünsen über «inen Mann hersallen und ihu
verwunden.

D ä n e m a r k.
Kopenhagen, 1. Novbr. Das Project
einer Eisenbahn von Hamburg nach Kopen-
hagen wird als völlig gescheitert betrachtet;
jedenfalls ist es vorläufig aufgegeben. Die
Regierung hat heute die vorläufig deponirten
20,000 Pfd. St. dem Londoner Bankier Gap-
man zurückbezahlt.

Neueste Nachrichlen.

Berlin. 2. Nov. Die „Nordd. Allg. Z."
und die „Kreuzztg." bringen eine Correspon-
denz von Kiel vom 1. Nov., nach welcher in
Folge höherer Weisungen gestern Hr. v. Gab-
lenz persönlich dem Erbprinzen von Augusten-
burg in der schonendsten Weise mittheilte, daß,
sobald sein Aufenthalt in Holstein zu Augusten-
burgischen Demonstrationen Veranlassung geben
sollte, seine AuSmeisung, resp. Verhaftung er-
folgen würde.

Hamburg, 2. Nov., Nachm. Die Ham-
burger Zeitung meldet, daß der Großherzog
von Oldenburg gestern hier eingetroffen, und
heute nach Hanau zu der dort veranstalteten
Fürstenzusammenkunft abgereist ist. — Die
„Kieler Ztg." berichtet, daß Hr. v. Gablenz
dem Erbprinzen von Augustenburg einen län-
geren Besuch abstattete.

, In der franzöfischen naturwissenschaftlkchen Zett-
schrift „KosmoS" theilt Bondin eine Uebersicht der
in Frankreich imitzrhalb der Iahre 1835 biS 1863
vom Blitze getödteten und verletzten Personen mit.
Es wurben nämltch in dieser Periode 2238 Per-
sonen getödtet, jährlich im Marimo 111, im Mi-
nrmo 48, doppett so viel Personen wurden verletzt.
! Unter 880, welche von 1854 bis 1863' erschlagen
^ wurden, waren 243 oder 76,7 Procent wetblichen
' Geschleckts. Wo der Blitz auf Gruppen von Per-
sonen von beiderlei Geschlecht einscklug, lödtete er
vorzüglich die des männlichen. Bei Viebheerden
vkieben die Hirten baufig verschont. In mehreren
Fällsn wurden dicselben Personen mehrere Male
vom Bli^e getroffen. Ein Viertel der vom EOrtze

Buchen von Blitzschlqgen verschont bletben sollen,
es sind aber anch Fälle vorhanden, bei wekchen
Buchen vom Blitze getroffen worben sind.

(Druckfehler.) In eincm bekannten Münche-
ner Blatt stand eineS Tages dte Nachricht: S. K.
H d^r Kornprinz ist heute angekommen. Den an-
dern Tag erschien folgende Bericktigung: Druck-
fehler In unserm gestrtgen Blatte soUte eS statt
Kornprinz — Knorprinz hetßen. Endlich am drit-
ten Tage hieß eS: In unsere gestrige Druckfehler-
berichtigung bat sick abermals ein Dreckfehler em-
geschltchen: Stätt Knorprinz lies Kronprtnz.
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