Heidelberger Zeitung — 1865 (Juli bis Dezember)

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nigst nachqesuchte Entlassung aus dem Armee-
corps, unter Ertheilung des Characters als
Lieutenant, und vom 1. d. Mts. wird dem
Kriegscommissär Neßler die unterthänigst
nachgesuchte Erlauniß, daS ihm von Sr.Ma-
jestät dem König von Württemberg verliehene
Ritterkreuz deS Fricdrichs-Ordens anzunehmen
und zu tragen, ertheilt.

X Aus dem Bezirke Waldshut,
3. Novbr. Die Ultramontanen unserer Gegend
scheinen recht gut zu wissen, daß sie sich auf
einen Sicg durch den Rücktritt des Herrn Ge-
heimenrathS Knics nicht freuen dürfcn, es schcint
ihnen aber auch Hr. v. Seyfried, obgleich Ka-
tholik, nicht der Mann zu sein, den sie gewünscht,
und fie scheuen sich nicht, diesen Herrn einen
Anhänger des RongethumS zu nennen. Welche
Persönlichkeit könnte aber auch deren unbeug-
samen Herrschfucht gefallen? Mit dem Rück-
tritt des Hrn. v. Noggenbach triumphirte man
schon in den ultramontanen Gcsellschaftcn auf
den unvcrmcidlich folgenden Rücktritt dcs Hrn.
Lamey .und crkühntc sich frech, MLnncr zu be-
zeichnen, welche kurz gesagt, „genügen" würden.
So aber bleibt zum Wohle und zur Ehre un-
seres Vaterlandes Herr Lamey, und Herr v.
Edelshcim hat in seiner Stellung als Gesandter
bewiesen, daß cr die Gcsinnung unserer Regie-
rnng billigc, also die Hierarchie wenig zur Aus-
führung ihrer Plänc von ihm zu erwarteU
babe. Herr Gehciincrath Knics hat sich als
Direktor des Oberschulrathes von allen Wohl-
meinenden großen Dank erworben, seine Thesen
werden stetS ein Muster für die Grundlage
unseres Schulwesens bleiben. Wir wissen, daß
OrtSschulräthe, welche den Kopf auf dem rcch-
ten Fleck haben, den Rücktritt dieses Mannes
sehr bedauern. Betrachten wir nun überhaupt
daS Treiben der ultramontanen Partei in un-
scrcr Gcgend, so ist cine eigenthümliche Aengst-
lichkeit bei derselben zu finden, man sieht eS
gleichsam, daß sie sich überzeugt, wie allmälig
die katholische Hierarchie einer weltbedeutenden
Entschcidung sich nähcre, daß. die Peterspfen-
nigc und all die verschiedencn Sammlungen
nicht mehr vcrmögen, Rom unter französischcm
Bajonnetschnhe zu erhalten und auch der Fi-
nanznoth Oesterreichs nicht ehcr gesteuert werden
könnc. Edenso fallen die Romspfennige nicht
mehr so häufig, es fordert großc Anstrengung
im Beichtftuhle, bis eine eingeschüchterte Frau,
ohne Wissen ihreS Manncs, oder ein alteS
Müttcrle von ihrcm Nothgehalt Etwas gcben
will; auch will die bei unS begonncne Jubi-
läumSfeier gar keine Opfer bringen. Vielmehr
bleibt dieselbe eine wenig ergreifende, eben weil
hiermit Mißbrauch getrieben wird.

Darmstadt, 2. Nov. Dec Kurfürst von
Hestcn traf hcute Nachmittag, von Hanau kom-
mend, zum Besuch des Großherzogs dahier ein.
Zum Empfang war eine Ehrenwachc von dem
1. Reiter-Regiment mit der Regimentsmusik
und Standarte in Parade auf dem Bahnhofe
aufgestellt. Der Großhevzog, diePrinzen Aleran-
der und Wilhelm nebst Gefolge, so wie. die
Minister, der Standtkommandant und der Pro-
vinzialdirektor hatten sich zur Begrüßung des
Gastes im Bahnhof eingefunden. Um halb 4
Uhr fand im Schlosse große Galatafel statt,
wozu bie hier wohnenden an dem großh. Hofe
accreditirten Gesandten und deren Gemahlinnen,
die Minister und Generale geladen waren.
Abends begab sich der Kurfürst nach Hanau
zurück.

Frankfurt, 3. Nov. Der königl. preu-
ßische Bundestagsgesandte, Herr^v. Savigny,
ist heute von seiner UrlaubSreise wieder hierher
zurückgekehrt.

Stuttgart , 30. Oct. Heute wurde dem
ständischen Ausschusse von einer Anzahl Abge-
ordneten, worunter Hölder, Oesterlen, Auer-
müller, Tafel, Duvernoy, Zeller, Fetzer, Hopf.
Probst, Schott, Rödinger und Bechcr, folgende
Eingabe überreicht:

eS ware eine Fortsetzung dex in SchleSwig-Holstein be-
gonnenen Vergewaltigung ber schwächern BundeSgliedei.
Sollten aber jene weiteren Schrilte in dcr Anrnfung
des Bundeslazs zu Einmischung in daS öst'entliche Recht
dcr freien Stadt Frankfurt bestehen, so wäre dieS ein
Rückgriff zu jenem verderblichcu und allseitig verurtheilten
System, die BundeSversainmlung, der hierzu jede Er-
mächtigung sehlt, zu Verletzung der LandcSgesetze und
zur Unterdrückung der VolkSrcchte zu mißbraüchen. Allc
deutschen Vettassungeu, inSbesondere also auch unsere

solchen Acl nicht minder als durch daS eiuseitige gewalt-
jame Vorgehen von Preußen oder Oesterreich gefährdet
nnd in Fräge gestellt.

Die Ständeversammlung und in deren Abwesenheit
der ständische Lßisschuß, find zum Schutze unseres Ver-
fassungSrechkeS gegen drohende Gefahren berufen. Es
liegt somil in rhrer Befugniß, wie in ihrcr Pfücht, dar-
anf zu dringen^ daß dic würlembergische Regierung jenein

Gestützt hierauf, richten die Unlerzeichneien ai?den stäii-

Stuttqart, 1. Novbr. Rechtsconsulcnt
Pfeifer, welcher feiner Zeit mil dem verstorbc-
nen A. Seeger zur Theilnahmc an dem Na-
tionalvcrein aufqeford.ert hat. fühlt sich ver-
pflichtet, öffentlich zu erklären, daß er feinen
Austritt aus dem Nationalverein genommen
hat, da cr mil den Beschlüssen der letzten Ge-
neralversammlung des Dereins nicht einvcr-
stanven ist und ihm der jetzige politische Zustand
in Deutschland noch liebcr ift, als der vom
Nationalverein erstrebte souveräne preußische
Slaat — mit einer Reihe deutscher Vasallen-
staalen.

Aus ?Äayern, 30. Okt. Die Paßkon-
vention, welche kürzlich zwischen Bayern, Han-
nover. Sachsen, Württcmberg, Baden und Ol-
denburg abgeschloffen morden ist, rritl am 1.
November in Kraft. Das Hauptprinzip ist,
daß die Angehörigen dieser Dereinsstaaten bei >
Reisen aus und nach dcnselben Neisepapiere
nicht mehr bedürfen, sondern nur verpflichtet
sind, auf Allfordern der betreffenden Behorden
sich über Person, Heimath, evenluell auch Geld-
mittel auszuweisen. Reisepapiere bcdürfen noch
Gcsellen, welche Arbeit suchen, Personen, die
im Umherziehen ihr Gewerbe treiben (wie Seil-
tanzer, Musikanten rc.), wovon aber wieder
Handels- und Gewerbereisende, Schiffs- und
Frachtführer ausgenommcn weLben.

AugSburg, 1. Novbr. Der bayerische
Abgeordnete ^und Mtglied des Sechsunddrei-
ßiger-Ausschusses Dr. Karl Barth schreibt an
die „A. Pstztg.": „D^an wundcrt sich über
die neuesten identischen Noten der deutschen
Großmächte, welche sich über Maßlosigkeit der
Angriffe des Abgeordnetentages gegen die
Gasteiner Politik beklagen, da doch in Frank-
furt das Mäßigste gesagt wurve, was über
diese Politik geäußert werden konnte. Sie
scheint nur dafür da zu sein, um das deutsche
Volk auf die Probe zu fetzen. ob es noch ir-
gend einen Sinn und ein Gefühl für Recht
und Moral besitze; in dieser- Richtung lvurde
vom Abgeordnetentage einfach Antwort gegeben.
Wenn man im Jahre 1815 dem deutschen
Volke durch Vcrnichtung seiner Vertretung
seine politische Stimme nehmen wollte, wenn
man jetzt durch fortwährende Verweigerung
eines Parlaments und einer geordneten Cen-
tralgewalt hierbei beharrt, fo wird kein Grund
zu einer Beschwerde vorhanden sein, daß eben
dieses deutsche Volk wenigstens seine natürliche
«Ltimme erhebt, um die politischen Verbrechen,
die auf deutschem Grund und Boden verübt
werden, zu rügen. Was wären Preußen und
Oesterreich. was wäre BiSmarck. wenn das
deutsche Volk damals die Befreiungskriege
nicht geführt HLtte? Dieselbe Krast und Ge-
walt, welchc das deutsche Volk damals mit dem
Blute seines Herzens dem Vaterlande errungen
hat, wollen die dadurch groß gewordenen oder
gebliebenen deutfchen Mächte jetzt dazu anwen-
den und verwerthen. um nicht blos ungestraft,
sondcrn sogar ungerügt am Volke sich zu ver-
sündigen. Sie werden Dieses niemals er-
zwecken; wenn wir schweigen würden, würden
die Steine reden.

^ Berlin, 1 Nov. Die „Kreuzztg." ver-
öffentlicht folgende Zuftimmungsnote der meck-
lenburgischen Regicrung in Betreff des groß-
mächtlichen Vorgehens gegen die freie Stadt
Frankfurt:

Schwerin, 17. Oct. t865. Der Unterzeichnete hat
die vertrauliche Mittheiluna deS . . voin 12. d. M
belreffend daS Vorgehen von Oesterreich und Preußen
gegen den Senat von Frankfurt a. M. wegen DuIdunq
deS sogenannten AbgeordnetentageS, zu empfangen die
Shre gehabt. Die großh. Regierung, indem 'ste für
diese Mittheilung verbindlichst dankr, begrüßt 6en Jnhalt
derselben in so fern mit lcbhafter Genugthunng, als ste
darin eine Bekräftignng der von ihr stctS gehegten und

Seit'en der deutschen Regierungen den dreisten Bestre^
bungen der Umsturzpartei gegenübcr deS kräftigsten Ein-

daß der Dentsche Bund alS solcher die von Oesterreich
und Preußen rür ihn ergriffene energische Jnitiative

''d^ ^ ""n ^^eu^

Berlin, 2. Nov. Die heutlgen Abendblä-
ter dementiren übereinstimmend die Nachricht
über die Betheiligung der Bcrliner Disconto-
gesellschaft an Verhandlungen mit der österrei-
chischen Regierung betreffs einer Anleihe.

Wien, 2. Nov. Heute ist die Antworts-
note dcr Frankfurter Regierung auf die gegen
den formalen Verstoß der identischen Note ge-
richtete Vorstellung Oesterrcichs eingelaufen.
Sich wegen des Verftoßes entschuldigend, führt
die Frankfurter Acte meritorisch aus, daß, da
seit Zahren in Vereinigung die Bundesreform-
frage erörtert wcrde, auch eine Verhinderuug
des Abgeordnetentages gesetzlich nicht statthaft
gewesm iki. (Fr. Pstztg.)

Aus Mecklenburg-Schwerin, 31O!t.
Man hatte stch darauf gefaht gemacht, daß die
Auswanderung iu diesem Zahre grdße Dimcn-
flone» annehmcn wcrde. Aber dic Wirklichkeit
übertrifft alle Befürchtungen. Jn großen schaa-
ren ziehen dic Leute aus dem Lande. A»>
letzten Sonntage besörderte dle Mkcklenburgifche
Eisenbahn zwci Auswandererzüge von 500
Köpscn. Man bercchnet die Zaht dcr in den
lctzten Tagen Ausgewandertcn auf weit übcr
1000. Dte Auswanderer, welche gestern mit
dem Frühzuge von Rostock abgingen, etwa 100
an dcr Zahl, ware» meistcnS aus den Gütcrn
deS ritterschastlichen AmteS Gnoien, namenttich
aus dcn gräflich Bassewitz'schen Güter». Jch
habc selbst mit mrhrercn dicser Leute gespro-
chcn. AlS ich si-sragte, warum ste denn eigent-
lich vo» hi-r weggingc», antworteten sie: „Wi
willen hler nich mihr slaven un dat nmmcr
Eencr init'n Knüppcl bi unS stcht." (Wir
wollen hier nicht langer arbeiten und UNS nicht
länger gcfaUen laffcn, daß stets Zemand mit
einem Knüppel bei uns stcht.) I» der That
ist ks gewöhnlich nicht materielle Noth, sondern
dic Behandlung und das scit 1848 crwachte
größerc Selbstbewußtsei», welche die ländlichen
Arbeiter von hier sorttreiben. Das Prügelge-
sctz vernichtet dcn letzten Rest von Anhänglich-
keit an de» hetmathlichen Grund und Boden.

F r a n k r e i ch.

Paris, 2. Novbr. Graf v. Bismarck ist
gester» hier eingetroffcn und hcute von Herrn
Drouy» de LhuyS empfangen wordcn. — Man
verstchcrt, die Hochzeit der Prinzcsfln Anua
Murat mit dem Herzog v. Mouchy und die
Hvchzeit der Priuzejstn Hortcnsc dc Tascher dc
la Pagerie mit dem Grafcn ds l'Epine würden
in dcn Tuilerien gcfeicrt werden.
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